Bewegung/en

5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien / Gender Studies Association (FG), Universität Bielefeld, 13.–14. Februar 2015

„(Wohin) bewegen sich die Gender Studies?“ Diese kritische Frage eröffnete die 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien und beschäftigte die Tagenden durch das gesamte Programm am 13. und 14. Februar 2015 hindurch. Sie diente aber auch dazu, einen Anschluss an die zwei Tage zuvor abgehaltene Konferenz der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum (KEG) herzustellen. Die Jahrestagung wurde durch das Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld veranstaltet und bot ein vielfältiges Programm, das eine große Bandbreite an geschlechterwissenschaftlicher Forschung präsentierte. Das Thema „Bewegung/en“ umfasste nicht nur die ‚eigenen‘, die Gender Studies prägenden sozialen Bewegungen, zu denen die Frauenbewegungen genauso wie die allgemeinere Bewegungsforschung zählen, sondern betraf auch breitere Themenfelder in den Gender Studies wie Emotionsforschung, Subjekttheorien und Männlichkeitsforschung.

 

Den Übergang von der KEG zur Tagung der Fachgesellschaft bildeten vier Vorträge, die die aktuelle Situation der Gender Studies im deutschsprachigen Raum beleuchteten. Während GERLINDE MALLI und SUSANNE SACKL-SHARIF (beide Graz) die Institutionalisierung der Gender-Studies-Studiengänge kritisch in den Blick nahmen, fragte FRANZISKA RAUCHUT (Lüneburg) nach den komplizierten Dynamiken bei den Institutionalisierungsprozessen der Gender- und der Queer Studies. EIKE MARTEN (Hamburg) beschäftigte sich mit dem Problem der verbreiteten Gegenüberstellung von Gender und Diversity als antagonistische Begriffe, das sie dazu bewog, für neue Praktiken des Erzählens von Genealogien zu argumentieren. FLORIAN KLENK und LISA-MARIE LANGENDORF (beide Darmstadt) schlossen an die Begriffsproblematik thematisch an, indem sie die Entwicklung des Genderkompetenzbegriffs nachvollziehbar machten.

 

Vielfalt drückte sich nicht nur in der thematischen Breite der Tagung aus, sondern prägte auch die gewählten Formate. Zwar hatte man im Gegensatz zu den Vorjahren klassische Komponenten wie die Keynote von ENCARNACIÓN GUTIÉRREZ RODRÍGUEZ (Gießen) und mehrere jeweils dreiteilige Panels vorgesehen, doch ließ die Tagung auch Raum für selbstorganisierte Podiumsdiskussionen und Gründungen von Arbeitsgruppen. Die spannende Keynote bot einen direkten Einstieg ins Thema soziale Bewegungen. In ihrer Untersuchung der Politik der Affekte in der aktuellen Podemos-Bewegung in Spanien schloss Encarnación Gutiérrez Rodríguez an ihre Erkenntnisse zum Umgang mit Affekten und affektiver Arbeit in der bezahlten Hausarbeit an. So diskutierte sie, welche Vorteile wie auch Nachteile einer Bewegung entstehen können, die sich auf eine Politik der Affekte konzentriert, und sprach mit letzteren ein Thema an, das auch im weiteren Verlauf der Tagung virulent blieb.

 

So stellte ESTHER MADER (Berlin) in Panel 2 unter dem Stichwort „Kollektive“ ihre Erkenntnisse zu affektiven Verbindungen in der queeren Szene in Berlin vor, die auf Konzepten zu kollektiver und akkumulativer Handlungsfähigkeit aufbauen. Unter dem Stichwort „Kollektive“ fanden sich aber auch weitere spannende Projekte mit gänzlich anderen Schwerpunkten. MATTHIAS LUTERBACH (Basel) präsentierte Ergebnisse seiner Masterarbeit und erläuterte das Kollektiv der Männergruppen im Hinblick auf seine Auseinandersetzung mit Männlichkeit. Auch KATHRIN GANZ (Hamburg) beschäftigte sich mit kollektiven Machtstrukturen, indem sie Subjektpositionen in der Netzbewegung sowie deren spezifischen Umgang mit Geschlecht anhand der Mythologisierung des Nerds vorstellte. LÜDER TIETZ (Oldenburg) leitete zum Abschluss dieses Panels zu den Queer Studies über und sprach über sein Projekt zu künstlerischen Produktionen im Two-Spirit-Netzwerk, das sich mit LGBTI*-Repräsentationen im indigenen Nordamerika befasst.

 

Kollektiver Aktivismus im weiteren Sinne war auch Thema des ersten Panels, das die Frauenbewegungen genauer unter die Lupe nahm. Während ANTJE DANIEL (Bayreuth) mit ihrer Präsentation der Frauenbewegungen in Brasilien einen Blick über Europa hinaus ermöglichte, gelang es IMKE SCHMINCKE (München) in einer historisch-soziologischen Perspektive, heutige Auffassungen der Studierenden in den Geschlechterwissenschaften und Aussagen Studierender in den 1980er-Jahren mit den deutschen Frauenbewegungen in Verbindung zu bringen. Hatten Befragte aus früheren Jahren noch eine gesellschaftliche Emanzipation im Blick, überwiegen bei heutigen Studierenden Überlegungen zur Gestaltung der individuellen Karriere. SWANTJE KÖBSELL und LISA PFAHL (Berlin) brachten zu ebenjenen Frauenbewegungen kritische Perspektiven aus der Bewegung der Krüppelfrauengruppen ein und zeigten, welchen Einfluss letztere auf die Frauenbewegungen als Ganzes hatte. Eine weitere internationale Thematik präsentierten CHARLOTTE BINDER und ASLI POLATDEMIR (beide Bremen) mit ihrem Vortrag über Bündnisse und Solidarität individueller Akteurinnen in der Frauenpolitik der Türkei.

 

Einblicke in organisierte Frauensolidarität in der Türkei gab auch FATMA UMUL (Bamberg) in Panel 3, das sich mit „Feministischer Kritik und Aktivismus“ auseinandersetzte. Da sie selbst an der Gezi-Park-Besetzung 2013 beteiligt gewesen war, konnte sie von interessanten neuen Strategien einer Protestbewegung berichten, die in stillem und affektivem Protest gerade für junge Frauen neue Foren bot. Auch JOHANNA ULLMANN (München) ist als Nachwuchswissenschaftlerin gerade an aktuellen Protestbewegungen interessiert. In ihrer Feldforschung und mehreren Interviews konnte sie Kenntnisse über frühere und aktuelle Frauenbündnisse in Tunesien sammeln. Letztere hätten gerade anlässlich der politischen Umbruchsituation des Arabischen Frühlings in ihrem Aktivismus neue Körperpolitiken entwickelt, die zu einem Bruch mit der alten Struktur der Frauenbewegungen geführt hatten. MARCEL BASTIAN WRZESINKI (Gießen) ergänzte diese Beiträge um neue Erkenntnisse zum weiter zurückliegenden Aktivismus, die er seiner Analyse weltweit einflussreicher radikal-feministischer Manifeste aus den USA der 1960er-Jahre verdankt.

 

In einem breiteren Rahmen, den die Geschlechterforschung auch außerhalb der Bewegungsforschung darstellt, konnte im Panel 4 unter dem Stichwort „Geschlechter(un)ordnungen“ über mögliche Verschiebungen in Geschlechterverhältnissen diskutiert werden. DANIELA GOTTSCHLICH (Lüneburg) berichtete aus ihrer Forschung zur Bewegung gegen Agro-Gentechnik sowohl von Prozessen der Dekonstruktion von Geschlecht als auch von hegemonialen Strategien, Geschlechterstereotype zur Unterstützung der eigenen Positionen in Kampagnen einzusetzen. NADINE SANITTER (Erfurt) untersuchte im Musikgenre Indie Rock, inwiefern sich in dessen Kultur das Aufbrechen einer hegemonialen Männlichkeitsvorstellung beobachten lässt oder wo milieuspezifische hegemoniale Männlichkeiten sichtbar werden. Auf andere Art und Weise beschäftigte sich auch STEPHAN TRINKAUS (Düsseldorf) mit dem Thema Männlichkeit, indem er in seinem Vortrag im Anschluss an Henri Lefebvre Dynamik und Brüche eines musikalischen Rhythmus mit der Konstruktion von Geschlecht verband. Am Abend konnten sich die Tagungsgäste noch in zwei Podiumsdiskussionen einbringen, die einerseits das Thema „Theorie_Praxis_Bewegung“ sowie andererseits das Selbstverständnis der Geschlechterforschung reflektierten.

 

Den zweiten Tag begannen ULRIKE LAHN (Bremen), die die historische Kategorisierung des frauenpolitischen Aktivismus des 20. Jahrhunderts als „Zweite Frauenbewegung“ kritisch betrachtete, ELAINE LAUWAERT (Bochum), die einen historischen Überblick über die Trans*-Bewegung in Deutschland bot, und ULRIKE KLÖPPEL (Berlin), die sich der Geschichte der AIDS-Bewegung in Deutschland widmete. Währenddessen beschäftigten sich im Panel „Biopolitiken“ ILKE GLOCKENTÖGER (Paderborn), KIRSTEN ACHTELIK (Berlin) und MASHA NEUFELD (Dresden/Wien) mit staatlichen Körperregimen.

 

Vor allem jedoch stand der zweite Tag der Konferenz im Zeichen des Austausches. Dieser drückte sich in der Gründung von Arbeitsgruppen, die auch über die Tagung hinaus Bestand haben sollten, genauso aus wie der großen Mitgliederversammlung der Fachgesellschaft. Als besonders spannend und produktiv zeigte sich die im Anschluss an die Tagung veranstaltete Podiumsdiskussion zu Strategien im Umgang mit Antifeminismus, an der nicht nur Forschende aus unterschiedlichen Feldern der Geschlechterstudien, sondern auch (Netz-)Aktivistinnen und Aktivisten sowie Gleichstellungsbeauftragte teilnahmen. Im regen Austausch wurden Strategien gegen Antifeminismus, der insbesondere im Internet vor allem marginalisierte Perspektiven wie die von women of color weiter an den Rand drängt, erarbeitet. Man war sich einig darüber, dass vor allem starke Bündnisse und eine große Solidarität im Feld der Aktivistinnen erforderlich seien. Zudem stärke eine hohe Medienkompetenz das Vorgehen der Aktivistinnen gegen den Antifeminismus.

 

So war die Tagung insgesamt äußerst ergiebig. Zunächst konnte durch das erfolgreiche Zusammenführen unterschiedlichster Bereiche der Forschungswelt signalisiert werden, welche zahlreichen Erkenntnisse die Gender Studies und anknüpfende Disziplinen hervorbringen. Des Weiteren fanden gerade Nachwuchswissenschaftlerinnen ein Forum, um ihre Studien einem großen Publikum im produktiven Austausch vorzustellen, ohne dabei einer Hierarchisierung im Vergleich zu etablierteren Wissenschaftlerinnen ausgesetzt zu sein. Der Ansatz der Gender Studies, Theorie und Praxis durch ständigen Kontakt miteinander zu verbinden und damit die übliche Isolation der Wissenschaft aufzubrechen, wurde gerade durch das Thema „Bewegung/en“, durch die vielen Diskussionsmöglichkeiten sowie durch die anschließende Podiumsdiskussion zum Antifeminismus innovativ umgesetzt. Die Wissenschaftlerinnen konnten so ihren Beitrag zur „Bewegung“ der Gender Studies leisten, indem sie sowohl Erkenntnisse zu neuen sozialen Bewegungen erarbeiten als auch eine Bewegungsrichtung für die eigene Disziplin aufzeigen konnten.

 

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Susanne Völker (Köln), 1. Sprecherin der Fachgesellschaft

Tomke König (Bielefeld), Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF)

Gerhard Sagerer, Rektor der Universität Bielefeld

Uschi Baaken, Vorstand der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen, BuKoF

Keynote

Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Gießen), Moving Towards A Common: Materialität, Aporia und Politiken des Affekts

Übergangsveranstaltung der KEG: (Wohin) bewegen sich die Gender Studies?

Moderation: Sabine Grenz (Göttingen) / Ilona Pache (Berlin)

Gerlinde Malli / Susanne Sackl-Sharif (Graz), Zwischen Akademisierung und Ghettoisierung? Über einige Aspekte der Vermittlung von Wissen und Kritik in Gender-Studies-Studiengängen

Franziska Rauchut (Lüneburg): Ambivalente Kompliz_innenschaft? Gegenwärtige (Re)Politisierungsbewegungen von Gender und Queer Studies im deutschsprachigen Raum

Eike Marten (Hamburg), Von Narrationen über Fortschrittlichkeit und Zugehörigkeit zu komplizierten Interferenzen: Diversity und Gender

Florian Klenk / Lisa-Marie Langendorf (Darmstadt), Genderkompetenz als pädagogisches Qualitätsmerkmal? Ambivalenzen einer Standardisierung

Panel I: Frauenbewegungen

Moderation: Susanne Boehm (Bielefeld)

Imke Schmincke (München), Von Emanzipation zu Empowerment? Die Wirkung der Frauenbewegung in den Aussagen junger Studierender von 1981 und 2012

Swantje Köbsell / Lisa Pfahl (Berlin), Von den Krüppelfrauengruppen zur Disability Pride Parade. Grenzen der Sichtbarkeit von Geschlecht & Körper in der Behindertenbewegung

Antje Daniel (Bayreuth), Frauenbewegungen in Brasilien. Nationales Engagement unter Bedingungen transnationaler Brüche

Charlotte Binder / Asli Polatdemir (Bremen), Bündnispolitiken von Frauenbewegungen in der Türkei

Panel II: Kollektive

Moderation: Sebastian Winter (Bielefeld)

Matthias Luterbach (Basel), Das Hadern der Männer in der Geschlechterordnung

Kathrin Ganz (Hamburg), Subjektpositionen in Bewegung/en. Konflikte um Geschlecht und Macht in der Netzbewegung

Esther Mader (Berlin), Kollektive und akkumulative Handlungsfähigkeit durch affektive Verbindungen

Lüder Tietz (Oldenburg), Künstlerische Produktionen als Motor für politische Bewegung. Das Two-Spirit-Netzwerk im indigenen Nordamerika

Panel III: Feministische Kritik und Aktivismus

Moderation: Julia Roth (Bielefeld)

Fatma Umul (Bamberg), Die feministische Bewegung im Kontext der Gezi-Park-Besetzung

Johanna Ullmann (München), Nach der Revolution ist vor der Revolution? Feministische Aktivistinnen im Neuen Tunesien und die Rolle des Körpers. Eine qualitativ empirische Analyse

Marcel Bastian Wrzesinski (Gießen), Zwischen Radikalität & Utopie. Separatistische Tendenzen in feministischen Manifesten der 1960er Jahre

Panel IV: Geschlechter(un)ordnung

Moderation: Susanne Richter (Bielefeld)

Daniela Gottschlich (Lüneburg), Weiblich und schutzbedürftig? Geschlechterkonstruktionen und Geschlechter(un)ordnungen in der Bewegung gegen Agro-Gentechnik

Nadine Sanitter (Erfurt), Hegemoniale Männlichkeit in Bewegung? Diskursive Konstruktionsmodi von Männlichkeit im Musikgenre ‚Indie-Rock‘

Stephan Trinkaus (Düsseldorf), „Nothing is immobile“ (Lefebvre) – Rhythmus, Alltag, Geschlecht

Panel V: Biopolitiken

Moderation: Susan Banihaschemi (Bielefeld)

Ilke Glockentöger (Paderborn), Diese Trennung ist wichtig – Geschlechterkonstruktionen im Spitzensport jenseits von Zweigeschlechtlichkeit
Kirsten Achtelik (Berlin), Selbstbestimmung – Befreiungschance oder Normerfüllung? Brisanz eines innerfeministischen Streites

Masha Neufeld (Dresden / Wien), Staatliche Reaktionen auf russländische Bewegungen. Nationalpolitische Agenden, biopolitische Maßnahmen und neue(?) Körperregime

Panel VI: Politisierung und Mobilisierung

Moderation: Levke Harders (Bielefeld)

Ulrike Lahn (Bremen), Modell zu generationellen, feministischen Politisierungsprozessen

Elaine Lauwaert (Bochum), Zwischen Identitätspolitik und Aufgehen in normativer Zweigeschlechtlichkeit. Exemplarische Betrachtungen zu politischen Strategien von Trans/- Bewegungen in Deutschland in den 1980er Jahren

Ulrike Klöppel (Berlin), Aids-Krise in Deutschland revisited: zwischen Biopolitik und Affektpolitik. Eine Forschungsskizze

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.