Das soziale Band. Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Begriffs

Tagung an der Fernuniversität in Hagen, 23.–25. März 2015

Thomas Bedorf und Steffen Herrmann veranstalteten im März 2015 eine Tagung zum Thema "Das soziale Band", um diesen Begriff bzw. diese Metapher aus der Perspektive verschiedener sozialtheoretischer Disziplinen und Ansätze zu untersuchen. Es ging dabei um nichts weniger als die Frage, welche Kräfte eine Gesellschaft zusammenhalten und wie dieser Zusammenhalt zu konzeptionalisieren sei.

THOMAS BEDORF (Hagen) unterschied in seiner Einleitung überholte Theorien eines externen substanziellen sozialen Bandes von Ansätzen einer internen relationalen Beziehungsstiftung. Er steckte fünf Diskussionsfelder ab: erstens das Recht als soziales Band, zweitens die soziale Integration unter anderem durch Arbeitsteilung, drittens die konfliktträchtige Pluralität, viertens das Denken des Zusammenhalts von seiner Krise, also einem Mangel her und fünftens die Performanz, die verbindende Normativität von sozialen Praktiken.

TOBIAS N. KLASS (Wuppertal) stellte im ersten Beitrag die erhellenden Ansätze von Roland Barthes in „Comment vivre ensemble? – Sur L'idiorhythmie" (1977) zum leiblichen Aspekt des Zusammenlebens vor. Dem Leib wohnt nach Barthes ein je eigener Rhythmos inne. Die Idiorhythmie, die Bewegung im eigenen Rhythmos, entziehe sich dem Zugriff der Macht und könne nur in einer Gemeinschaft der je individuellen Einzelnen – der Einsiedler – geachtet werden. Beispielhaft sei die konkret-utopische Gemeinschaft der griechisch-orthodoxen Mönche auf dem Berg Athos. Gegenbegriff dazu sei der Rhythmus, der von außen aufgezwungene starre Takt etwa des Marsches. In der folgenden Diskussion wurde allseits die Bedeutung der Leiblichkeit für das Tagungsthema hervorgehoben; Tango und Free Jazz wurden als beispielhafte Praktiken der Idiorhythmie genannt.

ULF TRANOW (Düsseldorf) rekonstruierte anschließend den Verfassungspatriotismus auf der Basis der Theorie der Interaktionsrituale von Randall Collins. Nach diesem Ansatz werden Akteure durch die insbesondere in politischen Ritualen freigesetzte emotionale Energie (emotional energy) zum Handeln motiviert. Entsprechend sei der rationale Diskurs, wie ihn insbesondere Jürgen Habermas zu einer Idee des Verfassungspatriotismus entwickelte, keine selbstverständlich wirkende Kraft. Tranow forderte daher, den undemokratischen Ritualen, etwa der Homophobie in der Fußballfankultur, demokratische Gegenrituale entgegenzusetzen. Unter den Zuhörern bestand Einigkeit über die Bedeutung von Emotionen und Ritualen. Kritisch angemerkt wurde allerdings, dass man innerhalb der Theorie der Interaktionsrituale einzelne Rituale nicht normativ ausweisen könne. Der institutionalisierte Diskurs des Rechtsstaats erscheine insofern bloß als ein Ritual unter anderen.

JAN DELHEY (Magdeburg) stellte eine groß angelegte Studie zur Quantifizierung des sozialen Zusammenhalts vor. Die in 34 westlichen Nationen durchgeführte Studie arbeitet mit den Kategorien "soziale Beziehung", "Verbundenheit" und "Gemeinwohlorientierung". Korrelationen mit einem hohen Grad des sozialen Zusammenhalts – und damit mögliche Erklärungen – bestehen mit einem hohen Wohlstandsniveau, von Wissen geprägten Gesellschaften, hohem Durchschnittsalter der Gesellschaft und der Akzeptanz postindustrieller Werte. Negativ korrelierten materialistische Werte, Einkommensungleichheit und Armut. Neutrale Faktoren hingegen seien die quantitative Stärke des Wohlfahrtsstaates, die Einbindung in globalisierte Strukturen sowie das Maß der Immigration. Intensiv diskutiert wurde, dass die Subkategorie "Identifikation" in Deutschland niedrige Werte erzielte. Sichtbar wurde so ein Differenzierungsbedarf im Hinblick auf den Zusammenhalt im Nationalstaat beziehungsweise in Familien und in Communities. Auch die Abschlussthese, Zusammenhalt sei gut für alle, wurde lebhaft diskutiert.

MARCEL HENAFF (San Diego) stellte die Entwicklung seiner Gabentheorie zu einer politischen Theorie mit Einbezug von Konflikten dar. Bisher hatte er den Gabentausch als grundlegende Struktur der Anerkennung im vorpolitischen Raum verstanden. Nun unterstellt Hénaff ein Kontinuum von immer schon politischen Gemeinschaften. Von Anfang an sei der Gabentausch politisch, weil er ein neutrales Drittes, nämlich Demokratie und Gesetz, in Bezug nehme. So reinterpretiert er die Anerkennung qua Gabe als triadisch – ähnlich neueren Entwicklungen der Anerkennungstheorie im Anschluss an Axel Honneth. Die aggressive Natur des Menschen schaffe nach Hénaff eine grundlegende Rivalitätssituation. In der Begegnung mit Fremden sei jeder Akteur beziehungsweise eine Gemeinschaft daher vor die Entscheidung zwischen dem anerkennungsstiftenden Gabentausch und der kämpferischen Rivalität gestellt: Gabentausch oder Krieg. Am Horizont zeigt sich insofern eine Komplementarität zwischen der Gabentheorie und den hegelianisch inspirierten Theorien des Kampfes um Anerkennung.

JULIANE SPITTA (Berlin) analysierte das soziale Band innerhalb der EU und plädierte dafür, dysfunktionale Bilder der europäischen Integration zu dekonstruieren. Die gängigen Lösungsvorschläge für die allseits konstatierte Krise der EU würden zu kurz greifen. Weder genüge es, den demokratischen Integrationsprozess dem ökonomischen anzupassen. Noch lasse sich eine „Seele“ für Europa (er)finden. Auch der sinnstiftende Bezug zur gemeinsamen Geschichte, etwa auf die abendländische Philosophie oder die Aufklärung, sei problematisch, weil Ausdruck eines eurozentristischen Universalismus. Auch Menschheit sei ein "Kampfbegriff" (Carl Schmitt). Der europäische Integrationsprozess müsse daher anerkennen und reflektieren, dass Identität in einem starken Sinne nicht erreichbar sei.

HARTMUT ROSA (Jena) präsentierte eine umfassende soziologische Theorie der Resonanzverhältnisse. Der Weltbezug sei für das Subjekt konstitutiv, der Mensch stehe zugleich leiblich, emotional, kognitiv und evaluativ in der Welt. Wo eine Resonanzbeziehung zu Personen, Dingen oder der Welt im Ganzen nicht gelinge, sei die Beziehung entfremdet. Eine gelingende Resonanzbeziehung sei insofern ein normativer Maßstab. Auch die Demokratiekrise erläuterte Rosa am Beispiel Pegida als Resonanzkrise: Die Politiker würden, so die Wahrnehmung der Kritiker, nicht zuhören (fehlende Input-Resonanz) und die Politik würde nichts gestalten (fehlende Output-Resonanz). In der Diskussion wurde unter anderem problematisiert, ob der aus der Akustik stammende Begriff der Resonanz als Bezeichnung für die intendierten dialogischen Verhältnisse treffend sei. Auch sei womöglich der Begriff für eine umfassende Gesellschaftstheorie normativ überfordert.

STEFFEN HERRMANN (Hagen) stellte eine neue Kategorisierung der Gabebeziehungen vor. Die riskante Gabe, bei der auf eine Eröffnungsgabe eine freiwillige Gegengabe folge (oder eben nicht), stifte eine asymmetrische starke Beziehung, eine Allianz. Diese Bindung beruhe jedoch auf kontingentem Verhalten und bleibe insgesamt so instabil wie riskant. Die rituelle Gabe hingegen, die durch Bezug zu einem Dritten (der Öffentlichkeit) eine Pflicht des Gebens beinhalte, reproduziere stabile symmetrische Beziehungen. Sie berge die Gefahr, wie in Rechtsgesellschaften erkennbar werde, dass die sozialen Bindungen bloß formelhaft vollzogen würden und (zu) schwache Bindungskräfte entfalteten. Vorzugswürdig sei nach Herrmann die rivalisierende Gabe, bei der das Ob der Gegengabe obligatorisch, das Wie hingegen variabel sei. Hier entstehe ein enges und zugleich zuverlässiges Band, das geeignet sei, Beziehungen zu stärken und zu transformieren. Die Rivalität berge freilich die Gefahr, dass die sich überbietenden Geber in eine ruinöse Verausgabung gleiten.

FRANK HILLEBRANDT (Hagen) entfaltete die Einsichten seiner grundlegenden Arbeit zu Tauschbeziehungen. Während meist eine kategoriale Differenz zwischen sozialem Gabentausch und Warentausch unterstellt werde, sei vielmehr ein Kontinuum der Tauschbeziehungen in den Dimensionen Sache, soziale Beziehung und Zeit zu beobachten. Jede konkrete Tauschbeziehung lasse sich so einordnen: Auch ein Kauf schaffe in je verschiedenem Maße soziale Bindungen, auch Praktiken des Schenkens allozierten Güter. Mit Pierre Bourdieu betonte er, dass insbesondere die Zeitdimension, also das Intervall zwischen Geben und Zurückgeben, zu berücksichtigen sei. Der Gabentausch stelle mithin nicht bloß eine Praxis vormoderner Gesellschaften dar, vielmehr würden heute die verschiedensten Vollzugswirklichkeiten des Tausches praktiziert.

LARS GERTENBACH (Kassel) stellte zwei Deutungen der Metapher des sozialen Bandes in der Soziologie einander gegenüber: die Gesellschaft als Organismus und als Netzwerk. Die dominante organizistische Tradition sehe im Anschluss an Emile Durkheim das soziale Band in einem holistischen Raster von Integration und Desintegration. Die Integration erscheine insofern immer als gefährdet. Plausibler für die Analysen gegenwärtiger Situationen sei die Netzwerktradition, die mit Gabriel Tardes Theorie der Nachahmung begründet werde. In der Diskussion wurde unter andrem auf den Gesellschaftsvertrag als – allerdings nicht in der Soziologie präsente – Leitmetapher verwiesen.

THOMAS BEDORF (Hagen) entwickelte eine Theorie, in der das soziale Band als Praxis des Streits entfaltet wird. Das soziale Band beruhe danach nicht auf geteilten Werten, einem mythischen Ursprung oder Ähnlichem, sondern entstehe kontingenterweise im performativen Vollzug. Das „Band der Teilung“ sei aber nicht normativ neutral. Unter Rekurs auf Jacques Rancière konstatierte Bedorf, dass erst der Konflikt die Subjekte hervorbringe. Wir seien – einem bekannten Ausspruch Jean-Paul Sartres nachempfunden – nicht (nur) zur Freiheit verdammt, sondern vor allem zur Sozialität. Auf Rückfragen in der lebhaften Diskussion präzisierte Bedorf, dass eine solche Theorie des Streits, um nicht einem Voluntarismus zu verfallen, auf ein Moment des Normativen angewiesen sei. Aussichtsreiche Ansätze dazu sehe er bei Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida.

IRIS DÄRMANN (Berlin) referierte in einem detailreichen und medial wirkungsvoll unterstützten Vortrag zu Tiergesellschaften und ihrer Beziehung zu Menschengesellschaften. In den drei Abschnitten Zähmung, Krieg und Spiel zog sie zahlreiche überraschende Parallelen und öffnete Ausblicke. Der Mensch habe sein Selbstverständnis traditionell in seiner – nicht notwendig hierarchischen – Beziehung zum Tier konstituiert. Menschen hätten Tiere, andere Menschen, namentlich Sklaven, und sich selbst gezähmt. So sei es im Römischen Reich üblich gewesen, große Hetzjagden, Kämpfe von Tieren untereinander sowie von Gladiatoren und Tieren zu veranstalten. Gerade im Spiel der Tiere habe man das Paradigma einer Befreiung von Zweckrationalität gesehen. Das Spiel eröffne insofern die Möglichkeit, das Verhältnis der Menschen zueinander und zu den Tieren von Unterwerfung und Krieg zu befreien.

DIRK QUADFLIEG (Frankfurt am Main) hob im Anschluss an Axel Honneth die Anerkennungsfunktion des Tausches in Hegels Jenenser Schriften hervor. Im Tausch werde der freie Wille des jeweils Anderen anerkannt, indem der eine Tauschpartner anbiete (und also produzieren müsse), was der jeweils andere wolle. Arbeit sei ambivalent, weil sie Verdinglichung im Produkt bedeute, aber auch Freiheit gegenüber der Natur. Gleichzeitig wachse mit zunehmender Arbeitsteilung und Tauschpraxis die gegenseitige gesellschaftliche Verflechtung, also ein soziales Band. Quadflieg rekonstruierte insofern die in Hegels Rechtsphilosophie als "bürgerliche Gesellschaft" bezeichnete Sphäre des Tausches beim frühen Hegel als eine grundlegende normative Praxis der Anerkennung. In der Diskussion wurde die Nähe zum Vortrag von Frank Hillebrandt über Vollzugswirklichkeiten des Tausches hervorgehoben.

ULRICH BRÖCKLING (Freiburg) fasste in seinem erhellenden Schlusskommentar die Beiträge kritisch zusammen und eröffnete Perspektiven für weitere Untersuchungen. Er zeigte mit originellen Bildern, wie das soziale Band als Leitmetapher der Tagung produktive Fragekontexte konstruiere und zugleich als Filter wirke. Manche Aspekte seien freilich noch in den Blick zu nehmen: die Exklusion, die vertikale Machtebene und die Steuerungstechniken, der Kampf (Tauziehen) sowie der Zwangscharakter, illustriert am Bild der mit Ketten verbundenen Strafgefangenen in einer Chain Gang.

Insgesamt gab die gelungene Tagung nicht nur einen weitgespannten Überblick über die Forschungsansätze zum sozialen Band, sondern es entfaltete sich in den Diskussionen ein produktiver Dialog, namentlich zum Verhältnis von empirischen und normativen Sozialtheorien. In einem solchen offenen Dialog wird man – auch wenn seine inhaltlichen Ergebnisse naturgemäß umstritten bleiben – jedenfalls eine beispielhafte Praxis der sozialen Integration sehen können.

Konferenzübersicht:

Webarten

Tobias N. Klass (Wuppertal), Der Leib als Grund des Sozialen?

Ult Tranow (Düsseldorf), Verfassungspatriotismus als soziales Band heterogener Gesellschaften? Bedingungsfaktoren aus der Perspektive der Interaktionsrituale

Jan Delhey (Magdeburg), Sozialer Zusammenhalt: Ergebnisse eines internationalen Vergleichs

Marcel Hénaff (San Diego, USA), Social bond, political bond. Alliance, violence, recognition

Zerreißproben

Juliane Spitta (Berlin), Prekarität, Krise und Perspektivlosigkeit des sozialen Bandes in Europa. Ein Beitrag zum Ende des Schweigens

Hartmut Rosa (Jena), Wie Fremde im eigenen Land! Eine Kritik der Resonanzverhältnisse

Steffen Herrmann (Hagen), Risiko, Ritualität und Rivalität. Drei Stiftungsweisen des sozialen Bandes

Unauflöslichkeiten

Frank Hillebrandt (Hagen). Ökonomische Praxis. Zur überraschenden Verbindlichkeit des Tauschens

Lars Gertenbach (Kassel), Konnektivität und Zusammenhalt. Von den zwei Soziologie des sozialen Bandes

Thomas Bedorf (Hagen), Die Unauflöslichkeit des sozialen Bandes

Vollzugswirklichkeiten

Iris Därmann (Berlin), Tiergesellschaften

Dirk Quadflieg (Frankfurt am Main), Sich geben. Zur Negativität des sozialen Bandes

Ulrich Bröckling (Freiburg), Schlusskommentar

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.