Den Schulden auf der Spur

“Debt trails: Mapping relations of debt and credit from everyday actors to global credit markets”, Workshop an der Eötvös Lórand Universität Budapest, 3.–4. März 2016

Schulden und Kreditbeziehungen stehen spätestens seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise weit oben auf der Agenda sozialwissenschaftlicher Forschung. Auch wenn Geld, Kredit und Finanzindustrie vielen immer noch als Domäne der Wirtschaftswissenschaften gelten, wächst das Interesse aus der Soziologie, Anthropologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Humangeographie und der Internationalen Politischen Ökonomie. So wird gerade dem Nexus von Verschuldung und Finanzialisierung neue Aufmerksamkeit zuteil, da alternative Deutungsangebote jenseits der Mainstreamökonomie Konjunktur haben. Der internationale Workshop in Budapest führte Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen zusammen, um gemeinsam aktuelle Forschungsergebnisse vor allem zum Bereich der Privatverschuldung zu diskutieren und zu erörtern, inwiefern verschiedene theoretische und methodologische Ansätze produktiv miteinander verbunden werden können. Organisiert wurde der Workshop von einer Forschungsgruppe zum ungarischen Hypothekenmarkt (Budapest), Paul Langley (Durham) und Liz McFall (Milton Keynes) mit der Unterstützung des Journal of Cultural Economy.

Im Zentrum des Workshops stand das Verhältnis von Praxistheorien, actor network theory und ethnographischen Methoden („zooming in“) auf der einen Seite sowie politökonomischen Ansätzen und Perspektiven auf Regulierung („zooming out“) auf der anderen Seite. In Anlehnung an den following-the-money-Ansatz1 dient das Konzept der debt trails dazu, diese Kluft zu überbrücken und eine Forschungsagenda zu entwickeln, die sich sowohl für Formen, Auswirkungen und Entstehungshintergründe von Schuldverhältnissen auf der Mikro- als auch auf der Makroebene interessiert. Damit verweist es zugleich auf das vielgepriesene Gebot der Interdisziplinarität. Obwohl es sicherlich für eine Politökonomin schwer möglich ist, anthropologische und mikrosoziologische Forschung zusätzlich zu den ihrem Fach eigenen Aufgabenstellungen zu bewältigen, kann es für sie doch sehr lohnend sein, solche Arbeiten zur Kenntnis zu nehmen und auf Berührungspunkte zur eigenen Forschung hin zu hinterfragen.

Dies veranschaulichten verschiedene Beiträge zur Privatverschuldung in Ungarn. So stellten LENA PELLANDINI-SIMANYI (Budapest) und ZSUZSANNA VARGHA (Leicester) ihr Projekt zur Erforschung des Hypothekenmarktes vor – die Forscherinnen haben sich die anspruchsvolle Aufgabe einer Kartografie der komplexen Akteurskonstellation gestellt und eine Kette begrenzt handlungsfähiger Beteiligter identifiziert. ZSUZSANNA POSFAI (Budapest) widmet sich dem gleichen empirischen Gegenstand, jedoch aus der Perspektive der Vergleichenden Politischen Ökonomie. Ihr zufolge stehen Finanzialisierungsprozesse in Zentrum und Peripherie in einem engen Zusammenhang, da bei der Expansion des ungarischen Immobilienkreditmarktes vor allem der massive Anstieg des ausländischen Eigentums an ungarischen Banken in den 1990er-Jahren eine große Rolle spielte. Die beiden Vorträge boten unterschiedliche Perspektiven auf den Anstieg des Wohneigentums, nämlich auf kulturelle und individuelle Motive einerseits und anlagesuchendes Kapital aus dem Zentrum anderseits. JUDIT DURST (London) präsentierte anschließend Forschungsergebnisse zum „informal lending“ in Nordungarn. In einer Langzeitstudie zu Kreditverhältnissen in verarmten Dörfern zeigt sie, wie es der Finanzindustrie gelingt, ihre Produkte auf die Subalternen auszuweiten („banking the unbanked“) und dabei auf gewachsene soziale Beziehungen vor Ort aufzubauen. Zugleich untersucht sie die komplexen finanziellen Praktiken der Armen, die oft gezwungen sind, verschiedene formale und informale Kreditbeziehungen einzugehen.

Ihr Forschungsthema verweist auf das den gesamten Workshop durchziehende Interesse am Alltagsleben von Finanzmärkten.2 Sozialwissenschaftliche Finanzmarktforschung muss sich keineswegs auf New York, London oder Frankfurt beschränken.3 Sie lohnt sich auch dort, wo man die fast allgegenwärtigen Strukturen des Finanzwesens (noch) nicht anzutreffen erwartet hat. Das gilt für (vormals) staatlich organisierte Studienfinanzierung in Chile (Beitrag von FELIPE GONZALES, Köln) genauso wie für Mikrokredite im globalen Süden (Beitrag von MAREIKE BECK, Sussex) und die Anfänge des schwedischen Kreditkartenbooms in den 1960er-Jahren (Beitrag von ORSI HUSZ, Uppsala). SEBASTIAN MÖLLER (Bremen) zeigte mit seinem Beitrag zum Engagement europäischer Kommunen im Derivatemarkt, dass auch deutsche und italienische Kleinstädte interessante Orte für die Finanzmarktforschung sein können. Viele Kommunen haben in den letzten fünfzehn Jahren, getrieben u.a. von hoher Verschuldung, im Rahmen eines sogenannten aktiven Schuldenmanagements mehr oder weniger komplexe Zinsderivate erworben, womit sich etablierte Kreditbeziehungen verändert und vervielfältigt haben. Wie LEONARD SEABROOKE (Kopenhagen) in seinem Beitrag zur Ex-Pat Finance zeigte, haben globale Finanzdienstleister auch das Geschäftsfeld der „Steueroptimierung“ für sich entdeckt.

Ein weiterer Zweck des Workshops war es, den omnipräsenten Fokus auf den Westen auf andere Regionen und Akteure zu erweitern. Eine entsprechende Forschungsagenda wird nicht nur der empirischen Vielfalt von Schuldverhältnissen besser gerecht, sie schärft auch sowohl das Gespür für spezifische Kontexte als auch für gemeinsame Muster. ERIN TAYLOR (Lissabon) machte dies am Beispiel einer ethnografischen Studie der Finanzbeziehungen an der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik deutlich, in der sie die Multidimensionalität von Kreditbeziehungen herausarbeiten konnte. Schulden sind demnach ein Netz aufeinander bezogener sozialer Beziehungen. Das verdeutlicht etwa der Einfluss von kulturellen Praktiken, Vorurteilen, familiären Dynamiken und staatlicher Regulierung auf die Finanzbeziehungen eines Grenzgängerpaares. ALEJANDRO MARAMBIO-TAPIA (Manchester) setzte sich in seinem Vortrag über das retail banking in Chile mit den widersprüchlichen Begegnungen von Haushalten mit Finanzmärkten am Beispiel zweier Frauen auseinander, die zugleich Kreditnehmerinnen und beruflich an der Ausstellung von store cards4 beteiligt sind. Dadurch wurde deutlich, wie stark Kreditpraktiken mit anderen Verhältnissen und Praktiken verwoben sind.

Die Chiffre der debt trails diente sowohl der Darstellung direkter Kreditbeziehungen als auch der Analyse von Widerständigkeiten auf der politischen Ebene. LAUREN TOOKER (Warwick) unterschied verschiedene Alternativen zu existierenden Formen von Kreditbeziehungen, die vor allem nach der Finanzkrise normativen Rückenwind erhielten (Mikrofinanzen, P2P Lending5, Schuldenstreiks). Vor allem die Praktiken der Schuldenstreiks und des Schuldenrückkaufs weisen darauf hin, dass auch im finanzialisierten Kapitalismus Praktiken des Ungehorsams entstehen. SAMUEL KIRWAN (Bristol) stellte eine institutionalisierte Form von Widerstand vor, sogenannte Debt Advice Centers. MARCUS WOLF (Bremen) wies in seinem Beitrag zur politischen Rolle von Schuldner- und Investoren-Organisationen darauf hin, dass auch zivilgesellschaftliche Akteure marktschaffende Projekte unterstützen. Der Aufstieg einer investorenfreundlichen Form der Finanziellen Allgemeinbildung („Financial Literacy“) deute darauf hin, dass die Nutzung von Finanzprodukten im Alltag eine mittlerweile politisch gewünschte Form der Lebensführung darstelle und als transnationales Politikprojekt forciert werde.

In der als Dialog vorgetragenen Keynote diskutierten PAUL LANGLEY (Durham) und LIZ MCFALL (Milton Keynes) über die Rolle der Sozialwissenschaften nach der Krise. Dabei bezogen sich beide auf den Meinungsbeitrag von Aditya Chakrabortty im Guardian,6 der den Sozialwissenschaften vorwirft, die Gunst der Stunde nach der Finanzkrise nicht genutzt zu haben. In Budapest sei hingegen deutlich geworden, wie vielfältig die aktuelle Forschung zu Schulden und Finanzmärkten ist und es verfehlt wäre, angesichts der theoretischen, methodischen und disziplinären Vielfalt auf das Lautwerden einer einheitlichen alternativen Stimme zu hoffen. Dies gelte auch für die Wirtschaftswissenschaften, die sich erst in den letzten Jahrzehnten zunehmend auf neoklassische Modelle festgelegt hätten, grundsätzlich aber wesentlich heterogener seien. McFalls spitze Bemerkung, Politökonom_innen wüssten oft schon vorher, was sie in ihrer Forschung herausfinden würden, nehmen die Autoren dieses Berichtes gelassen zur Kenntnis, obwohl sie sich selbst als solche verstehen. Es steht außer Frage, dass die Politische Ökonomie, um Schulden besser zu erforschen, vieles von der Soziologie und Anthropologie lernen kann. Andersherum gilt freilich dasselbe, denn eine Konzentration auf Schulden als soziale Beziehungen auf der Mikroebene sollte keinesfalls dazu führen, Entwicklungstendenzen des finanzialisierten Kapitalismus aus dem Blick zu verlieren. „Mapping debt trails“ bleibt in jedem Fall eine aufregende gemeinsame Forschungsagenda, die das Verständnis von Finanzmärkten dauerhaft bereichern kann.

Konferenzübersicht:

1. Domestic circuits

Tomáš Samec (Prague), Meanings of debt and credit in the post-socialist housing market: the issue of inter-generational financial transfers and mortgages in the case of the Czech Republic

Alejandro Marambio-Tapia (Manchester), The retail-banking expansion in Chile and the “democratisation” of credit: juggling with aspirations, ethics, and cards

Judit Durst (London), Juggling with debts, moneylenders and local petty monarchs: Banking the unbanked in ‘shanty-villages’ in Hungary

2. Trailing methods

Erin Taylor (Lissabon), Ethnographic approaches to financial systems: Integrating analysis of credit and debt across scale and context

Léna Pellandini-Simányi / Zsuzsanna Vargha / Ferenc Hammer (Budapes), Mapping relations of debt and credit in the Hungarian mortgage market

Joe Deville / José Ossandón / Mariana Luzzi / Jeanne Lazarus (Lancaster / Copenhagen / Buenos Aires / Paris), Domesticizing financial economies: between market devices and everyday calculation

Mareike Beck (Sussex), The debt trail of microfinance: from local microfinance institutions to global investment banks

3. Trailing debt through states and markets

Leonard Seabrooke / Dorothee Bohle (Copenhagen / Budapest), European Housing Markets and Transnational Financial Regulation

Marcus Wolf (Bremen), The political voice of everyday finance – debtor and creditor organizations in post-crisis financial regulation

Felipe Gonzalez (Cologne), Financialization and the Politics of Debt in Chile: Understanding Distributional Conflicts from Below

Zsuzsanna Pósfai (Budapest), Tracing Hungarian Mortgages

Keynote

Exchange between Liz McFall and Paul Langley

4. Marketing, measuring, regaining credit

Bartholomew Paudyn (Victoria / London), Financial Engineering and the Performative Political Economy of Creditworthiness through Risk and Uncertainty: The Self-Generative Effects of Ratings on their Agencies

Galina Andreeva (Edinburgh), Credit Scoring: principles, scope of information, challenges and consequences

Orsi Husz (Uppsala), Domesticizing consumer credit or creating a debit card nation?: The marketing of credit cards in 1960s and 1970s Sweden

Samuel Kirwan (Bristol), Advising the national debt: practice, legality and subjectivity in the Citizens Advice service

5. Global value chains of debt

Anna Glasmacher (Amsterdam), The “production chain” of securitization in the Netherlands

Sebastian Möller (Bremen), Local governments & global finance: Municipal engagement in the derivative market (WINNER OF THE WORKSHOP’S PHD GRANT)

Marek Mikuš (Halle), Debt, Class and Moral Economy in Post-Credit Boom Croatia

Lauren Tooker / Chris Clarke (Warwick), Mapping Everyday Debt and Credit Trails in Relational Finance

Closing plenary

Fußnoten

1 Beim following-the-money-Ansatz geht es darum, wie bei anderen Waren den commodity chain nachzuverfolgen um den Lebenszyklus von Geld bzw. Kredit sichtbar zu machen: “We should be seeking, in other words, to assess where money has come from and travelled to; to examine the various stages of its passage; to identify networks of social relations underpinning its ongoing movement and metamorphosis (…)” (Brett Christophers, Following the thing: money, in: Environment and Planning D: Society and Space 29 (2011), S. 1068–1084).

2 Siehe dazu z.B. Paul Langley, The everyday life of global finance. Saving and borrowing in Anglo-America, Oxford 2008.

3 Hier haben Beiträge der sogenannten Social Studies of Finance Pionierarbeit geleistet, siehe zum Beispiel Karin Knorr Cetina / Alex Preda (Hrsg.), The Sociology of Financial Markets, Oxford 2004

4 Einige Handelsketten geben store cards aus, mit denen Kunden in den Filialen bezahlen können und Rabatte erhalten, und manche machen einen beträchtlichen Anteil ihres Gewinns mit diesem Geschäftszweig (die Karten beinhalten in der Regel eine relativ teure Kreditlinie, den retail credit), ein gutes Beispiel für die Finanzialisierung von non-financial corporations. Siehe z.B. José Ossandón, Sowing consumers in the garden of mass retailing in Chile, in: Consumption Markets & Culture 17 (2014), S. 429–447.

5 Beim peer-to-peer (P2P) lending werden Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen ohne die Vermittlung einer Bank vergeben

6 Aditya Chakrabortty, Economics has failed us: but where are the fresh voices?, in: The Guardian, 16. April 2012. 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.