Der „Leviathan“ auf dem Seziertisch

Quentin Skinner liest Hobbes und entdeckt das Wir-Gefühl

Es war ein kleines Ereignis im Schatten größerer Ereignisse, das am Mittwoch, dem 21. Oktober 2015 in Berlin zu bestaunen war. Das Ereignis, das an diesem Tag die größten Schatten warf, war ohne Frage der von umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen begleitete Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der mit einer so noch nicht gehörten Erklärung zu den Ursachen des Holocaust für zusätzlichen Wirbel sorgte. Dem folgte an zweiter Stelle der nach oben offenen Skala gefühlter Bedeutsamkeit die Verleihung des in diesem Jahr erstmals vergebenen Frank-Schirrmacher-Preises an den Publizisten, Schriftsteller und Dichter Hans Magnus Enzensberger, zu der sich am Abend der feiner gewandete und besser betuchte Teil der Hauptstadtkulturvertreter im Verlags- und Redaktionsgebäude der FAZ einfand. Nicht weit davon entfernt, aber von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, nahm in den frühen Abendstunden schließlich auch das kleine Ereignis seinen Lauf, von dem nachfolgend berichtet werden soll: Der Auftritt des renommierten englischen Historikers und Politikwissenschaftlers Quentin Skinner in dem nach umfänglichen Renovierungsarbeiten in neuem Glanz erstrahlenden Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität, wo er auf Einladung der Carl-Schmitt-Gesellschaft e.V. und des Wissenschaftskollegs zu Berlin einen Vortrag über „Thomas Hobbes and the Person of the State“ hielt.

Die erfolgreiche Kooperation der beiden Einrichtungen, die den Auftritt des von 1962 bis 2008 am Christ College in Cambridge und seither an der Queen Mary University in London lehrenden Oberhaupts der sogenannten „Cambridge School“ ermöglicht hatte, war auch der Grund für den Doppelcharakter, der der Veranstaltung eignete. So firmierte der Vortrag einerseits als zweite in der noch jungen Reihe der Carl Schmitt Lectures, während er andererseits den Auftakt zu einem zweitägigen Colloquium bildete, das an den darauffolgenden Tagen in den gediegenen Räumen des Wissenschaftskollegs stattfand. Skinner, der zwischen 2003 und 2004 schon einmal als Fellow an der Forschungseinrichtung im Grunewald zu Gast gewesen war, entledigte sich der Aufgabe, die er als Diener zweier Herren zu erfüllen hatte, souverän, indem er während seines Vortrags immer wieder einmal auf Schmitts Hobbes-Lektüre zu sprechen kam, ohne sich jedoch mit dessen interpretatorischen Eigentümlichkeiten allzu lange aufzuhalten. Im Mittelpunkt seines konzentrierten und engagierten Vortrags, den Skinner in der ihm eigenen Art bisweilen durch lakonische Bemerkungen oder aus dem Stegreif formulierte Erläuterungen auflockerte, stand vielmehr die Frage nach dem von Hobbes im Leviathan (1651) entwickelten Konzept des Staates und seiner politiktheoretischen Bedeutung – eine Frage, zu deren Beantwortung der Interpret mittlerweile vermutlich mehr geschrieben haben dürfte als der Autor selbst.1

Während man seinen Blick noch durch die aufsteigenden und bis auf den letzten Platz gefüllten weißen Sitzreihen des schönen Hörsaals schweifen ließ und über den beziehungsreichen Umstand sinnierte, dass eben dort, wo in der ehemaligen Königlichen Tierarzneischule früher der Seziertisch gestanden hatte, nun ein Ideenhistoriker mit dem sprechenden Namen Skinner daran gehen würde, einen Text zu zergliedern, der seinen Namen von einem biblischen Untier hat, machte sich der Redner bereits ans Werk. Angetan mit einem dunklen Anzug und einer abenteuerlich leuchtenden, alle Grundsätze der Farbenlehre souverän missachtenden Krawatte, lud Skinner sein Publikum ein, zusammen mit Hobbes’ Konzept des Staates als Person die Tragfähigkeit von zwei seiner Meinung nach in der politischen Theorie der Gegenwart weitverbreiteten Auffassungen näher zu untersuchen: Zum einen die mit dem alltäglichen Sprachgebrauch übereinstimmende Ansicht, der zufolge die Begriffe „Staat“ und „Regierung“ dasselbe bedeuteten und folglich synonym verwendet werden könnten; und zum anderen die Überzeugung, dass der souveräne Staat – zumal der souveräne Nationalstaat europäischer Prägung – ein von der Wirklichkeit überholtes Auslaufmodell politischer Ordnung darstelle.

Mit der zuletzt genannten These vom Rückzug oder gar Ende des Staates machte Skinner nicht viel Federlesens. So hätten die von den Totengräbern des Staates üblicherweise in diesem Zusammenhang genannten Prozesse – allen voran natürlich die immer schon irgendwie passende Globalisierung, aber auch der wachsende Einfluss supranationaler Institutionen oder das Wuchern von Governancestrukturen – zwar sehr wohl die Souveränität der Staaten, nicht aber diese selbst erschüttert. Als Garant von Gütern wie Sicherheit und Wohlfahrt, als Träger der öffentlichen Infrastruktur sowie nicht zuletzt als „lender of last resort“ erbringe der moderne Staat vielmehr nach wie vor tagtäglich ebenso elementare wie unverzichtbare Ordnungs- und Versorgungsleistungen, weshalb er – allen neoliberalen Unkenrufen zum Trotz – auf absehbare Zeit die maßgebliche Organisationsform politischer Herrschaft bleiben werde.

Nach der nur wenige Minuten dauernden Erledigung, die Skinner zur Erheiterung des Publikums mit polemischen Seitenhieben auf die englische Innenpolitik und die boomende Disziplin der Governanceforschung garnierte, wandte er sich sodann der erstgenannten Überzeugung zu, der sein Hauptinteresse galt und die er weitaus sorgfältiger untersuchte. Wie kaum eine andere Auffassung, so Skinner, sei nämlich gerade die der Identität von Staat und Regierung geeignet, die entscheidende Differenz zwischen der modernen und der neuzeitlichen Staatsauffassung zu markieren. Im Gegensatz zu ihren modernen Nachfahren, die sich angewöhnt hätten, den Staat mit dem Regierungsapparat in eins zu setzen, seien die politischen Theoretiker der Neuzeit überzeugt gewesen von der Notwendigkeit, den Staat als eine eigene, sowohl von der Person des Herrschers als auch von der Menge der Untertanen unabhängige moralische Person zu konzipieren. An dieser Stelle seines Vortrags brachte Skinner nun endlich auch seinen Helden Hobbes ins Spiel, für den er das Verdienst reklamierte, mit der Theorie von der Person des Staates den anspruchsvollsten und wirkmächtigsten Versuch zur Aufklärung des komplizierten Zusammenhangs von Repräsentation, Souveränität und Legitimation staatlicher Ordnung in der Neuzeit unternommen zu haben.2

Ausgehend von dieser These unterzog Skinner sodann das 16. und 17. Kapitel des Leviathan, in denen die wichtigsten akteurstheoretischen Grundlagen und die Logik des kontraktualistischen Arguments entfaltet werden, einer eingehenden Analyse. Dabei ging er, jetzt ganz in seinem ideengeschichtlichen Element, nicht nur auf die wichtigsten Quellen ein, aus denen Hobbes sein begriffliches und theoretisches Rüstzeug schöpfte – allen voran das Römische Recht –, sondern zeichnete auch Stück für Stück den Lösungsweg nach, auf dem dieser an sein Ziel gelangte. Als den entscheidenden Schritt stellte er in diesem Zusammenhang schließlich den Akt der Autorisierung heraus, der mit dem Abschluss des Gesellschaftsvertrags einhergeht. Durch diesen Akt nämlich, so Skinner, geschehe zweierlei: Indem die unverbundenen und jeweils mit einem eigenen Willen ausgestatteten Individuen sich wechselseitig verpflichteten, ihre Handlungsmacht und die Ausübung ihres Rechts auf Selbsterhaltung auf eine Person oder Personengruppe zu übertragen, riefen sie erstens eine künstliche Person ins Leben, die fortan autorisiert sei, stellvertretend für sie und in ihrem Namen zu handeln – den Souverän (beziehungsweise die Regierung). Diese fiktive Person sei nun als Repräsentant der Gesamtheit der Individuen in der Lage, das zu leisten, was diese für sich genommen nicht vermögen, nämlich einen einheitlichen Willen zu formulieren und auf der Grundlage dieses Willens zu handeln. Auf diese Weise habe der gleiche Akt, der die fiktive Person des Souveräns hervorbringt, zweitens zur Folge, das aus der Summe der bis dahin unverbundenen Individuen ein kollektiv handlungsfähiger Akteur wird, für dessen Wohl zu sorgen und den zu schützen der Souverän verpflichtet sei – der Staat.

Die Pointe dieser vertragstheoretischen Konstruktion besteht nun laut Skinner darin, dass Hobbes – anders etwa als Jean-Jacques Rousseau – den Staat nicht mit dem Volk als der Gesamtheit der ihn bildenden natürlichen Personen gleichsetzt, sondern ihn als eine vom Volk ebenso wie von der Regierung unterschiedene und zudem rein fiktive Person konzipiert, die als Träger der Souveränität fungiert. Damit aber, und darin sieht Skinner den großen Vorteil der Konzeption, sei die Regierung nicht aus eigener, sondern nur aus abgeleiteter Autorität handlungsfähig, und könne folglich nur solange Legitimität für ihr Tun beanspruchen, wie dieses Tun im Einklang mit dem obersten Zweck steht, dem sie ihr Dasein verdankt, nämlich dem Schutz des Gemeinwohls. Weit davon entfernt, dem Absolutismus das Wort zu reden, habe Hobbes vielmehr ein Modell staatlicher Herrschaft entwickelt, das zu erklären vermag, warum auch die mächtigste Regierung nicht nur Vollmachten besitzt, sondern auch Pflichten zu erfüllen hat.

Nachdem er diese im Inneren des Leviathan verborgene Erkenntnis nach allen Regeln der interpretatorischen Kunst freigelegt hatte, skizzierte Skinner sodann in groben Zügen die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, die das Konzept der fiktiven Person des Staates im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts entfaltete. Als den einflussreichsten Mittler und Interpreten, der mehr als jeder andere zur Verbreitung des neuen, von Hobbes entwickelten Paradigmas beigetragen habe, hob er dabei Samuel von Pufendorf hervor. Dessen Lesart vom Staat als moralischer Person habe auf dem europäischen Kontinent einen regelrechten Siegeszug erlebt und neben Rousseau und Emer de Vattel insbesondere die politischen Denker der Aufklärung maßgeblich geprägt, während Hobbes’ ursprüngliche Theorie vom Staat als fiktiver Person in William Blackstone, dem großen englischen Juristen des 18. Jahrhunderts, ihren wichtigsten und zugleich letzten Rezipienten gefunden habe.

Der letzte Teil des Vortrags, den Skinner aufgrund der vorgerückten Zeit in stark gedrängter Form präsentierte, war schließlich zwei anderen Fragen vorbehalten, nämlich zum einen der Frage nach den Gründen, die dazu führten, dass die Theorie vom Staat als Person am Ende des 18. Jahrhunderts durch die von Skinner als typisch modern charakterisierte Auffassung der Identität von Staat und Regierung abgelöst wurde; und zum anderen der Frage, welche Gewinne und Verluste im Zuge dieses Wechsels zu bilanzieren sind. Auf beide Fragen hatte Skinner eine klare Antwort parat.

Was zunächst die Frage nach den Ursachen betrifft, die das plötzliche Ende der von Hobbes begründeten Denktradition bewirkten, so machte Skinner dafür vor allem den wachsenden Einfluss des Utilitarismus verantwortlich, wobei er namentlich die Rolle Jeremy Benthams hervorhob, der in seinem einflussreichen, explizit gegen Blackstone gerichteten Fragment on Government (1776) das Zeitalter der Fiktionen für beendet erklärt und sich die Entmystifizierung des Staates zum Ziel gesetzt hatte. Der Angriff, den Bentham und die ihm nachfolgenden Utilitaristen auf die in ihren Augen metaphysische Theorie vom Staat als Person führten, sei insbesondere im anglo-amerikanischen Raum derart erfolgreich gewesen, dass der größere Zusammenhang, den die neuzeitliche Theorie des Staates gestiftet hatte, restlos zerschlagen worden sei, mit der Folge, dass von der Verpflichtung auf das Gemeinwohl nur noch das individuelle Recht des „pursuit of happiness“ übriggeblieben und die Bedeutung des Staates auf die eines nunmehr rein technisch verstandenen Regierungsapparats zusammengeschrumpft sei.

Mit Blick auf die zweite Frage, wie dieser Wechsel der Denkmuster zu bewerten sei, machte Skinner, der nun nicht mehr als Ideenhistoriker, sondern als Ideenpolitiker sprach, keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass der Sieg der utilitaristischen Staatsauffassung ein Pyrrhus-Sieg gewesen sei, der der politischen Theorie mehr geschadet als genutzt habe. Zur Untermauerung seiner Ansicht machte Skinner drei Gründe geltend: Erstens sei eine politische Theorie, die Staat und Regierung gleichsetze, nicht in der Lage, eine überzeugende Antwort auf die Frage zu geben, warum Staatsschulden auch nach einem Regierungswechsel bezahlt werden müssen – ein Aspekt, auf den Skinner zufolge bereits Pufendorf hingewiesen habe. Zweitens fehle ihr eine befriedigende Lösung für das in der internationalen Politik tagtäglich begegnende Problem, warum wechselnde Regierungen zur Einhaltung bestehender Verträge angehalten sind. Und drittens schließlich, und das war, wie man unschwer erkennen konnte, der Punkt, der Skinner vor allem am Herzen lag,3 entbehre die reduktionistische Auffassung, die mit der Idee des Staates als Person auch die Idee damit zusammenhängender Pflichten leugne, jeder Möglichkeit, das Handeln des Staates auf seine moralische Legitimität hin zu überprüfen und gegebenenfalls den Missbrauch übertragener Regierungsgewalt zu kritisieren.

Der letzte Punkt, den er zum Anlass nahm, noch einmal die neoliberale Politik der amtierenden englischen Regierung zu geißeln, lag Skinner derart am Herzen, dass er zum Schluss seines Vortrags das Publikum in geradezu leidenschaftlicher Weise daran erinnerte, dass „wir alle“ der Staat sind, um dessen angemessene Darstellung in der politischen Theorie gerungen wird. Nach diesem pathetischen Schlussakkord war es in der anschließenden Diskussion einer Dame aus dem Publikum vorbehalten, den Großmeister der politischen Ideengeschichte daran zu erinnern, dass es vielleicht nicht ganz glücklich sei, sich, wenn man ein derartiges Anliegen verfolge, ausgerechnet auf Hobbes als Referenzautor zu berufen, da dieser der Frage, mit Hilfe welcher institutionellen Vorkehrungen die Bürger im Zweifelsfall die Macht der Regierung in Zaum halten können, bekanntlich keine große Aufmerksamkeit geschenkt habe. Skinner hielt das für eine großartige Frage, von der er sich in seiner Begeisterung für den Schöpfer des Leviathan jedoch nicht bremsen ließ, und entließ sein Publikum gutgelaunt in die an diesem Abend ausgesprochen klare Berliner Luft.

So verließ man am Ende eines rundum gelungenen und anregenden Vortragsabends den Hörsaal des Tieranatomischen Theaters und fragte sich, ob das Loblied, das Skinner auf Hobbes angestimmt hatte, nicht eher Rousseau hätte gewidmet werden sollen. Aber das ist Stoff für eine andere Gelegenheit.4

Fußnoten

1  Aus der Vielzahl der Veröffentlichungen Skinners sei an dieser Stelle nur auf die im Mai 1998 an der University of East Anglia gehaltene Inaugural Martin Hollis Memorial Lecture mit dem Titel „Hobbes and the Purely Artificial Person of the State“ verwiesen. In dem Text, der 1999 im Journal of Political Philosophy (Vol. 7, No. 1, S. 1–29) erschienen ist, rekonstruiert Skinner in detaillierter Weise den komplexen Begründungszusammenhang, den Hobbes zur Rechtfertigung seines Staatskonzepts im Leviathan entwirft. Er bildet gewissermaßen die „Blaupause“ für die vielen Vorträge, die Skinner seither zu dem Thema gehalten hat – zuletzt nun auch in Berlin.

2  Den ideengeschichtlichen Kontext der neuzeitlichen Debatte um den Staat und die Rezeptionsgeschichte der miteinander konkurrierenden Auffassungen erörtert Skinner in dem auf Deutsch erschienenen Buch Die drei Körper des Staates (Göttingen 2012, 43–71).

3  Entsprechende normative Überlegungen Skinners finden sich ebenfalls in seinem Buch über Die drei Körper des Staates, S. 84–95.

4  Alle, die über Skinner nicht nur lesen, sondern ihn selber hören möchten, seien neben den bereits zuvor genannten Quellen abschließend noch auf die von Skinner im Februar 2015 am Centre for the Study of British Politics and Public Life der Birkbeck University of London gehaltene Inaugural-Vorlesung „Thomas Hobbes and the Concept of State Personality“ verwiesen. Die Vorlesung weist große Parallelen zu dem in Berlin gehaltenen Vortrag auf und steht im Internet unter www.csbppl.com/events/british-political-thought-a-lecture-series/ als Podcast zur Verfügung.