Die Diskursive Konstruktion von Wirklichkeit II

Interdisziplinäre Perspektiven einer wissenssoziologischen Diskursforschung, Universität Augsburg, 26.–27. März 2015

Vom 26. bis 27. März 2015 fand an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg die Tagung „Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit II“ statt. Zum zweiten Mal eröffneten die Organisatoren Reiner Keller und Saša Bosančić dieses interdisziplinäre Forum zur Diskussion von Theorien, Methoden und Anwendungen aus dem Feld der Diskursforschung. Insgesamt 27 Beiträge befassten sich mit konzeptionellen und methodologischen Fragen, mit dem Thema der Subjektivierung, mit Diskursen um Bildungspolitiken, Umwelt und Nachhaltigkeit, Gesundheit und Krankheit. Die mit hundert Teilnehmenden gut besuchte Tagung wurde durch die Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie unterstützt und in Zusammenarbeit mit dem Augsburger Arbeitskreis Sozialwissenschaftliche Diskursforschung veranstaltet.

Der Eröffnungsvortrag von JO REICHERTZ (Duisburg-Essen) entwickelte einen Vorschlag zur diskursanalytischen Erschließung von Kommunikationsmacht. Der Wissenschaftler betonte die Notwendigkeit einer Prozessorientierung von Diskursanalysen und einer Erforschung der fortwährenden „Versteinerung“ von Aussagen. Klärungsbedürftig sei, in welchen Fällen und aus welchen Gründen bestimmte Sprechweisen institutionalisiert würden, das heißt sich zu typischen Argumenten und daraufhin zu Symbolisierungen verfestigten und sich anschließend in alltäglichen Praktiken oder in Gesetzen materialisierten. Erst ein derart formuliertes Erkenntnisinteresse, so Reichertz, würde die Entstehung von Kommunikationsmacht in Diskursen erfassen und methodisch den Einbezug von Grounded Theory legitimieren. Zudem würde ein solches Vorgehen „den Diskurs schnell mit Akteuren und Sinn bevölkern“. Reichertz sprach sich für einen schärferen Forschungsfokus auf die Praktiken aus, mit denen Akteure kommunikative Macht im Diskurs aufbauen und einsetzen. Als mögliche Untersuchungsgegenstände nannte er etwa die Einführung von Innovationen in Medizin oder Wirtschaft, die Verbreitung neuer gesellschaftlicher Trends oder die Implementierung neuer politischer Einschätzungen.

Experteninterviews als Datenmaterial stehen im Zentrum der vergleichenden Diskursanalyse in lokalen bildungspolitischen Räumen, mit der sich STEFFEN HAMBORG (Berlin) beschäftigt. Der Bildungswissenschaftler erläuterte Bedeutung und forschungspraktische Konsequenzen der Analyse von Experteninterviews für die wissenssoziologische Diskursforschung und betonte etwa die Sensibilität von Experten für thematische Setzungen und Relevanzen. Konkretisiert wurden die Ausführungen mit empirischen Beispielen.

Der Vortrag von SONJA AMMANN (Berlin) und INA ALBER (Marburg), gehalten in der Form eines Dialogs, schlug methodologische Brücken zwischen Soziologie und Bibelwissenschaften. Am Beispiel der Götterpolemik in antiken jüdischen Texten zeigten die beiden Wissenschaftlerinnen forschungspraktische Adaptionen einer Wissenssoziologischen Diskursanalyse auf.

OLAF KRANZ (Regensburg) setzt sich mit dem Diskurs um Mitarbeiterkapitalbeteiligung auseinander, um diesen für die exemplarische Erforschung von Akteurskonstruktionen in der Wirtschaft fruchtbar zu machen. Orientiert an „Zwecken“ und „semantischen Leitdifferenzen“ diskutierte er Potenziale und Grenzen einer Verbindung diskursanalytischer und funktional-differenzierungstheoretischer Begrifflichkeiten.

Mit methodischen und methodologischen Aspekten der visuellen Diskursanalyse befassen sich SYLKA SCHOLZ und DAVID STILLER (Jena). Unter Rückgriff auf die Wissenssoziologische Diskursanalyse, den Grounded-Theory-Ansatz sowie Verfahren der Bild- und Videointerpretation arbeiten sie diskursive Deutungsangebote von Heimatfilmen heraus, wobei sie sich insbesondere auf die Aspekte Liebe, Lebensform und Geschlecht konzentrieren. Im Rahmen der Tagung präsentierten sie ein von ihnen in diesem Zusammenhang entwickeltes Analysemodell, das sie an Christian Petzolds Film Barbara (2012) exemplarisch vorführten.

„Anhand welcher Wahrheitsspiele gibt sich der Mensch sein eigenes Sein zu denken […]?“ Ausgehend von dieser Frage aus Foucaults Schrift Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, präsentierten SAŠA BosanČiĆ, LISA-MARIAN Schmidt (Augsburg) und LISA Pfahl (Berlin) ein eigenes Subjektivierungskonzept, das sie mit Beispielen aus unterschiedlichen Forschungsprojekten, etwa aus interviewbasierten Studien mit angelernten Arbeitern sowie Schülerinnen und Schülern, illustrierten. Für die Diskursforscher/-innen liegt das gemeinsame Untersuchungsinteresse vor allem darin, zu analysieren, was die Menschen aus den „Anrufungen“ durch Subjektpositionen „machen“. Dabei stammen die Subjektpositionen, mit denen die betroffenen Menschen konfrontiert sind, vielfach aus anderen diskursiven Kontexten, so dass die Machtwirkungen auf die Akteure von großem Interesse sind.

Mit der diskursiven Konstruktion von Hartz-IV-Empfängern in deutschen Medien beschäftigen sich ANDREAS Hirseland (Nürnberg) und ANNA Fohrbeck (Augsburg). In ihrem Vortrag führten sie anhand von Beispielen aus ihrer eigenen empirischen Forschung vor, wie Langzeitarbeitslose im Zuge der „neoliberalen Transformation des Wohlfahrtsstaates“ eine Umdeutung von „bedrohten Individuen“ zu „bedrohlichen Individuen“ erlebten.

Interviews sind – neben Medientexten – auch ein wesentlicher Teil des kombinierten diskursanalytischen Forschungsdesigns von ANJA Schmidt-Kleinert (Bielefeld), die an einer Studie über junge Israelis mit russischsprachigem Familienhintergrund in der Beitenu-Partei von Avigdor Liebermann arbeitet. In ihrem Vortrag konnte sie beispielhaft zeigen, wie sich die von ihr Befragten auf den öffentlichen Diskurs beziehen. Im Fokus der Präsentation stand zum einen, wie junge Anhänger der Partei ihre eigene politische Aktivität einordnen und beschreiben, zum anderen die Narrative der Zugehörigkeit.

ALEX KNOLL (Thurgau) stellte eine empirische Studie zur Konstruktion nationaler Identität im Schweizerischen Bildungswesen vor. Am Beispiel der Debatten darüber, ob im Kindergarten lokaler Dialekt oder Hochdeutsch gesprochen werden solle, rekonstruierte der Beitrag ein diskursives Grundmuster, das unhinterfragt die Existenz einer homogenen Sprachgemeinschaft voraussetzt.

Über Möglichkeiten der Integration von Audiovisualität in die Wissenssoziologische Diskursanalyse sprach BORIS TRAUE (Lüneburg). Er plädierte dafür, die Vermischung von Bildern und Texten nicht als Problem, sondern als methodologische Ressource aufzufassen und Audiovisualität als zentralen Teil der Phänomenstruktur zu begreifen. Wie sich dies forschungspraktisch umsetzen lässt, zeigte der Vortrag entlang von vier Spezifika des Visuellen: a) dem Unterschied zwischen Praktiken des Sichtbarmachens (Visualität) einerseits und Sichtbarkeit (Visibilität) als Ergebnis ebendieser Praktiken andererseits; b) der Visualität und dem Imaginären; c) dem Dingcharakter der Bilder und d) Sicht- und Hörbarkeit als Formen basaler Anerkennung und Überwachung. Am Beispiel medialer Inszenierungen der fat-acceptance-Bewegung erläuterte Traue, wie sich die Phänomenkonstitution mittels feldspezifischer „fokussierter Hermeneutiken“ wie etwa Komposition, Ikonografie, Atmosphäre, Stil, szenische Darstellung, Gestik/Mimik und Serialität interpretieren lässt.

Mit dem sowohl im Augsburger Arbeitskreis als auch darüber hinaus seit längerer Zeit diskutierten Unterschied zwischen Diskurs und Dispositiv sowie der Vereinbarkeit von Diskurs- und Dispositivforschung befasste sich der Soziologe WERNER Schneider (Augsburg). „Eine Sage ist keine Tue“ – mit diesem Tucholsky-Zitat leitete Schneider seinen gleichnamigen Vortrag ein. Die beiden schillernden Begriffe aus der Foucault‘schen Theorie, von denen der Diskursbegriff aufgrund des inflationären Gebrauchs der unklarere sei, hätten einen theoretischen Ausgangspunkt in der diskursiven Konstruktion der Wirklichkeit gemein, denn sie zeigten eine gemeinsame Herangehensweise und einen identischen Denkstil an. Und doch würden sich darauf aufbauend methodische und empirische Fragen stellen, die eine Trennung von Untersuchungsinteressen und Forschungspraxis notwendig machten. Das Dispositiv, so Schneider, entstehe zwar aus dem Diskurs, aber es lasse sich mit den Mitteln der Diskursforschung nicht angemessen untersuchen. Als Beispiel zog Schneider vor allem die Dispositive der Hirntoddiagnostik sowie der Pflege und Sterbebegleitung heran.

Passend zur vorangegangenen Keynote von Werner Schneider ging es in Stream 3 mit bildungspolitischen Diskursen weiter, wenngleich LUDWIG Gasteiger (Augsburg) in seinem Vortrag eine makrosoziologische Perspektive vertrat und sich anders als Schneider durchaus auf die infrastrukturelle Dimension des Dispositivbegriffs festlegte. Gasteiger erläuterte seinen Ansatz der Dispositivforschung, der einen an Fritz Scharpf orientierten Verflechtungsbegriff mit einbezieht, um anschließend eine kritische Betrachtung der Strukturen und Akteure der Wissens- oder Evidenzproduktion in der bayerischen Bildungspolitik zu präsentieren.

Mit Bildungsdiskursen in der Schweiz befasste sich der Vortrag von CHRISTOPH MAEDER und MICHAELA HEID (beide Zürich). Ausgehend von einer Rechtsreform, die die interkantonale Harmonisierung der Volksschulen vorsieht, wurden mittels der Wissenssoziologischen Diskursanalyse diskursive Formationen in schulbezogenen Reformen untersucht. Im Ergebnis zeigten sich konträre Vorstellungen davon, wie Bildung zukünftig reguliert werden soll. Der Idee einer modernen, einheitlich und OECD konform agierenden Schweiz stehe das Bild einer traditionellen, kantonal organisierten Bildungspolitik gegenüber. An diesem Befund zeichne sich eine „Semantisierung von Machtverhältnissen“ ab, die von den ReferentInnen als Dualität der Dispositive „Bildungsraum Schweiz“ versus „Kantonale Bildungssysteme“ dargestellt wurde.

Über die Wirkung und Wirkungslogik von „Bildungsforschung im öffentlichen Diskurs“ referierten MARKUS Riefling und FREDERICK de Moll vom Wissenschaftsnetzwerk Research Safari (Frankfurt am Main). Sie präsentierten Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus zwei Forschungsprojekten (RisE 1 und 1plus), die sich insbesondere mit der medialen Verarbeitung und Verbreitung zweier aufsehenerregender Bildungsstudien und der dahinter stehenden Wissenschaftlerfiguren im nationalen sowie internationalen Kontext befassten. „Wie werden Erkenntnisse der Bildungsforschung öffentlich distribuiert und (re-)produziert?“, so formulieren die beiden Wissenschaftler die Leitfrage ihrer Einzelstudien. Für die beiden betrachteten Bildungsstudien stellten sie eine konservative Tendenz fest – für die deutsche Studie an einem Plädoyer für den Schulwechsel nach der vierten Klasse festzumachen, für die internationale an der Aussage, dass es auf den Lehrer ankomme – und brachten diese in einen positiven Zusammenhang zur Rezeption.

Der Vortrag von MARIE-KRISTIN DÖBLER (Milton Keynes / Newcastle) und ANNINA ZOGG (München) präsentierte Ergebnisse einer Wissenssoziologischen Diskursanalyse der Debatten über Masern und Masernimpfung in Deutschland. Rekonstruiert wurde ein staatliches Impfdispositiv, das sich als Legitimationsgrundlage einer einfachen Regierungstechnologie betrachten lässt: Dem Nicht-Impfen als Risiko wird das Impfen als Lösung gegenübergestellt.

SIMON LEDDER (Tübingen) untersucht das Phänomen des digitalen Spielens aus der Perspektive einer Kritischen Diskursanalyse. Sein Vortrag erörterte mediale Spezifika und Diskursivität digitaler Spiele, um sich anschließend der Feinanalyse des Spiels „Deus Ex: Human Revolution“ zu widmen. Indem er den Fokus auf Repräsentationen von ‚Behinderung‘ legte, stellte Ledder einen normalisierenden Interdiskurs fest, der Subjekte als kontrollierbar und den Verlust ihrer Autonomie als Gefahr entwirft.

Über die „Regierung von Demenz“ sprach der Pflegewissenschaftler MATTHIAS BRÜNETT (Vallendar). Die Zertifizierung demenzfreundlicher Kommunen in England betrachtet er als Dispositiv, um vor diesem Hintergrund neben Fragen der Subjektivierung von Menschen mit Demenz insbesondere die strategischen Implikationen der Deutung von Demenz als Krankheit zu erforschen. Die legitime Geltung dieser Deutung werde durch einen wissensbasierten Umgang mit Betroffenen gestützt. Ferner stellte Brünett Tendenzen einer Vermarktung von Demenz fest, ablesbar an der Konstruktion von Patienten als autonomen Kunden. Der abschließende Vergleich zur Situation in Deutschland zeigte, dass demenzfreundliche Kommunen hierzulande als alternativer Gegenentwurf zur Medikalisierung und damit als Kritik am biomedizinischen Paradigma fungieren.

Die gesellschaftliche Kontroverse um das Thema Fracking als Beispiel für Wissenspolitik bildete den Gegenstand des Vortrags von MATTHIAS KLAES (Augsburg). Er zeichnete die spezifischen Ambivalenzen politischer und wissenschaftlicher Debatten über Fracking nach und präsentierte ein Forschungskonzept, das neben der Wissenssoziologischen Diskursanalyse auch eine Soziologie der Rechtfertigung einschließt. Methodisch wird die Studie als Diskursethnografie realisiert und wendet sich Diskurskontexten, Evaluation und Wissensstrategien rund um Fracking zu.

SINA LEIPOLD (Freiburg) analysierte die Bedeutung diskursiver Handlungsmacht (discursive agency) in der globalen Politik gegen illegalen Holzeinschlag und -handel. In einem Vergleich zwischen Europa, den USA und Australien arbeitete sie zentrale story lines, Agenten und strategische Praktiken im Kontext der Politikfindung und Implementierung von Gesetzen heraus. Als Ergebnis skizzierte sie ein globales Legalitätsregime, bestimmt durch nationalstaatlich orientierte Diskurse und ihre Reinterpretation seitens der Politik.

Der Vortrag von INA Soetebeer (Freiburg) behandelte die Deutungskämpfe um die sogenannte nachhaltige Wirtschaft in Deutschland. Konkret präsentierte Soetebeer eine Fallstudie über die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zu „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ (2011–2013). Als Datenmaterial für ihre Wissenssoziologische Diskursanalyse dienten ihr Interviews mit Kommissionsmitgliedern sowie der abschließende Enquete-Bericht. Im Hinblick auf die interpretative Analytik legte Soetebeer den Fokus auf die wesentlichen Narrative. Auf diese Weise identifizierte sie vier Diskurse der Deutung nachhaltiger Wirtschaft, die sie im Hinblick auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und Unvereinbarkeiten überprüfte.

Eine ungewöhnliche Perspektive auf europapolitische Diskurse nahm MARLON Barbehön (Heidelberg) ein. Der Politikwissenschaftler präsentierte ein Forschungsprojekt zu lokalspezifischen Rationalitäten der Feinstaubpolitik in den deutschen Großstädten Frankfurt am Main und Dortmund. Die vergleichende Analyse von Zeitungsartikeln, Ratsprotokollen und Policy-Dokumenten zur europäisch verordneten Feinstaubreduktion förderte interessante Unterschiede zwischen den städtischen Debatten zutage, mit denen „die EU als stadtspezifisches diskursives Konstrukt“ illustriert werden konnte.

Auch im Vortrag von SIMONE Tappert und TANJA Klöti (beide Fachhochschule Nordwestschweiz) ging es um lokale Diskurse und den urbanen Raum, allerdings um Kleingärten und Freiräume in der Stadt. Im Rahmen eines EU-geförderten Verbundprojekts beschäftigen sich die Wissenschaftlerinnen mit der diskursiven Konstitution und den sozialen Praktiken in und um Klein- oder Familiengärten in den Schweizer Metropolen Basel, Bern, Genf und Zürich. Auf Basis einer theoretisch-methodischen Verknüpfung der Wissenssoziologischen Diskursanalyse mit der sozialwissenschaftlichen Raumtheorie werden Schlüsseldokumente auf Deutungsmuster, Narrative und Problemstrukturen hin untersucht. Im Vortrag erläuterten die Forscherinnen ihr methodisches Vorgehen und präsentierten Beispiele aus der empirischen Arbeit.

MAXIMILIAN Conrad (Reykjavik) widmet sich in seiner Forschung dem neuen Beteiligungsinstrument der Europäischen Bürgerinitiativen (EBI) und damit verbunden der diskursiven Konstruktion transnationaler Wirklichkeit in den sozialen Medien. Die Fallauswahl für den Vortrag umfasste die Facebook-Kommunikation zu sechs EBIs der vergangenen Jahre. Aus den präsentierten Analyseergebnissen zog Conrad das Fazit, dass sich in der Facebook-Kommunikation zu den EBIs die Verwendung des Englischen als lingua franca beobachten lasse, die freilich den Nachteil einer weniger lebhaften Konstruktion von Wirklichkeit mit sich bringe.

Der Folgevortrag von ALEXANDER Fehr und BERND Hirschberger (beide München) zur Analyse von Zeitungsdiskursen im Internet stellte „Erfahrungen, Probleme und Lösungsansätze“ einer diskursanalytischen Bearbeitung von Online-Inhalten in den Mittelpunkt. Verschiedene Studien, die die beiden Vortragenden zu unterschiedlichen Themen mit diversen induktiven oder deduktiven Herangehensweisen durchgeführt hatten, wurden dabei vornehmlich als Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt, um die besprochenen An- und Herausforderungen einer auf Online-Inhalte gerichteten Diskursforschung zu diskutieren.

RIXTA WUNDRAK (Göttingen) fragte in ihrem Vortrag nach der Verzahnung von Diskursen und Praktiken: Wie hängen situative Sprechakte mit diskursiven Handlungsmustern und Erzählpraktiken zusammen? Auf der Grundlage narrativer und ethnografischer Gespräche, die Wundrak in der chinesischen Community von Bukarest geführt hatte, eröffnete sie diskursethnografische Perspektiven auf Interviews und diskutierte, wie Äußerungen Macht erlangen bzw. welche diskursiven Machtwirkungen in Interviews produziert werden.

Eine Diskursethnografie von Konflikt- und Kollaborationsbeziehungen zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft stellte TOBIAS SCHMIDT (München) vor. Am Beispiel eines stadtsoziologischen Forschungsprojekts erläuterte er sowohl individuelle als auch kollektive Handlungs- und Interpretationsmuster im „Kampf um Deutungsmacht“. Der analytische Blick auf soziale Akteure als Disponierte und zugleich Disponierende – im Sinne ihrer Positionierung in Konflikt- und Kooperationskonstellationen – ist Schmidt zufolge geeignet, um das methodologische Potenzial einer ethnografisch fundierten Wissenssoziologischen Diskursanalyse ans Licht zu bringen.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag des Gastgebers. REINER Keller (Augsburg) verwies einleitend auf die Vielfalt von Disziplinen, Themen und Zugängen im Programmheft, um seine Titelwahl „Komplexe Diskursivität“ zu begründen. Tatsächlich befasste er sich im Folgenden dann mit drei Querschnittsaspekten, die er teils in Form von Klarstellungen und Abgrenzungen, teils in Form von Ausblicken und Plädoyers für die Ausrichtung künftiger Forschung präsentierte. In einem ersten Teil ging es um Zugänge zu Visualisierungen in Diskursen. Keller strich die Qualität des Bildes als Diskurselement heraus, das man im diskursiven Kontext als Aussagenträger wahrnehmen und sequenzanalytisch untersuchen müsse, anstatt es immer und ausschließlich einer isolierenden Sonderform der Analyse (zum Beispiel der Einzelbildanalyse) zuzuführen. Der Frage der Materialitäten maß er im zweiten Abschnitt besonderes Gewicht bei. Zwar seien diese – entgegen einiger ‚Überwindungsbemühungen‘ – der Sache nach bereits in Foucaults Diskursbegriff enthalten. Gleichwohl stelle die Beschäftigung mit ihnen bis heute ein Desiderat der Diskurs- und Dispositivforschung dar. Unter der Überschrift „Ordnungen, Unordnungen, Umordnungen des Diskurses“ wandte sich Keller im dritten Teil seines Vortrags sodann einem weiteren, aus seiner Sicht ebenfalls vernachlässigten Aspekt der Diskursforschung zu, nämlich dem Verhältnis von Diskursen und ihren Materialisierungsformen. Gerade heute müssten Diskursforscherinnen sich fragen, wie der Wandel der Medienwelt und offensichtliche Einschränkungen von Presse- und Meinungsfreiheit durch Gewalt und / oder Gewaltandrohungen die Diskursproduktion beeinflusse. Keller schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass diese und ähnliche Fragen bereits Leitthemen für die nächste große Diskurstagung in Augsburg sein könnten, die für März 2017 geplant ist.

Konferenzübersicht:

Reiner Keller / Saša Bosančić (Augsburg), Eröffnung & Organisatorisches

Jo Reichertz (Duisburg-Essen), Wie erlangt man im Diskurs Kommunikationsmacht?

Stream 1: Methodologie & Methoden der Diskursforschung I

Moderation: Matthias Klaes (Augsburg)

Sonja Ammann (Berlin) / Ina Alber (Marburg), Götterpolemik und Weisheitsdiskurs – WDA als Forschungsperspektive auf antike Kulturen

Olaf Kranz (Regensburg), Der Diskurs über Mitarbeiterkapitalbeteiligung: Zwecke als Themen, Akteurskonstruktionen und semantische Leitdifferenzen

Sylka Scholz / David Stiller (Jena), Entwurf einer visuellen Diskursanalyse: Filmanalyse als Wissenssoziologische Diskursanalyse

Stream 2: Subjektivierung – Identitäten – Akteure

Moderation: Willy Viehöver (Augsburg)

Saša Bosančić (Augsburg) / Lisa Pfahl (Berlin) / Lisa-Marian Schmidt (Augsburg), Diskursforschung und Subjektivierungsweisen – Theoretische und empirische Perspektiven

Andreas Hirseland (Nürnberg) / Anna Fohrbeck (Augsburg), Die diskursive Konstruktion des ‘Hartz-IV-Empfängers’ in den Medien: Machteffekte und Identitätspolitiken

Alex Knoll (Thurgau), Dialekt oder Standardsprache im Kindergarten? Zur diskursiven Konstruktion homogener Sprachgemeinschaft und nationaler Identität

Steffen Hamborg (Berlin), Experteninterviews als Material einer vergleichenden Diskursanalyse in lokalen, bildungspolitischen Räumen

Anja Schmidt-Kleinert (Bielefeld), Political engagement without ideology? Young Israelis with a Russian-speaking family background in the Yisra’el Beitenu party and the politics of belonging

Boris Traue (Lüneburg), Sichtbarkeit und Sagbarkeit. Perspektiven, Potentiale und Werkzeuge einer visuelle(re)n Diskursanalyse

Werner Schneider (Augsburg), „Eine Sage ist keine Tue“ – Anmerkungen zur Theorie und methodischen Praxis der Dispositivforschung

Stream 3: Bildungspolitische Diskurse

Moderation: Matthias Roche (Augsburg)

Ludwig Gasteiger (Augsburg), Das Dispositiv der evidenzbasierten Bildungspolitik – Wissensproduktionsinfrastruktur und Machteffekte

Christoph Maeder / Michaela Heid (Zürich), Recht, Reform und Kulturkampf: Diskursive Formationen in der institutionellen Neuordnung der Volksschule in der Schweiz

Markus Riefling / Frederick de Moll / Stefan Zenkel (Frankfurt am Main), Bildungsforschung im öffentlichen Diskurs – Das Beispiel ELEMENT

Stream 4: Diskurse und Dispositive von Gesundheit und Krankheit

Moderation: Saša Bosančić (Augsburg)

Marie-Kristin Döbler (Milton Keynes / Newcastle) / Annina Zogg (München), Den Masern den Kampf ansagen – Das staatliche Impfdispositiv und seine Lenkungs- und Subjektivierungsweisen am Beispiel der aktuellen Masernkampagne

Willy Viehöver (Augsburg), Der Diskurs der Medikalisierung

Matthias Brünett (Vallendar), Über eine Variante der Regierung der Demenz – Eine Gouvernementalitätsstudie aus pflegewissenschaftlicher Perspektive zu demenzfreundlichen Kommunen in England

Stream 5: Umwelt-, Sozialraum- und Nachhaltigkeitsdiskurse

Moderation: Matthias Roche (Augsburg)

Matthias Klaes, Die Frackingkontroverse aus wissenssoziologischer Perspektive

Sina Leipold (Freiburg) / Metodi Sotirov / Georg Winkel / Theresa Frei, Die Bedeutung diskursiver Handlungsmacht in der globalen Politik gegen illegalen Holzeinschlag und -handel

Ina Soetebeer (Freiburg), ‘Beyond Growth’ - Discursive struggles in the German Enquete Commission

Marlon Barbehön (Heidelberg), Die städtische Konstruktion Europas und die Machteffekte diskursiver Ordnungen: Das Beispiel lokalspezifischer Rationalitäten in der Feinstaubpolitik

Simone Tappert/Tanja Klöti, Familiengärten und neue Formen urbanen Gärtnerns: Aushandlungsprozesse städtischer Freiräume in Schweizer Städten

Stream 6: Methodologie & Methoden der Diskursforschung II

Moderation: Oliver Dimbath (Augsburg)

Stream 6a: Online- & Social Media-Diskurse

Maximilian Conrad (Reykjavik), European Citizens’ Initiatives: Constructing Transnationally Shared Understandings in the Social Media?

Alexander Fehr / Bernd Hirschberger (München), Die Analyse von Zeitungsdiskursen im Internet – Erfahrungen, Probleme und Lösungsansätze

Stream 6b: Diskursethnographie

Rixta Wundrak (Göttingen), Die ‘diskurslastige’ Konstruktion des Interviews

Tobias Schmidt (München), Governance als Deutungskampf: Eine ‘Diskursethnografie’ von Konflikt- und Kollaborationsbeziehungen zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft

Reiner Keller (Augsburg), Komplexe Diskursivität