Die Wissenssoziologie im Verhältnis zu sich selbst

1. Sektionskongress der Wissenssoziologie, Universität Koblenz-Landau, 8.–10. Oktober 2015

Im Oktober 2015 versammelten sich rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sowie 13 Arbeitskreise der Sektion Wissenssoziologie unter dem Titel Wissensforschung – Forschungswissen zum ersten Sektionskongress am Campus Landau der Universität Koblenz-Landau, organisiert von JÜRGEN RAAB (Universität Koblenz-Landau). Gemeinsamkeiten widerspiegeln sich bekanntlich nicht alleine in organisationalen Strukturen und raumzeitlichen Kopräsenzen, sondern auch in geteilten Standpunkten, deren es sich unter kritischer Bezugnahme auf theoretische sowie empirische Traditionen und Prospektionen zu vergewissern galt. Wenig erstaunlich also, dass der erste Sektionskongress die in Titel und Thema steckende Reflexivität durchaus ernst nahm. Während die Sessions der Arbeitskreise im Zeichen der Wissensforschung die Pluralität wissenssoziologischer Forschungsinteressen aufzeigten und diskutierten, schärften die Plenarveranstaltungen den selbstreferentiellen Blick für die wissenssoziologische Genealogie, identitätsstiftende Positionen und Personen, sowie deren nationale und internationale Einbettung – also der disziplinären und sozialen Verortung des Forschungswissens.1

In seinem Eröffnungsvortrag betonte der Sektionsvorsitzende REINER KELLER (Augsburg), dass die reflexive Grundhaltung der Wissenssoziologie das gesellschaftliche Handlungsrepertoire nur dann durch neue Erzählungen zu erweitern im Stande ist, wenn die Wissensforschung nicht alltagsweltlichen Nützlichkeiten und Erwartungen hinterherjagt und diese dadurch lediglich reproduziert. Die Forderung nach Unabhängigkeit soziologischer Forschung und entsprechend eigensinnigen Denkstilen ist sicherlich kein Novum. Zur Debatte stand daher primär, welchen Beitrag gerade die Wissenssoziologie hierzu überhaupt zu leisten vermag. Folglich kann mit ILJA SRUBAR (Erlangen-Nürnberg) in sozialkonstruktivistischer Perspektive rückblickend gefragt werden, was geschieht, wenn ein soziales Kollektiv Beschreibungen von sich und seiner Umwelt anfertigt und sich dadurch selbst programmiert?

Die Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Forschungswissen – also der Umwelt – der Sektion in den Arbeitskreisen kann an dieser Stelle aufgrund der gut 100 Vortragenden notgedrungen nur fragmentarisch und entsprechend lückenhaft ausfallen. Nur jene Frage- und Problemstellen sollen daher angesprochen werden, die für anhaltende und übergreifende Diskussionen sorgten. Erschöpfende Einblicke wird der in Planung befindliche Kongressband gewähren.2

Soweit der Wissensbegriff reicht, so vielfältig gestalten sich die Arbeitskreise der Sektion. Ob nun in ethnografischer Perspektive der Umgang mit wissenssedimentierenden Objekten oder auf theoretischer Ebene das Verhältnis von impliziten und explizitem Wissen in den Fokus genommen wurde – stets stellte sich die Frage nach sinnvollen Abgrenzungen, die einer inflationären und dadurch unscharfen Verwendung von soziologischen Grundbegriffen entgegengestellt werden können. Deutlich sichtbar wurden solche Bestreben unter anderen in den Arbeitskreisen der Diskurs- und der Interaktionsforschung, sowie im Arbeitskreis Soziales Imaginäres, der mit einer Diskussion um den Begriff des Imaginären debütierte. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt stellten praxisorientierte Ansätze dar. So bestärkte der Arbeitskreis Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen u.a. eine gesonderte Betrachtung eines inkorporiert-praktischen Gedächtnisses, während die Interpretative Organisationsforschung im ‚practice-turn‘ eine Herausforderung für sozialkonstruktivistische Ansätze konstatierte. Dieser Herausforderung stellten sich auch die Beiträge und Debatten um den Kommunikativen Konstruktivismus, wenngleich hier eine praxisorientierte Erweiterung des Sozialkonstruktivismus nach Peter L. Berger und Thomas Luckmann im Vordergrund stand. Ein dritter Fragenkomplex beschäftigte sich schließlich mit den Rückwirkungen des gegenwärtigen Bild- und Mediengebrauchs auf die lebensweltliche Wahrnehmung und Orientierung. Die Arbeitskreise Visuelle Soziologie und Soziale Metaphorik fragten in diesem Sinne nach den medial tradierten und geformten Zeugnissen sozialer Wirklichkeiten.

Die selbstreferentielle Seite der Wissensforschung kam deutlich in den Plenarveranstaltungen zum Ausdruck. In der ersten, von MICHAELA PFADENHAUER (Wien) geleiteten Plenarveranstaltung wurde unter dem Titel Geschichte und Aktualität der Wissenssoziologie die historische Genese der Sektion nachgezeichnet. Initiiert von ANGELIKA POFERL und NORBERT SCHRÖER (Fulda) fragte die zweite Plenarveranstaltung nach der Stellung des Subjekts in der Wissenssoziologie und durchbrach konsequenterweise die teilweise attestierte, auch personelle Homogenität der Wissenssoziologie. Die autologische Gretchenfrage fand ihren Weg schließlich auch in das dritte und letzte, von Reiner Keller moderierte Plenum, in welchem die Herausforderungen der Wissenssoziologie im Dazwischen von Allgemeiner Soziologie und Spezialsoziologie erörtert wurden: Wer oder was ist dieses wissenssoziologische ‚Wir’, das sich hier selbst beobachtet und darstellt?

Wie so häufig, kamen die ertragreichsten Antworten in Frageform daher. Existiert ein wissenssoziologischer Kanon? Wie weit darf, soll oder muss der Wissensbegriff gefasst werden und wie (de-)zentriert steht dabei das Subjekt? Als weithin konsensfähig erwiesen sich die Forderungen nach einer verstärkten Internationalisierung. Insbesondere da sich die deutschsprachige Wissenssoziologie mit ihrer phänomenologischen Prägung (THOMAS EBERLE, Gallen), ihrer unhintergehbaren Gegenstandsgebundenheit (HANS-GEORG SOEFFNER, Konstanz / Bonn) und dem Sozialkonstruktivismus als ihrer Leitwährung (MARTIN ENDRESS, Trier) ebenso eigenständig wie leistungsfähig präsentiert.

Einen ungewohnten, aber durchaus passenden Abschluss fand der Sektionskongress im Zwiegespräch von RONALD HITZLER (Dortmund) und Hans-Georg Soeffner. Mit Bezug auf tagesaktuelle Debatten setzten sich die Diskutanten mit dem Fremden – und somit unweigerlich auch mit dem Eigenen – auseinander, indem sie die Bedingungen der Möglichkeit und die Grenzen des Grundaxioms der Reziprozität der Perspektiven ausloteten. Resümierend auf die Wissenssoziologie bezogen, erschließt sich hieraus eine Grundhaltung der Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber Perspektiven anderer Disziplinen. Für den Sektionskongress könne dies nahelegen, wie Soeffner in Referenz auf Søren Kierkegaard andeutete, auch die Sektion Wissenssoziologie als Verhältnis zu sehen und zu verstehen, „das sich zu sich selbst verhält“, also nicht als „das Verhältnis, sondern daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält“.3

Fußnoten

1 Um die wechselseitige Durchdringung von Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht nur als reflexive Haltung zu proklamieren, sondern zugleich auch voranzutreiben, wurden die Mitschnitte der Plenarveranstaltungen, des Eröffnungsvortrages und das Abschlussgespräches für alle Interessierten auf YouTube zugänglich gemacht.

2 Bis dahin finden Sie weitere Informationen und Videos auf der Kongresswebseite.

3 Søren Kierkegaard, Gesammelte Werke, Gütersloh 1992 [1849], S. 8.

Dieser Text erschien zuerst in Soziologie.