Dimensionen der Sorge

1. Jahrestagung des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, 24.–25. September 2015

Die erste Jahrestagung des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst zum Promotionsschwerpunkt „Dimensionen der Sorge“ fand am 24. und 25. September in Schwerte (Ruhr) statt und wurde von Anna Henkel, Gesa Lindemann, Isolde Karle und Micha Werner ausgerichtet. Die zirka dreißig Teilnehmenden konnten auf der Tagung darüber diskutieren, wie die Soziologie, Theologie und Philosophie das Phänomen „Sorge“ begreifen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf dem analytischen Potenzial des Konzepts „Sorge“ sowie seiner gegenwartsdiagnostischen Bedeutung. Nicht nur etablierte Positionen wurden dabei vorgestellt, es bestand zudem die Möglichkeit für NachwuchswissenschaftlerInnen, ihre Projekte zu präsentieren. Die thematische Gliederung der Tagung orientierte sich an der konzeptuellen Unterteilung des Forschungsschwerpunkts, der sich erstens mit der „Sorge um sich“, zweitens der „Sorge um andere“, drittens der „Genealogie der Sorge“ und viertens „Interdisziplinären Perspektiven“ der Sorge befasst.

Der erste Block begann mit einem Vortrag von RICHARD PALUCH (Oldenburg). In seinem Dissertationsprojekt untersucht er, wie der Einsatz von Hörsystemen die Umweltbeziehung und das Interaktionsverhalten von hörgeschädigten Personen strukturiert. Die Versorgung mit einer technischen Hörunterstützung ist seiner Ansicht nach sowohl als Technisierung der Sorge um den Anderen als auch der Sorge um sich zu verstehen. Denn idealerweise sollen die Versorgten so interagieren können, als würden sie keiner sozialen Rücksichtnahme mehr bedürfen. Zugleich müssen sie sich im praktischen Leben aber selbst darum sorgen, dass die hörtechnisch vermittelte Umweltbeziehung störungsfrei bleibt.

Um die Interaktionsbeziehungen von Personen mit einer Hörminderung soziologisch zu analysieren, greift Paluch auf eine leibphänomenologisch geprägte Sozialtheorie und auf die qualitative Methodologie der Grounded Theory zurück. Statt bloß mechanisch körperliche Vorgänge zu untersuchen, soll die leibliche Erfahrung in den Blick genommen werden. Der Begriff Körper bezieht sich hierbei auf messbare physische Phänomene, Leib dagegen auf das sinnhaft-sinnliche Erleben. Menschen werden in seiner Arbeit als leibliche Selbste definiert, die sich ,jetzt‘ (zeitlich) und ,hier‘ (räumlich) auf ihre Umwelt beziehen, einander sinnlich wahrnehmen, komplexe Handlungsfolgen koordinieren und Technik auf unterschiedliche Weise verwenden.

FRANZISKA SCHADE (Bochum) beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der religiösen Selbstsorge von Jugendlichen, die sie im Zusammenhang mit der Arbeit von Jugendkirchen untersucht. Im Vordergrund ihres Vortrages standen Ausschnitte aus qualitativen Interviews, die vielfach belegten, dass Jugendliche während ihrer religiösen Entwicklung nach Ausdrucksmöglichkeiten suchen, um ihren Glauben mit ihrem Alltag authentisch und individuell zu verbinden. Diese Ausdrucksmöglichkeiten unterscheiden sich freilich häufig von klassischen kirchlichen Angeboten. Vor diesem Hintergrund plädiert sie dafür, den Begriff Seelsorge in der Wissenschaft wieder offener zu verwenden. Um den verschiedenen Zugängen der Jugendlichen zu Gott gerecht zu werden, müsse die poimenische Forschung wieder ein weiteres Verständnis von Seelsorge in den Blick nehmen. Denn für die Jugendlichen manifestiere sich Seelsorge nicht nur in Einzelgesprächen mit einem Seelsorger, sondern viel mehr noch im Erleben der jugendkirchlichen Gemeinschaft.

HENK VAN GILS (Greifswald) präsentierte sein philosophisches Dissertationsprojekt, mit dem er die existenzielle Grundbestimmung der Sorge zur Diskussion stellt. Dem Menschen sei die Sorge wesentlich gegeben, da es sich bei ihm um ein reflektierendes Selbst handele, welches sich um sich sorgen könne. Die Sorge um sich werde dabei im immanenten sowie transzendenten Kontext erfahrbar. Dabei sind verschiedene Manifestationsformen von Sorge denkbar, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede hinsichtlich der Bewältigung von Sorge aufweisen können. Van Gils betonte, auch historische sowie kulturelle Variationen seien dabei zu berücksichtigen.

ANDREA BIELER (Wuppertal/Bethel) stellte im zweiten Block „Sorge um andere“ die Bedeutung der affektiv-kognitiven Dimension für die Sorge heraus. In der Ausführung wurde deutlich, inwiefern Mitgefühl für eine Sorge um Andere erforderlich ist, etwa bei der professionellen Seelsorge. Die Seelsorge bedarf nämlich eines gefühlten Erkennens, um die verschiedenen Eigenschaften des Anderen akzeptieren zu können. Glaubwürdige Seelsorge sei allerdings auch durch die Annäherung an die Gefühle des Anderen möglich, ohne dass diese Gefühle als originär-eigene Empfindung (nach)erfahren werden müssten. So sei das erfassende Fühlen vor dem Hintergrund einer Differenzerfahrung zu begreifen, die das Fremde des Anderen betone, anstatt es zu ignorieren, zu relativieren oder als eigenes Leiden auszugeben. Mitgefühl könne dazu verhelfen, die Besonderheit des Gegenübers zu berücksichtigen und respektieren.

Eine theologische Position präsentierte auch MAIKE SCHULT (Kiel) in ihrem Vortrag „Wunden versorgen. Dimensionen der Sorge in der Traumaarbeit“. Mit Verweis auf das biblische Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigte sie besondere Erfordernisse beim Umgang mit sorgebedürftigen Personen auf – wie etwa Opfern von Gewaltakten oder Kriegsflüchtlingen, die in vielerlei Hinsicht der Hilfe ihrer Mitmenschen bedürfen. Das Trauma (griechisch für Wunde) erschüttere das Zeit- sowie Wertempfinden der Betroffenen. Traumatisierte seien in ihren Bezügen verunsichert und erlebten permanente Wiederholungen ihrer schrecklichen Erlebnisse, denen sie allein nicht entkommen könnten. Die Sorge um sich selbst sei ihnen nur begrenzt möglich, weshalb es einer Person bedürfe, die ihnen nicht bloß beistehe, sondern auch bezeuge, dass das Erlebnis etwas Vergangenes sei. Dies könne den Leidenden helfen, sich aus der Endlosschleife des Traumas zu lösen, um sich wieder der Gegenwart sowie Zukunft zuzuwenden. Sowohl eine Therapeutin als auch ein Seelsorger kämen für eine solche Begleitung in Frage.

Für HELEN KOHLEN (Vallendar) stand die „Entwicklung und Bedeutung der Care-Ethik im internationalen Vergleich“ im Mittelpunkt ihres Beitrages. Sie wies darauf hin, dass die Care-Ethik zwar im pflegewissenschaftlichen Kontext durchaus rezipiert werde, die Pflegewissenschaft sich aber vor allem auf die Professionalisierung der Pflege konzentriere. Auf diese Weise werde die Care-Ethik selbst in der Pflegepraxis nicht (genügend) berücksichtigt beziehungsweise durch andere Annahmen oder Handlungsanweisungen in den Hintergrund gerückt. Nichtsdestotrotz könnten Pflegende durch die Beschäftigung mit der eigenen Praxis wichtige Elemente herausarbeiten, die für eine „gute Pflege“ von Bedeutung sein können: wie Fürsorglichkeit, Personenbezogenheit oder Nächstenliebe.

ISOLDE KARLE (Bochum) befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Verhältnis von Liebe und Sorge. Ob und wie die moderne Liebe durch die Selbstsorge bestimmt sein kann, untersuchte sie mit Bezug zu den Arbeiten der israelischen Soziologin Eva Illouz und der biblischen Überlieferung. Insbesondere interessiert sie, auf welche Weise soziale sowie kulturelle Dynamiken – beispielsweise die konsumorientierten Kosten-Nutzen-Kalküle, für die Illouz sich interessiert – die Liebe „in den Sog der Selbstsorge“ geraten lassen. Anders als Illouz versteht allerdings Karle die Liebe mit Bezug zur christlichen Überlieferung nicht nur als Leidenschaft. Formen der wechselseitigen Freundschaft können ebenfalls als Ausdrucksformen der Liebe gelten, was auch im christlichen Gebot der Nächstenliebe deutlich werde. Voraussetzung für die Liebe zu anderen Personen wäre folglich die Liebe zu sich. Im Gegensatz zu Eva Illouz sieht Karle die Liebe somit als konstruktives Verhältnis, welches sowohl die Sorge um sich als auch die Sorge um andere einbezieht.

Am zweiten Tag im Block „Genealogie der Sorge“ diskutierte KATRIEN SCHAUBROECK (Antwerpen) die philosophische Position von Harry G. Frankfurt. Das Sich-Sorgen, welches von Frankfurt thematisiert wird, sei eng verknüpft mit dem Phänomen der Liebe. Die Frankfurt‘sche Konzeption der Sorge bezeichne allerdings primär die Ansicht des Einzelnen, was im eigenen Leben als bedeutend erachtet werde. Bei dieser Betrachtung der Liebe beziehungswiese des Sich-Sorgens gehe es deswegen nicht um eine leidenschaftliche Beziehung zwischen Personen, vielmehr um eine Triebkraft des persönlichen Willens, etwas zu finden, was uns im Leben wichtig erscheine und uns ein bestimmtes persönliches Profil verleihe.

KNUT BERNER (Bochum) stellte seine theologische Position zur „Genealogie der Sorge“ vor, indem er die Sorge um die äußere Erscheinung in den Blick nahm. Er stellte heraus, inwiefern das Aussehen von Menschen in einer Leistungsgesellschaft zunehmend in den Fokus von Optimierungspraktiken rückt und mitunter zum elementaren Aspekt der Lebensführung aufsteigt. Die Sorge könne sich in Form eines Kontrollbedürfnisses äußern, wenn es etwa darum gehe, den Körper fest im Griff zu haben und das eigene Gesicht zu wahren. Die Vielzahl an Möglichkeiten, wie der Körper gestaltet werden kann, könne hierbei den Druck erhöhen, sich gesellschaftlichen Normvorstellungen oder Schönheitsidealen anzupassen.

Im Anschluss untersuchte der Soziologe WERNER VOGD (Witten/Herdecke), wie die menschliche Sorge einerseits als Tugend und andererseits als Problem erscheinen kann. Zu unterscheiden sei zwischen einer einfachen Sorge, die die Gegenwart des Menschen im Umgang mit Herausforderungen bestimme, und einer komplizierten Sorge, die dann auftrete, wenn der Mensch angesichts einer unklaren Zukunft eine Überforderung erlebe. Leiden könne demnach durch die Sehnsucht entstehen, zur Einfachheit zurückzukehren, um sich der lähmenden Ungewissheit der komplexen und kontingenten Zukunft nicht stellen zu müssen. Die Seelsorge könne jedoch einen Weg aufzeigen, mit der Überforderung umzugehen. Soziologisch kann sie als besondere Praxis verstanden werden, die die Chance eröffne, wieder ein produktives oder glückliches Leben führen zu können. Dies könne gelingen, wenn sie die Komplexität der Sorge reduziere. Die Sorge vor der allgemeinen Überforderung könne vermieden werden, wenn Sorge wieder auf konkrete Herausforderungen gelenkt werde.

ANNA HENKEL und GESA LINDEMANN (beide Oldenburg) präsentierten im Block „Interdisziplinäre Perspektiven“ ihren sozialwissenschaftlichen Blickwinkel auf die Sorge, bei dem sich Henkel auf den Aspekt des Zukunftsbezugs und Lindemann auf den des Körperbezugs fokussierte.

Henkel definierte den Ausgangspunkt der Sorge mit Plessner in der Fähigkeit eines Selbst, gegenwärtig die Zukunft zu reflektieren. Dabei beziehe ein Selbst sich aber nicht nur auf sich, sondern nehme auch auf die Mitwelt sowie die Umwelt Bezug. Ausgehend hiervon fragte sich Henkel, welchen Einfluss die Offenheit der Zukunft auf die moderne Wissensgesellschaft nehme. Ein potenzielles Risiko (etwa in Form von Krankheit, Jobverlust oder Perspektivlosigkeit) verstärke die Sorge um die Bewältigung der Zukunft, die sich aktuell in der hohen Bedeutung der Eigenverantwortung des Individuums widerspiegele. Konkretisieren sich die Risiken, sehen sich die Menschen mitunter in der individuellen Verantwortung, unterschiedliche Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen, den eigenen Lebensstil bestimmten gesundheitlichen Standards anzupassen, sich fortzubilden oder auch sich selbst anzutreiben. Die Moderne sei folglich nicht durch einen ganzheitlichen Zukunftsbezug in Form eines Sich-Sorgens geprägt, vielmehr gelte die Sorge spezifischen Teilaspekten einer differenzierten Gesellschaft (wie Medizin, Wissenschaft, Wirtschaft usw.).  

Lindemann ging hingegen bei der Thematisierung des Körperbezugs auf die Motivation ein, die durch Lust oder Sorge hervorgerufen werden könnte. Lindemann zufolge kann nämlich ein Selbst durch einen symbolisch vermittelten Bezug auf die ungewisse Zukunft leiblich-affektiv betroffen sein – es verspürt Lust beziehungsweise es sorgt sich. Dieser Zukunftsbezug könne auf zweierlei Weisen in den Aktionen der Subjekte zum Tragen kommen: erstens durch eine Motivierung zu einer bestimmten Handlung, zweitens durch die Annahme oder Ablehnung von Kommunikation. Wichtig für Lindemann ist, die durch den Zukunftsbezug hervorgerufene Lust respektive Sorge als Handlungsmotivation zu begreifen. Wie diese Lust befriedigt oder diese Sorge reduziert werde, könne vielfältige Formen annehmen – auch die Anwendung von Gewalt sei denkbar. Als Handlungsmotivation verstanden könne Lust / Sorge folglich den Grundbaustein einer leibtheoretisch fundierten soziologischen Handlungstheorie bilden.  

MICHA WERNER (Greifswald) nahm schließlich auf die philosophische Tradition zur thematischen Behandlung der Sorge Bezug, wobei vor allem die Phänomenologie Martin Heideggers besprochen wurde. Für Heidegger spielt die Sorge eine zentrale Rolle, allerdings fasst er diese tendenziell egozentrisch. Der existenzielle Stellenwert der Sorge ist seiner Auffassung nach auf ein einziges Selbst bezogen, ohne dass andere Selbste beziehungsweise Relationen zu berücksichtigen wären. Die Annahmen Heideggers blieben nicht ohne Kritik, was vor allem den vielfältigen Arbeiten seiner „SchülerInnen“ zu verdanken ist. Werner stellte unterschiedliche Abgrenzungen zu seiner Konzeption vor, etwa von Emanuel Levinas oder Hans Jonas. Levinas‘ Ansatz sei vor allem durch die Idee geprägt, die Egozentrik durch die Bezugnahme auf Andere zu erweitern, wohingegen Jonas die ethische Verantwortung hinsichtlich einer organismischen Natur in den Vordergrund des Sich-Sorgens stelle. Neben der Frage, inwiefern die Position Heideggers für die Thematisierung der Sorge bedeutend sein kann, erhellte Werner vor allem, welchen Ertrag die Arbeiten bringen, die in kritischer Auseinandersetzung mit dem Heidergger‘schen Verständnis des Daseins als Sorge entstanden sind.

Konferenzübersicht:

24.09.2015

Gesa Lindemann / Anna Henkel / Isolde Karle / Micha Werner (Oldenburg / Bochum / Greifswald), Begrüßung im Namen der wissenschaftlichen Leitung & Vorstellung des Forschungskonzeptes „Drei Dimensionen der Sorge“

Knut Berner (Bochum), Begrüßung im Namen des Evangelischen Studienwerkes

Richard Paluch (Oldenburg), Technisierte Selbstsorge

Franziska Schade (Bochum), Religiöse Selbstsorge von Jugendlichen

Henk van Gils (Greifswald), Selbstsorge und Selbsterkenntnis

Andrea Bieler (Wuppertal/Bethel), Sorge und Mitgefühl

Isolde Karle (Bochum), Beziehungsmuster zwischen Selbstsorge und Altruismus

Helen Kohlen (Vallendar), Entwicklung und Bedeutung der Care-Ethik im internationalen Vergleich

25.09.2015

Katrien Schaubroeck (Antwerpen), Harry Frankfurts Sorgekonzept

Knut Berner (Bochum), Wie sehe ich aus – Sorge um die äußere Erscheinung

Werner Vogd (Witten/Herdecke), Seele – Sorge – Seelsorge

Gesa Lindemann / Anna Henkel (Oldenburg), Soziologie der Sorge – Zukunftsbezug und Körperbezug im Dialog

Micha Werner (Greifswald), Sorge und Verantwortung als ethische Begriffe

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.