Diskurs der Daten: Wie verändern Massendaten unsere Gesellschaft?

Tagung an der Universität Leipzig, 4.–5. Februar 2016

Das Thema Datensicherheit ist hochaktuell. Seit der Snowden-Affäre 2013 findet ein gesellschaftlicher Diskurs der Daten statt, in dem Chancen und Risiken der Verwendung digitaler Informationen debattiert werden. Immer wieder werden neue Gefahren für Internet-Nutzer_innen ausgemacht. Erst Anfang Februar warnte Bundesjustizminister Heiko Maas die Krankenkassen davor, Gesundheitsdaten ihrer Kunden nicht zu missbrauchen, weil diese zur Privatsphäre gehörten. Aber inwieweit verträgt sich das Internet überhaupt mit dem Begriff der Privatsphäre, wenn sich digitale Daten der Kontrolle des Einzelnen entziehen, indem sie ständig automatisch verbreitet, durch einen Klick kopiert und archiviert werden können? Wie verändert sich Gesellschaft und (geistes-)wissenschaftliche Forschungskultur, wenn immer mehr Menschen bereitwillig Informationen über sich selbst ins Internet stellen und auf diese Weise Massendaten generieren? Und wie sind Datendiskurse beschaffen, die Gesellschaft nicht nur widerspiegeln, sondern auch sprachlich konstruieren? Dies waren drei Leitfragen der interdisziplinären Tagung „Diskurs der Daten“, die die AG Sprache in der Politik e.V., an der Universität Leipzig veranstaltete.

Ich hab‘ nichts zu verbergen 2.0

Chancen und Risiken der Datennutzung im Internet – ein gesellschaftliches Thema, das viele Menschen interessiert, weil es sie unmittelbar betrifft? Nun ja. So neu das Thema für viele Geisteswissenschaftler_innen ist, so wenig scheint es den Alltag der meisten Bürger_innen zu betreffen. Gemessen an der Zahl der nicht-wissenschaftlichen Tagungsbesucher_innen tangiert das Thema „Massendaten“ den Einzelnen kaum. Er / sie ist zwar Teil der Masse, aber offenbar keiner kritischen.

In den sozialen Netzwerken selbst sieht das anders aus. Dort gibt es einen – digitalen – Diskurs darüber, warum es gefährlich ist, die eigenen Daten ins Netz zu stellen. KONSTANZE MARX (Berlin) machte sechs Topoi ausfindig, mit denen User_innen für die Einhaltung der Privatsphäre argumentieren. Dabei würden beispielsweise der Kontrollverlust- und der Gefahrentopos häufige, zusammenhängende Argumentationsmuster bilden. Auf der Tagung selbst veranschaulichte das der Blogger MICHAEL SEEMANN (Berlin) – ein Anhänger der Post-Privacy-These – ebenso wie der Medientheoretiker THILO HAGENDORFF (Tübingen). Datenschützer wie PETER SCHAAR (Berlin) sehen hingegen noch Regulierungsmöglichkeiten durch den Staat.

In ihrem Vortrag kam Marx zu dem Fazit, dass ungeachtet unterschiedlicher Konzeptualisierungen von Privatsphäre in den sozialen Netzwerken ein Userverhalten zu beobachten sei, das gewissermaßen einen nicht fühlbaren Kontrollverlust widerspiegele. Die aktive Selbstverdatung, die mit „ich hab‘ nichts zu verbergen“ begründet werde, stehe im Dienste der Persönlichkeitsbildung und eines vermeintlich beherrschbaren Gesehen-Werdens.

Wer twittert nicht?

Längst ist es auch auf Tagungen normal, dass diese von ihren Teilnehmer_innen parallel „vertwittert“ werden. „Wer von Ihnen twittert nicht?“ fragte CAJA THIMM (Bonn) rhetorisch das Plenum. Zumindest Medienwissenschaftler_innen halten es für ihre berufliche Pflicht, sich möglichst breit in den sozialen Netzwerken, die sie erforschen, auch selbst zu positionieren. So kommuniziert JOAN KRISTIN BLEICHER (Hamburg), die einen Vortrag über Faktizität und Fiktionalität im Internet am Beispiel der fiktiven „Online-Omi Renate Bergmann“ hielt, mit ihrem Untersuchungsobjekt auf Twitter und vermischt auf diese Weise Realität und Fiktion in ihren eigenen kommunikativen Praktiken. Bleicher zeigte mit ihrem Beispiel die generelle Problematik einer kaum auszumachenden Unterscheidung von Faktizität und Fiktionalität im Netz auf, die anhand solcher Fake-Biografien wie der von Renate Bergmann spielerisch und explizit auf die Spitze getrieben werde. Autor und Nutzer_innen gehen hierbei einen impliziten Authentizifierungspakt ein, um die fiktive Figur mit ihrer inszenierten Authentizität als reale Kommunikationspartnerin zu konstituieren.

Während die Oberfläche des Internets viele Möglichkeiten der spielerischen Identitäts­konstitution bietet, scheint die Technik dahinter viele Menschen entweder nicht zu interessieren oder ihnen Angst zu machen. Thimm plädierte in ihrem Vortrag dafür, Geisteswissenschaftler_innen sollten ihre Berührungsängste mit der Technik des Internets abbauen. So müsse der im Diskurs zu einem machtvollen Gebilde aufgeblähte Begriff des Algorithmus differenzierter betrachtet werden. Analog zum Grammatikbegriff der Linguistik stellte sie ihr Konzept der Mediengrammatik vor: Die Oberflächengrammatik, die sich aus sichtbaren und zugänglichen Elementen auf der Benutzeroberfläche zusammensetze, werde durch die Konstituentengrammatik, also den Programmcode und die Algorithmen, hergestellt. Thimms Anliegen war es, dem „Mythos Algorithmus“1 mit einer für Geisteswissenschaftler_innen angemessenen Terminologie entgegenzutreten.

FRANK LIEDTKE (Leipzig) betonte, es handele sich bei diesem medialen Grammatikbegriff um eine noch auszuarbeitende Metapher, ein direkter Zugriff auf das Verständnis der Technik sei dadurch noch nicht gegeben. Sein Einwand machte deutlich, dass Geisteswissenschaftler_innen eigene Methoden besitzen, um das Forschungsthema „digitale Massendaten“ anzugehen, aber auch, dass Medientheoretiker_innen wie Thimm und Hagendorff dazu neigen, die Logik der Technobilder2 auf der Ebene der Konstituentengrammatik zu verstehen, während sich der Fokus der Linguist_innen, wie etwa bei der Facebookanalyse von Marx, primär auf die Oberflächengrammatik bezieht.

Die Transparenz der Transparenz

Eine andere Metapher, die den medialen Diskurs der Daten mitbestimmt, ist die der „Transparenz“. In seinem diskurslinguistischen Beitrag widmete sich GEORG WEIDACHER (Graz) diesem Fahnenwort und machte verschiedene Transparenzideologien sichtbar. Bei der gesellschaftlichen Bewertung von Transparenz komme es generell darauf an, wessen Daten betroffen seien. So sei der „gläserne Mensch“, wie er durch die Selbstoffenbarung in den sozialen Medien oder durch staatliches Data Mining entstehe, eine sich gerade realisierende Dystopie; der „gläserne Staat“, wie er von der Piratenpartei gefordert wird, in dem politische Prozesse und Verwaltungsakte nachvollziehbarer werden, dagegen ein wünschenswertes, aber idealisiertes Zukunftsszenario. Als neue Lebensform im Sinne von Ludwig Wittgenstein habe das Internet bereits allumfassenden Charakter, und aus der Forderung nach Transparenz werde schnell ein Transparenzzwang, wie ihn der Philosoph Byung-Chul Han kritisiert.3 Privatheit werde eingeengt, Vertrauen verliere an Bedeutung und der panoptische Effekt zwinge die Bürger_innen zur Selbstzensur.

Eine Textsorte, mit deren Hilfe der Staat seiner Transparenzpflicht nachkommt, ist der jährliche Tätigkeitsbericht des Verfassungsschutzes. THOMAS NIEHR (Aachen) untersuchte die Jahrgänge 2001 bis 2014 qualitativ und quantitativ. In seinen Analysen wurde deutlich, dass diese Berichte wie Geschäftsberichte aufgebaut sind und vorrangig zur eigenen Legitimation verfasst werden. Das Aufzählen der Erfolge der Institution in Verbindung mit einer Darstellung der jeweils aktuellen Gefahrenlage solle die Notwendigkeit des Verfassungsschutzes deutlich machen. Dabei stütze diese Institution ihre Erkenntnisse nicht etwa auf gesammelte „Daten“, sondern verwende den neutralen Begriff der „Eintragungen“; Informationen würden gesetzeskonform aus „allgemein zugänglichen Quellen“ zusammengetragen. Insgesamt seien die Berichte durch sprachliche Vagheit gekennzeichnet, vor allem dann, wenn es darum gehe, Fehler einzuräumen – der Verfassungsschutzbericht als stellenweise intransparente Textsorte diene also zur Herstellung von Öffentlichkeit und Vertrauen im Dienste der geforderten Transparenz. Die Berichte, so ließe sich Niehrs Beitrag zusammenfassen, drücken sowohl eine mangelnde Reflexion des eigenen Handelns aus als auch geringe Empathie in Bezug auf das Informationsbedürfnis der Bürger_innen zum Vorgehen des Staates.

Empathie und Internet scheinen dabei ein Begriffspaar zu bilden, das sich in der Realität ebenso wenig miteinander verträgt wie Privatsphäre und Internet. Am Beispiel von Thomas Nagels Aufsatz „What is it like to be a bat?“4 diskutierte WOLF-ANDREAS LIEBERT (Koblenz) Grade der Empathie als ein Sich-Hineinversetzen in den anderen. Empathie als kommunikative Praxis zeige sich in der Fähigkeit zur Projektion, zur Reziprozität und zur Parteinahme in sogenannten Empathiegemeinschaften. Nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch der gesamte somatische Bereich des Gehirns, in dem etwa Spiegelneuronen unbewusste Prozesse steuern, sei wichtig für die menschliche Empathiefähigkeit. Gerade bei der Internetkommunikation, die hauptsächlich schriftlich und nicht face-to-face abläuft, werde der somatische Bereich aber kaum angesprochen. Das Sichhineinversetzen in den anderen, gesichtslosen Kommunikationspartner erlebe einen Hiatus, der mittels Fiktionalisierungen überbrückt werden müsse. Freilich gelinge das nicht immer. Während Bleicher in ihrem Vortrag spielerische, bewusste Fiktionalisierungen zur Identitätskonstruktion im Internet dargestellt hatte, lieferte Liebert mit seinem den Empathiemangel unvollkommen ausgleichenden Fiktionalitätsbegriff einen Erklärungsansatz dafür, warum es im Netz so häufig zu Shit-Storms und Aggressionen kommt.

Insgesamt zeigte sich, dass das Thema „Chancen und Risiken digitaler Massendaten“ aus linguistischer und medientheoretischer Perspektive gewinnbringend diskutiert werden konnte, obwohl der Bereich der „Massendaten“ auf den ersten Blick eher in den sich immer weiter vergrößernden Bereich der Digital Humanities zu gehören scheint. In dieser Hinsicht leistete die Tagung wichtige Vorarbeit, um das Thema auch in den traditionelleren, vor allem sprachwissenschaftlichen Disziplinen zu etablieren. Im Hinblick auf die Leitfragen der Tagung demonstrierten die Wissenschaftler_innen also, dass ein geisteswissenschaftliches Umdenken und Umorientieren hin zu Fragestellungen erfolgt, die die Digitalität der Gesellschaft betreffen, wenngleich konkretere Forschungsfragen und -wege noch auszuloten sind. Während die Diskurslinguist_innen in ihren Analysen darauf abzielten, auf einer Metaebene zu rekonstruieren, wie sich die „Daten-Gesellschaft“ selbst sprachlich konstruiert, stützten sich die Medienwissenschaftler_innen in ihren Beiträgen auf technische Hintergründe, Gefahren, aber auch Möglichkeiten, die das Netz bietet – und machten sich mit ihren Aussagen zum potenziellen Untersuchungsobjekt der ersteren.

Konferenzübersicht:

Frank Liedtke / Pamela Steen (Leipzig), Einführung

Thilo Hagendorff (Tübingen), Resilienz und Mediennutzungsstrategien angesichts des digitalen Kontrollverlusts

Georg Weidacher (Graz), Die Ideologie der Transparenz: Feldspezifische Argumentationsmuster im Diskurs über internet-geprägte Lebensformen

Konstanz Marx (Berlin), Privatsphäre 2.0. oder „Ich hab nichts zu verbergen“ – Zur Rekonstruktion einer Konzeptualisierungsmodifikation

Wolf-Andreas Liebert (Koblenz-Landau), Digitale Empathie

Abenddiskussion: Peter Schaar (Berlin), Michael Seemann (Berlin), Konstanze Marx (Berlin), Welche Chancen und Risiken bieten digitale Massendaten?

Thomas Niehr (Aachen), Von „allgemein zugänglichen Quellen“ und „nachrichtendienstlichen Mitteln“ – zur Semantik von Verfassungsschutzberichten

Caja Thimm (Bonn), Diskurspraktiken in algorithmisierten Welten – Eine Perspektivierung aus der Sicht von Medienlogik und Mediengrammatik

Joan Kristin Bleicher (Hamburg), Grenzgängerin zwischen Fakten und Fiktion bei der Inszenierung virtueller Figuren am Beispiel von Online-Omi Renate Bergmann

Simone Heekeren (Aachen), „Flaggschiff“ im „Daten-Tsunami“ – Das Human Brain Project im öffentlichen Diskurs

Fußnoten

1 Thomas Christian Bächle, Mythos Algorithmus. Die Fabrikation des computerisierbaren Menschen, Wiesbaden 2015.

2 Vilém Flusser, Kommunikologie, Frankfurt am Main 1998.

3 Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Berlin 2013.

4 Thomas Nagel, What Is It Like to Be a Bat?, in: The Philosophical Review 83 (1974), 4, S. 435–450.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.