Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Interdisziplinäre Tagung in Graz, 26.–28. November 2015

Das Feuilleton ist ein nicht nur literatur- und medienwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich bedeutsamer, gleichzeitig aber nahezu unerforschter Raum, der durch stilistische und rhetorische Vielfalt geprägt ist. Die Ende November in Graz veranstaltete interdisziplinäre Tagung sollte dazu dienen, dieses Phänomen besser zu ergründen. Dazu hatten die Organisatorinnen Hildegard Kernmayer und Simone Jung ExpertInnen diverser Fachrichtungen eingeladen, die die historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen des Feuilletons nachzeichneten und diskutierten.

HILDEGARD KERNMAYER (Graz) benannte in ihrem Eröffnungsvortrag die Charakteristika des Feuilletons des 19. Jahrhunderts. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive seien diese als Subjektivität, Poetizität und Bewegung sowie die sich daraus ergebende Gattung oder Kunstform als Feuilletonismus zu bestimmen. Laut ihrer „Feuilletonpoetik des Dazwischen“ bleibt das Feuilleton „in der Gattungstrias wegen seiner schwer fassbaren Eigenheit, bestehende Textgattungen ‚feuilletonistisch zu überformen’, außen vor“. Die Nähe feuilletonistischer Texte zum Stil der Publizistik wie auch der fehlende Anspruch des Feuilletons, sich als Literatur zu behaupten, seien einerseits der Erscheinungsform im Medium Zeitung und andererseits der ökonomischen Abhängigkeit ihrer Verfasser vom jeweiligen Medium geschuldet. Letzteres bedinge auch das hohe Maß an Selbstreflexion der Feuilletonisten.

Im Anschluss diskutierte der Literaturwissenschaftler WALTER SCHÜBLER (Wien) in seinem Vortrag „Beim Genick packen“ die Aversion, die der Journalist Anton Kuh (1890–1941) gegen den „Feuilletonismus“ als Weltanschauung an den Tag legte. Kuhs 1918 niedergeschriebene Forderung an ein neues Feuilleton der Gegenwart stellte sich gegen die „Radetzkymarsch-Trägheit“ des damaligen Österreich, seine eigenen Portraits, Skizzen und Geschichten, Besprechungen, Würdigungen und Glossen gäben dagegen die Eindrücke eines hellwachen Zeitgenossen wider, betonte Schübler.

Die Slawistin IRINA WUTSDORFF (Tübingen) thematisierte in ihrem Vortrag zwei “Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur”, nämlich Jan Neruda und Egon Erwin Kisch. Ersterer war Schriftsteller und Feuilletonist im Kontext der Nationalen Wiedergeburt, Zweiterer erlangte in den Weltkriegen als “rasender Reporter” Bekanntheit. In den Werken beider Autoren ließen sich aber auch Spuren der jeweils anderen Tradition finden. Wutsdorff zeigte insbesondere auf, welche Rechtfertigungsstrategien sich angesichts des Spannungsverhältnisses zwischen Fakten und deren Bearbeitung zugunsten der Kunstfertigkeit der Texte in den Schriften nachvollziehen lassen.

Organisatorin SIMONE JUNG (Hamburg) eröffnete mit ihrem Vortrag “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart” den zweiten Teil der Tagung, dessen Schwerpunkt auf Debatte und Kritik lag. Mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um die Berliner Volksbühne in den überregionalen Feuilletons vom März 2015 konstatierte Jung, diese Debatte mache Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. Im Feuilleton würden sich unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte miteinander vermischen und damit neue Verweiszusammenhänge erschließen, die zwischen bürgerlich-hochkulturellen und “populären Diskursen” vermitteln. Die neue Vielfalt der Kulturen wirke sich dabei nicht nur auf Themen und Sprecher im Feuilleton aus, sondern auch auf die dort geführten kulturellen Kämpfe und Debatten.

THOMAS HECKEN (Siegen) konnte mit seinem Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton” direkt an Jung anschließen. Vom Rechtssystem ausgehend führte er aus, in welcher Weise Werturteile explizit gemacht werden. Landesmediengesetze beispielsweise verlangen, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig und wahrheitsgemäß berichten sowie Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Hecken bewies jedoch empirisch, wie wenig Platz reinen Meldungen im Feuilleton eingeräumt wird. Er verglich Meldungen der Deutschen Presseagentur (dpa) mit deren Adaption im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kam zu dem Ergebnis, dass die per Definition neutrale Ursprungsmeldung immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde, mit einem impliziten Gestus der moralischen oder ästhetischen Wertung versehen worden sei.

ANDREAS ZIEMANN (Weimar) betrachtete die “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ aus Sicht eines Soziologen und fragte nach dessen Selbstverständnis. Ziemann geht von Pierre Bourdieus Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, der im Wechselverhältnis zu dem Feld stehe, aus dem heraus er spreche und agiere. Das Feuilleton habe eine Vermittler- wie Multiplikatorfunktion und biete eine Plattform für intellektuelle Interventionen, was den Feuilletonisten selbst jedoch nicht automatisch zum Intellektuellen mache. Notwendig für die Zukunft des Feuilletons sei eine „neue Ästhetik, die sich nicht aus Zielen, sondern aus bestehenden Grenzen des Feuilletons ergeben müsse“, folgerte Ziemann.

Hildegard Kernmayer verlas nun im Namen der erkrankten NADJA GEER (Berlin) deren Vortragstext über Facebook und das Debattenfeuilleton. Geer, die zu Popkultur und -geschichte forscht, widmete sich der rund um das Video „Wrecking Ball“ der Sängerin Miley Cyrus entbrannten Popdiskussion in den sozialen Medien und kam zu dem Schluss, dass Facebook nun in der Reihe der Feuilletonplattformen angekommen sei. Ausgehend von Ijoma Mangolds in der Zeit erschienenem Artikel „Das Ende der Rechthaberei“1 bemühte sie den Medienwissenschaftler Marshall McLuhan und setzte dessen Diktum „The Medium is the Message“ in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – Agency, Algorithmus und Akzeleration. Sie verwies daraus folgernd auf die Problematik von “Pseudozufällen”, die aufgrund von Algorithmen in den (Feuilleton-)Debatten auftreten können, und sah in der Verweigerung, im Netz norm- und formgerecht zu schreiben, Subversionspotenzial.

“Literaturkritik im Feuilleton“ stand im Mittelpunkt von SIBYLLE SCHÖNBORNs (Düsseldorf) Überlegungen zu „Theorie und Praxis einer Gattung“, die sie am Beispiel des Theater-, Kabarett- und Literaturkritikers Max Herrmann-Neiße (1886–1941) entfaltete. Herrmann-Neiße vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik”, das er mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit” verband. Dafür setzte er eine Fähigkeit, die Werke anderer zu bewundern, voraus. Ein guter Kritiker müsse, so Hermann-Neiße, zugleich Dichter sein, was ihn letztlich zu einem Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis mache.

CHRISTA BAUMBERGER (Basel) schloss sich mit ihrem Vortrag über Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er- und 1930er-Jahre an. Dabei betonte sie, Hennings werde erst seit einigen Jahren nicht nur als Dada-Mitbegründerin, sondern auch als bedeutende (Feuilleton-)Autorin der literarischen Moderne im wissenschaftlichen Diskurs gewürdigt. Im Vortrag standen Hennings Literaturkritiken und Autorenporträts im Vordergrund, deren Ton plaudernd verspielt sei und Genregrenzen überschreite. „Hennings ist keine Literaturkritikerin“, lautete Baumbergers Einschätzung. Ihre Texte würden sich vielmehr gleichsam als Liebkosungen um die Bücher schmiegen und in Empfehlungen an die Leserschaft gipfeln. Gleichwohl sei ein publizistisches Wechselverhältnis zu konstatieren: Hennings sei Beobachterin im Auftrag des Feuilletons und werde als Autorin wiederum vom Feuilleton beobachtet.

BETTINA BRAUN (Zürich) beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der ‚Kleinen Form’ im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933. Das Feuilleton erfuhr in dieser Epoche eine starke Abwertung, da es angesichts der ‚wichtigeren’ gesellschaftlichen und politischen Umstände seiner Zeit als ‚nebensächlich’ erachtet wurde. Braun zeichnete die zeitgenössische Medienwelt anhand von Textbeispielen von Robert Musil, Franz Hessel und Alfred Polgar nach. Sie sieht die Rezeptionsgeschichte als Schlüssel zum Verständnis der Exilfeuilletons, dessen wesentliche Texte sie durchaus als Kommentare zum Zeitgeschehen bewertet, und versucht damit den Vorwurf, Feuilletons seien ‚nebensächlich' und vermittelten keine eigene Aussage, zu widerlegen.

Kritikerstimmen aus der Versenkung zu holen und ihre Rezeptionsgeschichte nachzuzeichnen, funktioniert selbstredend nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Zum Thema “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” ergriffen nun MARC REICHWEIN (Innsbruck) und MICHAEL PILZ vom Innsbrucker Zeitungsarchiv das Wort. Das Interview müsse gegenwärtig darunter leiden, als billiges, recherchearmes Mittel der Berichtgestaltung zu gelten. Die beiden Forscher beziehen sich dabei vor allem auf Aussagen des Literaturkritikers Hubert Winkels, demzufolge personenbezogene Textformen in der Presse zunähmen. Ihre quantitative und qualitative Analyse habe jedoch ergeben, dass die unterstellte Zunahme personalisierter Formen auf Kosten von Rezensionen nicht belegbar sei.

Den letzten Beitrag leistete JAN DREES (Münster), der sich mit digitaler Literaturkritik beschäftigte. Drees, selbst Doktorand, Blogger und Journalist, stellte (Literatur-)Blogs als Nischen vor, in denen sich nicht nur der feuilletonistische Stil erhalten habe, sondern auch ein Ort der qualitativ-hochwertigen Literaturkritik. „Blogs kämpfen jedoch mit dem gänzlichen Fehlen eines geeigneten Finanzierungsmodells“, so Drees. Am Beispiel von zehn Literaturblogs sowie den dahinter agierenden BloggerInnen, denen er mittels einer Fragebogenerhebung Informationen und Prognosen zur aktuellen und zukünftigen Finanzierung ihrer Blogs entlocken konnte, präsentierte er mögliche Formen der Finanzierung, etwa Links zu Sponsoren, Werbeanzeigen oder Sponsored Posts.

Im Rahmen der Tagung fand auch eine Podiumsdiskussion im Grazer Kunsthaus statt, bei der die FeuilletonistInnen schließlich selbst zu Wort kamen. LOTHAR MÜLLER (Süddeutsche Zeitung), die Literaturkritikerin SIGRID LÖFFLER, DORIS AKRAP (tageszeitung) und EKKEHARD KNÖRER (Merkur) diskutierten das allgemein prognostizierte Feuilletonsterben sowie den Status Quo und die Anforderungen an ein mögliches bedeutsames Feuilleton der Zukunft. Die Struktur von Zeitungen, strategische Entscheidungen, Meinungshoheit und Selektion würden ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis schaffen und wurden daher zunächst als Probleme der heutigen Medienlandschaft identifiziert. Obwohl die Diskussion immer wieder durch die etwas zu strenge Moderation gebremst wurde, kam man schließlich darin überein, dass eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche im Bereich Politik, Wirtschaft und Sport erfolgt sei, dass damit einhergehend aber auch eine Politisierung wie Boulevardisierung des Feuilletons stattgefunden habe. Diese Entgrenzung sei nicht nur auf einen Mangel an Qualität unter den gegenwärtigen Bedingungen schwindender ökonomischen Ressourcen zurückzuführen, sondern vornehmlich eine Reaktion auf die sich verändernde Leserschaft.

Auf die Gründung einer „Interdisziplinären Gesellschaft für Feuilletonforschung“ konnten sich die TeilnehmerInnen der Grazer Tagung schließlich am zweiten Abend einigen. Durch die neue Gesellschaft sollen ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft im Bereich Feuilleton und Kulturjournalismus miteinander vernetzt werden, um das Feuilleton nachhaltig als Forschungsgebiet erschließen zu können.

Konferenzübersicht:

Martin Polaschek (Graz), Begrüßung

Hildegard Kernmayer (Graz), Feuilleton. Zur Poetik des Dazwischen

Walter Schübler (Wien), „Beim Genick packen und hinauswerfen!“ – Anton Kuhs Aversion gegen den, Feuilletonismus’

Irina Wutsdorff (Tübingen), Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur: Jan Neruda und Egon Erwin Kisch

Simone Jung (Hamburg), Das Spiel der Differenzen. Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart

Thomas Hecken (Siegen), Werturteile im heutigen Feuilleton

Andreas Ziemann (Weimar), Praxis und Funktion des Medienintellektuellen

Nadja Geer (Berlin), Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton

Sybille Schönborn (Düsseldorf), Literaturkritik im Feuilleton. Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der Kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße

Christa Baumberger (Bern), Ein „zarter und zierlicher Ton“: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er-Jahre

Gesellschaft für Feuilletonforschung – Vernetzungsaktivitäten

Podiumsdiskussion: Denken zwischen Ästhetik und Ökonomie. Zur Lage des Feuilletons

Es diskutierten:

Doris Akrap (taz. die tageszeitung)

Ekkehard Knörer (Merkur)

Sigrid Löffler (ehem. u.a. profil, Die Zeit, ZDF)

Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)

Moderation: Colette Schmidt

Bettina Braun (Zürich), Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils

Marc Reichwein und Michael Pilz (Berlin), Das Interview – Zur Ehrenrettung einer feuilletonistischen Form

Jan Drees (Wuppertal), Klicks statt Kohle: Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat

Abschlussdiskussion