Fleisch. Vom Wohlstandssymbol zur Gefahr für die Zukunft

Tagung der Sektion Land- und Agrarsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Hochschule Fulda, 6.–7. November 2015

Fleisch erlebt seit einigen Jahren einen fundamentalen Bedeutungswandel. Galt es über lange Zeit als Symbol für Wohlstand und eine gesunde Ernährungsweise, steht Fleisch derzeit wie kein anderes Lebensmittel im Zentrum der ökologischen, sozialen, gesundheitsbezogenen wie ethischen Kritik am industrialisierten Ernährungssystem. Fleisch ist zum Kristallisationspunkt gesellschaftspolitischer Debatten um nachhaltige Ernährung sowie einen ethisch korrekten Umgang mit Nutztieren geworden. Entsprechend werden nicht nur die Strukturen und Probleme der heutigen Tierhaltung diskutiert, sondern auch die Suche nach künftigen Perspektiven für den Fleischkonsum und nach möglichen Alternativen ist in vollem Gange.

Dieses Problemspektrum aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, war Anliegen der Tagung, die am 6. und 7. November 2015 an der Hochschule Fulda stattfand. Dabei entwickelten die Organisatorinnen Jana Rückert-John und Melanie Kröger explizit eine interdisziplinäre Perspektive auf theoretische wie empirische Fragen des vergangenen, gegenwärtigen wie künftigen Fleischkonsums und der Fleischproduktion, welche nicht nur zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Sichtweisen vermitteln, sondern auch verschiedene Bindestrichsoziologien wie die Land- und Agrarsoziologie, die Ernährungssoziologie, die Umwelt-, Konsum-, Kultur und Geschlechtersoziologie sowie andere Sozialwissenschaften miteinander ins Gespräch bringen sollte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen diskutierten unter dieser Prämisse über vielfältige Facetten der Fleischproblematik. Ausgehend von einem Keynote-Vortrag von HARALD GRETHE (Hohenheim) setzte man sich im ersten thematischen Block mit den Strukturen, Problemen und Alternativen der heutigen Nutztierhaltung auseinander. Dabei skizzierte Grethe in seinem Vortrag die zentralen tierschutzbezogenen Problemfelder sowie Leitlinien und Empfehlungen, welche im gleichnamigen Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im März 2015 formuliert wurden. Daran anknüpfend beleuchtete BERNARD HÖRNING (Eberswalde) den viel verwendeten, jedoch nur unklar definierten Begriff der Massentierhaltung und deren tatsächliche Ausprägung in Deutschland. Anschließend ergründete SUSANNE V. MÜNCHHAUSEN (Eberswalde) Erfolgsbedingungen für den Aufbau wertebasierter Wertschöpfungsketten in der ökologischen Lebensmittelwirtschaft. Auf der Grundlage ausgewählter europäischer Fallstudien illustrierte sie, wie erfolgreiche Wachstumsprozesse in Nischenmärkten gestaltet werden können, ohne dass das Vertrauen zwischen Produzent und Verbraucher beeinträchtigt wird.

An diese übergreifenden Beiträge knüpften die folgenden drei Vorträge von ANDREA FINK-KESSLER (Kassel/Witzenhausen), MARCEL SEBASTIAN und JULIA GUTJAHR (beide Hamburg) an, die sich detaillierter mit (tierschutz-)rechtlichen Aspekten sowie soziologischen Fragestellungen des Schlachtens befassten. Während Fink-Keßler die rechtlichen Herausforderungen des Schlachtens im Bereich handwerklicher Fleischverarbeitung im Haltungsbetrieb skizzierte, beleuchtete Sebastian die Sichtweisen, die Schlachthofarbeiter auf ihre Arbeit entwickeln, und verortete diese in der Debatte um „dirty work“.1 Demgegenüber nahm Gutjahr in ihrem Beitrag Initiativen in den Blick, die auf die Industrialisierung und die Anonymität des Schlachtens reagieren, indem sie sowohl die Tiere als auch das Schlachten in den Diskurs um Fleischproduktion und -konsum zu reintegrieren versuchen.

Der erste Tag schloss mit einem weiteren Keynote-Vortrag von FRANZ-THEO GOTTWALD (München), der über die ethische Dimension von Fleischproduktion und -konsum sprach. Ausgehend von der These, Fleisch sei eine Gefahr für die Zukunft, forderte er für die einzelnen Teilschritte der Fleischproduktion eine Übereinkunft über spezifische Produktionsethiken sowie daran anknüpfend die Festlegung gesetzlicher Regelungen, welche der Sicherstellung des Tierwohls Rechnung tragen. Dabei verwies Gottwald auf die Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Transformation, die sich angesichts der ethischen Herausforderungen, mit denen die derzeitige Praxis der Nutztierhaltung konfrontiert sei, nicht in der Herausbildung von Nischenmärkten erschöpfen dürfe.

Der Fokus des zweiten Konferenztages richtete sich auf unterschiedliche Aspekte des Fleischkonsums sowie dessen Alternativen. Zunächst zeichnete OLE FISCHER (Hamburg) in seinem Keynote-Vortrag zur Fleischnot-Thematik im 19. Jahrhundert den gesellschaftlichen Bedeutungswandel von Fleisch in historischer Perspektive nach. Er betonte, diesem Lebensmittel wohne aufgrund seiner Rolle als soziales Distinktionsmerkmal sowohl in der Geschichte als auch gegenwärtig ein bedeutendes Politisierungspotenzial inne. Im Anschluss an seine historiografischen Betrachtungen präsentierte ERIKA CLAUPEIN (Karlsruhe) aktuelle Daten zum Fleischverzehr in Deutschland, die sie nach soziodemografischen Merkmalen und Energiezufuhr auffächerte. Insbesondere berücksichtigte sie dabei die Faktoren Geschlecht, Alter, Bildung und Einkommen. So zeigen die im Rahmen der Nationalen Verzehrstudie II erhobenen Daten beispielsweise deutliche Unterschiede in den Ernährungsgewohnheiten von Männern und Frauen, wobei Männer doppelt so viel Fleisch, Wurst und Fleischerzeugnisse konsumieren wie Frauen.

Die Beiträge zum Fleischkonsum aufgreifend, befassten sich die Vorträge von DENNIS KIRSCHSIEPER (Duisburg-Essen) und ESTHER SEHA (Lüneburg) mit der Frage, inwiefern Ernährung als öffentliche oder private Angelegenheit zu verstehen sei. Während Kirschsieper anhand von Interviews mit Studierenden untersuchte, ob der Fleischkonsum Privatsache ist und sein sollte, nahm der Beitrag von Seha die politische Auseinandersetzung um den 2013 von der Partei Die Grünen vorgeschlagenen Veggieday in Kantinen in den Blick.

Der letzte Themenblock problematisierte tier- und fleischfreie Ernährungs- und Lebensweisen sowie Alternativen zum gängigen Fleischkonsum unter den Gesichtspunkten von Lebensstil und sozialem Status. JOHANNA ZÜHLKE (Kassel) setzte sich mit der Vergeschlechtlichung von veganen Ernährungspraktiken auseinander und betrachtete den Zusammenhang von Veganismus und tradierten Geschlechterbildern. Daran anknüpfend untersuchte ALEXANDRA RABENSTEINER (Wien) die geschlechtlichen und sozialen Vorstellungen von Fleisch, die in Publikationen wie dem Männermagazin Beef! zum Ausdruck kommen, während MARTIN WINTER (Aachen) die Konstruktion von Männlichkeit und die Perpetuierung von Geschlechterdifferenzen im Veganismus analysierte.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in allen Tagungsbeiträgen die Verwobenheit ökonomischer, kultureller, sozialer und politischer Aspekte der Fleischproduktion beziehungsweise des Fleischkonsums deutlich wurde. Gleichermaßen ist augenfällig, dass die Problemfelder, die sich hinsichtlich der Fleischthematik herauskristallisieren, grundsätzlicher Natur sind. Es bedarf daher einer Einbettung von Ernährungsfragen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge sowie deren Anbindung an die Diskussionen um nachhaltige Entwicklung sowie um alternative Wirtschaftsformen zum Kapitalismus. Dabei wurde insbesondere in den Analysen der derzeit entstehenden alternativen Produktions- und Ernährungsweisen ersichtlich, dass diese nicht zwangsläufig eine empanzipatorische Wirkung entfalten, sondern auch eine erneute Kommodifizierung sowie die Integration in den kapitalistisch-kommerziellen Mainstream mit sich bringen können.

In diesem Zusammenhang ist zudem eine kritische Reflexion des bei der Problemformulierung in Anschlag gebrachten Wissens sowie der in Gesellschaft und Politik derzeit prominent vertretenen Vorstellung umfassender Verbraucherverantwortung erforderlich. Die Tagung hat somit verdeutlicht, dass Fleisch sowohl für sich genommen ein facettenreiches und spannendes Themenfeld darstellt als auch auf grundlegende gesellschaftspolitische Probleme und Herausforderungen im 21. Jahrhundert verweist, deren Erforschung unterschiedliche (inter-)disziplinäre Zugänge benötigt.

Konferenzübersicht:

6. November 2015

Nutztierhaltung heute: Strukturen, Probleme und Alternativen

Harald Grethe (Hohenheim), Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung Bernhard Hörning (Eberswalde), „Massentierhaltung“ in Deutschland? Eine Annäherung

Susanne v. Münchhausen (Eberswalde)„Beim Fleisch läuft’s immer etwas anders!“ Perspektiven zum Aufbau wertebasierter Wertschöpfungsketten

Andrea Fink-Keßler (Kassel/Witzenhausen), Schlachtung im Haltungsbetrieb. Eine Antwort auf neue gesellschaftliche Anforderungen an die Fleischgewinnung

Marcel Sebastian (Hamburg), 'Das ist doch eine ganz normale Arbeit!' Sichtweisen von Schlachthofarbeitern auf ihre Arbeit

Julia Gutjahr (Hamburg), „Seiner Wurst ins Gesicht schauen”. Über die Reintegration von Tieren und des Schlachtens in Diskurse um Fleischkonsum

Ethische Fragen der Nutztierhaltung und des Fleischkonsums

Franz-Theo Gottwald (München), Die ethische Dimension von Fleischproduktion und Fleischkonsum in Deutschland

7. November 2015

Perspektiven auf den Fleischkonsum und Alternativen

Ole Fischer (Hamburg), Fleischnot? – Konjunkturen und Deutungen des Fleischkonsums seit dem 19. Jahrhundert

Erika Claupein (Karlsruhe), Fleisch: Der Verzehr in Deutschland nach soziodemografischen Merkmalen und Energiezufuhr

Dennis Kirschsieper (Duisburg-Essen), Ist Fleischkonsum (noch) Privatsache? Ergebnisse einer Internetanalyse und qualitativer Interviews

Esther Seha (Lüneburg), Fleischlos essen per staatlichem Diktat? Eine Framing-Analyse der Veggie-Day Debatte

Johanna Zühlke (Kassel), „Also dieses Fleisch gibt Kraft Argument kann man locker entkräften“ – Vergeschlechtlichte Ernährungsgewohnheiten und Differenzierungen am Beispiel von Veganismus

Alexandra Rabensteiner (Wien), „Veganer sind keine Feinde“. Bilder und Vorstellungen von Fleisch in Fleischzeitschriften in Zeiten der Neuaushandlung seiner Bedeutung

Martin Winter (Aachen), Vegan – Fit – Männlich? Veganismus zwischen Gesellschaftskritik und Reproduktion von Gesundheitsdiskursen und hegemonialer Männlichkeit

Fußnoten

1 Der Begriff „dirty work“ wurde von Everett C. Hughes geprägt und bezeichnet Tätigkeiten, die in physischer, sozialer oder moralischer Hinsicht als unrein gelten (Everett C. Hughes, Men and their work, Glencoe 1958). In den neunziger Jahren wurde die Debatte unter anderem von Blake E. Ashforth und Glen E. Kreiner fortgeführt , wobei dabei die Frage in den Mittelpunkt rückte, wie es Beschäftigten ungeachtet des ihrer Tätigkeit anhaftenden Stigmas gelingt, eine positive Selbsteinschätzung zu bewahren (B. E. Ashforth / G. E. Kreiner, “How can you do it?”: Dirty work and the challenge of constructing a positive identity, in: Academy of Management Review 24 [1999], S. 413–434).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.

Dieser Text erschien zuerst in Soziologie.