Futur€s – Prospective Money and Money’s Prospects

Interdisziplinäre Konferenz an der Universität Basel, 24.–26. September 2015

Die „Futur€s“-Konferenz führte Forschende unterschiedlichster Disziplinen an die Universität Basel, die sich mit der sowohl faszinierenden als auch gesellschaftlich relevanten Thematik des Geldes auseinandersetzen. Der sich über drei Tage erstreckende interdisziplinäre und zugleich internationale Diskurs brachte diverse Ansichten und Perspektiven zusammen. Die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre, die, so der allgemeine Tenor, primär finanzwirtschaftlicher Natur waren und sind, verdeutlichen dabei die Wichtigkeit neuer, alternativer Ansätze und Analysen zur Geldthematik.

Nach der Eröffnung von AXEL PAUL (Basel) betrat ESKE BOCKELMANN (Chemnitz) die Bühne und fragte polemisch, ob und wie der Kapitalismus wohl enden werde. Wenig überraschend stand Karl Marx mit seiner Theorie zur Arbeitswertlehre im Zentrum des Beitrags, die die menschliche Arbeitskraft als Ausgangspunkt für den Wachstumsimperativ und damit der uneingeschränkten Ausdehnung des Kapitalismus versteht. Bockelmann äußerte sich sehr meinungsstark zu dieser Thematik, indem er den Kapitalismus als "das zirkulierende Böse" deklarierte. Mit der zugespitzten These, dem Kapitalismus sowie den Krisen müsse ein Ende gesetzt werden, was einzig und allein durch die Abschaffung des Geldes möglich wäre, endete der Vortrag. In meinen Augen ist das eine zu einseitige und vage Sicht auf die Dinge, doch das Plenum ging glücklicherweise bald zu realistischeren Ansätzen über und diskutierte Alternativen zum offiziellen Geld.

NIGEL DODD (London) sprach in seiner ebenso amüsanten wie interessanten Präsentation über das sogenannte QE1 und die Bedeutung von Idealismus wie auch utopischen Vorstellungen in der Soziologie des Geldes. Alternative Währungen, unter anderem Regionalgelder wie das Brixton Pound, Digitalwährungen wie der wohlbekannte Bitcoin oder Peer-to-Peer-Kredite wurden vorgestellt, die allesamt als moderne Ansätze zugunsten eines monetären Pluralismus zu verstehen sind.

BEAT WEBER (Wien) eröffnete daraufhin das erste Panel, in dem die Frage nach dem Wesen des Geldes im Zentrum stand. Er bekräftigte seinerseits das Argument für monetären Pluralismus, indem er diverse Geldtheorien zur Natur und der Governance des Geldes systematisch darstellte, um die Beschränkungen eines einseitigen Ansatzes aufzuzeigen. Ein hierarchisches System, so sein Vorschlag, könnte Elemente verschiedener Richtungen in sich vereinen und somit als Hybrid die Koexistenz verschiedener Gelder gewährleisten.

PHILIPP DEGENS (Köln) ging genauer auf die bereits angesprochenen Regionalgelder ein und präsentierte deren Funktionen in der Gesellschaft. Auf der Grundlage von Karl Polanyis Theorie zu den drei Modi der ökonomischen Interaktion2 und eigenen Untersuchungen zur Motivation der Nutzer von Regionalgeldern arbeitete Degens heraus, dass Reziprozität ein wichtiges Prinzip bei deren Verwendung ist. Obwohl Alternativwährungen hinsichtlich der begrenzten Konvertierbarkeit und Regionalität nur begrenztes ökonomisches Potenzial hätten, steige aufgrund der Reziprozität ihre gesellschaftliche Attraktivität.

Zu guter Letzt folgte DUNCAN LINDO (Leeds) mit einer spannenden Präsentation zur enorm gestiegenen Bedeutung von Derivaten. Diese versteht er grundsätzlich als gegenseitige Versprechen, deren Werte sich aus Werten anderer Instrumente und Güter ableiten, die wiederum insbesondere im Tausch ihre Potenziale entfalten. Dadurch, dass mit ihnen sehr umfangreiche Transaktionen durchgeführt werden könnten, seien Derivate ein Tauschinstrument par excellence. Mit diesen Ausführungen endete das erste Panel mit dem durchaus plausiblen Befund, dass es in der heutigen, stark differenzierten Welt mehrere Formen von Geld gibt, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Differenzierung statt Abschaffung des Geldes scheint sich als Weg in die richtige Richtung zu erweisen.

In diesem Zusammenhang bietet sich an, den letzten Konferenztag mit der Präsentation von BILL MAURER (Irvine) zu neuen Tauschhandelstechnologien vorwegzunehmen, die sich speziell um die von Nigel Dodd bereits erwähnte Digitalwährung Bitcoin drehte. Dieses Medium hat die besonders interessante und herausstechende Eigenschaft, Transaktionen zu ermöglichen, die nicht auf Vertrauen in die Transaktionspartner oder in andere Akteure des Bitcoin-Marktes angewiesen sind. Die ganze Datenbasis des Systems wird nämlich auf jeden teilnehmenden High-End-Computer dupliziert und wird nach jeder Transaktion aktualisiert. Das wiederum bedeutet, dass Geld sich im Grunde überhaupt nicht von einem auf ein anderes Konto bewegt, sondern diese Aktualisierung den herkömmlichen Überweisungsvorgang ersetzt. So werden wiederum Betrug und dergleichen zu einer Sache der Unmöglichkeit, da ein (technischer) Betrug nur durch die Veränderung aller Datenbasen theoretisch möglich wäre. Schade ist nur, dass das Bitcoin Business mittlerweile wie das High Frequency Trading (HFT) einer exklusiven Gruppe von Menschen vorbehalten ist, weshalb der breiten Masse ein Einstieg in das Geschäft aufgrund der benötigten Technologie verwehrt ist. Davon abgesehen stellte Maurer den sogenannten Bitcoin-Ring sowie Everledger als weitere neue Projekte vor, die einen vergleichbaren Ansatz bieten.

Panel 3 widmete sich der Frage, welche Rolle technologischen Infrastrukturen in der Geldthematik zukommt. RACHEL O'DWYER (Dublin) präsentierte Unternehmen, allen voran aus den Bereichen der Telekommunikation, der sozialen Medien und anderer Informationsnetzwerke, die mit neuen virtuellen Zahlungsmethoden experimentieren. Als nächstes ging ROBERT SEYFFERT (Konstanz) im Gegensatz zu seiner Vorrednerin wieder spezifischer auf ein Gebiet ein, indem er den automatisierten Handel sowie dessen Ausprägungsformen Algorithm Trading und HFT vorstellte. Menschliche Akteure können mit der Informationsverarbeitung und Schnelligkeit von Supercomputern in diesem wiederum relativ exklusiven Markt nicht mithalten. Gerade weil diese Handelsformen auf mathematischen Modellen beruhen und zwei unterschiedliche Parteien die Algorithmen und Modelle entwickeln, betonte Seyffert, seien Übersetzungsschwierigkeiten zu bewältigen und Fehler zu beseitigen, damit die Effizienz des digitalen Finanzmarktes gewährleistet werden könne.

Nach diesem sehr technischen Exkurs in die Welt der digitalen Währungen und Zahlungssysteme wurden sowohl theoretischere Themen angesprochen als auch die Strukturen der Europäischen Union unter die Lupe genommen. UTE TELLMANN (Hamburg) eröffnete den zweiten Konferenztag mit Ausführungen zu Henri Bergsons und John Maynard Keynes‘ Theorien des Geldes als Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft. Diese ‚Übersetzung‘ des Wertes werde durch beliebige haltbare Wertvermittler ermöglicht, selbst wenn diese nicht die spezifische Form des gewöhnlichen Geldes annähmen – die essenziellen Eigenschaften des Geldes würden genügen, um Werte zu übermitteln. Beispiele aus der Geschichte wären Gold-und Silbermünzen, aber auch die erwähnten virtuellen Gelder können theoretisch als Wertvermittler fungieren, solange sie auch die nötigen Funktionen des Geldes besitzen (Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Recheneinheit). Was darauf folgte, war das eigentlich Interessante an den Überlegungen Tellmanns: Derivate hätten nämlich das Potenzial, eine berechenbare Zukunft zu bieten, da diese Zahlungsversprechen mit einem Verfallsdatum versehen seien.

ELENA ESPOSITO (Modena) sollte ursprünglich ebenfalls ihre Überlegungen zur außergewöhnlichen Beziehung zwischen dem Geld und der Zeit präsentieren, konnte aber bedauerlicherweise nicht anwesend sein. PHILIP MADER (Basel) verlas kurzerhand ihren Beitrag. Espositos Leitgedanke bestand darin, dass die Zukunft einerseits fundamental von uns Menschen beeinflusst wird und die Finanzwirtschaft sich andererseits diese Unvorhersehbarkeit des menschlichen Handelns zu Nutzen macht. Beispielsweise werde durch einen Kredit die Zukunft in die Gegenwart versetzt und nützlich gemacht, während beim QE die Zukunft in großen Mengen in die Gegenwart injiziert wird – sofern man die beim QE "produzierte" Geldmenge und die damit verbundene erhöhte Menge an Geld im Umlauf so versteht, dass "Zukunft" in den gegenwärtigen Wirtschaftsgebrauch (in die Gegenwart) einverleibt wird.

Panel 2 führte diverse Ansichten zum Euro und der Europäischen Union zusammen. MASSIMO AMATO (Mailand) und LUCA FANTACCI (Mailand) zeigten, inwiefern die EU ihr eigentliches Ziel der Konvergenz der Mitgliedstaaten verfehlt und sogar zusätzliche Divergenz in den Zahlungsbilanzen erzeugt habe. Die Eurokrise sei unter anderem diesem Ungleichgewicht zuzuschreiben. Auch kritisierten die Referenten das Target-2 System3: Dessen Clearingprozess sei fehlerhaft, weshalb eine Europäische Clearing-Union Abhilfe schaffen würde.

LORENZO ESPOSITO (Rom) und GIUSEPPE MASTROMATTEO (Mailand) wiesen ebenfalls auf die Problematik dieser Ungleichheit der Zahlungsbilanzen hin, obschon die beiden mit dem Vorschlag, das Euro-Experiment abzubrechen, einen um einiges radikaleren Lösungsweg proklamieren. Die Geldzirkulation solle stattdessen durch zentralbankgesteuerte Injektionen von öffentlichen Währungen in die Realwirtschaft ermöglicht werden, damit ihre Abhängigkeit von der Weltwirtschaft sich reduziere.

KLAUS KRAEMER (Graz) stellte ein theoretisches Konstrukt aus orthodoxer und soziologischer Geldtheorie auf, um der Frage nachzugehen, ob die Verwendung von Geld grundsätzlich eine Frage des Vertrauens sei. Seine Schlussfolgerung lautete, die Praktik des Geldgebrauchs habe die Form einer sozialen Konvention und Vertrauen stehe wegen mangelnder Alternativen gar nicht erst zur Debatte. Dieses Fazit wirkt zwar auf den ersten Blick eher intuitiv, doch seine theoretische Begründung überzeugte durchaus.

MICHAEL RAFFERTY (Sydney) entführte die Zuhörenden in eine ganz neue Sphäre, nämlich die der Behavioral Finance, der heute viele Wirtschaftswissenschaftler_innen und Psycholog_innen ihre Aufmerksamkeit widmen. Dabei konzentrierte er sich auf Haushalte, denen als Gruppen von Akteuren unter dem behavioristischen Ansatz eine viel größere Bedeutung zugeschrieben wird als in der klassischen Wirtschaftstheorie, die den homo oeconomicus und die Rationalität in den Mittelpunkt stellt. Die Finanzkrise definiere man in der Behavioral Finance als eine Krise der Haushaltsbilanzen neu, sodass diese Gruppe explizit verantwortlich für die Konsequenzen ihres Handelns gemacht werden könne. Gesetze und andere Regelungen gelten in diesem Kontext als Verhaltensspielraum. Für mich persönlich bildete dieser thematisch sehr spezifische Beitrag einen Höhepunkt der Konferenz.

Die sehr ansprechende, aber auch etwas chaotische Diskussion am Ende des zweiten Konferenztages brachte ein weiteres Mal Sprecher unterschiedlichster Gebiete zusammen. KEITH HART (London / Pretoria) sprach beispielsweise über den Kapitalismus und seine Geschichte, und zwar aus einer erfrischend globalen und weniger europäisch geprägten Sichtweise. CHRISTOPH FLEISCHMANN (Köln), DIMITRIS SOTIROPOULOS (Milton Keynes) und RAINER VOSS (Frankfurt am Main) brachten zusätzliche Themen wie die bereits erwähnte Beziehung des Geldes zur Zukunft sowie die Streichung von Schulden aufs Tapet.

Einen schön abgerundeten Abschluss bot schließlich CHRISTOPH DEUTSCHMANN (Tübingen), dessen Vortrag den Bogen zu Marx sowie dem eng mit dessen Thesen verbundenen Sozialismus zurückschlug. Er befasste sich mit der Ausgangsfrage der Tagung, ob eine Welt ohne Geld überhaupt existieren könnte beziehungsweise sollte. Nach den drei thematisch abwechslungsreichen Tagen ist als erfreulich zu verbuchen, dass die Teilnehmenden nicht in der Diskussion um die Abschaffung des Geldes verharrten, sondern vielmehr Verbesserungsvorschläge im Zentrum standen. Debattiert wurde folglich, wie man die negativen Nebeneffekte des Kapitalismus beseitigen könne, ohne dessen Vorteile aufgeben zu müssen. Weder die monetaristische noch die kapitaltheoretische Konzeption konnte eine eindeutige Antwort darauf geben.

Zwar wurde auf der Tagung keine effiziente Lösung für die Grundproblematik gefunden, doch dies war ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Eine positive Überraschung war dagegen die vielfältige Darbietung verschiedenster Lösungsansätze, Theorien, Meinungen und Perspektiven. Die unrealistische, gar utopische Vorstellung einer einheitlichen und einfachen Lösung muss freilich verworfen werden, doch liegen nun verschiedene, sich ergänzende Ansätze auf dem Tisch, die jeweils auf ihre Weise ein Problem der Geldthematik angehen und dadurch gemeinsam weitreichende Effekte erzielen können. Das offizielle Geld durch komplementäre Gelder anzureichern, neue technologische Systeme des Handels aufzubauen, gleichzeitig die Schwächen des heutigen Wirtschaftssystems inklusive der EU anzugehen und neue Perspektiven auf das Wirtschaftsgeschehen zu eröffnen sind Strategien, die möglicherweise den Weg in eine Zukunft voller Veränderungen ebnen. Die Zeit wird zeigen, wie sie sich in der Realität bewähren. Gleichwohl hat die Konferenz klar gezeigt, dass Optimismus nicht fehl am Platz ist und ein interdisziplinäres Treffen eine vielversprechende Plattform zum Austausch bietet.

Konferenzübersicht:

Axel Paul (Basel), Introduction

Eske Bockelmann (Chemnitz), Why We Have to Abolish Money But Cannot

Nigel Dodd (London), Utopianism and the Social Life of Money

Panel I – What Is Money?

Beat Weber (Wien), Limits to Legitimacy of Monetary Reform

Philipp Degens (Köln), Monetary Functions and Modes of Exchange – The Case of Local Currencies

Duncan Lindo (Leeds), Neither Money, Nor Insurance, Nor Bets - What are Derivatives?

Ute Tellmann (Hamburg), The Duration of Derivatives: Temporal Politics of Money Revisited

Panel II – Can the Euro be Saved (and Does it Need to)?

Massimo Amato (Milan) / Luca Fantacci (Milan), Reuniting the Monetary Union: A Proposal to Encounter the Eurozone’s Imbalances

Lorenzo Esposito (Rom) / Giuseppe Mastromatteo (Milan), New Policies to Overcome Stagnation in the Eurozone: What About a Public Complementary Currency?

Klaus Kraemer (Graz), Is The Use of Money a Matter of Trust? Some Remarks on the Social Foundations of Monetary Orders Using the Example of the ‘Euro Crisis’

Elena Esposito (Modena), Temporal Markets. Money, the Future and Political Action

Michael Rafferty (Sydney), Labour and the Frontier of Monetary Development: Household-backed Financial Assets and Monetary Stability

Roundtable – Money and (Dis)Integration. When Money Stops Pacifying

Christoph Fleischmann (Köln) / Keith Hart (London / Pretoria) / Dimitris Sotiropoulos (Milton Keynes) / Rainer Voss (Frankfurt am Main)
Chair: Teresa Pullano

Bill Maurer (Irvine), Distributed Accounts: Money as Ledger and Law

Panel III – How Do Technological Infrastructures Shape Money?

Rachel O’Dwyer (Dublin), Channeling Value: The Models and Politics of Monetary Infrastructure

Josué Quintana Diaz (Frankfurt), The Merger of Economics and Cryptography: Do Cryptographic Economic Systems Lead to the Future of Money and Payments?

Robert Seyfert (Konstanz), Incompatible and Pollutive Operations in Financial Markets

Christoph Deutschmann (Tübingen), Money and Capital. Dimensions of Anti-Capitalist Critique

Axel Paul (Basel), Conclusion

Fußnoten

1 Quantitative Easing oder Quantitative Lockerung nennt sich eine Geldpolitik der Zentralbank, bei der durch Geldschöpfung die Realzinsen gesenkt werden.

2 Es handelt sich um Reziprozität, Redistribution und das Marktprinzip. Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, übers. von Heinrich Jelinek, Wien 1977.

3 TARGET2 ist das Echtzeit-Brutto-Clearingsystem des Eurosystems, das den Zahlungsverkehr regelt und die Europäische Zentralbank als Verrechnungsstelle hat.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.