Global Financial Class? Mit Bourdieu in Frankfurt und Sydney

Workshop des DFG-Projekts „Global Financial Markets and Global Financial Class“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 20.–21. September 2016

Seit dem Beginn der internationalen Bankenkrise sind globale Finanzmärkte verstärkt in den Fokus sozialtheoretischer Forschung gerückt. Obwohl diese Dynamik auch die Debatten zu den globalen Ausprägungen sozialer Ungleichheit belebt hat, blieben deren sozialstrukturellen Dimensionen bisher weitgehend unterbelichtet. Über das Innere der „Dienstklasse des Finanzkapitals“ (Paul Windolf), ist bisher wenig bekannt.

Diesem Desiderat widmet sich das von Sighard Neckel geleitete DFG-Projekt „Global Financial Markets and Global Financial Class“, das im Rahmen eines zweitägigen Workshops an der Goethe-Universität Frankfurt am Main erste Forschungsergebnisse zur Diskussion stellte. Das Projekt befasst sich mit der Frage, ob auf den internationalen Finanzmärkten eine globale Klasse entsteht, die sich aus Angehörigen des Finanzwesens wie Investment Bankern, Tradern und Analysten rekrutiert. Ausgehend von der wirtschaftssoziologischen Grundannahme, dass Märkte zu ihrer eigenen Legitimation stets einer Art sozialer Einbettung bedürfen, wird der Ursprung der Klassenformierung in der Ausbildung professioneller und kultureller Gemeinsamkeiten der Akteure vermutet. In Abgrenzung zu herkömmlichen Klassentheorien stellt das Projekt die sozialen Funktionsweisen von Märkten in den Mittelpunkt und betrachtet Klassen als Figurationen sozialer Praktiken. Auf der Grundlage einer Verbindung feldtheoretischer Überlegungen Pierre Bourdieus mit dem Verständnis von Märkten als sozial eingebettete Arenen zielen die theoretischen Grundüberlegungen darauf ab, die vermutete Klassenformierung als communalities im Sinne Eric Olin Wrights beschreiben zu können.

Das Projekt ist als vergleichende Ethnographie der Finanzplätze Frankfurt am Main und Sydney angelegt, die durch qualitative Interviewstudien ergänzt wird. In das Blickfeld der Untersuchung geraten neben den Berufsbiographien und Arbeitspraktiken der financial professionals auch die sozialräumlichen Dimensionen der Klassenbildung. Letztere offenbaren sich in den zentrumsnahen Bars, Cafés und Clubs in Frankfurt und Sydney, in denen Arbeits- und Freizeitaktivitäten beim After-Work-Drink – der postfordistischen Logik folgend – doch allzu häufig miteinander verschmelzen.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Frankfurter Bankentürme auf dem Campus der Goethe-Universität, eröffnete der Berliner Soziologe BOIKE REHBEIN (Berlin) mit einem Abendvortrag den zweitägigen Workshop. Rehbein, einst Schüler Bourdieus, dessen Überlegungen den theoretischen Referenzrahmen des Projekts bilden, präsentierte Ergebnisse einer in allen Belangen beeindruckenden empirischen Untersuchung. Mit dem Ziel, die Konfigurationen sozialer Klassen in so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland, Brasilien und Laos zu untersuchen, beschrieb Rehbein die Grundzüge seiner zugleich theoretisch und empirisch entwickelten Klassentheorie, in der sich soziale Klassen als historische Traditionslinien verstehen lassen. Geprägt seien die Traditionen auch heute noch durch präkapitalistische Hierarchien, wodurch soziale Mobilität systematisch verhindert werde. So hätten die Klassen im Zuge der kapitalistischen Transformation spezifische Eigenschaften angenommen, die Rehbein als „Sozialkulturen“ bezeichnete.

Seine auf qualitativen und quantitativen Erhebungen beruhenden Ergebnisse legen die These nahe, dass die kapitalistischen Transformationen in den jeweiligen Ländern vor allem dazu dienten, präkapitalistische Herrschaftsordnungen zu stabilisieren. Der in der Klasse erworbene Habitus werde über Generationen hinweg weitergegeben, wodurch Herrschaftsstrukturen intergenerational weitestgehend homogen blieben. Basierend auf einem vierstufigen Klassenmodell von Marginalisierten, Kämpfenden, Etablierten und Herrschenden, so Rehbein, lasse sich in international vergleichender Perspektive ein differenziertes Bild zum Fortschreiten der Transnationalisierung sozialer Klassen zeichnen. Letztere sei aufgrund der hierarchischen Beziehungen zwischen den  betrachteten Länder auf der Ebene der Herrschenden und der Marginalisierten weniger stark ausgeprägt als auf Ebene der etablierten Klasse. Obwohl eine gemeinsame Traditionslinie der letztgenannten Klasse kaum vorhanden sei, könne sich ein gemeinsamer Habitus möglichweise durch die Partizipation an den Institutionen des internationalen Finanzmarkmarktes ausbilden.

Boike Rehbeins globale Perspektive auf soziale Ungleichheit aufgreifend präsentierten LUKAS HOFSTÄTTER (Frankfurt am Main) und SIGHARD NECKEL (Hamburg) Ergebnisse einer Interviewstudie des DFG-Projekts zur performativen Wirksamkeit von Karrierewegen der Finanzakteure. Hinsichtlich der vermuteten Klassenbildung zeige sich hier ein besonderes Maß an globaler Angleichung, die für die Produktion einer globalen Sozialität wichtige Effekte hervorbringe. So sei schon in der Eintrittsphase in die Finanzwelt eine starke Homogenisierung zu beobachten, die sich in den Berufsverläufen fortsetze. Wer nach dem Absolvieren eines Assessment Centers in Frankfurt sowie der Bewältigung einer Vielzahl von Eignungstest auch das feldspezifische kulturelle Kapital attestiert bekomme, lande nach kurzer Zeit in einem Londoner Büro, um Expertise für eine spätere Tätigkeit als Spezialist in Frankfurt zu erlangen. Die kulturelle Harmonisierung der Karrierewege sei somit nicht nur eine funktionale Bedingung für das Gelingen der internationalen Transaktionen zwischen global vernetzten Organisationen, sondern forciere zudem die Habitualisierung kultureller Codes. Dabei zeige sich, dass für den Einstieg und die Etablierung in der Welt der Banken neben ökonomischem und sozialem Kapital vor allem die kulturelle Passung entscheidend sei. Als Ausdruck einer globalen Erfahrungswelt bilde sich kulturelles Kapital aus den Gemeinsamkeiten der Akteure sowie der Wirkung global harmonisierter kultureller Codes.

Während Hofstätter und Neckel gewissermaßen die Gewinner der globalen Klassenbildung in den Mittelpunkt stellten, konzentrierte sich der anschließende Vortrag von NORBERT EBERT (Sydney) auf die Verlierer dieser Entwicklung. Sozialstrukturelle Auswirkungen der Finanzialisierung manifestieren sich Eberts Einschätzung nach nicht nur durch die Bildung einer globalen Finanzklasse, sondern führen auch zur Prekarisierung der Arbeit. Ausgehend von arbeitssoziologischen Grundgedanken zur Integrationswirkung von Arbeit, konstatierte Ebert einen Konflikt zwischen der Norm der Arbeit und der Norm des Investments im Zuge der Finanzialisierung. Ersetze das investierte ökonomische Kapital in Unternehmen produktive Arbeit, gerate die Integrationsnorm Arbeit unter Druck. Ebert verdeutlichte dies am Beispiel der Aktivitäten von Privat Equity Fonds in Australien, deren Geschäftsmodell im Aufkaufen finanziell maroder Unternehmen bestehe. Ziel dieser Fonds sei es, das in der betrieblichen Altersversorgung organisatorisch ausgegliederte Sondervermögen der Beschäftigten in die eigenen Taschen umzuleiten. Die Finanzialisierung stelle sich somit als marktorganisierte Technik von Finanzprozessen dar, die sich wiederum auf die konkreten Arbeitsbedingungen in Organisationen auswirkten. Hinsichtlich der Frage, ob Prekarisierung als Teil eines Klassenbildungsprozesses zu bezeichnen sei, äußerte sich Ebert jedoch vorsichtig; Der Umgang mit Prekarität werde häufiger individuell gestaltet, was gegen eine klassenkonstitutive kulturelle Harmonierung der Akteure spreche.

Die kulturellen und sozialen Gemeinsamkeiten, die bei den Verlierern der Finanzialisierung also weniger deutlich hervorzutreten scheinen, hob MARCO HOHMANN (Frankfurt am Main), ebenfalls Mitarbeiter im Global-Class-Projekt, auf Seiten der Finanzelite ausdrücklich hervor. Als charakteristisch für den Formierungsprozess der globalen Finanzklasse identifizierte er vier symbolische Muster kultureller Praxis: das Muster der Exklusivität, das Muster der Durchlässigkeit, das Muster der Repräsentation sowie das Muster der Aspiration. In seinem Vortrag konzentrierte er sich auf die beiden zuletzt Genannten.

Das Muster der Repräsentation entspreche der Logik, das Selbstbild der Finanzbranche nach außen zu tragen und dabei Anerkennung wie Prestige zu erlangen. Schon der Blick durch die geöffneten Fenster des Seminarraums auf die phallisch anmutenden Türme des Frankfurter Bankenviertels veranschaulichte den Anwesenden den Versuch der Finanzbranche, wirtschaftliche Macht und gesellschaftlichen Führungsanspruch auszustrahlen. Am Beispiel des Geschäftsbezirks in Sydney beschrieb Hohmann zudem, wie die Finanzindustrie gesellschaftliche Repräsentationsfähigkeit durch die symbolische Anknüpfung an Geschichte und Politik herstelle. In Sydney sichtbar durch die museale Inszenierung von Gedenktafeln im historischen Kern der Finanzwirtschaft, die die kulturell gewachsene Verbindung von Banken und Staat symbolisiere; in Frankfurt symbolisch dargestellt durch die Euro-Zeichen-Skulptur vor dem ehemaligen Gebäude der Europäischen Zentralbank, das die Verbundenheit zur Europäischen Union hervorhebe. „We are a part of the Nation“, signalisiert man auf der einen, „Wir sind im Herzen von Europa“ auf der anderen Seite. In beiden Städten lasse sich zudem die Anknüpfung an das gesellschaftliche Leitbild der Nachhaltigkeit beobachten. So inszeniere sich die Finanzwirtschaft architektonisch mit Grünflächen in den Bankentürmen oder medial durch die Betonung der positiven und ökologischen Effekte neuer Bauvorhaben als eine saubere Industrie – Nachhaltigkeit, so könnte man ergänzen, wird hier zum Anspruch, jeden gesellschaftlichen Bereich durchdringen zu können.

Während das Muster der Repräsentation also einen Anspruch auf Exklusivität kommuniziere, folge das Muster der Aspiration der Logik, die Regeln der Zugehörigkeit zur Finanzelite performativ erfahrbar zu machen. In den von den Finanzakteuren hochfrequentierten Bars in Frankfurt und Sydney werde beim After-Work-Bier ganzer Abteilungen das symbolische Kapital der financial professionals präsentiert und reproduziert. Die geltenden Hierarchien erführen durch die Reproduktion aspirativer Regeln des symbolischen Austausches eine Euphemisierung. Da die Aspiranten auf die Anerkennung anderer angewiesen seien, würden die Symbolordnung an diesen Orten aufrechterhalten und somit performativ gestärkt. Wer mit wem wie über etwas spricht, bleibe keinesfalls ohne Effekt, sondern stärke die affektiven und affirmativen Beziehungen der Akteure zur eigenen Klasse. Daraus folge eine soziale Kontrollfunktion, die wiederum die Distinktionslogik der Branche festige.

Diese sozialräumliche orientierte Forschung wurde abschließend von JOHANNA HOERNING (Berlin) durch eine stadtsoziologische Perspektive ergänzt. Hoerning richtete ihr Augenmerk auf das Verhältnis lokaler und globaler Fragmentierung, indem sie das dialektische Verhältnis von sozialstrukturell trennenden und verbindenden Prozessen in der raumbezogenen Praxis von Städten hervorhob. Hoerning plädierte für eine raumtheoretische Wendung des schon von Boike Rehbein thematisierten Begriffs der Fragmentierung. So ermögliche dieser die Analyse simultaner Prozesse der Verbindung und Trennung die eine Stadt als räumliche und soziale Form ausmache. Fragmentierung sei als Prozess zu verstehen, der diskursiv hergestellt werde und Fragen nach dem alltäglichen Erleben und Erfahren der Stadt ermögliche.

Gemäß dieser analytischen Maßgabe fragte Hoerning, wie sich die Bildung einer globalen Finanzklasse auf die lokale Sozialstruktur in global cities auswirke. Ähnlich wie Norbert Ebert thematisierte sie mit den Mustern der Fragmentierung in der unteren sozialen Klasse auch die Schattenseiten dieser Entwicklung. Die Bildung einer globalen Finanzklasse in den global cities sei mit lokaler Spaltung in Form einer starken Polarisierung verbunden. Als Beispiel nannte sie die von den Finanzakteuren besuchten Bars und Clubs – bewacht, bedient und geputzt vielfach von migrantischen Dienstleistenden. Die zu beobachtende Vernetzung der marginalisierten Migranten präge zunehmend den städtischen Raum, was Hoerning als Tendenz der Klassenformierung beschrieb. Aufgrund fehlender Ressourcen blieben prekär Beschäftigte politisch stärker an lokale Strukturen gebunden. Die Finanzelite hingegen nutze zwar ihre lokale Verbundenheit zur Generierung von Sozialkapital, leiste aber politisch oder kulturell keinen Beitrag. Zu beobachten sei somit eine ökonomische und soziale Konnektivität bei gleichzeitiger politischer und kultureller Diskonnektivität der financial professionals.

In seiner „Soziologie der Konkurrenz“ beschrieb schon Georg Simmel, dass der Gewinn des Siegers notwendigerweise dem Verlierer versagt bleiben muss.  Dieser Logik folgend gelang es den Workshopteilnehmern, die Forschungsergebnisse des Projektes, das sich mit der globalen Finanzelite beschäftigt, mit Perspektiven auf globale Ungleichheit, Prekarisierung und lokaler Fragmentierung in Bezug zu setzen. Beschrieben wurden somit sowohl die Gewinner als auch die Verlierer der globalen Klassenbildung. Die Intensität und Qualität der Diskussionen im Anschluss an die Vorträge machten dabei den Stellenwert des Forschungsprojektes für eine perspektivische Erweiterung in der Untersuchung von Klassenformierungsprozessen auf globaler Ebene deutlich. Dabei geht es weniger darum, eine geschlossene kulturelle Praxis der globalen Finanzelite zu identifizieren, als vielmehr darum, auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Muster der Inklusion und Exklusion freizulegen, die sich der Entstehung einer globalen Finanzklasse verdanken. Der Workshop des Forschungsprojekts „Global Financial Markets and Global Financial Class“ konnte hierzu einen guten Beitrag leisten.

Konferenzübersicht:

Organisation und Konzeption: Sighard Neckel, Lukas Hofstätter, Marco Hohmann, Aliza Metz

Moderation: Sighard Neckel

Boike Rehbein (Berlin), Globale Ungleichheit, Nationalstaaten und Klassen

Lukas Hofstätter und Sighard Neckel (Frankfurt am Main / Hamburg), Finanzakteure als globale Klassen

Marco Hohmann (Frankfurt am Main), Sozialräume der Global Financial Class in den Finanzzentren Frankfurt und Sydney

Norbert Ebert (Sydney), Im Schatten globaler Finanzmärkte: Die globale Prekarisierung der Arbeit

Johanna Hoerning (Berlin), Global verbunden – lokal fragmentiert? Über soziale und räumliche Ungleichheit in Städten 

Der geplante Vortrag von Robert van Krieken (Sydney) musste leider entfallen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.