Im Ameisenbau

Institutstag „Wem gehört die Zukunft? Kollektive Erwartungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln, 17.–18. November 2016

Soziologen stehen eher in dem Ruf, zu viele Worte zu machen, als um selbige verlegen zu sein. Insofern war es gleichermaßen ungewöhnlich wie sympathisch, dass JENS BECKERT (Köln), der für gewöhnlich ausgesprochen eloquente Direktor des MPIfG, die Gäste des Institutstags mit dem launigen Hinweis begrüßte, mit dem Ausdruck „Formicarium“ soeben ein ihm bis dahin unbekanntes Wort gelernt zu haben. Ausgelöst hatte den Lernprozess der mit dem Wort bezeichnete Gegenstand, nämlich ein Behälter zur Haltung und Beobachtung von Ameisen, der kurz zuvor im Foyer der Forschungsstätte installiert worden war. Auch ohne zu wissen, welche Rolle den darin lebenden Blattschneiderameisen im Rahmen der zum Abschluss der zweitägigen Zusammenkunft geplanten Theaterperformance zugedacht war, bot das quirlige Treiben mehr als einhundert Besuchern eine willkommene Abwechslung. Und wer nicht unmittelbar den sechsbeinigen Akteuren bei ihrem rastlosen Tun zuschauen wollte, konnte sich auf die Beobachtung der zweibeinigen Beobachter zurückziehen oder das Formicarium als eine Art vorgehaltenen Spiegel betrachten, in dem die versammelten Damen und Herren Wissenschaftler ihre eigene hektische Betriebsamkeit erkennen sollen.

Aufgeweckt aus entsprechenden Gedankengängen wurde man sodann durch die sonore Stimme von COLIN CROUCH (Warwick), der die Reihe der wissenschaftlichen Vorträge eröffnete. Crouch, seines Zeichens Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied des MPIfG und ausgewiesener Experte in Sachen Betriebsamkeit, nahm den in der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten vorerst kulminierten Siegeszug des Rechtspopulismus zum Anlass, nach den Chancen von „Democracy in a Dangerous and Troubled World“ zu fragen. Zu diesem Zweck kam er zunächst auf eine These aus seinem Instant-Klassiker Postdemokratie[1] zurück, der zufolge die Umweltbewegung, der Feminismus und die Fremdenfeindlichkeit gleichermaßen das Potenzial besessen hätten, die westlichen Demokratien zu erschüttern. Vor diesem Hintergrund stellte Crouch die ebenso naheliegende wie drängende Frage, warum von den dreien ausgerechnet die Fremdenfeindlichkeit den größten Erfolg erzielt habe. Die Antwort, mit der er aufwartete, stellte auf eine Entwicklung ab, die – aus einer anderen Perspektive betrachtet – durchaus als eine Erfolgsgeschichte gewertet werden dürfte, nämlich die Anerkennungsgewinne vormals benachteiligter sozialer Gruppen. Diese hätten in der jüngsten Vergangenheit in stetig wachsendem Umfang an Bürgerrechten partizipiert, sodass der ehemals dominanten Gruppe der weißen Männer als gewissermaßen einziges Distinktionsmerkmal die Zugehörigkeit zur nunmehr ethnisch verstandenen Gemeinschaft der Nation übriggeblieben sei. Nationalismus sei damit zu einer attraktiven Haltung für diejenigen geworden, die sich in der modernen Welt fremd und unzureichend anerkannt fühlten.

Crouch ließ es aber nicht bei der vorstehenden Diagnose bewenden, sondern fragte weiter, ob der Erfolg des Rechtspopulismus vom Effekt her nicht auch als eine Belebung der Demokratie verstanden werden könne. In Beantwortung der selbst gestellten Frage konstatierte er, dass der politische Diskurs sich zwar in der Tat intensiviert habe, infolge dieser Intensivierung aber auch das Verhältnis von Vernunft und Leidenschaft aus dem Gleichgewicht zu geraten drohe. Deshalb brauche es mehr denn je repräsentative Institutionen, die den Willen des Volkes moderieren und ausgleichen könnten. Als mögliches Heilmittel zur inneren Anwendung gegen die grassierende Fremdenfeindlichkeit suchte Crouch zu guter Letzt noch einmal die Idee des Verfassungspatriotismus wiederzubeleben. In all seinen Ausführungen bezog er sich primär auf die anglophone Welt – seine kundigen Entgegnungen auf Fragen aus dem Publikum ließen freilich darauf schließen, dass Crouch auch zu den politischen Prozessen in Südeuropa und der islamischen Welt so manches Interessante hätte erzählen können – aber das hätte Stoff für mehrere andere Vorträge (und Thesen) geboten.

Im Anschluss stellte JENS BECKERT Überlegungen zur „Historizität fiktionaler Erwartungen" und ihrer Bedeutung für wirtschaftliches Handeln im Kapitalismus vor, jenem Thema also, das derzeit einen der Forschungsschwerpunkte des MPIfG bildet. Anknüpfend an die These seines jüngst erschienenen Buchs Imagined Futures,[2] der zufolge die Antizipation möglicher wirtschaftlicher Entwicklungen zusammen mit den Entscheidungen ökonomischer Akteure auch die realen wirtschaftlichen Prozesse positiv oder negativ beeinflussen kann, suchte Beckert die Veränderungen im Charakter fiktionaler Erwartungen seit dem 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. Tatsächlich, so sein Befund, hätten die Intensivierung der Konkurrenz, die Ausweitung der Märkte und der steigende Bedarf an Legitimation dazu geführt, dass das Mittel der symbolischen Differenzierung im Wettbewerb inzwischen eine immer größere Rolle spiele. Im modernen Kapitalismus könnten sich die Akteure nicht mehr mit der Produktion neuer oder verbesserter Produkte begnügen, sondern müssten mit ihren Waren auch einen zunehmend nachgefragten Beitrag zur Identitätsformierung ihrer Kund_innen erbringen.

Um fiktionale Zukunftserwartungen ging es auch bei TORSTEN KATHKE (Köln), der seinen Gegenstand aber, wie sich das für einen Historiker gehört, retrospektiv in den Blick nahm und über „Zukunftserwartungen im Rückblick" sprach. Konkret beschäftigte er sich mit futurologischen Bestsellern aus den 1970er-Jahren, die er im Hinblick auf ihre Argumentationsstrategien und ihre Öffentlichkeitswirksamkeit untersuchte. Die seinerzeitige Popularität der häufig kulturkritisch ausgerichteten Zukunftsprognosen, die sich mit so vielfältigen Themen wie der Entwicklung der Familie oder der Zukunft von Umwelt und Technik befassten, suchte Kathke einerseits mit der Konsolidierung des Buchmarkts und der gebildeten Leserschaften, andererseits mit dem angesichts neuer gesellschaftlicher Komplexitäten gewachsenen Orientierungsbedürfnis der (in seiner Studie untersuchten) Deutschen und US-Amerikaner, zu erklären.

Den offiziellen Abschluss des ersten Tages bildete die Verleihung des vom Verein der Freunde und Ehemaligen des MPIFG vergebenen Zeitschriftenpreises, der in diesem Jahr dem (inzwischen in Schweden tätigen und deshalb abwesenden) Soziologen SEBASTIAN KOHL (Uppsala) zugesprochen wurde. Beim anschließenden Abendessen drehten sich dann alle Gespräche um Donald Trump, dessen Wahlerfolg bei den meisten der versammelten Soziolog_innen eher düstere Zukunftserwartungen hervorrief. Neben nachträglichen Erklärungen und verfrühten Vorhersagen war dabei auch das eine oder andere Bekenntnis, angesichts des Wahlschocks gar in die SPD eingetreten zu sein, aus dem allgemeinen Stimmengewirr herauszuhören.

Zum Auftakt des zweiten Konferenztags nahm ULRICH DOLATA (Stuttgart) unter Rekurs auf seinen 2015 erschienen Aufsatz „Volatile Monopole“[3] „Märkte und Macht der Internetkonzerne" unter die Lupe. Dolata zufolge suchen die fünf weltgrößten Internetkonzerne Apple, Amazon, Microsoft, Google und Facebook ihre Marktmacht zu bündeln und weiter zu steigern, indem sie sozio-technische Ökosysteme schaffen, deren Dienstleistungsangebot so umfassend ist, dass ihre Kund_innen sie gar nicht mehr verlassen müssen. Der Haken an der auf den ersten Klick verlockenden digitalen Rundumversorgung sei jedoch die wachsende Abhängigkeit der Nutzer_innen von den maßgeschneiderten Serviceangeboten der Konzerne, die einen Wechsel aus einem System ins andere mit zunehmender Dauer immer aufwendiger und damit unwahrscheinlicher mache. Gleichzeitig bedinge die hohe Konzentration des Marktes aber auch dessen ausgeprägte Volatilität, was Dolata am wörtlich zu nehmenden Fall des ehemaligen Handy-Weltmarktführers Nokia verdeutlichte. Auch noch so ausgefeilte Algorithmen könnten die Auswirkungen von Innovationen und die Entwicklung von Märkten nicht vorhersehbar machen. Da sie aber viel in Forschung investierten und sich auf ökonomische, datenbezogene und infrastrukturelle Macht gleichermaßen stützten, sei der Einfluss, den die Big Five als „Kuratoren des öffentlichen Diskurses“ auf richtungsweisende Entscheidungen nehmen könnten, gleichwohl nicht zu unterschätzen. Die in der anschließenden Diskussion wiederholt gestellte Frage, wie sich eben dieser Einfluss begrenzen lasse, ließ Dolata ostentativ unbeantwortet. Sie falle nicht in den Zuständigkeitsbereich der Soziologie, sondern der Politik.

Anschließend setzte sich WERNER EICHHORST (Bonn) mit den zu erwartenden Auswirkungen der Automatisierung auf die Arbeitswelt auseinander und fragte: „Müssen wir vor der Zukunft der Arbeit Angst haben?" Mit Bezug auf die vieldiskutierte Studie[4] von Carl Frey und Michael Osborne verwies er darauf, dass eine Verdrängung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen schon seit den 1960er-Jahren befürchtet werde – wobei man damals freilich noch von einer Gefahr für manuelle Tätigkeiten ausgegangen sei, während man heute auch klassische Angestellten- und Dienstleistungsberufe für gefährdet halte. Vor dem Hintergrund der überwiegend skeptischen Szenarien verwies Eichhorst darauf, dass sich derzeit noch kein Rückgang des Beschäftigungsniveaus in Deutschland abzeichne, sondern sich lediglich der Charakter der beruflichen Tätigkeiten leicht verändere. Auch die Verbreitung der vielbeschworenen Gig Economy lasse sich quantitativ kaum erfassen – was allerdings auch an deren mangelnder Dokumentation liege. Den steilen Thesen des derzeit in den Feuilletons mit einer gehörigen Portion Angstlust geführten Automatisierungsdiskurses stellte Eichhorst ein bewusst nüchternes Fazit gegenüber, dessen unaufgeregte Botschaft man wohl am besten dahingehend zusammenfasst, dass auch diese Suppe nicht so heiß gegessen werden wird, wie sie derzeit hochgekocht wird.

Seinen Abschluss fand der Institutstag in einer Podiumsdiskussion, die sich mit der Zukunft der betrieblichen Mitbestimmung der Arbeitnehmer_innen befasste. Konsequenterweise ließ Moderatorin VERENA GONSCH (Hamburg) das Publikum seine Haltung zu der Frage „Brauchen wir noch Mitbestimmung?" sogleich per Abstimmung kundtun. Die folgende Debatte machte jedoch rasch deutlich, dass das Thema zu komplex ist, um sich mit Ja-Nein-Antworten erfassen zu lassen. Während NORBERT KLUGE (Düsseldorf) von der Hans-Böckler-Stiftung – man möchte sagen: naturgemäß – auch zukünftig Bedarf an klassischer Gewerkschaftsarbeit sah, machte sich RAINER ZUGEHÖR (Berlin) von Unternehmerseite für neue, teamorientierte Mitbestimmungsformen in flachen Hierarchien stark. ERIKA MEZGER (Brüssel) beleuchtete derweil den bunten Flickenteppich der europäischen Arbeitnehmerrechte und verwies darauf, dass die Rechtslage auf dem Kontinent nicht nur äußerst heterogen sei, sondern Europa sogar einige „beteiligungsfreie Zonen“ aufweise. Mitbestimmung sei nun einmal etwas sehr Deutsches. Ein weiterer Diskussionsstrang befasste sich mit der Altersstruktur der Gewerkschaften, deren Mitglieder mittlerweile durchschnittlich zwischen 45 und 55 Jahre alt sind. Auf die angesichts dieser Zahlen naheliegende Frage, ob „junge Leute“ überhaupt noch Mitbestimmung wollten, wusste freilich keine der auf dem Podium versammelten Personen so recht eine Antwort. Ein Schelm, wer dabei an deren Alter dachte.

Am Ende versammelten sich alle Teilnehmer_innen noch einmal im großen Foyer des MPIfG, um die Veranstaltung bei einem gemeinsamen Imbiss ausklingen zu lassen. Und wie man die auch bei der Nahrungsaufnahme emsig weiter diskutierenden und netzwerkenden Wissenschaftler_innen in unmittelbarer Nähe des geschäftigen Treibens der Blattschneiderameisen beobachtete, hatte man für einen Moment den Eindruck, sich selbst in einem Formicarium größerer Art zu befinden, indem freilich nicht Pflanzen, sondern Probleme kleingearbeitet werden. Aber das genauso unermüdlich.

 

Konferenzübersicht:

Colin Crouch (Warwick), Democracy in a Dangerous and Troubled World

Jens Beckert (Köln), Die Historizität fiktionaler Erwartungen

Torsten Kathke (Köln), Zukunftserwartungen im Rückblick

Werner Eichhorst (Bonn), Verleihung des Zeitschriftenpreises des Vereins der Freunde und Ehemaligen des MPIfG

Versammlung der Mitglieder des Vereins der Freunde und Ehemaligen des MPIfG

Ulrich Dolata (Stuttgart), Märkte und Macht der Internetkonzerne

Werner Eichhorst (Bonn), Müssen wir vor der Zukunft der Arbeit Angst haben?

Podiumsgespräch: Brauchen wir noch Mitbestimmung?

Norbert Kluge (Düsseldorf)

Erika Mezger (Brüssel)

Rainer Zugehör (Berlin)

Wolfgang Schroeder (Kassel)

Moderation: Verena Gonsch (Hamburg)

Gelegenheit zum Besuch einer offenen Probe der Theatergruppe 51grad zu Gast am MPIfG: „Erschöpfte Demokratie“

Fußnoten

[1] Colin Crouch, Postdemokratie, übers. von Nikolaus Gramm, Frankfurt am Main 2008 (Originalausgabe: Postdemocrazia, übers. von Cristiana Patrnò, Rom 2003.)

[2] Jens Beckert, Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamics, Cambridge, MA, 2016.

[3] Ulrich Dolata, Volatile Monopole. Konzentration, Konkurrenz und Innovationsstrategien der Internetkonzerne, in: Berliner Journal für Soziologie 24 (2015), 4, S. 505–529.

[4] Carl Benedikt Frey / Michael A. Osborne, The future of employment: How susceptible are jobs to computerization, Oxford 2013.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.