Quo vadis, Gewaltforschung?

Podiumsdiskussion „Gewaltforschung wohin?“ beim 51. Historikertag im Hamburger Institut für Sozialforschung

Seit dem Erscheinen von Trutz von Trothas „Soziologie der Gewalt“1 sind beinahe zwanzig Jahre vergangen. Das wegweisende Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie verhieß Mitte der 1990er-Jahre den Aufbruch in eine neue, eine „genuine Gewaltsoziologie“. Sie ist heute als phänomenologische Gewaltforschung fest mit den Namen Wolfgang Sofsky, Trutz von Trotha und Jan Philipp Reemtsma verbunden. Programm dieser Erneuerer war es, all das nachzuholen, was der Mainstream der Gewaltforschung ihrer Meinung nach bis dahin versäumt hatte. Man wollte keine Gewaltursachenforschung mehr betreiben, sondern der Situativität und Körperlichkeit von Gewalt Aufmerksamkeit schenken. Man wollte endgültig das etwas unglückliche Erbe von Johan Galtungs Konzept „struktureller Gewalt“ abstreifen und sich ganz auf den physischen Vorgang des Antuns und Erleidens von Gewalt konzentrieren. Und vor allem wollte man sich nicht in den Dienst der Selbstvergewisserung moderner Gesellschaften stellen, die Gewalt stets nur als das Andere, das Deviante und das Verhinderbare begreifen und deren Selbstbild durch die vermeintliche Gewaltlosigkeit bestimmt ist. Ziel war es, Gewalt als Konstante der menschlichen Existenz und als zentrales Ordnungsproblem jeder menschlichen Gesellschaft zu begreifen: Phänomenologische Analysen von Gewalt und Sozialtheorie sollten zusammengebracht werden.

Zwanzig Jahre später attestierte Gastgeber WOLFGANG KNÖBL (Hamburg) dem phänomenologischen Forschungsprogramm jedoch „gewisse Ermüdungserscheinungen“. Noch deutlicher formulierte es Podiumsgast TERESA KOLOMA BECK (Berlin): „The debate about a phenomenological renewal of violence research remained limited to German sociology and hardly outlasted the academic careers of its founding figures. The key postulate, to combine the phenomenological analysis of violent confrontations with social theory, was never fulfilled“.2 Wohin also mit der nicht mehr ganz neuen Gewaltforschung, die so verheißungsvoll begann? Was sind die entscheidenden Fragen, was sind neue Pfade bei der Erklärung von Gewalt? Diese Fragen richteten sich neben der bereits erwähnten Soziologin Koloma Beck an die Ethnologin NADJA MAURER (Hamburg), den Historiker MICHAEL WILDT (Berlin) und den Soziologen STEFAN DEISSLER (London). Das überraschende Fazit dieser interdisziplinären Runde war, dass sie sich insgesamt, wiewohl auf je unterschiedliche Weise; erheblich mehr Kontextualisierung wünschte und der Gewaltforschung empfahl, anstatt sich weiter mit einem hochaggregierten Begriff „der Gewalt“ zu beschäftigen, eine differenzierten Betrachtung der schier unglaublichen Vielfalt von Gewaltsituationen auszuarbeiten.

Den Aufschlag machte TERESA KOLOMA BECK, indem sie noch einmal vor Augen führte, wie allgegenwärtig Gewalt im Moment auch innerhalb westlicher Gesellschaften ist. „Der Gegenstand ist heimgekommen“ – Attentate in europäischen Städten, Jihadisten, die nach Syrien ausreisen, und immer mehr fremdenfeindliche Gewalt – und mit ihm der Beleg für eine zentrale Annahme der phänomenologischen Gewaltforschung: Moderne Gesellschaften haben ein paradoxes Verhältnis zur Gewalt, und sie reagieren darauf mit „Veranderung“. Gewalt wird als deviant, krankhaft oder barbarisch konstruiert, also als Problem der Anderen, das in zivilisierten Gesellschaften längst gelöst sei. Mit der Rückkehr der Gewalt nach Westeuropa, so Koloma Beck, steige der Rechtfertigungsdruck für die Behauptung, die Gewaltausübenden seien die Anderen – auch wenn sie faktisch in vierter Generation in einer Kleinstadt im Sauerland leben. Damit verwies Koloma Beck auf blinde Flecken der neueren Gewaltforschung, die einerseits eine Tendenz zur Symmetrisierung und regelrechter Kontextverachtung aufweist (hier sei vor allem auf die mikrosoziologischen Arbeiten von Randall Collins verwiesen3), und die andererseits einen Fokus auf Staatsbildungsprozesse legt, die in Westeuropa lange abgeschlossen sind. Damit gerät Europa als Gewaltort aus dem Blick, was die Sprachlosigkeit der Gewaltforschung zu den jüngsten Ereignissen zumindest erklären kann. Koloma Becks Antwort auf diese Verengungen kann man nur als Aufruf verstehen, Heinrich Popitz‘ Diktum von der Gewalt als Jedermanns-Ressource wieder ernst zu nehmen. Gewalt, als ein Kommunikationsmittel und eine Handlungsoption unter vielen, bedürfe einer alltagssoziologischen Kontextualisierung und müsse zurückkehren „ins Herz der Disziplin“. Gewalt nicht zu verandern, sie nicht als Ausnahmezustand, sondern als Jedermanns-Ressource zu begreifen, bedeute aber – so das durchaus provokativ gemeinte Fazit – ein Ende der Gewaltforschung an sich. Die Beschäftigung mit der Gewalt müsse stattdessen wieder in die ‚Bindestrichsoziologien‘ integriert werden und einen festen Platz in der Familiensoziologie, der Emotionssoziologie, der Organisationssoziologie etc. erhalten.

MICHAEL WILDT gefiel dieser Vorschlag äußerst gut. Im Anschluss an seine Vorrednerin verwies er auf den Hang zur Selbsttäuschung, dem moderne Gesellschaften in Bezug auf Gewalt erlägen. Es sei tief im Selbstverständnis jener Gesellschaften verankert, dass sie fähig seien, das Problem der Gewalt zu lösen oder zumindest einzuhegen. Wildt hielt das nicht nur für einen Irrtum, sondern für eine sehr erfolgreiche Selbsttäuschung. Eine genuine Gewaltforschung arbeite Letzterer möglicherweise zu, indem sie die Bündelung unendlich vieler Situationen zu einem Phänomen betreibe und damit den Ausnahmezustand von Gewalt manifestiere. Dies gelte insbesondere dann, wenn sich die Gewaltforschung auf die Isolierung von Gewaltphänomenen und auf deren Prävention konzentriere. Wildt plädierte dafür, die Gewalt in ihren unterschiedlichen Kontexten und ihren Wechselwirkungen mit anderen Phänomenen aufzusuchen. Beispielhaft nannte er den Zusammenhang von (Staats-)Gewalt, Recht und Sicherheit, die ohne den Bezug aufeinander kaum wirklich zu erklären wären und Gewaltnarrationen, die eben nicht „echte“ Gewalt wiedergäben, sondern Gewaltphänomene in Geschichten einbänden, Legitimationen evozierten und Handlungsdruck erzeugten.

Kontextualisierung war auch das, was STEFAN DEIßLER umtrieb, der Collins‘ Version der phänomenologischen Gewaltforschung ins Visier nahm. Deißler war als Makrosoziologe der einzige am Tisch, der ausdrückliche Generalisierungsbestrebungen verfolgte, hielt in direktem Gegensatz zu Collins allerdings die politische Rahmung von Gewalthandlungen für überaus bedeutsam. Das ist naheliegend, denn Deißler würde sich wohl nicht als „Gewaltforscher“ bezeichnen: sein Gegenstand ist der Bürgerkrieg, und Bürgerkriege bestehen aus weit mehr als nur aus – zweifellos zentralen – Gewaltsituationen. Folgerichtig interessierte er sich für Handlungsmuster, die zwar mit Gewalt zu tun haben, aber selbst nicht gewaltförmig sind. Collins gestand er zu, dass er die kausale Lücke zwischen Motiv und Handlung bei einer Gewalttat richtig erkannt habe, doch statt Motiv und Kontext gänzlich aus dem Untersuchungsbereich zu verbannen, plädierte Deißler dafür, die Institutionalisierung von Gewalt in den Blick zu nehmen. Gewalt sei vielleicht nicht durch individuelle Motive zu erklären, deren kausale Bedeutung schwer zu bestimmen sei, wohl aber durch politische Institutionen – sofern sie denn in die Gewalthandlungen involviert sind. Zur Erklärung von Gewalt sei also der Theoriefundus der Organisationssoziologie und der Social-Movement-Studies auszuschöpfen.

Haben bis hierhin vor allem der essenzialisierende Charakter einer genuinen Gewaltforschung und ihre kontextarme Situationsbezogenheit Kritik auf sich gezogen, so zielte NADJA MAURER in ihrer Replik auf den engen, rein physischen Gewaltbegriff, der der neueren Gewaltforschung ein zentrales Anliegen war und ist. Sie begann mit einer Methodenkritik an der ethnologischen Gewaltforschung – und die hat Gewicht, haben die neuen Gewaltforscher doch die in der Ethnologie beheimatete dichte Beschreibung zum methodischen Maß aller Dinge erhoben. Maurer gab zu bedenken, dass die Ansprüche der teilnehmenden Beobachtung immer hoch sind, in der Gewaltforschung aber kaum zu erfüllen seien. Erstens, weil Teilnahme in vielen Fällen schlicht zu gefährlich sei, und zweitens, weil gerade bei Gewalt die Grenze von teilnehmender zu eingreifender Beobachtung schnell überschritten werde. Damit sprach sie an, dass das normative Gepäck, mit dem die Forscher/innen ins Feld gehen, für die Beobachtung von Gewalt viel zu groß sein kann. Dass Gewalt immer etwas Schlechtes und Empathie für Opfer zu reservieren sei, dass Gewalt verhindert werden müsse und abzulehnen sei, diese Ideale schränkten die ethnographische Erforschung von Gewalt durchaus ein. Zu diesem Methodenproblem geselle sich in der ethnologischen Gewaltforschung ein unzureichender Gewaltbegriff, der entweder als Infamie oder Abwesenheit von Vernunft völlig trivialisiert werde oder in seiner Verengung auf rein physische Gewalt den Blick auf Gewalt als Code oder Performance verstelle. Für Maurer war Gewalt kein diskretes Phänomen, sondern graduell, fließend und unterschiedlich vehement. Was als Gewalt gedeutet werde, sei Gegenstand sozialer Aushandlungsprozesse, und entsprechend müsse man über eine erneute Öffnung des Gewaltbegriffs nachdenken.

Die anschließende Diskussion hob noch einmal die neuralgischen Punkte der Statements hervor und zeigte auf, wie Gewaltforschung im Anschluss an den phänomenologischen Turn, aber auch über ihn hinaus, gedacht werden kann. Den Erneuerern gebührt, da waren sich alle einig, in jedem Fall das Verdienst, ein Bewusstsein dafür geschaffen zu haben, dass die Veranderung von Gewalt problematisch ist und uns den Blick auf die entscheidenden Fragen verstellt. Konsens herrschte auf dem Podium ebenfalls, wenn es um die ordnungsstiftenden Effekte von Gewalt ging, also um den Einfluss, den Gewalt, oder auch nur die Möglichkeit von Gewalt, auf gesellschaftliche Ordnungen hat. Dass diese erforscht werden müssen und dass Gewalt als gewichtiger Faktor sozialer Ordnungsbildung jenseits von Allgemeinplätzen bisher zu wenig Anerkennung findet, auch darüber herrschte Einigkeit. Ein großes Problem für die Zukunft der Gewaltforschung bleibt aber das Verhältnis zwischen Mikro- und Makroebene, zwischen Generalisierung und Kontextsensibilität und zwischen Situation und übergeordneten Strukturen. Wenn ein hochaggregierter Begriff von „der Gewalt“ nicht weiter hilft, muss die Forschung dann mit immer differenzierteren Typologien und am Ende bloß noch mit Einzelfällen arbeiten? Und was bedeutet ein solcher Umstand für eine soziologische Theorie mit Verallgemeinerungsintentionen? Die Antworten auf diese Fragen waren vage und müssen es am Ende vielleicht auch bleiben, wenn trotz aller Interdisziplinarität so unterschiedliche Forschungstraditionen aufeinandertreffen. Wenn Koloma Beck sagte, man könne über Gewalt auch etwas lernen, ohne die Gewalt selbst zu sehen, und Wildt einwandte, wie lehrreich Situationsanalyse doch gerade für die Historiografie sein könne, dann lässt sich erahnen, dass es trotz der überraschend einmütigen Diskussion durchaus noch einige Konfliktlinien im weiten Feld der Gewaltforschung gibt. Einen überzeugenden Mikro-Makro-Link bot auch das Gespräch an diesem Nachmittag nicht an, selbst wenn ein lohnender Vorschlag lautete, Gewalt im Sinne von Praktiken, Habitus oder Gewohnheitsstrukturen zu untersuchen und so einen Mittelweg zwischen immer kleinteiligerer Differenzierung und allzu starker Generalisierung zu finden. Ob allerdings ein practice turn wirklich den Befreiungsschlag für die Gewaltforschung bringt, wird sich noch zeigen müssen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Wolfgang Knöbl (Soziologe, Hamburg)

Teresa Koloma Beck (Soziologin, Berlin)

Stefan Deißler (Soziologe, London)

Nadja Maurer (Anthropologin, Hamburg)

Michael Wildt (Historiker, Berlin)

Fußnoten

1 Trutz von Trotha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt, Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37 (1997).

2 Teresa Koloma Beck, The Eye of the Beholder. Violence as a Social Process, in: International Journal of Conflict and Violence 5 (2011), 2, S. 345–356, hier: S. 347.

3 Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, übers. von Richard Barth und Gennaro Ghirardelli, Hamburg 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.