Raum und Zeit

Symposium im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst, 23.–24. Januar 2015

Wo trifft man sich eigentlich, wenn man über Raum und Zeit aus soziologischer Perspektive diskutieren möchte? Szenario 1: Das Schwimmbad. Nachdem die Teilnehmer zähneknirschend ihre Tageskarten bezahlt haben, finden sie sich in einer großen Halle auf Liegestühlen wieder. Man hat den Bademeister überredet, sich nicht umziehen zu müssen: Nein, man wolle nicht schwimmen, man wolle hier lediglich sitzen und sich unterhalten. Besagter Bademeister bewahrt die Beherrschung, kontrolliert wie zur Strafe die Tickets und geht. Der erste Referent kann nicht anfangen, es gebe keinen Beamer. Genau genommen existiert nicht einmal eine geeignete Projektionsfläche, die Tagenden sind von mäßig schönen Palmen umringt. Die Lärmkulisse ist dagegen eindrucksvoll, ein paar Meter entfernt spielt eine Gruppe Kinder im Wasser. Ein Wasserball fliegt in Richtung der Arbeitsgruppe, wird erfolgreich abgewehrt, einige Manuskripte sind dennoch nass geworden. Die Organisatoren beraten sich und versichern, sie würden die Kosten für die Tageskarten übernehmen. Es hilft nichts, die Stimmung ist bereits ruiniert. Kein guter Tag für eine soziologische Diskussion. Szenario 2: Das Tagungszentrum. Nachdem die Teilnehmer an der Garderobe ihre Jacken und Mäntel abgelegt haben, nehmen sie an Tischen Platz, die jemand ordentlich in Hufeisenformation aufgestellt hat. Man blickt ins ausgehändigte Programm, das Namenschild wird an den Anzug gesteckt. Der Beamer ist einsatzbereit, der erste Referent öffnet seine Powerpoint-Datei und ergreift das Wort. Kein Geräusch dringt aus der Umgebung in den Raum, sodass man den Sprecher gut hören kann. Die Einrichtung ist generell ein wenig trist, aber fürs Visuelle hat man ja die Präsentation. Kaum ist der Vortrag beendet, beginnt eine lebendige Diskussion. Die Organisatoren lehnen sich zurück: Hervorragend, die Sache läuft.

Es kann als grundlegendes Theorem der Raumsoziologie gelten, dass räumliche Gegebenheiten und soziale Praktiken nicht in einem beliebigen Verhältnis zueinanderstehen. Die Anordnung von Menschen und Gegenständen, der Zuschnitt eines Gebäudes wie auch seine innere Gestaltung können den Verlauf sozialer Interaktion bedingen. Doch in welchem Verhältnis steht die Raumsoziologie zur ihrer populäreren Verwandten, der Zeitsoziologie? Warum behandelt man die beiden gelegentlich so, als hätten sie nichts miteinander zu tun? Welche Einsichten halten sie für die allgemeine Soziologie bereit und wie lässt sich empirisch gehaltvoll nach räumlichen und zeitlichen Faktoren sozialen Zusammenlebens fragen? Um diese Fragen ging es auf dem von Anna Henkel (Oldenburg) und Henning Laux (Bremen) organisierten Symposium „Raum und Zeit. Gesellschaftstheoretische und sozialtheoretische Perspektiven“.

Zum Auftakt plädierte GESA LINDEMANN (Oldenburg) dafür, bei der soziologischen Analyse von Raum- und Zeitverhältnissen von der leiblichen Verfasstheit der Akteure auszugehen. Nur so könnten Raum und Zeit als ordnungsbildende Kräfte des sozialen Zusammenlebens thematisiert werden. Aus der reichhaltigen Typologie raumzeitlicher Beziehungen, die Lindemann vorstellte, griffen die Anwesenden in der weiteren Diskussion wiederholt das Konzept der „digitalen Raumzeit“ auf: Gemeint ist die seit dem 19. Jahrhundert durch die massenhafte Verbreitung von Uhren etablierte raumzeitliche Ordnung, die eine genaue Koordination von räumlich und zeitlich entfernten Handlungen erlaubt. Da alle in dieser digitalen Raumzeit vorkommenden Informationen maschinell speicherbar seien und damit dauerhaft verfügbar bleiben könnten, bildet sich Lindemann zufolge eine „Matrix der digitalen Raumzeit“, nämlich ein mathematisch kalkulierbarer Raum, in welchem der Einzelne eine Netz-Existenz (kurz: „Nexistenz“) führe, die mit seiner leiblichen Existenz neu verknüpft werde. In Post-Snowden-Zeiten überraschte es kaum, dass Lindemann von einem „ortlosen Panoptikum“ sprach: Da der Einzelne nun jederzeit auf seine detailliert dokumentierte Vergangenheit festgelegt werden könne, ändere sich sowohl unser Verhältnis zur Vergangenheit als auch zu vormals klarer abgegrenzten Räumen der Privatheit.

Eine Neukonfiguration von Raum- und Zeitverhältnissen durch medientechnische Innovationen bildete somit einen ersten Schwerpunkt des Symposiums. HANS-PETER HAHN (Frankfurt am Main) – als Ethnologe der einzige fachfremde Redner des Symposiums – vertrat die These, die durchgehende Konnektivität von Kommunikations- und Informationstechnologien mache den Raum als Faktor ethnologischer Forschungsarbeit bedeutungslos. Zwar habe lange Zeit die Idee dominiert, der Ethnologe habe „exotische“ Praktiken an entsprechend entlegenen Stätten aufzusuchen und vor Ort zu studieren. Diese Ortsgebundenheit von Praktiken werde im Zuge der Globalisierung und deren medialer und mobilitätstechnischer Konsequenzen obsolet. Man finde dieselben Praktiken nun nicht nur an verschiedenen Orten wieder, sondern könne zudem mit Akteuren in der Ferne in Kontakt treten, ohne dorthin reisen zu müssen (z.B. via Skype). Mit dieser Einschätzung zum Relevanzverlust des Raums stand Hahn in bemerkenswertem Widerspruch zu seinen soziologischen Kollegen.

Wollte man den Raum als Analysekategorie oder -gegenstand mitnichten aufgeben, konnte man sich von CARSTEN OCHS (Kassel) davon überzeugen lassen, dass es vielmehr darauf ankomme, sich wandelnde soziotechnische Bedingungen mit der Analyse der Konstitution von sozialen Räumen zu verknüpfen. Wie Lindemann entfaltete auch er seine Gedanken im Hinblick auf jene Verschiebungen, die sich in unserem Verständnis von privaten und öffentlichen Räumen derzeit vollziehen. Als Beispiel diente ihm die Nutzung von Spielkonsolen in privaten Wohnräumen. Einerseits trage ein solches Objekt im heimischen Wohnzimmer dazu bei, dass die Spieler diesen Raum als Ort des privaten Konsums von Unterhaltungstechnik begreifen würden, andererseits lasse diese Technik aber zu, dass Dritte in diesen vermeintlich privaten Raum eindrängen. Ganz konkret verwies Ochs auf die Firma Microsoft, die mit ihrer Xbox detaillierte Nutzungsprofile von Spielern erstellen könne, um personalisierte Werbung zu schalten oder Produkte weiterzuentwickeln. Die meisten Konsolennutzer seien sich dessen nur eingeschränkt bewusst, da sie mit den technischen Möglichkeiten der Geräte kaum vertraut seien. Sie würden sich daher ihr Wohnzimmer, so Ochs, fälschlicherweise als privaten Raum vorstellen, obwohl er durch das Gerät teilweise öffentlich werde. Nehme man Rücksicht auf soziotechnische Faktoren, müssten Privatheit und Öffentlichkeit daher als graduell differenzierte und ineinander verschränkte Sphären gedacht werden.

Mit diesem Beispiel entwickelte sich ein zweiter Schwerpunkt der Diskussion: Inwiefern meint man mit „Raum“ auch den physikalischen Raum und damit materielle Bedingungen? Insbesondere die Beiträge von MARKUS SCHROER (Marburg) und ANNA HENKEL kreisten um die Frage der Materialität und boten auch eine kurze Bestandsaufnahme zu den Entwicklungen der deutschen Raumsoziologie.

So erinnerte Schroer an eine Tagung zum Thema „Die Gesellschaft und ihre Räume“, die 2002 am selben Ort stattgefunden hatte. Seitdem sei es zwar gelungen, Raumverhältnisse als soziologisches Forschungsfeld zu etablieren. Jedoch habe man sich anhand der Phrase von der „sozialen Konstruktion des Raums“ vor allem mit sozialen Räumen auseinandergesetzt, ohne deren materielle Fundierung angemessen einzubeziehen. Debatten um den Menschen im sogenannten „Anthropozän“ – dem gegenwärtig anbrechenden Erdzeitalter, in dem der Mensch durch die Effekte globaler Industrialisierung zur dominierenden geologischen Veränderungskraft wird – könnten aber die Art und Weise, wie sich die Soziologie dem Thema Raum widme, nicht unberührt lassen. In diesem Sinne skizzierte Schroer das Projekt einer „Geosoziologie“, das auch intensiveren Kontakt zu den Vertretern anderer Disziplinen, insbesondere der Geografie und der Biologie, einschließe. Es gelte, ein umfassendes Verständnis von „Geopraktiken“ zu gewinnen, welche vom Geo-Engineering über Konsumgewohnheiten bis hin zu klimabedingten Migrationsbewegungen reichen würden. In ihnen zeige sich, dass Gegenwartsgesellschaften begännen, sich in Abhängigkeit von ihrer biophysischen Umwelt neu zu ordnen. Diese Entwicklung habe die Soziologie bisher kaum ernst genommen, weshalb versäumt worden sei, das entsprechende theoretische Rüstzeug zu entwickeln.

Anna Henkel schloss sich ihrem Vorredner dahingehend an, dass die Soziologie des Raums bisher dazu geneigt habe, Materialität und damit auch den Boden als Gegenstand auszublenden. Im Vergleich zu Schroer verfolgte Henkel ein eher theoriekonservatives Anliegen, nämlich die gesellschaftliche Relevanz des Bodens mit bestehenden Instrumentarien soziologischer Differenzierungstheorie und innerhalb des konstruktivistischen Paradigmas zu thematisieren. Bevor man versuche, das Rad neu zu erfinden, seien die Potenziale der etablierten Ansätze auszuschöpfen, lautete ihr Plädoyer. Mit diesen ließe sich der historische Wandel des Materialitätsbezugs verschiedener Gesellschaftsformationen ebenso analysieren wie der funktionssystemspezifische Zugriff auf Boden in der Gegenwart. Wie Schroer verwies auch Henkel dabei auf die politische Bedeutung des Bodens als Territorium, die ungeachtet der globalistischen Rede von der Auflösung der Grenzen derzeit eine Renaissance erlebe.

Im Hinblick darauf, wie mit Raum und Zeit als analytischen Kategorien der soziologischen Forschung generell umzugehen sei, unterschied GUNTER WEIDENHAUS (Berlin) zwei grundsätzliche Zugangsweisen: Einerseits könne man untersuchen, welche zeitlichen und welche räumlichen Aspekte sich mit einem Phänomen verbänden, und diese jeweils beschreiben. Spannender sei jedoch das Problem, ob sich eine „soziale Raumzeit“ erfassen lasse, in der zeitliche und räumliche Bestimmungen voneinander abhängen und aufeinander verweisen. Weidenhaus veranschaulichte diesen Gedanken anhand eigener Arbeiten im Rahmen der Biografieforschung: Weidenhaus berichtete von Interviews, in denen seine Gesprächspartner aufgefordert waren, den Verlauf ihres gesamten Lebens darzustellen. Die resultierenden Narrative hätten spezifische raumzeitliche Strukturierungen offenbart, die man zu mehreren Typen verdichten könne: So konstruiere beispielsweise der „konzentrisch-lineare Typ“ die Geschichtlichkeit seines Lebens so, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft logisch aufeinander aufbauen würden. Die Zukunft eigne er sich planend an und betrachte sie als Konsequenz bisheriger Tätigkeiten. In räumlicher Hinsicht verbinde sich dies damit, dass der Wert des eigenen Zuhauses wie auch des Wohnorts (sowie des Stadtviertels, der Heimatregion und des Nationalstaats) hervorgehoben werde. Im Gegensatz dazu artikuliere der „netzwerkartig-episodische Typ“ seine räumliche Bindung ausschließlich über die Atmosphären von Stadtvierteln und Städten. Biografische Brüche, etwa durch häufige Umzüge, seien für ihn der Normalfall; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blieben weitgehend unverbunden. Weidenhaus‘ Zuhörer waren sich darin einig, dass eine kommende Herausforderung für die Soziologie darin bestehe, den Zusammenhang zwischen den sozialen Raumzeiten der Akteure und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen aufzuzeigen.

Auch in weiteren Beiträgen, die nun vermehrt die Raum- und Zeiterfahrungen der Akteure in den Blick nahmen, bezog man sich auf Weidenhaus‘ Thesen. Zunächst präsentierte HARTMUT ROSA (Jena) seinen Entwurf einer „Soziologie der Weltbeziehungen“. Vor dem Hintergrund der Diagnose, dass die „Vergrößerung der Weltreichweite“ insbesondere in der Spätmoderne zum alleinigen Kriterium für ein gelingendes Leben des Einzelnen geworden sei, gelte es, diesen Maßstab zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen. Im Sinne einer Weiterentwicklung der Honneth’schen Anerkennungstheorie müsse die Soziologie erörtern, unter welchen (auch raumzeitlichen) Bedingungen den Akteuren positive Erfahrungen der „Resonanz“ erschwert würden, sodass sie ihr Verhältnis zur Welt letztlich als Entfremdung empfänden.

Mit explizitem Bezug auf Rosa stellte NADINE SCHÖNECK-VOSS (Bremen) Überlegungen zur Sozialfigur des Wochenendpendlers vor. Das dauerhafte und regelmäßige Wechseln zwischen Haupt- und Nebenwohnsitz erschwere nicht nur, dass Wochenendpendler sich im sozialen Umfeld ihrer Arbeitsregion einrichten könnten, sondern könne auch die sozialen Bindungen im Heimatraum der Betroffenen mit der Zeit beeinträchtigen. Am Ende entfremde sich der Pendler unter Umständen gar von beiden sozialen Räumen. Ihr Forschungsobjekt verstand die Referentin dabei als konzentrisch-linearen Typus im Sinne von Weidenhaus, den man vereinfachend als „Karrieremensch“ bezeichnen könne. Schließlich sei er durch berufliche und familiäre Planungsimperative zur Nähe zu seiner Firma gezwungen und wolle zugleich seinen privaten Lebensschwerpunkt nicht aufgeben, was entsprechende physische, psychische und finanzielle Belastungen mit sich bringe.

Dass raumzeitliche Arrangements nicht nur für Betrachtungen der Arbeitswelt relevant sind, wurde durch den Vortrag NICOLE BURZANS (Dortmund) zur „Eventisierung“ von Museen anschaulich. Klassischerweise zeichnen sich Museen laut Burzan durch die genaue räumliche Anordnung ihrer Exponate aus, böten dem Besucher aber jenseits der Öffnungszeiten keine zeitspezifischen Vorgaben für die Auseinandersetzung mit einzelnen Ausstellungsstücken oder für die Dauer des Aufenthalts insgesamt. Mit der Zunahme von Interaktionsangeboten – Besucher können sich spielerisch miteinander oder über Bedienelemente den Wissensfundus des Museums erschließen – ändere sich dies, weshalb die Besucher einander regelmäßig Platz machen und sich an klare Laufwege, Handlungssequenzen und Zeitbegrenzungen halten müssten. Der gesteigerte Erlebnischarakter von Museen sorge für eine deutlichere Vorstrukturierung der raumzeitlichen Orientierung – was aber nicht einfach als Gängelung zu verstehen sei, wie man gemeinsam in der Diskussion herausstellte, sondern den Einzelnen auch entlasten könne.

Burzans Darstellung bot zugleich ein eingängiges Beispiel, um die von HENNING LAUX (Bremen) zuvor vorgestellte Heuristik der Zeit zu illustrieren, die vier verschiedene Dimensionen umfasst: Man kann durch eine Ausstellung eilen oder gemächlich schreiten („Tempo“), man kann der vorgegebenen Tour und damit der offiziellen Abfolge der Exponate folgen oder auch nicht („Sequenz“), man bleibt vor einem Gemälde zehn Sekunden oder zehn Minuten stehen („Volumen“) und man kann mit einem Museumsbesuch zwar einen Tag seines Lebens gewinnbringend füllen, nicht aber ein ganzes Jahr („Radius“). Diese Differenzierung soll nach Laux aber nicht nur auf die Ebene des Handelns Einzelner bezogen werden, sondern auch zur Analyse der Zeitverhältnisse von Organisationen oder Funktionssystemen dienen. Im Zentrum von Laux‘ Beitrag stand der Zusammenhang zwischen Demokratie und Synchronisation. Halte man sich die Vielzahl von Eigenzeiten vor Augen, die auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaft aufeinanderträfen, sei es erstaunlich, wie viele soziale Prozesse de facto gut koordiniert abliefen und dass kollektiv bindendes Entscheiden weiterhin möglich bleibe. Sogenannte „Hybridorganisationen“ an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Teilsystemen – wie beispielsweise der Ethikrat (Wissenschaft/Politik), die Bundespressekonferenz (Massenmedien/Politik) oder die Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (Wirtschaft/Politik) – hätten daran einen wichtigen Anteil. Eine zeitsoziologisch anspruchsvolle Beschreibung dieser Koordinationsleistungen stehe aber noch aus.

Komplementär dazu stellte UWE SCHIMANK (Bremen) zeitspezifische Aspekte des Entscheidens im Allgemeinen heraus. Individuen, Organisationen und Nationalstaaten stünden als maßgebliche Gestaltungsakteure der Moderne von jeher vor dem Problem, unter Zeitknappheit Entscheidungen über komplexe Sachverhalte treffen zu müssen, wobei die bloße Tatsache, dass Entscheidungen selbst Zeit benötigten, die Situation des Entscheiders mitunter verschärfe. Steige zudem die Komplexität der gegebenen Probleme, werde es zunehmend schwierig, überhaupt noch in einem ernstzunehmenden Sinne „rationale“ Entscheidungen zu treffen. „Coping“ sei die Vorgehensweise, so Schimank, mit der sich Gestaltungsakteure in unsicheren Zeiten ein Minimum an Entscheidungsrationalität bewahren würden: Statt langfristiger Planung sei nun weitgehende Zielabstinenz geboten. Auch Abwarten, Improvisation und eine Haltung des „Mal sehen!“ seien letzte Mittel, die vorm Abrutschen ins passive Erleiden von Problemfluten schützen könnten. Der Preis dafür ist offenkundig eine starke Absenkung von Gestaltungsansprüchen, sodass auch explizite Zielsetzungen eher als politische Geste denn als strikter Handlungsmaßstab zu begreifen sind. Wer sich schon immer fragte, was sich eigentlich hinter dem Stichwort „pragmatisch“ verbirgt, mit dem so viele Kommentatoren den Regierungsstil Angela Merkels charakterisieren, bekam hier prägnant Auskunft.

Vergegenwärtigt man sich an dieser Stelle die enorme Bandbreite des Symposiums, so überrascht es nicht, dass auch Beiträge zu hören waren, die die gesellschafts- und sozialtheoretischen Wurzeln der Soziologie betrafen. ARMIN NASSEHI (München) und HEIKE DELITZ (Bamberg) nahmen sich der Herkulesaufgabe an, danach zu fragen, wie das Bezugsproblem der Soziologie als Disziplin mit Rücksicht auf das Tagungsthema neu formuliert werden könne.

Nassehi wies zunächst im Rückgriff auf klassische Bestimmungen des Gesellschaftsbegriffs darauf hin, dass dieser immer schon zeitliche oder räumliche Komponenten enthalten habe: Hobbes‘ Gesellschaftsvertrag binde die Einzelnen über die Zeit hinweg an die Macht des Leviathan, Durkheims Organismusmetapher verräumliche die funktionale Ordnung von gleichzeitig gegebenen Bestandteilen der Gesellschaft. In Anlehnung an Kant formulierte Nassehi die in diesen Bestimmungen steckenden abstrakten Bezugsprobleme, die die Soziologie mit „Gesellschaft“ auf den Begriff gebracht habe, nämlich das Zugleich-Sein von Unterschiedlichem (Raum) und die Identität von Substanzen bei beständigem Wandel der Erscheinungen (Zeit). Während der sich anschließenden Diskussion warf Nassehi selbst konsequenterweise die Frage auf, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, bei einem derartigen Abstraktionsgrad – das Bezugsproblem der Soziologie sei die „Operativität der Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeit“ – von der „Gesellschaft“ als Gegenstand der Soziologie zu sprechen.

Philosophische Schützenhilfe nahm auch Heike Delitz in Anspruch, allerdings von Henri Bergson. Delitz, die in einer umfassenden Studie die Rolle Bergsons im soziologischen Diskurs Frankreichs im 20. Jahrhundert untersucht hat, präsentierte in ihrem Vortrag einen kondensierten Abriss dieser Wirkungsgeschichte. Von Durkheim über Halbwachs bis Castoriadis konnte sich kein Soziologe einer Auseinandersetzung mit Bergson entziehen, was letztlich ein „Bergson-Paradigma“ in der französischen soziologischen Theorie erzeugt habe. Dieses enthalte im Kern eine Bestimmung des soziologischen Bezugsproblems unter dem Begriff des „sozialen Werdens“: Die Frage „Wie ist soziale Ordnung möglich?“ sei aus Bergson’scher Sicht schlecht gestellt, da sie impliziere, dass man zumindest hypothetisch von einem Zustand der Unordnung ausgehen könne. Unordnung sei aber ein leerer Begriff, da das Bewusstsein immer nur verschiedene Vorstellungen von Ordnung haben könne. Es gelte also, Gesellschaften beziehungsweise „Kollektive“ als Verfestigungen in einem fortwährenden und unvorhersehbaren Werden zu denken. Soziologie habe nach der Genese von temporären Identitäten zu fragen, nicht nach der Entstehung sozialen Wandels.

Wie auch immer man zu diesen beiden Vorschlägen steht – einig sind sie sich in einer weitgehenden inhaltlichen Entleerung des soziologischen Bezugsproblems. Dies mag zunächst irritieren, wird aber plausibler, wenn man sich vor Augen führt, dass eine inhaltliche Bestimmung etwa über eine klare Begrenzung des Gegenstandsbereichs der Soziologie eher aussichtslos ist, wie sich im Kontext des Symposiums zeigte. Viele Redner machten sich im Gegenteil für eine Erweiterung der soziologischen Aufmerksamkeit stark, am nachdrücklichsten Gesa Lindemann, Markus Schroer und Hartmut Rosa. Ob die Themen Raum und Zeit eine grundlegende Anpassung soziologischer Begrifflichkeiten oder gar eine Neubestimmung des allgemeinen Bezugsproblems verlangen, blieb indes umstritten. Hat die Soziologie Raum und Zeit vielleicht zu früh als Bindestrichsoziologien abgeschoben? Die Teilnehmer des Symposiums würden diese Frage wohl bejahen. Die Typologie sozialer Raumzeiten von Weidenhaus bot ein einprägsames Beispiel dafür, wie ein etabliertes Feld (in diesem Fall die Biografieforschung) Zeit und Raum theoretisch und empirisch elegant integrieren kann, ohne dabei im engeren Sinne Raum- oder Zeitsoziologie zu werden.

Hat die Soziologie also lediglich etwas nachzuholen? Sicherlich; zugleich gab Uwe Schimank zu bedenken, dass es nicht darum gehen könne, dass jedes soziologische Forschungsvorhaben raumzeitliche Aspekte per se zu berücksichtigen habe. Je nach Erkenntnisinteresse sei nur eine der beiden Dimensionen relevant, bisweilen auch gar keine. Diese pragmatische Erwägung blieb nicht ohne leidenschaftliche Einwände. Letztendlich steht jedoch der Anspruch, die raumzeitlichen Dimensionen der Wechselwirkung von Akteuren, Organisation oder Funktionssystemen zeitgemäß theoretisch zu differenzieren, nicht im Widerspruch zu der Notwendigkeit, durch die Abstraktion von gewissen Variablen empirische Fokussierung zu erreichen. Letzteres stellt keineswegs die Attraktivität theoretischer Innovationen in Frage, welche wiederum am besten ins Licht gesetzt werden, wenn sie zielgerichtet und nicht de jure operationalisiert werden.

Sollte man sich dafür interessieren, ob soziologische Symposien mit überaus heterogenen Beiträgen stets in derart anregende und fruchtbare Diskussionen münden, wie es an diesen beiden Januartagen der Fall war, empfiehlt es sich also, auch vor dem Hintergrund der eingangs geschilderten Szenarien, in dieser vergleichenden Betrachtung die gelingende Verknüpfung räumlicher und zeitlicher Arrangements nicht außer Acht zu lassen.

Konferenzübersicht:

Henning Laux (Bremen) / Anna Henkel (Oldenburg), Begrüßung & Einleitung

Teil I: Raum und Zeit als soziologische Grundbegriffe

Moderation: Hella Dietz (Göttingen)

Gesa Lindemann (Oldenburg), Die Raumzeit der Akteure

Hans Peter Hahn (Frankfurt am Main), „Exotik zuhause“ – Neue Auffassungen von Raum und die Redefinition von Forschungsfeldern

Armin Nassehi (München), Die Zeit der Gesellschaft

Teil II: Raum in Theorie und Empirie

Moderation: Anna-Lisa Müller (Bremen)

Markus Schroer (Marburg), Andere Zeiten – andere Räume

Anna Henkel (Oldenburg), Die Soziologie des Raums und die Verdinglichung von Grund und Boden

Moderation: David Schünemann (Oldenburg)

Carsten Ochs (Kassel), Rechnende Räume: Zur Temporalisierung der Differenz öffentlich/privat

Gunter Weidenhaus (Berlin), Soziale Raumzeit

Gesamtdiskussion erster Tag

Teil III: Zeit in Theorie und Empirie

Moderation: Tanja Bogusz (Berlin)

Hartmut Rosa (Jena), Resonanz und Entfremdung. Räumliche und zeitliche Aspekte der Weltbeziehung

Henning Laux (Bremen), Demokratie und Synchronisation

Moderation: Ulf Bohmann (Jena)

Heike Delitz (Bamberg), Das Werden des Sozialen & die Zeit und der Raum der Gesellschaft

Nicole Burzan (Dortmund), Eventisierungseffekte. Zum Wandel von Raum- und Zeitstrukturierungen am Beispiel von Museen

Moderation: Jonas Barth (Oldenburg)

Nadine Schöneck-Voß (Bremen), Rhythmische Bilokalität. Zur Sozialfigur des Wochenendpendlers

Uwe Schimank (Bremen), Coping statt Planung: Schrumpfende Zeitsouveränität des Entscheidens

Abschlussdiskussion

Moderation und Einleitung: Anna Henkel & Henning Laux