Sozial-, Kultur- und Medientechniken

Tagung an der Bauhaus-Universität Weimar, 19.–20. Februar 2016

Sozial-, Kultur- und Medientechniken – diesen drei ebenso unterschiedlichen wie spannenden Konzepten widmeten sich zwei Tage lang Referenten aus den Bereichen der Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Rechtswissenschaft, Philosophie und Soziologie. Dank dieser interdisziplinären Zusammenstellung gaben die einzelnen Vorträge ebenso zahlreiche Denkanstöße unterschiedlichster Art wie Anlässe zu kontroversen Diskussionen.

Im Zentrum standen dabei sowohl das wechselseitige Verhältnis von Medien, Kultur und Gesellschaft als auch der Technikbegriff als solcher. Schon der Tagungstitel deutete auf eine kategoriale Unterscheidung hin. Doch an welchen Kriterien lässt sich eine solche Differenzierung festmachen? Ist es nötig und überhaupt möglich, eine strikte Unterscheidung vorzunehmen? Wie käme diese dann zustande – sollte man von einer typologischen Unterscheidung ausgehen oder die unterschiedlichen Techniken als divergente Perspektiven auf die gleiche empirische Realtechnik betrachten? Und mit welchem Technikbegriff wird dabei jeweils operiert? Diese Fragen waren in den Diskussionen, Gesprächen und Vorträgen immer präsent. Andreas Ziemann und Patrick Wöhrle, die gemeinsam mit Stefan Meißner die Tagung organisiert hatten, wiesen dementsprechend in ihren einleitenden Worten auf die Schwierigkeiten, aber auch den Reiz einer differenzierten Betrachtung der Konzepte der Sozial-, Kultur- und Medientechniken hin.

Die Schwierigkeiten der Unterscheidung zeigte Ziemann im Rekurs auf Cornelia Vismann auf, die selbst zwei Jahre lang an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar in Lehre und Forschung gewirkt hat. Ihr zufolge bezeichnen Kulturtechniken ''das, was Medien machen, zu welchen Handlungen sie verleiten'', woraufhin Ziemann die Frage aufwarf, ob sich dies nicht auch zugleich auf die Medientechnik beziehen ließe. Und an welchen Kriterien ließe sich der Unterschied zwischen Kulturtechnik und sozialen Praktiken festmachen? Laut Vismann ist beispielsweise Baden eine Kulturtechnik, bei Harun Maye aber heißt es ''Schwimmen ist keine Kulturtechnik'' – eine simple Gegenüberstellung, welche die gelegentlichen Unterscheidungsschwierigkeiten veranschaulichte. Eines der Ziele der Tagung bestand folglich darin, in Diskussionen und Begriffsdebatten Möglichkeiten der Konturierung der drei unterschiedlichen Ansätze auszuloten.

Als Grundlage wurde einleitend in einer ebenso vorsichtigen wie vorläufigen Begriffsreflexion eine Einordnung vorgenommen, aus welcher sich dann in den anschließenden insgesamt neun Vorträgen unterschiedliche Perspektiven, Ansätze und differierende Technikverständnisse herauskristallisieren sollten.

STEFAN MEISSNER (Weimar) unternahm im ersten Tagungsvortrag eine genauere Analyse des Technikbegriffs. Ihn interessierte, wie dieser gedacht werden müsste, damit man darauf aufbauend eine unverkrampfte Position zwischen pessimistischer Technikabwehr und sich euphorisch unterwerfendem Technikoptimismus finden könne. Statt im Sinne eines Technikbegriffs, der in Gegensatzverhältnissen wie Technik-Natur oder Mensch-Technik wurzele, sei Technik als Verhältnisbegriff zu verstehen, der ebendiese Differenzen miteinander in Beziehung setze. Auf dem Weg dorthin kam Meißner von Hans Blumenberg über Helmut Schelsky zu Niklas Luhmanns Verständnis der Technik als funktionierende Simplifikation. Der Mensch bringe nicht nur technische Gebilde hervor, sondern begreife sich selbst durch ebendiese von ihm hergestellte Technik. Die Technisierung sei somit ein Mittel der Wirklichkeitsbeobachtung und -beherrschung, das dann am effektivsten funktioniere, wenn – ganz im systemtheoretischen Sinne Luhmanns – spezifische Kausalbestimmungen isoliert und somit die potenzielle Komplexität dieser Handlungsbereiche gesteigert würden. Die bei dieser Grenzziehung mitgeführte Unterscheidung in technisch kontrollierbare und nicht kontrollierbare Bereiche zog bei der Übertragung auf das Konzept der Sozialtechnik die in der anschließenden Diskussion debattierte Frage nach sich, inwiefern sich das Soziale durch Technik so zurichten, organisieren und gestalten lasse, dass es in den Bereich des Kontrollierbaren rücke.

Der im Vortrag von EKKEHARD KNOPKE (Weimar) dargelegte Technikbegriff beschrieb ebenfalls eine Art Zurichtung von Sozialität. Am Beispiel von weltlichen Trauerritualen in Ostdeutschland stellte Knopke jedoch die Ebene der sinnlich-ästhetischen Erfahrung in den Mittelpunkt. Anhand detaillierter Ablaufschilderungen von Trauerfeiern erörterte er, wie durch den gezielten Einsatz affektgenerierender dinglicher wie menschlicher Faktoren wie beispielsweise die Positionierung des Blumenschmucks oder die Gestik und Sprechgeschwindigkeit des Trauerredners, laut Knopke also durch ästhetische Sozialtechniken, spezifische Atmosphären herstellbar seien. Der Begriff der 'schematisierten Einzigartigkeit' wurde in der dem Vortrag folgenden Debatte kontroversdiskutiert. Offen blieb, inwiefern die geschilderten Praktiken einen Grad der Individualisierung erreicht haben, der eine Zuschreibung zur Kategorie der Sozialtechniken anstelle der Kulturtechniken rechtfertige.

Nach dem krankheitsbedingten Ausfall des Vortrags von KATJA ROTHE (Berlin) eröffnete GABRIELE SCHABACHER (Weimar) den zweiten Tagungsblock zu Kulturtechniken mit einem Vortrag zum Phänomen des im späten 19. Jahrhundert in den USA sehr verbreiteten inszenierten Eisenbahnunfalls. Wenn laut Paul Virilio jede Technik ihren eigenen Unfalltyp produziert, stellen die aus der Unfallanalyse gewonnenen Erkenntnisse die Voraussetzungen zu systemischen Lerneffekten und der Entwicklung effektiver Präventionsmaßnahmen dar. Die dadurch ermöglichte zunehmende Verbreitung, Nutzung und damit auch Beherrschung der Eisenbahntechnik seien die Basis für die Entwicklung der Eisenbahn von sichtbarer Technik zur unsichtbaren Infrastruktur gewesen. Genau dieser halbwegs stabile Status habe die Spektakularisierung der Eisenbahn in Form der beschriebenen Jahrmarktcrashs erst ermöglicht. Abschließend spielte Schabacher neben dieser kulturtechnischen Akzentsetzung die Möglichkeiten einer sozial- bzw. medientechnischen Einordnung durch und machte somit deutlich, dass die drei Kategorien auch als verschiedene Perspektiven auf ein und dasselbe Phänomen begriffen werden können.

Für den Einsatz unterschiedlicher Betrachtungsmöglichkeiten für einen Sachverhalt plädierte auch LUTZ ELLRICH (Köln) in seinem Vortrag zur „Kulturtechnik des Rechts“. Indem er das Recht als das exponierteste Feld des Normativen beschrieb, fragte er nach den Mitteln, die es stützten respektive unterminierten. Aus medientechnischer Sicht blickte er auf Innovationen wie die Drucktechnik ebenso wie auf die Art und Weise der Verhandlung von Recht in Massenmedien. Nachdem er die Sozialtechnik 'Recht' als spezialisierte Form der Sozialkontrolle interpretiert hatte, legte er den Fokus in der abschließenden Betrachtung der kulturtechnischen Konditionierung des Rechts auf den Zusammenhang von Normativität und Technisierbarkeit. Der normative Gehalt sowohl der Evolution als auch der Revolution des Rechts gründe in einem Sachzwang: Das Recht eröffne Räume, die rechtlicher Nachbearbeitung bedürften. Zur Gestaltung dieses Wechselspiels entstünden Techniken, die sich, dem Titel des Vortrags entsprechend, als 'Kulturtechniken des Rechts' fassen ließen.

LEANDER SCHOLZ (Weimar) ging es um das Konzept der Kultur an sich, was eines sehr grundlegenden Technikbegriffs bedurfte. Mit Oswald Spengler beschrieb er Technik als Technik des Lebens, nicht vom Ding und Werkzeug her gedacht, sondern als Praxis, genauer gesagt: als ein In-Form-Halten, das die Technik der Kultur wiederum sicherstelle. Im Unterschied zur Zivilisation im Allgemeinen sei jede Kultur einzigartig und ihre Spezifik maßgeblich durch ihre technische Verfasstheit geprägt – und umgekehrt, weshalb eine Trennung oder Unterscheidung von Technik und Kultur unmöglich sei. Die Zugehörigkeit zu einer distinkten Kultur, verstanden als die Gesamtheit eines Zustandes einer bestimmten Menschengruppe im Unterschied zu einer anderen, umfasse demnach nicht nur spezifische Wertevorstellungen, sondern auch eine bestimmte Formensprache, sprich: eine bestimmte Art des In-Form-Haltens, auf die man sich insbesondere in Krisenzeiten in Abgrenzung zum Anderen berufe. Dieser weite Technikbegriff eröffnete somit einen interessanten Blickwinkel auf das Erfassen von Dynamiken der kulturellen Grenzziehung, die momentan von großer Aktualität sind.

Im abschließenden Beitrag über die Seefahrt als Kulturtechnik nahm BERNHARD SIEGERT (Weimar) die Zuhörer mit auf einen mythologisch gefärbten Ausflug in die trobriandische Nautologie.1 Ausgehend von der basalen Unterscheidung zwischen Land und Meer markierte er den Vorgang der Differenzziehungen als konstitutiv für das Generieren von Kultur. Durch die Seefahrt mache der Mensch das Meer zu etwas Raumhaftem und Geschichtlichem, womit er wiederum zum Kulturwesen werde. Das Schiff als technischer Gegenstand, Schiffbau- oder Navigationstechnik – all diesen Nuancen der Begriffsfassung von Technik sei gemein, dass sie stetig Unterscheidungen mit sich führten und generierten. Die aus der Differenz zwischen Land und Meer resultierende Kulturtechnik der Seefahrt sei also ein Ausgangspunkt, von dem aus sich neue Differenzierungen entwickelten, die wiederum Techniken des Umgangs mit diesen Unterscheidungen und somit Kultur hervorbrächten.

Am zweiten Tag der Tagung führte ANDREAS ZIEMANN (Weimar) in den Themenbereich der Medientechniken ein. Darunter verstand er in seinem Vortrag sowohl erlernbare Fähigkeiten des Umgangs mit Medien als auch die spezifische artifizielle Anordnung und Nutzung von Apparaten zur Informationsspeicherung und -verbreitung. Am Beispiel des Telefons beschrieb er gesellschaftliche Effekte dieser spezifischen medientechnischen Errungenschaft, beleuchtete ihre evolutionären Ausformungen und ließ dabei auch gescheiterte Visionen wie Picture- und Videophones nicht außer Acht. Anhand des Entwicklungsverlaufs der Telefonie zeigte er auf, dass Medien in ihrer Entstehung oftmals auf ein konkretes kommunikatives Problem reagierten, in ihrer Verwendung aber wiederum neue Probleme entstünden.

HENNING SCHMIDGENS (Weimar) Beitrag über „Maschinische Normativität“ beschrieb eine kreative Bezugnahme auf Technik, bei der das sich der Technik bemächtigende Subjekt ins Zentrum rückte. Dieses nach Alfred Sohn-Rethel „neapolitanische“ Technikverständnis erläuterte er am Beispiel der praktizierten Medientherapie und legte dabei dar, wie sich der Mensch als Wesen, das sich nach einer adäquaten Umwelt sehne, eine solche mithilfe von Medien und Medientechniken schaffe. Sein offenes Technikverständnis bot einen interessanten, positiven Blick auf das Verhältnis von Subjektivität und Technik: Durch Eingriffe in sowie individuelle Nutzung von Technik könne der Mensch die Realität erkunden, sie sich aneignen und darauf aufbauend subjektiv gestalten.

Bezeichnenderweise wurde bereits im Titel des abschließenden Vortrags von PATRICK WÖHRLE (Weimar) die leitende Frage der Tagung nach der Differenzierung zwischen den Kategorien wieder aufgegriffen. Am Beispiel des Flirts lotete er in Abwägung unterschiedlicher Kriterien aus, zu welcher Kategorie sich dieser zählen ließe. In diesem Zusammenhang sei vor allem nach der grundsätzlichen Möglichkeit seiner Technisierbarkeit zu fragen. Da Sozialtechniken wie die Strategien von Pick-up-Artists das Versprechen der Kontrollierbarkeit des Flirtverlaufs nicht einlösen könnten und die Medientechnisierung des Flirts angesichts der fehlenden Ebene des Impliziten ebenfalls keine Lösung biete, rechnete er ihn schlussendlich den Kulturtechniken zu. Die techné des Flirts verstand er dabei als basierend auf implizitem Know-how, kulturellen Gewohnheiten sowie an operativ verfügbare Objekte gekoppelt.

Die Vorträge und Diskussionen der zwei Tage zeigten: So eindeutig beschreib- und differenzierbar Medien, Kultur und Gesellschaft als Begrifflichkeiten auf den ersten Blick zu sein scheinen – kombiniert man sie mit dem Technikbegriff, scheint eine genaue Kategorisierung plötzlich um einiges schwieriger. Auch wenn scharfe Konturierungen der Begriffe und Konzepte nicht immer möglich, nicht immer nötig und gegebenenfalls auch nicht immer gewollt waren – das Verhandeln der Grenzen zwischen den Kategorien, das Diskutieren über Kriterien der Zurechnung und dargelegte Möglichkeiten zu divergenten Perspektivierungen boten reichlich Anregungen zur weiterführenden Auseinandersetzung.

Konferenzübersicht:

Freitag, 19. Februar 2016

Begrüßung

Block I – Sozialtechniken

Stefan Meißner (Weimar), Das Technische der Sozialtechnik

Ekkehard Knopke (Weimar), Ästhetische Sozialtechniken der Abschiednahme. Zur Produktion von Atmosphären auf weltlichen Trauerfeiern

[Katja Rothe (Berlin), Gartenstadt Hellerau. Sozialtechnik und Lebensreform] [krankheitsbedingter Ausfall]

Block II – Kulturtechniken

Gabriele Schabacher (Weimar), "Duel to the Death". Unfall und Spektakel der Technik in der frühen Eisenbahngeschichte

Lutz Ellrich (Weimar), Kulturtechnik des Rechts

Leander Scholz (Weimar), Oswald Spengler in Amerika. Der Kampf der Kulturen und seine Techniken

Bernhard Siegert (Weimar), Seefahrt als Kulturtechnik. Das Beispiel der Trobriander

Samstag, 20. Februar 2016

Block III – Medientechniken

Andreas Ziemann (Weimar), Medientechniken der Utopie

Henning Schmidgen (Weimar), Maschinische Normativität

Patrick Wöhrle (Weimar), Der Flirt – Kultur-, Sozial- oder Medientechnik?

Schlussdiskussion und Verabschiedung

Fußnoten

1 Die Trobriand-Inseln gehören zu Papua-Neuguinea.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.