Soziologie der Wissenskulturen. Zur Spezifik soziologischer Wissensproduktion

Workshop der Sektion Wissenssoziologie der DGS an der Universität Augsburg, 19.–20. März 2015

„[D]iejenigen Praktiken, Mechanismen, und Prinzipien, die […] in einem Wissensgebiet bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen1 – das Konzept der Wissenskulturen also hat seit der Jahrtausendwende spätestens durch die gleichnamige Studie von Karin Knorr Cetina enormen Aufwind erfahren, in Deutschland sicherlich auch infolge der Gründung des Sonderforschungsbereichs und Forschungskollegs 435 “Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel“ in Frankfurt am Main. Trotz seiner interdisziplinären Beliebtheit und seiner teilweisen Verankerung in der deutschen Wissenssoziologie2 wurden bislang weder dieser Begriff noch ähnlich motivierte Konzeptionen breit und systematisch auf einen naheliegenden Bereich, die soziologische Wissensgenese, angewendet.3

Der von Reiner Keller und Angelika Poferl organisierte Workshop „Soziologie der Wissenskulturen. Zur Spezifik soziologischer Wissensproduktion“, der am 19. und 20. März in Augsburg stattfand, widmete sich diesem Ziel. Diese ‚explorative‘ Tagung sollte dazu dienen, die bestehende Forschungslandschaft nach bislang nicht systematisch organisierten Ansätzen zur soziologischen Wissenskultur- und Selbstbeforschung abzusuchen und dabei bestehende Einzelaspekte zusammenzuführen. Dahingehend lassen sich die Beiträge im Nachhinein in drei thematische, sich teilweise überschneidende Kategorien einteilen. Der erste Schwerpunkt lag auf Vorträgen, die sich mit der institutionellen oder strukturellen Beschaffenheit der deutschen Soziologie der Gegenwart beschäftigten. Im zweiten Schwerpunkt wurde eine Diskussion hinsichtlich epistemologischer und methodologischer Probleme bei der Beschreibung von (der Soziologie als) Wissenskultur(en) angestoßen. Der dritte thematische Bereich befasste sich mit Prozessen und Praktiken soziologischer Untersuchungen, die in einer Vielzahl von spezifischen Wissensgebieten durchgeführt wurden.

Die Beschreibungen der deutschen Gegenwartssoziologie als Wissenskultur zeigten anhand von empirischem Material die unterschiedlichen Dimensionen möglicher Zugänge kontrastiv auf. Das von Alexander Lenger (Siegen), Tobias Rieder (Siegen) und Christian Schneickert (Magdeburg) gezeichnete Bild des soziologischen Feldes in Deutschland basierte etwa auf Befragungen von Studierenden, deren Analyse große Unterschiede in der soziologischen Lehrkultur und somit einen in Methoden- und Theorieschulen gespaltenen, polarisierten Mikrokosmos offenbarte. Andere Beiträge setzten auf der Ebene der Selbstdarstellung und -wahrnehmung etablierter Soziolog(inn)en an. Jasper Korte und Christoph Mautz (Münster) analysierten die Internetauftritte von Soziolog(inne)n, um Regeln der Selbstdarstellung herauszuarbeiten und unter anderem entsprechende Typen wie „Öffentlicher Intellektueller“, „Forschungsmanager“, „Elfenbeinturmbewohner“, oder „Hochschullehrer“ zu bilden. Als grundsätzliches Handlungsdilemma kristallisierte sich die Frage heraus, wie Soziolog(inn)en sich in ihren Darstellungspraktiken an die unsichtbaren Grenzen des von der Gemeinschaft noch geduldeten Verhaltens annähern können, ohne diese zu übertreten. Einen ebenfalls mit der Selbstdarstellung zusammenhängenden Zwiespalt beschrieb Natalie Mevissen (Berlin). In ihren noch laufenden Interviews mit Soziolog(inn)en in Deutschland und den USA zeichne sich ab, dass diese mit zwei unterschiedlichen Wissenschaftsbildern, nämlich dem “engagement“ und der “disinterested science“ als zu bedienenden Erwartungen konfrontiert würden, wobei ihnen gleichermaßen verborgen bleibe, nach welchen Regeln diese gegensätzlichen Positionen zu vereinbaren wären. Barbara Sutter (München) hingegen beschäftigte sich mit ausgewiesenen fachinternen Reflexionsformaten wie der Zeitschrift Soziologie. Darin werde ersichtlich, wie durch Kontroversen eine disziplinäre Identität geschaffen werde, die im Falle der Soziologie gegen einen Bedeutungsverlust angesichts einer schnellen Diffusion des eigenen Wissensbestands in allgemeine Wissensbereiche abgesichert werden müsse.

Im zweiten Themenfokus zu epistemologischen Ansätzen und Problemen bei der Beschreibung soziologischer Wissensproduktion bildeten die etablierte Anwendung des Konzepts „Wissenskulturen“ in den Science and Technology Studies (STS) und insbesondere die Idee des (hier: sozialwissenschaftlichen) ‚Labors‘ wichtige Referenzpunkte für die Diskussion. Esther Scheuerle (Göttingen) stellte praxistheoretische Überlegungen zu einer Konzeption des sozialwissenschaftlichen Labors an, in der pragmatische Zwänge, implizites Wissen und materielle Widerstände konvergieren. Zu diesem Zweck müssten angrenzend an die oder sogar jenseits der ‚eigentlichen‘ Wissenskulturen die sozialen Kriterien ermittelt werden, die bestimmte Praxisformen ermöglichen und validieren. Danny Otto (Rostock) griff in seiner Studie, die den Befund „Prekariat“ als Deutung sozialer Ungleichheit untersucht, ebenfalls auf Analogien zur STS-Forschung zurück. Seine Beschreibung der Bedingtheit beziehungsweise „Fabrikation soziologischen Wissens“ zielte auf eine detaillierte Untersuchung der Begriffskarriere ab, die er durch bibliometrische Verfahren, Inhalts-/Rhetorikanalysen, Expert(inn)en-Interviews sowie teilnehmende Beobachtungen erarbeitete. Die sukzessive Ausweitung und Zirkulation des Begriffs „Prekariat“ geht dabei weit über die Grenzen der Soziologie hinaus.

Kritik an einer Anwendung des STS-Forschungskonzepts auf die Sozialwissenschaften äußerte Fran Osrecki (Osnabrück), der eine limitierte Übertragbarkeit lediglich hinsichtlich einer möglichen Dekonstruktion sozialwissenschaftlicher Objektivitätsansprüche in den entsprechenden positivistischen Theorien und Methoden in Aussicht stellte. Erklärungen für kritische Perspektiven und andere genuin sozialwissenschaftliche Formen der Wissensproduktion biete das Konzept jedoch nicht. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hätten die Sozialwissenschaften mit der Gesellschaft einen problematischen Forschungsgegenstand, der zu einer Vermengung von Fremd- und Selbstbeschreibung, von Wissenschaftsforschung und Methodenkritik führen müsse – beispielsweise könne der verengte Laborbegriff auch Herrschaftseffekte verbergen. Ebenso erachtete Oliver Neun (Kassel) die wissenschaftssoziologischen Paradigmen „Mode 2“ und „Medialisierung“ als ungeeignet für eine Anwendung auf die Soziologie: Als Zeitdiagnosen, die eine strukturelle Kopplung der Soziologie mit Wirtschaft respektive Öffentlichkeit beschreiben, könnten sie nicht den erwarteten Alarmismus bezüglich des Zustands der Disziplin erzielen, da diese sich besagter Verzahnungen ohnehin schon lange bewusst sei. Dagegen schlug Moritz Mutter (Dresden) in seinem Vortrag einen ganz anderen Weg ein, indem er zum einen die Soziologie als Wissenschaft charakterisierte, in der Axiomatisierung die Anschauung als primäre Tätigkeit abgelöst habe und die ihre unauflösbaren Konflikte nur durch totalisierende Metaphern in den Griff bekomme. Zum anderen untersuchte Mutter, ob sich Friedrich Kittlers Begriff des Aufschreibesystems als (gegenüber dem Konzept der Wissenskultur) erweiterte Beschreibung für das institutionell-mediale Geflecht Soziologie anwenden ließe, blieb letztendlich jedoch eher skeptisch.

Schließlich beschäftigte sich ein erheblicher Teil der Beiträge mit soziologischen Untersuchungen von abgrenzbaren Wissenskulturen in spezifischen Wissensgebieten, die sich außerhalb der Soziologie befinden oder zumindest die Grenzen der Disziplin überschreiten. Diese Grenzen selbst waren Hauptaugenmerk des Vortrags von Dorothee Wilm (Bielefeld), die den Weg der Wirtschaftswissenschaften und der Soziologie aus einer gemeinsamen institutionellen Ausgangslage hin zu ihren heute klar getrennten Positionen nachzeichnete. Gerade jüngere Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften seien gleichwohl ein Anzeichen dafür, dass zumindest auf dem Gebiet heterodoxer Forschung eine Annäherung der Disziplinen möglich wäre. Konkret verwies Juliane Böhme (Berlin) auf die Ergebnisse einer solchen Zusammenarbeit im Rahmen ihrer qualitativen Forschung im wirtschaftswissenschaftlichen Experimentallabor: Bei der Beobachtung von verhaltensökonomischen Laborexperimenten und anschließenden Interviews mit Forscher(inne)n und Proband(inn)en war sie auf typische Probleme in der Erforschung von Laboren gestoßen. Sie schlug daher vor, die in der Soziologie vergessene oder gar verschmähte Methode des qualitativen Experiments zu nutzen, um die nicht umgehbaren Bedingungen des Experimentalsettings als Bestandteil der Wissensproduktion zu verarbeiten. Diese Einschränkungen, zu denen das Kommunikationsverbot im Labor und die Effekte sozialer Erwünschtheit bei den Beteiligten gehören, könne man etwa durch Variationen im Versuchsaufbau überwinden.

Mit einem anderen Forschungsinstrument beschäftigte sich Anne-Marie Weist (Zürich): Indem sie den Erstellungsprozess eines empirischen Fragebogens analysierte, zeigte sie die Differenz zwischen der durchaus ausführlichen Dokumentation des Vorgehens und den nicht explizierten Entscheidungen, Vorarbeiten und Veränderungen im Verlauf der Durchführung auf. In ihrem Beispiel fand die eigentliche Wissensarbeit fern des empirischen Feldes und oft ohne nachvollziehbare Methode statt, obwohl das Ergebnis durchaus mit den stringenten Kriterien für Fragebögen in der empirischen Sozialforschung übereinstimmte. Zusammen mit den Referaten zur soziologischen Selbstdarstellung bekräftigt dieser Vortrag, dass die soziologische Wissenskultur von impliziten oder sogar intuitiven Praktiken geprägt ist, die in Weists Fallstudie zwischen dem Untersuchungsgegenstand und den genannten Kriterien vermitteln. Die Aushandlung und Validierung dieser Kriterien selbst stellten Freya Gassmann, Eike Emrich und Wolfgang Meyer (Saarbrücken) zur Diskussion. Anhand eines Vergleichs zwischen den Standards der Deutschen Gesellschaft für Evaluation und dem neben anderen auch durch Robert K. Merton kodifizierten akademischen Selbstverständnis der werturteilsfreien Forschung erörterten sie, inwiefern der Einfluss nicht-wissenschaftlicher Akteure auf Evaluationen als offenkundige Qualitätsminderung gelten kann. Was passiert, wenn unterschiedliche Wissenskulturen aufeinandertreffen oder sich in einem Projekt vereinen, wie hier Anwendungsinteressen und genuin wissenschaftliche Forschung? Diese Gegenüberstellung von nicht zu vereinbarenden Kulturpositionen erinnert an den Streit zwischen Kulturrelativismus und Universalismus aus anderen Diskussionen.

In einer ähnlichen Analogie könnte man den Gegenstand des Vortrags von ChristIAN Dayé (Graz) als Interkultur oder als ‚dritten Ort‘ deuten. Dayé verwendete eine Metapher von Tony Becher, die eines neuen „Territoriums“, das von Wissenschaftlerinnen verschiedener Herkunft betreten werde. Diese Vertreterinnen akademischer Stammeskulturen würden dabei das Territorium, in dem sie selbst sozialisiert wurden, einen Ort mit lokalem und relativ stabilem erkenntnistheoretischem Rahmen, verlassen und eine neue „tribale Wissenskultur“ schaffen. Anhand eines historischen Beispiels, nämlich der Entwicklung sozialwissenschaftlicher Verfahren für die US-Streitkräfte im Thinktank „RAND Corporation“, wurden mögliche Konflikte dargestellt, die aus der Zusammenkunft verschiedener „academic tribes“ auf neuem Gebiet resultieren können. Dagegen strebten Eric Lettkemann und René Tuma (Berlin) mit ihrem Vortrag zum Wissensgebiet Videographie einen synchronen und grenzübergreifenden Ansatz der Kulturbeschreibung an. Sie erläuterten, wie sich zunächst generische Forschungstechnologien zu ausdifferenzierten Verfahren für „interstitielle Gemeinschaften“ zwischen etablierten Disziplinen entwickeln können. Dass dieser Bezug auch über die Grenzen bestehender „indigener Wissenskulturen“ hinweg eine eigenständige transversale Wissenskultur erzeugen kann, bleibt nach ihrer Einschätzung dennoch unwahrscheinlich.

Gudrun Lachenmann (Bielefeld) wiederum untersuchte die Komplexität möglicher Konflikte in ihrem Vortrag zu translokalen Wissenskulturen in der Aushandlung von Entwicklungskonzepten. Nach ihren Beobachtungen entstehe Entwicklungswissen im Umfeld internationaler Organisationen in enger Wechselwirkung mit der Konstitution translokaler Räume. Dabei werde der Zugang zu Prozessen der Wissensproduktion stark reguliert. Nicht nur werde das physische “vor-Ort-sein“ zur Voraussetzung, sondern (wissens-)kulturelle Herkunft avanciere auch zum entscheidenden Faktor für Validität, so etwa in Fällen eines kompromisslosen Ausschlusses von „säkularen“ oder „westlich-feministischen“ Argumenten. Es herrsche die berechtigte Angst, vor allem in den NGOs, dass das produzierte Wissen letztlich für sozialtechnokratische Zwecke, beispielsweise durch Regierungen oder Unternehmen, fremdverwendet werde.

Der Workshop machte deutlich, dass durchaus ein großes Interesse unter deutschen Forscher(inn)en besteht, Forschungskonzepte zur Analyse sozialwissenschaftlicher und insbesondere soziologischer Wissensproduktion auszubauen. Andererseits wurde in der Gesamtschau ersichtlich, dass ein Forschungsprogramm „Soziologie der Wissenskulturen“ respektive „Spezifik soziologischer Wissensproduktion“ noch in den Anfängen steht. Deswegen gelte es, „zwangsintegrative Tendenzen zu vermeiden“, betonte Angelika Poferl. Sowohl hinsichtlich des Begriffs „Wissenskulturen“ als auch eines begrenzteren Fokus auf eine ‚Soziologie der Soziologie‘ zeigt die Vielfalt der eingebrachten Beiträge vielmehr, dass ein breites Publikum von einer Problemstellung angesprochen wurde, die man durchaus als klassisch, jenseits bestehender Theorieschulen, interpretieren kann. Als mögliche Expansion der vorgetragenen Überlegungen schlugen die Organisatoren eine Art ‚Verbleibsforschung‘ vor, die auf die Verwendung soziologischen Wissens außerhalb der Soziologie abzielt. In dieser Hinsicht boten die Vorträge nur erste Ansätze.

Einige grundlegende Weichen für ein mögliches Forschungsprogramm und dessen Arbeitsgebiete wurden hingegen durchaus in Debatten gestellt, die die Selbstbeschreibung der Soziologie betrafen, insbesondere in Bezug auf das weiterhin erhebliche „Problem, das eigene Feld zu beforschen“. Das Gleiche gilt für die Analyse der Verbindung zwischen Praktiken und produziertem Wissen, also für eine Perspektive, mit deren Hilfe man das „‚Wie‘ der Soziologie, aber auch das ‚Was‘“ (Reiner Keller) untersuchen könnte. Die kritische Beschäftigung mit dem STS-Forschungsprogramm zeigte, dass die Übertragung von entsprechenden Begriffen auf soziologische Wissensproduktion Chancen, aber auch Unzulänglichkeiten birgt. Gerade der Laborbegriff offenbarte sich in vielen Vorträgen als zu eng gefasst, insbesondere in der Konfrontation mit analytischen Problemen und Herrschaftseffekten, die Wechselwirkungen im Sinne der doppelten Hermeneutik zuzuschreiben sind: Aus dem sozialwissenschaftlichen Labor hinausgehen, um die Gesellschaft zu erforschen, verändert wiederum die Gesellschaft – und das Labor. Es sei denn, man begreift Gesellschaft selbst als Labor, was aber nicht im Sinne eines „Realexperiments“4 zu verstehen wäre. Stattdessen könnte man sie als immer schon vorhandenen Ort soziologischer Wissensproduktion inklusive aller diskutierten Kopplungen mit weiteren Wissensgebieten und bestehenden Mechanismen der Wissenszirkulation begreifen, an dem die institutionalisierte Wissenskultur Soziologie nur eine Art Vorzimmer darstellt. Diese Überlegung wäre eine mögliche und angemessene Reaktion auf die vorgetragene Kritik an der unkritische Übernahme des STS-Forschungsprogramms und trüge der Heterogenität der vielen Türen Rechnung, die im Zuge des Workshops von der Soziologie hin zu verschiedensten Wissensgebieten aufgemacht wurden.

Letztlich müssen diese Diskussionen aber noch geführt werden: Es bestehen weiterhin einige Unklarheiten in der Verwendung der gemeinsamen Begriffe. Dieser offene terminologische Raum wurde zwar durchaus produktiv genutzt, wird aber in Zukunft gemeinsame Referenzpunkte benötigen. Die in den Vorträgen verwendeten, unterschiedlichen englischen Übersetzungen etwa – mal das in den STS übliche epistemic cultures, mal das auf Expertensysteme abzielende epistemic communities – weisen auf unterschiedliche Vorstellungen hin, die mit diesem Begriff verbunden werden. Das Beispiel zeigt, dass in dieser Diskussion bisher nur eine zaghafte Auseinandersetzung mit dem ‚Kultur‘-Anteil des Wissenskulturbegriffs stattgefunden hat. Der Vergleich mit herkömmlichen Kulturtheorien wurde nicht ausdrücklich gesucht, dennoch stieß man im Verlauf des Workshops in solchen Kontexten auf teils sehr ähnliche Problemstellungen. Wissenskultur ist nicht gleich Kultur und soll es auch nicht sein – übernimmt man diesen Begriff, ist aber durchaus zu klären, ob und wie man sich auf einige klassische Positionen der Kulturforschung bezieht. In der Verknüpfung von Akteuren, Praktiken, Settings und Wissensebene gingen gleichwohl substanzielle Anregungen vom Begriff der ‚Wissenskultur‘ aus, wie auch insgesamt im Kontext des Workshops soziologische Wissensproduktion überraschend nahbar geworden ist. Das zeigten nicht nur die 16 Vorträge in ihrer thematischen Vielfalt, sondern auch die lebendigen Diskussionen. Nicht zuletzt ist auf angekündigte Bestrebungen zu verweisen, einen Arbeitskreis Wissenskulturen innerhalb der Sektion Wissenssoziologie einzurichten.

Konferenzübersicht:

Reiner Keller / Angelika Poferl (Augsburg), Begrüßung

Alexander Lenger (Siegen) / Tobias Rieder (Siegen) / Christian Schneickert (Magdeburg), Das soziologische Feld in Deutschland

Jasper Korte / Christoph Mautz, Öffentliche personale Selbstdarstellung als Teil der soziologischen Wissenskultur

Eike Emrich / Freya Gassmann / Wolfgang Meyer (Saarbrücken), Geliefert wie bestellt: Wa(h)re Wissenschaft?

Fran Osrecki (Osnabrück), Soziologie mit den Mitteln der STS analysieren? Strukturen und Risiken eines Forschungsprogramms

Danny Otto (Rostock), Zur Fabrikation soziologischen Wissens. Untersuchungen am Beispiel einer Deutung sozialer Ungleichheit

Moritz Mutter (Dresden), Metaphorologie, Medien- und Wissensgeschichte der Soziologie. Verknüpfung an einem Beispiel

Dorothee Wilm (Bielefeld), Zur Diskussion des genuin soziologischen Beitrags zur Wirtschaftsforschung

Oliver Neun (Kassel), Zur Kultur der wissenschaftssoziologischen Paradigmen "Mode 2" und "Medialisierung" aus theoretischer und soziologiegeschichtlicher Sicht

Barbara Sutter (München), Selbstreflexion als Programm. Die Zeitschrift "Soziologie" und die permanente "Neuerfindung" ihrer Disziplin

Esther Scheuerle (Göttingen), Das Wissen der Praxistheorie und die Praxis des Wissens

Christian Dayé (Graz), Sozialwissenschaftliche Prognostik in der Zeit des Kalten Krieges und die Bedeutung tribaler Wissenskulturen

Natalie Mevissen (Berlin), Zwei Seelen in der Brust? Soziolog(inn)en zwischen Engagement und Distanzierung zu ihrem Untersuchungsgegenstand, der Gesellschaft

Juliane Böhme (Berlin), Gegenstandsadäquate Forschungsmethoden: Diskussion am Beispiel qualitativer Forschung im wirtschaftswissenschaftlichen Experimentallabor

Eric Lettkemann / René Tuma (Berlin), Videographie - eine transversale Kultur?

Anne-Marie Weist (Zürich), Spuren der öffentlichen Meinung: Der Fragebogen in der empirischen Sozialwissenschaft

Gudrun Lachenmann (Bielefeld), Neue translokale "Wissenskulturen" (epistemic communities) zur Aushandlung von Entwicklungskonzepten in der Globalisierung

Fußnoten

1 Karin Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt am Main 2002, Hervorhebung im Original.

2 Claus Zittel, Wissenskulturen, Wissensgeschichte und historische Epistemologie, in: Rivista internazionale di filosofia e psicologia 5 (2014), 1, S. 29–42.

3 Reiner Keller / Angelika Poferl, Soziologische Wissenskulturen. Zur Generierung wissenschaftlichen Wissens durch die Praxis der Auslegung, in: Ronald Hitzler (Hrsg.), Hermeneutik als Lebenspraxis, Weinheim 2015, S. 177–191.

4 Wolfgang Krohn / Johannes Weyer, Die Gesellschaft als Labor, in: Jost Halfmann / Klaus Peter Japp (Hrsg.), Riskante Entscheidungen und Katastrophenpotentiale. Elemente einer soziologischen Risikoforschung, Opladen 1990, S. 98–122.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.