Vom Markt zur Wirtschaftsordnung – Was kann die Soziologie zum Verständnis von Wirtschaftsordnungen beitragen?

Jahrestagung der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie, Georg-August-Universität Göttingen, 17.–18. März 2016

Die Tagung trug dem verbreiteten Eindruck Rechnung, dass sich die internationale Wirtschaftssoziologie als sogenannte ‚neue Wirtschaftssoziologie‘ in den letzten drei Jahrzehnten vorwiegend mit der detaillierten Beschreibung und Analyse von Märkten befasst habe. Die neue Wirtschaftssoziologie versteht Märkte als immer schon sozial strukturierte Handlungszusammenhänge, die durch Netzwerke, Gruppen und Diskurse geprägt seien und in der Realität keineswegs der wirtschaftswissenschaftlichen Vorstellung von idealen Märkten entsprächen. Diese Erkenntnisse würden bislang aber kaum dazu herangezogen, Aussagen über Wirtschaftssysteme bzw. Wirtschaftsordnungen zu machen. Aus diesem Desiderat ergab sich die Leitfrage der Tagung: Wie lassen sich wirtschaftssoziologische Marktanalysen mit der Frage nach den Charakteristika zeitgenössischer Ökonomien, ihrer Entwicklungsdynamiken und Regulierungen verbinden?

Die Frage nach den Bedingungen und Funktionsweisen von Wirtschaftssystemen müsse jedoch nicht neu, sondern erneut gestellt werden, denn in der Formierungsphase der Soziologie vor dem Zweiten Weltkrieg sei sie bereits zentrales Thema zahlreicher soziologischer Klassiker gewesen. Daran erinnerte ALEXANDER EBNER (Frankfurt) in seinem Vortrag, indem er über einen fast in Vergessenheit geratenen Ansatz zur Analyse von Wirtschaftsstilen von Arthur Spiethoff, einem Zeitgenossen von Max Weber, Joseph Schumpeter und Werner Sombart, Auskunft gab. Der heute als Ökonom geltende Spiethoff habe den Begriff des Wirtschaftsstils bewusst gewählt, um zu betonen, dass die Volkswirtschaftslehre eine Geisteswissenschaft sei, wohingegen er ‚System‘ als einen zu naturwissenschaftlichen Begriff abgelehnt habe. Spiethoffs Untersuchungen, wie auch andere ältere Ansätze, könnten Hinweise darauf geben, wie sich Fragen nach der Rolle von Ideologie, Technik und persönlichen Motiven in die Analyse von Wirtschaftssystemen integrieren lassen. Diese Analyseebene fehle insbesondere der populären „Varieties of Capitalism“-Forschung, die sich mit dem Vergleich von Wirtschaftssystemen befasst.

Nachdem Alexander Ebner einen historischen Ansatz, der zur wirtschaftssoziologischen Analyse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung herangezogen werden kann, ins Zentrum gestellt hatte, interpretierte ANDREA MAURER (Trier) das Tagungsthema unter dem Eindruck aktueller Probleme und Krisen der bestehenden Wirtschaftsordnungen (Banken- und Staatsschuldenkrise) und des daraus resultierenden Bedarfes an kritischer Kommentierung der Funktionsweise aktueller Wirtschaftsordnungen. Damit stellte sich für sie die Frage, welches kritische Potenzial die neue Wirtschaftssoziologie habe, d.h. ob und wie aus der Perspektive der neuen Wirtschaftssoziologie Kritik an aktuellen Entwicklungen geäußert werden kann. Maurer hob hervor, dass auch wissenschaftlich fundierte Kapitalismuskritik von einem normativen Ankerpunkt aus geäußert werde, die neue Wirtschaftssoziologie aber mit ihrem Fokus auf die empirische Marktanalyse ohne normative Setzungen auskomme. Dementsprechend habe die Systemkritik bzw. Kapitalismuskritik bisher nicht im Fokus der neuen Wirtschaftssoziologie gestanden, was sich laut Maurer auch historisch begründen lässt. Mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 und dem damit verbundenen Ende des Systemwettbewerbs zwischen Kapitalismus und Sozialismus, aber auch aufgrund der fehlenden Anschlussfähigkeit einer auf Kollektividentitäten Bezug nehmenden Kritik in Zeiten der Individualisierung, sei die Systemkritik in den Hintergrund getreten.

Trotzdem schreibt Maurer der neuen Wirtschaftssoziologie, die sie keinesfalls nur als Marktsoziologie verstanden wissen will, ein kritisches Potenzial zu, das diese aus der empirischen Analyse von Märkten und anderen wirtschaftlichen Phänomenen schöpfen könne. Das Augenmerk müsse dafür allerdings noch stärker auf die Konstitutionsprozesse von Märkten gelegt werden. So könnte aus dem wirtschaftssoziologischen Verständnis von Marktprozessen etwa eine Kritik der Entwicklung der sogenannten „Share-Economy“ entwickelt oder nach dem Zusammenhang zwischen Markt- und anderen Gesellschaftsstrukturen gefragt werden. Klaus Krämer stimmte in der Diskussion Maurers Einschätzung zu, dass sich anhand wirtschaftssoziologischer Erkenntnisse sehr wohl Kritik formulieren ließe. Zum Beispiel könnte die neue Wirtschaftssoziologie anerkennen, dass sie hauptsächlich kapitalistische Märkte untersuche. Schließlich werde dieser Umstand bislang kaum diskutiert und daher auch nicht als Basis für Kritik am Kapitalismus oder an der kapitalistischen Funktionsweise einzelner Märkte genutzt.

Spätestens seit der Finanzkrise, die im Zusammenbruch des US-amerikanischen Hypothekenmarkts ihren Ausgang nahm, muss man die Bedeutung der politischen Förderung des Wohneigentums für andere wirtschaftliche Zusammenhänge ins Auge fassen. Bereits in seiner Dissertation hat sich SEBASTIAN KOHL (Uppsala) damit beschäftigt, wie institutionelle Arrangements, die zur Finanzierung von Wohneigentum zur Verfügung stehen, und die Art des Wohneigentums, das damit geschaffen wird, miteinander in Verbindung stehen. Letztlich hänge es auch von den Möglichkeiten der Finanzierung ab, ob Reihenhäuser, einzeln stehende Häuser oder Wohnungen gebaut würden. In seinem aktuellen Projekt untersucht Kohl die politische Karriere der Idee des Wohneigentums in unterschiedlichen europäischen Ländern seit dem 19. Jahrhundert, als im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung die Frage nach angemessenem Wohnraum virulent geworden sei. Neben der Idee, möglichst vielen Menschen Zugang zu Wohneigentum zu verschaffen und diesen Prozess marktlich zu regeln – so die sozial-konservativ-katholisch-kapitalistische Position –, gab es historisch immer auch Positionen, die eine dezidiert anti-kapitalistische Organisation des Wohnens propagierten.

Eher dem konkreten Marktplatz als dem abstrakten Markt wandte sich GABRIELE SIGG (Berlin) in ihrem Vortrag zu. Am Beispiel des „ehrbaren Kaufmanns“ des Großen Basars in Istanbul machte sie nachvollziehbar, wie kulturell geformte, persönliche Ehre und gerechtes Wirtschaften im Zusammenhang stehen. Sie betonte die Bedeutung vorinstitutioneller Vorrausetzungen für gerechtes Wirtschaften, welche die Lücken der nie alle Eventualitäten abdeckenden Verträge füllen müssten. Im Zuge der Modernisierung seit den 1960er-Jahren verliere die traditionelle Ehre der Basarkaufleute sowohl als Norm und Teil der Selbstbeschreibung der sozialen Gruppe als auch im alltäglichen Handeln an Bedeutung. Mitverursacht werde dieser Prozess durch die sukzessive Auflösung traditioneller Berufsgruppen, in denen lange die berufsgruppenspezifische Ehre geformt und tradiert wurde. Der Niedergang der Ehre im Kontext des Istanbuler Basars werde weder durch private noch durch staatliche Regulierung aufgefangen, was auch den Händlern zu schaffen mache.

LISA KNOLL (Hamburg) stellte das sehr junge Phänomen der „Social-Impact-Bonds“ vor. Gemeint ist ein Verfahren, sozialstaatliche Maßnahmen durch private Investoren zu finanzieren, womit die Bonds am Finanzmarkt handelbar werden. Knoll kontrastierte diesen Versuch der Vermarktlichung sozialstaatlicher Fürsorgepflichten mit einem bekannteren Nachhaltigkeitsmarkt. Beim Handel mit CO2-Emissionszertifikaten sei versucht worden, die nicht eingepreisten Schäden, die Emissionen der Allgemeinheit verursachen, in den Markt zu integrieren. Sie nimmt an, dass beide Märkte in ihrer spezifischen institutionellen Ausgestaltung Ausdruck des jeweils dominanten Geistes des Kapitalismus im Sinne von Luc Boltanski und Eve Chiapello1 seien. Dementsprechend nehme der Staat im Fall der Social-Impact-Bonds nur noch eine Randstellung ein, wohingegen er den älteren CO2-Emissionszertifikatehandel noch maßgeblich organisiert habe. Social-Impact-Bonds werden laut Knoll aber erstaunlicherweise öffentlich nicht als Ausdruck von Liberalisierung oder Vermarktlichung diskutiert, vielmehr deute man sie als paternalistische Eingriffe des Staates, der ein Marktversagen (etwa die vorangegangene Privatisierung öffentlicher Aufgaben) korrigiere. Eine genauere Analyse dieses Marktes stehe noch aus, zumal man in diesem Bereich bisher kaum von einem zusammenhängenden Markt sprechen könne, sondern es eher mit einzelnen Versuchen zu tun habe.

JAN SPARSAM (München) stellte das Forschungsprojekt „MoSte – Vom Modell zur Steuerung“ vor, das er derzeit gemeinsam mit Hanno Pahl und Sarah Nies unter der Leitung von Stephan Lessenich an der LMU München durchführt. Im Zentrum stehen die Rolle der Wirtschaftswissenschaft für geldpolitische Entscheidungen sowie die Wechselwirkungen zwischen wissenschaftlichen und politischen Diskussionen. Laut Sparsam üben Zentralbanken als „Steuerungszentralen kapitalistischer Ökonomien“ durch unterschiedliche Maßnahmen eine nicht zu vernachlässigende Wirkung auf ganze Volkswirtschaften aus. Inwiefern ist nun die Wirtschaftswissenschaft an Entscheidungen beteiligt, was als zu behandelndes Problem der Geldpolitik definiert wird und welche Maßnahmen sich zur Bearbeitung dieses Problems eignen? Welchen Einfluss haben Paradigmenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft wie die sogenannte „rational expectations revolution“ auf die Praxis der Geldpolitik? Eine genauere Analyse des Einflusses der Wirtschaftswissenschaft, insbesondere in ihrer diskursprägenden Wirkung, stehe bislang noch aus und werde nun in München unternommen.

Die Forschung über die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Auswirkungen von Wirtschaftssystemen wird spätestens seit Ende der 2000er-Jahre durch die „Varieties-of Capitalism (VoC)“-Forschung2 dominiert. Die zugrundeliegende Theorie unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Typen von kapitalistischen Wirtschaftssystemen, der liberalen Marktwirtschaft und der koordinierten Marktwirtschaft, und wird in der Regel zum Vergleich von Nationalstaaten eingesetzt. Das Forschungsfeld, welches durch diesen dominierenden Ansatz in der Wirtschaftssystemforschung integriert wird, nahm JÜRGEN BEYER (Hamburg) nun gründlich unter die Lupe, um es auf seine inhaltliche Entwicklung und fortbestehende Relevanz hin zu analysieren. Seit der Initialzündung der VoC-Forschung im Jahr 2001 wurden fast fünfhundert im Social Science Citation Index erfasste Aufsätze geschrieben, die sich mit den VoC in der einen oder anderen Weise auseinandersetzen. Laut Beyer ist das Feld interdisziplinär besetzt und floriert nach wie vor. Da aber zu allen Grundannahmen der VoC bereits kritische Stimmen laut geworden seien, gewinne man bisweilen den Eindruck, der Forschungsansatz sei mittlerweile systematisch wiederlegt. Beyers Analyse der Abstracts besagter Aufsätze zeigte gleichwohl, dass das Verhältnis zwischen Zustimmung und Ablehnung der VoC eher ausgewogen bleibt, wobei sich in den letzten Jahren sogar ein zustimmender Trend abzeichne. Zu eher zustimmenden Ergebnissen kämen vor allem Forschende, die neue Anwendungsfelder für die Theorie erschließen. Dies könne der Tendenz der Wissenschaftler geschuldet sein, neue Anwendungsfelder eher aus einer Makroperspektive zu analysieren. Derart gewonnene Ergebnisse würden sich oft gut in die VoC-Typologie fügen.

Auch die nachfolgende Diskussion bestätigte, dass zwar für jede der Thesen des VoC-Ansatzes Gegenbeispiele und Kritik existieren, dieser Ansatz aber weit davon entfernt ist, als systematisch wiederlegt zu gelten. Stattdessen habe er sich zu einer unumgänglichen Kontrastfolie für die international vergleichende Kapitalismusforschung entwickelt, denn er biete einen theoretischen Rahmen, in den sich Wissenschaftler mit der eigenen Forschung entweder einordnen oder von dem sie sich abgrenzen könnten.

Eine der Grundannahmen des VoC-Ansatzes, die bereits von Hall und Soskice formuliert wurde, besagt, dass zwischen den unterschiedlichen wirtschaftlich relevanten Institutionen eines Landes eine gewisse Komplementarität besteht. Das heißt, dass in einer koordinierten Marktwirtschaft wie Deutschland unterschiedliche Institutionen, wie etwa das Ausbildungssystem und das System der Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, so ausgestaltet sind, dass sie einander ergänzen. Dadurch können sie gemeinsam zu einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.

Allerdings lässt sich die Annahme, dass eine höhere Komplementarität der Institutionen zu einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung führe, nur bedingt empirisch nachweisen. Wie CHRISTIAN MAY (Frankfurt am Main) und TOBIAS TENBRINK (Bremen) in ihrer Untersuchung der BICS-Staaten in den letzten Jahren festgestellt haben, ist die Komplementarität der staatlichen Institutionen in diesen Ländern häufig nur gering ausgeprägt und trotzdem werden dort hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erzielt. Zudem hätte das Wirtschaftswachstum dort insbesondere auch durch den hohen Anteil an Korruption beeinträchtigt werden müssen. Die beiden Politökonomen argumentieren hingegen, dass gerade Korruption in Ländern, in denen der staatliche Institutionenapparat aus historischen Gründen schwächer ausgeprägt ist, als funktionales Äquivalent dienen kann und so das Wirtschaftswachstum sogar befördert. Für wirtschaftliches Wachstum seien nicht die staatlichen Institutionen an sich, sondern deren Leistung in sogenannten Wachstumsallianzen verantwortlich, die folglich durch andere Arten der Koordination ersetzt werden könnten. In den BICS-Staaten würden solche Leistungen von Systemen organisiert, die auf Reziprozität beruhen, im westlichen Verständnis also meist als korrupt gelten. May und Tenbrink traten dafür ein, Reziprozität als sozialen Koordinationsmechanismus ernst zu nehmen, und plädierten für eine differenzierte Analyse von reziprokem Handeln in der Wirtschaft. Letztere würde nicht allein durch Markt und Hierarchie koordiniert, sondern eben auch durch Reziprozität, die in der Wirtschaftssystemforschung aber zurzeit hauptsächlich negativ konnotiert, nämlich als Korruption, eine Rolle spiele.

Die negative Bewertung reziproken Handelns könnte einer eurozentrischen Perspektive der VoC-Forschung geschuldet sein, merkte Gabriele Sigg an. Allerdings könne man Korruption ebenso wenig allein aufgrund ihrer Funktion für das Wirtschaftswachstum als begrüßenswert bestimmen. Alexander Ebner ergänzte, dass zudem unklar sei, ob nun tatsächlich Korruption ausschlaggebend für das Wirtschaftswachstum in den BICS-Staaten ist. Genauso gut sei ja möglich, dass die Abwesenheit von Korruption zu einem noch größeren Wirtschaftswachstum in diesen Ländern führen würde. Die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Korruption greife zu kurz, um das reziproke Handeln in Wirtschaftssystemen angemessen zu analysieren. Reziproke Koordination der Wirtschaft könne sowohl wachstumsfördernd als auch moralisch verwerflich sein, etwa im Fall einer Beschränkung des Marktzugangs für Dritte.

Trotz aller Kontroversen wies dieser Vortrag auf ein fruchtbares Forschungsgebiet hin, das jedoch nicht nur empirisch untersucht, sondern auch frei von Normativität theoretisiert werden muss. Des Weiteren ist ein erweiterter Begriffsapparat vonnöten, der es erlaubt, wirtschaftliche Koordination jenseits von Markt und Hierarchie zu beschreiben und zu analysieren.

Die beiden letzten Vorträge der Tagung gaben einen Einblick in systemtheoretische Zugänge zur Analyse von wirtschaftlich bedingten und wirtschaftlich relevanten Phänomenen. JÜRGEN SCHRATENS (Gießen) umriss in seinem Vortrag eine Problematik, die sich im Hinblick auf Konsumentenkredite seit den 1970er-Jahren entwickelt hat. In diesem Jahrzehnt verortete er, bedingt vor allem durch den Zusammenbruch des 1944 etablierten Währungssystems von Bretton-Woods, eine bedeutsame qualitative Verschiebung bei Konsumentenkrediten und ihrer Regulierung. Da infolge der Entkopplung des Geldes vom Goldstandard Geld nun prinzipiell in unendlichen Mengen vorhanden sein konnte, bedurfte es institutioneller Arrangements, um die Knappheit des Geldes wiederherzustellen. Die Freisetzung des Geldes, d.h. seine endgültige Ablösung vom Gold, mache seine Verwendung notwendig. Darauf sei die Explosion des Marktes für Konsumentenkredite ebenso zurückzuführen wie die Notwendigkeit der Regulierung.

Als wirtschaftlich relevantes Phänomen kann man die Konsequenzen der semantischen Unschärfe des Begriffs Securitization einordnen, die ANDREAS LANGENOHL (Gießen) in seinem Vortrag beschrieb. Durch das Changieren des Begriffs, der eigentlich die Verbriefung von Eigentumsrechten bezeichnet und gleichzeitig deren Sicherheit suggeriert, sei die dynamische Entwicklung der Märkte für Staatsanleihen und damit die Abhängigkeit der Staatsschulden von Finanzmärkten in den letzten Jahrzehnten erst möglich geworden. Langenohl wies damit auf die Notwendigkeit hin, bei der Analyse von Wirtschaftssystemen und deren spezifischen Marktformen die Rolle der Sprache nicht aus den Augen zu verlieren.

Für die Analyse von Märkten als zentrale Einheiten von Wirtschaftsordnungen stellt die Wirtschaftssoziologie ein differenziertes Instrumentarium bereit – das allerdings bislang kaum genutzt wurde, um auch Aussagen über Wirtschaftsordnungen zu treffen. Dass eine fruchtbare und auch kritische Auseinandersetzung mit Wirtschaftsordnungen oder Wirtschaftssystemen mittels dieses Instrumentariums möglich ist, wurde auf dieser Tagung von allen Beteiligten wiederholt betont. Dafür bedarf es aber neuer Fragestellungen und zum Beispiel einer genaueren Konzeption dessen, was genau kapitalistische Funktionsweisen von Märkten sind.

Konferenzübersicht:

Sascha Münnich (Göttingen), Vom Markt zur Wirtschaftsordnung – Einführendes

Panel 1: Konzeptionelle Perspektiven einer Soziologie der Wirtschaftsordnungen

Alexander Ebner (Frankfurt), Wirtschaftsstile: Ein wirtschaftssoziologisches Forschungsprogramm

Andrea Maurer (Trier), Kapitalismus- oder Marktkritik? Neue Perspektiven für eine soziologische Analyse alternativer Wirtschaftsformen

Panel 2: Wirtschaftsordnungen und Wirtschaftskulturen

Sebastian Kohl (Uppsala), Historical Origins and the Political Career of the Idea of Home Ownership in the Western Countries, 1820–2010

Gabriele Sigg (Berlin), Die kulturellen Voraussetzungen wirtschaftlichen Handelns. Der ehrbare Kaufmann als Regulativ eines rein systemischen Blicks auf wirtschaftssoziologische Zusammenhänge

Panel 3: Märkte als Deutungsmuster von Wirtschaftsordnungen

Lisa Knoll (Hamburg), Die Wirtschaftsordnung von Nachhaltigkeitsmärkten im Vergleich

Jan Sparsam (München), Wirtschaftswissenschaftliches Framing in der Steuerungszentrale kapitalistischer Ökonomie(n)? Überlegungen zu Übersetzungsprozessen zwischen dem Wissenschafts- und dem Wirtschaftssystem

Panel 4: Grenzen der Institutionenanalyse

Jürgen Beyer (Hamburg), „Varieties of Capitalism“ und die Inkomplementarität von Institutionen

Entfallen: Gerhard Fuchs (Stuttgart), Die Entwicklung der Strommärkte in Deutschland und Großbritannien: Spielarten des Kapitalismus und die Organisationsfähigkeit sozialer Akteure

Christian May (Frankfurt), Andreas Nölke (Frankfurt, abwesend), Tobias Ten Brink (Bremen), Productive Corruption? Mechanisms of Coordination and State Permeation in Large Emerging Economies

Panel 5: Finanzmärkte als Schnittstellen der Wirtschaftsordnung

Jürgen Schraten (Gießen), Die politische und institutionelle Einhegung von Komsumentenkreditmärkten

Andreas Langenohl (Gießen), Securitization als Institutionalisierungsform wettbewerbszentrierter Wirtschaftsordnungen: Das Beispiel der Staatschuldenkrise in der Eurozone

Fußnoten

1 Vgl. Luc Boltanski / Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, übers. von Michael Tillmann, Konstanz 2003.

2 Die Strömung ist primär aus dem gleichnamigen Buch von Peter A. Hall und David Soskice hervorgegangen: Peter A. Hall / David Soskice, Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.