Vom SSG Volks- und Völkerkunde zum FID Sozial- und Kulturanthropologie

Zur Einführung

Am 31. Dezember 2015 ging eine Ära zu Ende, denn das System der Sondersammelgebiete (SSG) in Deutschland wurde offiziell abgewickelt. Für diejenigen, die mit dem Sondersammelgebietssystem nichts verbinden, sei der Hinweis gestattet, dass viele Fernleihbestellungen ausländischer ethnologischer Fachliteratur – Monografien wie Zeitschriftenartikel –, wenn sie aus Frankfurt am Main oder von der Humboldt-Universität zu Berlin bedient wurden, aus den DFG-geförderten Sondersammelgebieten stammten. Und wer in irgendeiner Form die virtuelle Fachbibliothek EVIFA nutzt(e) oder auf digitalisierte deutschsprachige Zeitschriften aus den ethnologischen Fächern auf Servern der HU Berlin1 zugriff, hat Services des SSG Volks- und Völkerkunde in Anspruch genommen. Die Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg der Goethe-Universität Frankfurt am Main hatte diese Fächer im SSG-System bis 1998 betreut, dann wurde das Staffelholz an die HU Berlin weitergereicht.

Das System glich das Fehlen einer universellen nationalen Forschungsbibliothek à la Library of Congress oder Bibliothèque Nationale de France aus und stellte die Literaturversorgung mit wichtiger ausländischer Fachliteratur sicher. Diejenigen Bibliotheken, die ohnehin durch ihre Bestände und die Anbindung an bestimmte Institute im Fach bereits gut positioniert waren, wurden mit zusätzlichen Mitteln in die Lage versetzt, einen umfassenden, vorsorgenden Bestandsaufbau der ausländischen Literatur für die Spitzenversorgung im jeweiligen Fach zu gewährleisten. Hinzu kam nach der Jahrtausendwende die Aufgabe, die unübersichtliche Flut an Informationen im Internet für die Fächer besser zu organisieren, und die SSGs wurden aufgefordert, virtuelle Fachbibliotheken aufzubauen.

Dieses System wird jetzt abgelöst durch das neue, stärker projektorientierte Förderprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“. Das von der Universitätsbibliothek der HU betreute Sondersammelgebiet Volks- und Völkerkunde hat im Mai 2015 einen solchen Antrag auf einen Fachinformationsdienst (FID) gestellt, der nach einem ausführlichem Begutachtungsprozess zum Jahresende bewilligt worden ist.

Mit diesem Systemwechsel wird die beschriebene zentrale wissenschaftliche Infrastruktureinrichtung – das Sondersammelgebietssystem – in ihren Grundzügen entscheidend verändert. Im neuen System sollen die Bedürfnisse der Fachcommunity neben der überregionalen Bereitstellung von e-Ressourcen für definierte Zielgruppen stärker im Vordergrund stehen, während die bisherige sogenannte Reservoirfunktion weitestgehend aufgehoben ist. Konkret bedeutet das, dass möglichst umfassende Erwerbungsstrategien insbesondere gedruckter Bücher, die auch zukünftige Bedarfe mit einkalkulieren, durch Nachfrageorientierung und die Umsetzung einer e-only/e-preferred-Politik zugunsten eines schnelleren Zugriffs ersetzt werden sollen. Anders als beim SSG-System fügt sich dieses System wesentlich besser in die Förderpolitik der DFG ein: Ein zu finanzierendes „Projekt“ läuft in der Regel drei Jahre, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Antrag abgelehnt wird, ist deutlich gestiegen (in den ersten beiden Antragsrunden scheiterten über 50 Prozent der Anträge). Zudem müssen die Anträge dem Projektcharakter Rechnung tragen, Ergebnisse müssen also innerhalb der drei Jahre avisiert werden. Die Entwicklung einer langfristigeren Perspektive wird hiermit im Vergleich zum auf Kontinuität ausgelegten SSG-System erschwert bzw. müssen langfristige Strategien in für sich valide Dreijahrestranchen zerlegt werden.

Bei aller negativer Kritik2 bietet das FID-System auch neue Chancen und Impulse: Das Bemühen um überregionale elektronische Lizenzen für die Fachcommunity und die Ausweitung des Feldes der Informationsversorgung auf Fragen des Forschungsdatenmanagements sowie das Überdenken bisheriger Konzepte der virtuellen Fachbibliotheken sind nur einige der Aktivitäten, die durch den Systemwechsel beflügelt wurden.

Welchen neuen elektronischen Dienste werden in den FID entwickelt und auf welche Bedürfnisse in der Fachcommunity wird damit reagiert? 

Aufgrund der unmittelbaren Zugänglichkeit und der besseren Recherchemöglichkeiten unterstützt die UB der HU die e-only/preferred-Politik der DFG. In den ethnologischen Fächern ist das Angebot an elektronischen Ressourcen jedoch bisher begrenzt, zumal es nach Rücksprache mit dem Kompetenzzentrum für Lizenzierung zurzeit nur wenige realisierbare Angebote gibt. Es werden aber einige elektronische Ressourcen mit einer FID-Lizenz für die definierten Zielgruppen freigeschaltet werden. Darunter befindet sich eine teure Filmdatenbank, die sich bisher nur wenige Institutionen leisten konnten oder wollten, sowie e-book- und e-journal-Pakete des Verlags Berghahn. Zudem sollen deutschsprachige Klassiker und Standardwerke für den freien Zugriff digitalisiert werden. Der Fokus liegt hierbei zum einen auf gemeinfreien Werken, zum anderen auf Werken, deren Autor_innen noch leben, die aber in der Regel vor 1995 erschienen sind. Pläne für eine Expert_innendatenbank sowie eine Examensarbeitendatenbank für beide Fächer mussten nach der Begutachtung zunächst einmal eingefroren werden, können mit der Community aber gegebenenfalls neu diskutiert werden.

Jenseits des FID-Programmes, aber sozusagen bedingt durch ihre Rolle als ehemalige SSG- und jetzige FID-Bibliothek, treibt die Bibliothek der HU ein DFG-gefördertes Digitalisierungsprojekt voran, im Zuge dessen deutschsprachige ethnologische Zeitschriften für den freien Zugriff digitalisiert werden. Des Weiteren werden derzeit weitere Anträge zur Erschließung und digitalen Aufbereitung von ethnologischen Materialien aus verschiedenen Nachlässen erwogen. Nicht zuletzt sollen damit virtuelle Forschungsumgebungen für das Fach und vergleichbare Materialien einem Praxistest unterzogen werden. Solche Initiativen kann die Humboldt-Universität in dieser Form nur durchführen, da dank dem FID die Kapazitäten zur Verfügung stehen.

Zwar handelt es sich nicht zwangsläufig um einen digitalen Dienst, doch steht die Säule Forschungsdatenmanagement, die Antragsbestandteil ist, in Zusammenhang mit digitalen Inhalten. Konkret soll der FID nach einer umfassenden Bestandsaufnahme im Fach und bei etablierten Akteuren dieses Feldes explorativ Workflows für die ethnologischen Fächer eruieren und konzipieren. So können schon jetzt bereits einige Institute (z.B. an der Uni Bayreuth) Forschungsergebnisse mit einer knappen Beschreibung von Form und Inhalt (sogenannten Metadaten) versehen und in einem Repositorium archivieren. Ob und in welcher Form diese Archivierung den Ansprüchen der jeweiligen ethnologischen Fächer genügt, ob die in Forschungstools (MAXQDA, Atlas.ti, NVivo) erzeugten Datenformate hierfür kompatibel sind und schließlich was für Nachnutzungsmöglichkeiten es gibt und welche eigentlich wünschenswert wären, bleibt zu klären. Im Idealfall kann der Sozial- und Kulturanthropologie schließlich ein best-practice-Beispiel aus bestehenden Workflows und Angeboten zur Nachahmung empfohlen werden – eventuell, nachdem dieses im Projektzeitraum verändert und angepasst wurde.

Wie sind diese Bedürfnisse ermittelt worden? 

Um den Antrag vorzubereiten und die bestmöglichen Infrastruktur- und Serviceangebote für die Forschung zu entwickeln, hat die UB der Humboldt-Universität ein Jahr vor Antragsfrist begonnen, mit dem wissenschaftlichen Beirat des SSG, einer neugebildeten „Taskforce FID“ (bestehend aus Wissenschaftler_innen der naheliegenden ethnologischen Institute) und in Einzelgesprächen mit Akteur_innen der ethnologischen Fächer (Fachgesellschaften, Instituten, Museen, Bibliotheken) über deren Bedürfnisse und Vorstellungen zu diskutieren. Dabei ging es nicht nur um mögliche Services eines zukünftigen FID sowie wünschenswerte überregionale Lizenzen, sondern auch darum, Ideen und Projekte zu entwickeln. Hierbei wurden u.a. auch ethnologische Fachbibliotheken nach ihren Bedürfnissen befragt – zwar war die Resonanz verhältnismäßig gering, doch lieferten sie wichtige Anregungen für die Erwerbung.

Welche Veränderungen folgen aus den neuen Angeboten? 

Da mit dem Systemwechsel die bisherige sogenannte Reservoirfunktion stark eingeschränkt und durch Nachfrageorientierung sowie die angesprochene e-only/e-preferred-Politik weitgehend ersetzt werden soll, wurde die Frage der zukünftigen Ausrichtung des Sammlungsprofils im wissenschaftlichen Beirat, in dem Expert_innengespräch und bei dem Treffen mit den Vorständen der Fachgesellschaften intensiv behandelt. Sowohl der Beirat als auch die Fachgesellschaften sind dem Votum der Expert_innen gefolgt, das Sammlungsprofil künftig auf den Schwerpunkt „Veröffentlichungen allgemeinen, theoretisch oder methodisch grundlegenden Inhalts aus den Disziplinen Volkskunde und Völkerkunde sowie den in ihrer Tradition stehenden Fächern“ einzugrenzen.

Veröffentlichungen dieses Typs werden weiterhin umfassend erworben, denn die Zielgruppen des FID wünschen sich eine zentrale Institution, die diese grundlegenden Fachdiskurse verfügbar hält. Dazu gehören insbesondere die Bereiche:

- Theorien und Methoden

- übergreifende kulturvergleichende Studien

- Fächergeschichte und Wissenschaftsforschung zu den Disziplinen

- Berufsfelder

- fachspezifische Hochschuldidaktik

Für den Bereich „Theorien, Methodisches; Fachgeschichte“ soll insofern umfassend nationale wie internationale Literatur angeschafft werden. Zudem wird Wert auf das Sammeln deutscher Dissertationen und Habilitationen gelegt, um den Forschungsstand zu dokumentieren und die Medien für die Fernleihe zur Verfügung zu stellen (Letzteres ist beim solche Publikationen ebenfalls umfassenden Bestand der Deutschen Nationalbibliothek nicht möglich). Sofern die Hochschulschriften elektronisch vorliegen, wird eine Veröffentlichung über den Dokumentenserver der HU angestrebt.

Neben den Fachdiskursen und den Qualifikationsarbeiten bilden besondere regionale Forschungen im FID einen Sammelschwerpunkt; dazu gehören insbesondere volkskundliche / ethnologische Arbeiten über den deutschsprachigen Raum (die für den überregionalen Zugriff zur Verfügung stehen müssen). Darüber hinaus werden Veröffentlichungen mit regionalem Bezug im jeweiligen Regionalinformationsdienst (oder wie z.B. im Falle der Geschichte oder der Amerikanistik und Anglistik in anderen FIDs) gesammelt. Die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität erwirbt jedoch im Rahmen des FID Sozial- und Kulturanthropologie nur solche Regionalstudien und ggf. Studien in den jeweiligen (nichtgängigen) Regionalsprachen, die für die übergreifende Fachdiskussion von grundlegender Bedeutung bzw. allgemeinem Interesse sind. Entsprechende Absprachen wurden im Vorfeld der Antragstellung mit Vertreter_innen der Regional-SSGs getroffen. Ausnahmen sind jene vorwiegend ethnologischen Titel aus Bereichen, für die es kein FID-Äquivalent zum Regional-SSG gibt bzw. für die Regional-FIDs keine volks- und völkerkundliche Literatur erwerben. Auch ist in manchen Bereichen mangels Professuren eine entsprechende Sammelpolitik der Institutsbibliotheken nicht zu erwarten, obwohl entsprechende Forschung stattfindet. Dies betrifft insbesondere Spanien und Portugal sowie die ethnologische Literatur zu Ozeanien und den indigenen Völkern Nordamerikas.

In Absprache mit dem beantragten FID Geschichte und den betroffenen regional orientierten FIDs ist des Weiteren festgelegt worden, dass Literatur zur übergreifenden und in die Gegenwart hineinreichenden Migrationsgeschichte sowie zur Kolonialgeschichte – sofern sie den Kulturkontakt in den Kolonien, den Alltag der indigenen Bevölkerungen und ethnologische Expeditionen und Forschungen im Kontext der Kolonialherrschaft betrifft – im FID Sozial- und Kulturanthropologie gesammelt bzw. zugänglich gemacht wird.

Neben der deutschsprachigen Literatur wird ein Schwerpunkt auf Werke in den zentralen Wissenschaftssprachen (englisch, französisch, spanisch) gelegt; weitere Sprachen werden im Falle von Anschaffungsvorschlägen gegebenenfalls berücksichtigt. Dabei konzentrieren wir uns auf die Auswertung englischer und amerikanischer Nationalbibliografien. Ein im SSG erprobter Approvalplan3 für spanische, portugiesische und französische Literatur wird dem weiter entwickelten Sammlungsprofil angepasst und fortgeführt.

Angesichts mangelnder Verlagsangebote für überregional lizenzierbare e-Journals soll die Zeitschriftenerwerbung neben dem bereits erwähnten Berghahn-Paket folgendermaßen weiterentwickelt werden:

Zugunsten der wissenschaftlichen Community konzentriert sich die Erwerbung auf in Deutschland seltene, d.h. weniger als in zehn Exemplaren vorhandene Fachzeitschriften4, vorzugsweise als Onlineausgabe, die in den vergangenen zwei Jahren in der Fernleihe nachgefragt wurden. Alle seltenen Abonnements werden, auch wenn keine überregionalen Lizenzen vereinbart werden können, im FID weiter vorgehalten. Sofern vertraglich möglich, werden Bestellungen per elektronischer Fernleihe abgewickelt. Der FID wird sich in steter Absprache mit dem Kompetenzzentrum für Lizenzierung um nationale Zugänge bemühen.

Welche Kontinuitäten der bisherigen Angebote als SSG-Bibliothek und als „Virtuelle Fachbibliothek" sind vorgesehen? 

In wenigen definierten Teilen wird es Kontinuität im Bibliotheksangebot geben: Es werden weiterhin – wenngleich eingeschränkt –Printmedien erworben, in einigen Bereichen sogar zum umfassenden Bestandsaufbau. Allerdings wird stetig zu prüfen sein, ob – sofern das mit dem Auftrag der Community vereinbar ist – diese Materialien im überregionalen Onlinezugriff beziehbar sind. Auch analoge Lieferdienste sind für die Zukunft denkbar.

Obwohl bisherige Konzepte von Sucheinstiegen und Suchraum bei der virtuellen Fachbibliothek EVIFA (www.evifa.de) überdacht werden sollen, bleibt diese als zentrales Suchportal bestehen. Einzelbereiche sollen zwar stärker ausgebaut und hervorgehoben werden, andere Bereiche ganz aufgelöst und umgestellt werden, die komplette Oberfläche einem Relaunch unterzogen werden. Gleichwohl gilt der Anspruch weiterhin, Informationen für die Zielgruppen bereit- und auf ansprechende, möglichst niedrigschwellige Art und Weise darzustellen (aber in verbesserter und zielgerichteter Form). Freilich sind der Umsetzung aufgrund von technischen und rechtlichen Gegebenheiten gewisse Grenzen gesetzt.

Zu guter Letzt wird auch die Tradition der Fortbildungsveranstaltungen für Bibliothekar_innen in ethnologischen Bibliotheken oder mit dem Fachreferat Ethnologie fortgeführt und sogar ausgebaut: Was in den letzten neun Jahren nur ca. alle drei Jahre stattfand, soll nun jährlich angeboten werden. Ebenso ist die Präsenz auf Fachtagungen auch im FID wichtig, da sie zur Kontaktpflege mit der Community genutzt werden kann. Zu diesem Zweck wird der FID mit eigenen Beiträgen auf Konferenzen vertreten sein.

Welche Rolle spielen zukünftig rein elektronische Publikationen und welche langfristigen Auswirkungen werden diese auf Verlage und Lizenzpolitik haben? 

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Verlagslandschaft stärker auf die Lizenzmodelle der FIDs einlässt und realisierbare Angebote erarbeitet. Auch die Nutzerkreismodelle bieten noch Spielräume. Sollte dieser Fall eintreten, werden die FIDs gemeinsam prüfen, welche Angebote sinnvoll sind, und zwar mit Blick auf die Maßgabe der DFG, Mehrwerte für die Wissenschaft zu schaffen. Mittelfristig wird sich im Bereich Sozial- und Kulturanthropologie bestimmt noch viel um die Bereitstellung von Printmedien drehen. Auf der anderen Seite werden Aufgaben wie die Betreuung eines Fachrepositoriums für e-Publikationen und Forschungsdaten sowie die Retrodigitalisierung sicherlich die Bedeutung digitaler Inhalte im Fach erhöhen. Wenn es gelingt, deren Sichtbarkeit zu verbessen und gleichzeitig einheitliche Standards zu etablieren – und das alles unter Beförderung des Open Access-Gedankens, wäre ein großer Schritt getan.

Matthias Harbeck im Interview

Soziopolis: Ihren Ausführungen ist zu entnehmen, dass die Anthropologie und Ethnologie dem gedruckten Buch vergleichsweise treu geblieben sind. Ist denn zu erwarten, dass die Fachcommunity der nicht zuletzt von der DFG vorangetriebenen e-preferred-Politik eher skeptisch gegenüberstehen wird?

Matthias Harbeck: Ein großer Teil der Ethnolog_innen – sowohl Studierende als auch Wissenschaftler_innen aller Statusgruppen – liest (derzeit) lieber im Printformat. Zugreifen auf die Texte möchten aber bereits sehr viele gern auch digital, weil es schnell geht, Platz spart und andere Bearbeitungs- und Suchmöglichkeiten erlaubt. Dementsprechend wird die Reaktion ambivalent sein.

Problematischer ist letztlich, wie sich das e-preferred-Primat auf die Erwerbungsmittel im FID auswirken kann bzw. nach momentanen Stand wird: Überregional zugängliche-Ressourcen kosten selbst bei vernünftigen Offerten der Verlage wesentlich mehr als lokal nutzbare Print- und e-Käufe und -Abos (auf die per klassischer Fernleihe zugegriffen werden könnte, also mit Zeitverzug und allen Einschränkungen). Bei einer momentanen Eigenleistung von einem Drittel können wir erstens nur begrenzt derartige Angebote lizenzieren, und zweitens fressen uns diese die Mittel auf. Das bedeutet, dass wir weniger Printmedien und Zeitschriftenabos parallel beschaffen und halten können, die per Fernleihe zur Verfügung stehen. Die wenigen Onlinequellen müssen das also aufwiegen, sowohl im Hinblick auf die Bedeutung als auch eigentlich auf die Nutzung. Hierüber wird mit der DFG und den FIDs noch zu diskutieren sein, denn ehedem galt der Grundsatz der Spitzenversorgung, jetzt hingegen eher das Primat des Mehrwertes.

Nicht zuletzt ist das digitale Zugangsverfahren derzeit noch ein recht aufwändiges, das vermutlich (die erste Antragsphase wird uns hier Erfahrungen vermitteln) viele Reibungsverluste mit sich bringt. Entsprechend kommt es auf gute Werbung und reizvolle Quellen an, aber gegebenenfalls werden auch andere Lizenzverhandlungen und Umstellungen beim Anmeldeverfahren in der Zukunft erforderlich sein. Denn wenn wir für teures Geld nur gering genutzte Quellen lizenzieren – und sei es für die Spitzenforschung –, während der Rest des Faches an schlechterer Versorgung leidet, dann steigen uns die Wissenschaftler_innen irgendwann aufs Dach.

Wie müssen wir uns die finanzielle Gewichtung vorstellen – welchen Anteil haben die offensichtlich kostspieligen Lizenzen, welche die Retrodigitalisierung an den Kosten, die für die elektronische Bereitstellung der Publikationen anfallen?

In unserem Antrag spielt die Retrodigitalisierung sowohl vom Umfang als auch von den Kosten eine untergeordnete Rolle, da wir parallel zum FID-Antrag bereits ein Digitalisierungsprojekt laufen hatten. Dazu haben wir einen Fortsetzungsantrag gestellt, der den Großteil unserer derzeitigen Retrodigitalisierung ausmacht. Diese Strategie würden wir wahrscheinlich auch in Zukunft weiterverfolgen. Wenn man die Kosten dennoch gegenüberstellt, macht die Digitalisierung (aus FID und Digitalisierungsprojekt inkl. Fortsetzung) insgesamt einen größeren Anteil aus, sie kommt allerdings auch einer viel größeren Masse an Material zugute. Auch sind die damit verbundenen Lizenzgebühren (an die VG Wort) nicht der Faktor, der die Digitalisierung teurer macht, sondern die aufgewendeten Personalkosten. In die Erwerbungsmittel für Literatur fließen diese Kosten gar nicht mit ein, daher hinkt der Vergleich auch hier. Letztlich ist die Erwerbung gepaart mit Bestellung, Einarbeitung, Sacherschließung, etc. wahrscheinlich doch wieder teurer als die Digitalisierung.

Dieser Beitrag ist Teil eines gemeinsamen Themenschwerpunkts zu Fachinformationsdiensten von Soziopolis und H-Soz-Kult. Weitere Beiträge finden Sie hier und hier.

Fußnoten

1 Vgl. z.B. digi.evifa.de/viewer/.

2 Siehe z.B. den Weckruf aus den Geschichtswissenschaften: Martin Schulze Wessel, Sammeln für die Interessen von morgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. April 2015.

3 Gemeint ist eine Vereinbarung über ein Auswahlprofil mit einem Lieferanten, der dann entsprechend Literatur auswählt und liefert. Damit erspart sich die Bibliothek Aufwand für Bereiche, in denen ihr z.B. sprachliche Expertise fehlt oder die normalen Beschaffungsinstrumente (Nationalbibliografien, Kataloge) unzureichend sind.

4 Lizenzen der Max-Planck-Institute werden nicht mitgezählt, da sie nur bedingt für die Fernleihe zur Verfügung stehen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.