Doppelt hält besser

Zweideutigkeit ist Trumpf, das weiß jeder versierte Journalist.

Wer eine Tageszeitung abonniert hat, kann daher fast auf jeder einzelnen Seite auf vielsagende – freilich nicht immer vielversprechende – Überschriften stoßen. Da lockt etwa die Kulinarikredaktion der Süddeutschen Zeitung „Tanze Gamba mit mir“, während die Sportexperten über „Skifahren mit Schiiten“ berichten. Solche Kalauer beruhen meist auf dem Stilmittel der Homophonie beziehungsweise des Gleichklangs – im Volksmund auch Teekesselchen genannt. Der Boxer führt den Boxer an der Leine. Und dass ein Bericht über Modefirmen „Anziehend“ heißen muss, steht wohl außer Frage – nur wäre zu klären, ob es in den Redaktionen Sperrfristen für solche Scherze gibt, die ja auch nicht zu oft verwendet werden sollten.

Ist die Verfasserin nicht ganz so virtuos, müssen wenigstens ähnliche Klänge zusammengeführt werden; so gelangen etwa die Schiiten auf die Skipisten. Auch andere Wortspielarten sind beliebt, und Derartiges spielt sich keineswegs nur auf den hinteren Zeitungsseiten ab – so titelt etwa die FAZ vom 10. Dezember 2015 im Wirtschaftsteil nicht nur „Der CO²-Skandal von VW löst sich in Luft auf“, sondern bringt auf derselben Seite und zum selben Thema gleich auch noch das „Schleudertrauma“ ins Spiel. Die Süddeutsche spricht in Bezug auf die Musikindustrie derweil von „Flachen Raten“. Dabei steigt der Grad des Amüsements mit der Distanz, die zwischen den beiden so zusammengezwungenen Themenwelten liegt, das wissen wir von Henri Bergson. „Tanze Mambo mit mir“ (statt Samba) hat eine deutlich schwächere Wirkung als die Zweckentfremdung der aus einem völlig anderen Kontext stammenden Gambas.

In Wissenschaftskreisen sind derartige Stilmittel zwar einerseits verpönt, scheinen andererseits aber doch auch Gegenstand heimlicher Sehnsüchte zu sein. Freilich braucht die Akademikerin ein seriöses Werkzeug, um ihrer Kreativität freien Lauf lassen zu können. Bei diesem multifunktionalen Gerät, strenggenommen sind es sogar zwei, handelt es sich um die gute(n) alte(n) Klammer(n). Zunächst mag das recht unspektakulär klingen, doch ein Blick in die Verlagsprogramme dieses Winters verdeutlicht, welchen Einfluss die durch Parenthesen erzeugte Ambiguität sich bereits erwirtschaftet hat.

Die Novitäten In (Ge)schlechter Gesellschaft? Politische Konstruktionen von Männlichkeit in Texten und Filmen der Romania und Harry Potter que(e)r. Eine Filmsaga im Spannungsfeld von Queer Reading, Slash-Fandom und Fantasyfilmgenre sind in diesem Zusammenhang fast schon Avantgarde und klingen so verrätselt wie ein Gedichttitel von Friederike Mayröcker, während Alter(n) neu denken. Konzepte für eine neue Alter(n)skultur oder auch (Trans-)Formationen jüdischer Lebenswelten nach 1989 sich eher als konservative Vertreter der Doppeldeutigkeit erweisen. Die Herausgeber des Buchs (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten sind wohl ebenfalls der letzteren Kategorie zuzurechnen.

Sowohl bei der Avantgarde als auch bei den Traditionalisten im Klammergeschäft stellt sich freilich stets die Frage, wie die Autoren im Falle eines Auftritts vor Publikum ihren Buchtitel eigentlich aussprechen wollen. Eine Variante der Ambiguität immerhin erweist sich als phonetisch unproblematisch, was vielleicht auch ihre unfassbare Beliebtheit erklärt. Eine Buchhandelsdatenbank findet mehr als fünfzig Titel, die die Macht zum Verb machen wollen, fast immer mit der Politik in der Hinterhand: Schule – Macht – Politik, Mensch Macht Politik, Kapital Macht Politik sind nur einige Beispiele, aber auch die kleingeschriebene Form Politik macht Gedichte (wollte da jemand Geschichte schreiben?), oder – mal im Imperativ – Frauen macht Politik wird genutzt. Hinzu kommen typographische Extravaganzen wie queer.macht.politik oder, mit dem beliebten Bundeswehr-Binnenpunkt: Bürger.Macht.Politik sowie natürlich Fußball.Macht.Politik. Da nützt es wohl wenig, mit einem weiteren Buchtitel zu behaupten, Macht und Politik sind nicht dasselbe.

Lässt sich diese Wortspielbegeisterung nun auf bestimmte Themenspektren eingrenzen? Fest steht, dass die Ambiguitätsklammer sich im Bereich der Gender Studies – wie sollte es auch anders sein – besonderer Beliebtheit erfreut. Gilt es doch, zu beweisen, dass noch nicht einmal in der Natur irgendetwas eindeutig ist. Doch warum ist eigentlich der Neue Blick auf die Neue Typographie, 2015 erschienen, völlig klammerfrei betitelt? Natürlich kann man sich an Doppeldeutigkeiten aber auch uneingeklammert versuchen, das wäre gewissermaßen die höhere Schule der Ambiguität. Man denke nur an die Studie Raplightenment – Aufklärung und Hip Hop im Dialog.

Dass bestimmte wissenschaftliche Disziplinen oder Strömungen gewisse Vorlieben beim Benennen ihrer Bücher haben, ist bekannt. In der Betriebswirtschaft etwa spricht man gern Denglisch und lässt auf seine Publikationen so markige Worte drucken wie Corporate Governance – Geschichte, Best Practice, Herausforderungen. Und neigen nicht die Historiker dazu, den Haupttitel ihrer quellengesättigten Untersuchungen mit einem Zitat in frühneuzeitlicher Rechtschreibung zu garnieren? Worum es in „Zu wißen und kundt sey hiemit …“ wohl gehen mag, nämlich um „neue Erkenntnisse zur Osnabrücker Landes- und Stadtgeschichte aus studentischen Forschungen“, muss in der Regel der Untertitel erläutern.

Von lateinischen Begriffen wollen wir in diesem Zusammenhang gar nicht erst anfangen, auch wenn die Abhandlungen Zwischen Princeps und Res Publica oder In Portum Navigare. Römische Häfen an Flüssen und Seen sicher zugänglicher sind, als ihre Titel es vermuten lassen. Soziologen, zumindest die empirisch und qualitativ arbeitenden unter ihnen, lieben Zitate aus den Quellen ebenso sehr wie die Historikerinnen, allerdings entstammen diese gewöhnlich unserer Gegenwart und klingen bestenfalls ein wenig umgangssprachlich (Vgl. „Ich meine, mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“, Opladen 2002).

Kommen wir aber zurück zur Doppeldeutigkeit, als deren Pionier vielleicht Jacques Derrida geehrt werden sollte, hat er doch durch die Erfindung eines neuen Worts, der différance, ein vermeintlich eindeutiges Wort (und gerade dieses!) erst mit Ambiguität geadelt. In Akademikerkreisen erzählt man sich gern, seine Mutter habe ihn nach dem Erscheinen des Aufsatzes „Différance“ entsetzt angerufen, um ihn auf den Tippfehler in der Überschrift hinzuweisen. Ob es den Herausgeberinnen von In (Ge)schlechter Gesellschaft? wohl ähnlich ergangen ist? Aus dem Verlagslektorat – sofern noch vorhanden – ist wohl kein Warnruf zu vernehmen gewesen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.