Multikulti

Über internationale Einwanderer ins Soziologische

Wissenschaftshistorisch gesprochen, ist die Soziologie ein Kind des Nationalstaates. Deshalb konnten in jüngster Zeit Forderungen lauter werden, sie müsse den Radius ihrer Problemstellungen erweitern und endlich den „nationalen Container“ verlassen. Sie solle sich, mit einem Wort, kosmopolitisieren.

Ob und wie berechtigt derartige Appelle an eine Disziplin sind, die sich seit vielen Jahren an einer Soziologie der Europäisierung versucht, aufwendige Netzwerkanalysen betreibt, in denen nationale Grenzen selbstverständlich keine Rolle spielen, oder Institute gründet, wo nach und mit Niklas Luhmann die „Weltgesellschaft“ unter die Lupe genommen wird, sei dahingestellt. Aber mit Bezug auf das Vokabular und den grundbegrifflichen Werkzeugkasten der Soziologie kann von nationalen Scheuklappen keineswegs die Rede sein. 

Zugegeben haben sich trotz der Mühen und Entbehrungen, die Ethnologen und Anthropologinnen für ihre Feldforschung in entlegenen Weltregionen auf sich nahmen, nur ganz wenige wirklich exotische Begriffe Zutritt ins Fachidiom verschafft: So war „Potlatch“, ein Wort, mit dem die Indianer der nordwestamerikanischen Pazifikküste ihre Tauschrituale bezeichneten, auf die Unterstützung eines Marcel Mauss angewiesen, um dank seines 1924 erschienenen Essai sur le don gängige Münze einer Soziologie zu werden, die erklärt, wie sich Verpflichtungen zur Reziprozität institutionalisieren lassen. Hier sorgte nationale Bornierung freilich dafür, dass eine deutsche Übersetzung des ingeniösen Essays erst 1968 unter dem Titel Die Gabe herauskam.

Offenkundig sind andere Sprachen als der chinuk-wawa-Idiolekt, aus dem das Wort „Potlatch“ stammt, in der soziologischen Begriffsgeschichte wesentlich einflussreicher gewesen. Trotz allem Kulturpessimismus müsste an erster Stelle betont werden, dass Sozialwissenschaftlerinnen bis ins 21. Jahrhundert althumanistische Traditionen hochhalten. Selbst in einer so nüchternen Subdisziplin wie der Industriesoziologie, wird – gut lateinisch – ständig „operationalisiert“ und „prozessiert“, wobei weder Geheimdienste noch Gerichtsverfahren beschrieben werden, sondern im Zweifelsfall eine so profane Tätigkeit wie das routinierte Einschweißen von Hackfleischportionen.

Während sich das Griechische den zumal in akademischen Qualifikationsarbeiten fälligen Betrachtungen zur Metaebene des Fachs empfiehlt, das heißt für „methodologische“ Erörterungen aufdrängt, um von Grundworten wie „Empirie“ oder „Theorie“ abzusehen, die auf den lexikalischen Marktplätzen der Universität ja zur vielgehandelten Dutzendware zählen, scheint die Muttersprache allen Beobachtens das Lateinische zu sein. Sei das „Objekt“ des „Interesses“ nun der „subjektivierte“ Arbeitnehmer oder eine gesellschaftlich „exkludierte“ „Migrantin“, allemal schreibt bei solchen Begriffsprägungen nicht nur ein vor langer Zeit erworbenes, mutmaßlich aber wieder vergessenes Schulwissen mit, sondern auch ein berufsständischer Imperativ: Verweise auf die Unmengen an konsumierter Fachliteratur und lasse keine Gelegenheit ungenutzt, Souveränität im Umgang mit fachsprachlichen Markenzeichen unter Beweis zu stellen! Bei Themen aus dem weiten Feld der politischen Ökonomie oder Wirtschaftssoziologie wird Manchester zum ernsthaften Konkurrenten des alten Rom. „Shopflooranalysen“ sind vorzunehmen, Thesen zur „Kommodifizierung“ wenn nicht des Menschen, so zumindest seiner Arbeitskraft aufzustellen. Letzteres klingt zwar lateinisch, ist aber vor allem der englischen „commodity“ abgelauscht, wie sie die Briten (mit einem kleinen Umweg über Frankreich) dann doch den Römern verdanken. Am Ende führen die meisten Wege der Etymologie zurück nach Rom.

Die lingua franca aller modernen Wissenschaften ist dennoch das Englische. Sie konfrontiert die Sozialwissenschaftlerin oft mit heiklen Übersetzungsproblemen. Nicht nur deutsch Gedachtes muss gelegentlich ins Englische übertragen werden, sondern umgekehrt auch für englische Idiome der entsprechende Ausdruck gefunden werden, ohne dass gewichtige Konnotationen verloren gehen. Wie also unterscheidet sich der „male breadwinner“ vom hierzulande tätigen „männlichen Alleinverdiener“? Geht der naheliegenden Übersetzungsoption außer der brotbedingten Anschaulichkeit des anglo-amerikanischen Originals noch etwas Anderes verloren? Weil solche Feinsinnigkeiten schwer zu gewichten sind, lässt man sicherheitshalber die englische Begriffsbildung stehen. Damit bekommen Sprachpuristen Arbeit. Sie sind durch linguistische Migrationsströme zu beunruhigen und legen sich in Einzelfällen für fremdenpolizeiliche Gegenmaßnahmen ins Zeug.

Ganze Wellen zumal frankophober Abwehrreaktionen haben noch vor Jahren die deutschsprachigen Humanwissenschaften erschüttert. Selbst die Soziologie blieb nicht verschont, obwohl es Auguste Comte gewesen ist, der sie auf ihren Namen taufte. Und was wäre die bundesdeutsche Nachkriegssoziologie ohne René König, der sich, zweisprachig aufgewachsen, in der Tat mit geradezu kosmopolitischem Furor um die empirische Sozialforschung verdient gemacht hat. Dass Philosophen wie Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Bruno Latour oder Philippe Descola seit den 1970er-Jahren die sozialwissenschaftlichen Debatten hierzulande geprägt und mit zahlreichen Neologismen bereichert haben, steht außer Frage. Der Rhein ist offenbar keine Grenze, sondern ein Transportkanal gewesen. „Discours“ hat als „Diskurs“ seinen Weg über den Fluss gefunden, um jetzt nur einen der Schlüsselbegriffe aufzurufen, die dem Bekenntnis des Foucault-Übersetzers Ulrich Raulff zufolge Karriere gemacht haben, einfach weil sich keine adäquaten Entsprechungen im Deutschen finden ließen. Ohne diesen ungeordneten Grenzverkehr käme ein viersprachiger Tagungstitel wie „Staat, Internet und digitale Gouvernementalität“, mit dem die Universität Erfurt eine ihrer Veranstaltungen ankündigt, bestimmt nicht zustande.

Was lehren uns diese Beobachtungen? Selbst wenn die deutschsprachige Soziologie noch ein Containerdasein fristete, sind die Regionen ihrer Terminologie schon lange offene Einwanderungsländer. Für Zuzug sorgt nicht nur der Bildungsfundus des humanistischen Gymnasiums, wie ihn der verstorbene Lars Clausen in seiner posthum erschienenen Einführung in die Soziologie mit großer Dankbarkeit würdigt. Auch die Verkehrssprachen der modernen und globalisierten Welt stellen vitalisierende Ressourcen für das Leben der soziologischen Begriffe dar. Gegen sprachliche Austrocknung und Versteppung ist die Soziologie aber so wenig wie andere Wissenschaften gefeit, prämiert der grassierende Tagungstourismus doch ein conference english, das es mit der Elastizität einer Prosa, die beispielsweise Robert K. Merton oder Erving Goffman verfasst haben, nicht aufzunehmen vermag. Die durch diesen Überfluss erzeugte Armut verdeutlicht das Kauderwelsch, an dem noch so wohlwollende Leserschaften nicht nur ästhetisch Anstoß nehmen müssen: „In many European countries, the '68ers' have been transformed into a mythical yardstick of what constitutes a generation.“ Schlecht geschrieben ist schlecht gedacht.