„Spannend“

Überlegungen zum energetischen Nullpunkt unter besonderer Berücksichtigung von Luhmann und Freud

Im Urteil ihrer Leserschaft ist belletristische Literatur immer schon und immer auch „spannend“ gewesen, zumal mit Genres wie dem erst im 19. Jahrhundert entstandenen Kriminal- oder dem kaum minder beliebten, allerdings älteren Schauerroman. Aber selbstverständlich können auch Filme oder ganze Fernsehserien „spannend“ sein – sogar über mehrere Staffeln hinweg. Selbst eine Theater- oder Operninszenierung empfiehlt sich unter Umständen als „spannend“, wohingegen es wettbewerbsschädigend wäre, würde ein Yoga-Studio seine Kurse oder ein Handwerker die offerierten Dienstleistungen als „spannend“ bewerben. Außerhalb der darstellenden oder bildenden Künste sind Wettkämpfe aller Art „spannend“, etwa Fußballspiele, die sogar „wahnsinnig spannend“ sein können, nämlich für Fans, deren Gemütslage von Sieg oder Niederlage ihrer Mannschaft abhängt. Offenbar ist „spannend“ ein Attribut, das in solchen Sprachspielen dazu dient, eine Stellungnahme zum subjektiven Unterhaltungswert des Dargebotenen abzugeben. Es scheint sich um die Anfertigung von – im weitesten Sinne – ästhetischen Urteilen zu handeln.

Es ist daher einigermaßen erstaunlich, dass schon seit einiger Zeit nicht nur wissenschaftliche Aufsätze und Bücher, Vorträge und Diskussionsbeiträge, sondern auch Forschungsanträge oder im Einzelfall selbst eine schlichte Frage als „spannend“ anerkannt, gelobt und mitunter sogar gepriesen werden. Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier läge ein Kategorienfehler vor. Doch widerlegt die ausgesprochen häufige, im Übrigen weitere Differenzierungen zulassende Verwendung der Vokabel im wissenschaftlichen Betrieb den Befund, dass die Urteilskraft in ihrer Fixierung auf „spannend“ Sphären verwechselt, die eigentlich gegeneinander zu separieren wären. So lässt sich die zum Ausdruck gebrachte Anerkennung beispielsweise dadurch intensivieren, dass „spannend“ zu „hochspannend“ gesteigert wird. (Der Akzent liegt dann auf der ersten Silbe.) Diese mittlerweile bis in akademische Hausarbeiten vorgedrungene Üblichkeit ist insofern merkwürdig, als die logische Konverse von „hochspannend“ nicht – wie ein Elektriker erwarten würde – „niedrigspannend“ ist, sondern „unspannend“.

Im neuen akademischen Sprachspiel markiert das Wort „unspannend“ gewissermaßen den energetischen Nullpunkt, wirkt mithin absolut vernichtend. Festgestellt wird bei solchen Anwendungsfällen, dass gar kein Strom mehr fließt, sich also nicht einmal minimale Unterhaltungswerte auf dem wissenschaftlichen Urteilsmonitor detektieren lassen. Für Anhänger des logischen Atomismus würde der entsprechende Protokollsatz wohl lauten: „hier, jetzt, nichts.“

Mit dem vorgestellten Negationspartikel „un-“ verweist „spannend“ überdeutlich auf das lexikalische Register, das durch die mittlerweile gängige Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen nach ihrem Unterhaltungswert außer Kraft gesetzt wurde: Was die Unterscheidung zwischen „uninteressant“ und „interessant“ vormals zu leisten hatte, erledigt jetzt die Opposition von „spannend“ und „unspannend“. Ein willkommener, vielleicht aber nur hingenommener Begleiteffekt der erfolgreichen Ersetzung eines Vokabulars durch ein anders scheint zu sein, dass sich hergebrachte Begründungsansprüche wissenschaftlicher Kritik ermäßigt finden. Lässt sich über den Unterhaltungswert eines empirischen Datums, einer Hypothese, einer Problemstellung, eines Arguments ernsthaft streiten? Wer behauptet, dass ein Sachverhalt das Interesse der scientific community verdient, muss mit anderen Rückfragen rechnen als derjenige, der ihn der ja immer begrenzten Aufmerksamkeit seiner Kolleginnen als unterhaltsam „ansinnt“, um den passenden Terminus aus Kants dritter Kritik zu bemühen.

Unterhaltung, heißt es bei Niklas Luhmann lapidar, sei der Abbau selbsterzeugter Spannung. Demnach wäre nicht die Erzeugung von Spannung der Clou gelingender Unterhaltung, sondern deren Minimierung zurück auf null. Luhmanns These variiert einen, wie er selbst sagen würde, „alteuropäischen“ Topos: Was die Theorie des Dramas von Aristoteles bis hin zu Lessings Hamburgischer Dramaturgie als „Katharsis“ thematisiert hat, wird in Bielefeld – gewissermaßen rein psychodynamisch, das heißt unter Abstraktion von der Idee, sie sei zugleich ein Ereignis moralischer Purifikation – als Entspannungsvorgang redefiniert. Und ganz in der Spur dieser ehrwürdigen Tradition unterstreicht Luhmann, dass Entspannung, soll sie denn unterhaltsam sein, aktiv herbeigeführt werden müsse. Nur als ein subjektiv bewirktes Geschehen kann Entspannung leisten, was sie leisten soll, nämlich unterhalten.

Wir haben es mit einem Zwei-Phasen-Modell zu tun. Zunächst wird Spannung aufgebaut, um sonach wieder abgebaut werden zu können. Der Vorgang ist bemerkenswert. In seiner energetischen Dynamik lässt sich, angelehnt an die Metapsychologie eines Wiener Spannungstheoretikers, relativ mühelos ein „Todestrieb“ ausmachen. Ohne ihn ist gelingende Unterhaltung augenscheinlich nicht zu erwirtschaften. Was hatte Sigmund Freud im Sinn, der mit einer Abhandlung über den Witz – wohl nicht zufällig – seinerseits Erhellendes über die Operationsbedingungen von Entertainment hinterlassen hat? Dass das sogenannte Lustprinzip, weil es auf die Beseitigung aller energetischen Differenziale im Organischen ziele, das heißt auf totalen Spannungsabbau, den Todestrieb aus sich entlasse. So wird nach Freud und mit Luhmann begreiflich, dass Entropie nicht nur in die Thermodynamik, sondern auch in die Unterhaltungsindustrie gehört. Der lange Weg zum Wärmetod ist in unserem Kosmos mit Unterhaltung gepflastert.

Damit dürfte sich endlich auch dechiffrieren lassen, warum wissenschaftliche Texte, ganze Theorien, ja selbst Forschungsanträge oder schlichte Fragen zuallererst und unbedingt „spannend“ sein müssen. Mit diesem Adjektiv zeigt sich Wissenschaft offenbar den Beginn eines Geschehens an, das sie höchst selbst zu bewirken hat. Ohne Spannungsaufbau kommt es gar nicht erst in Gang; ist es jedoch einmal angelaufen, sind die Ausgangsspannungen wieder klein zu arbeiten. Die einen nennen es „Forschung“, die anderen „Unterhaltung“. Von Kategorienfehler also keine Rede! Wir Eingeweihte wissen, dass es allemal um den ebenso ernsten wie selbstlosen Dienst im szientifischen Auftrag des Todestriebs geht. Und der wird ganz am Ende triumphiert haben, wenn nichts mehr „spannend“ oder gar „hochspannend“ ist, sondern überhaupt alles nur noch „unspannend“.