Wer spricht?

Zum Siegeszug der geschlechtergerechten Formulierungen

Feministinnen und ihre nicht ganz so zahlreichen männlichen Mitstreiter mögen sich darüber freuen, wie schnell sich die Geschlechtergerechtigkeit in der akademischen Sprache ausgebreitet hat. Dass im Universitätsalltag praktisch nur noch von Studierenden und Lehrpersonal statt Studenten und Dozenten die Rede ist, scheint zumindest in den Sozialwissenschaften Konsens zu sein. Und kaum ein Beitrag erreicht die Redaktionen der einschlägigen Publikationsorgane, in dem nicht entweder ein Binnen-I, eine gender gap oder ein Sternchen zu finden ist, also von SoziologInnen, Soziolog_innen oder Soziolog*innen gesprochen wird.

Erste, nicht repräsentative Sondierungen weisen freilich auf einen gewissen Generationenkonflikt hin: Schreibende älteren Semesters greifen gern auf sogenannte „Sparschreibungen“ mit Schrägstrich oder Klammern oder aber auf die besonders in der Politik beliebte „Paarschreibung“ à la „Bürgerinnen und Bürger“ zurück, wobei im mündlichen Vortrag wichtig ist, die erste Hälfte des Paars möglichst zu vernuscheln. Im wissenschaftlichen Mittelbau hat sich dagegen inzwischen die Erkenntnis verbreitet, dass zwischen klassischen Männern und klassischen Frauen eine gewisse intersexuelle oder transidente Grauzone existiert, deren Bewohner_innen oder Bewohner*innen nach einer typografisch auffälligen Bezeichnung verlangen, die ein geheimnisvolles Weder Noch impliziert. Der Vorschlag von Lann Hornscheidt, Lehrende als ProfessX zu titulieren, brachte sogar die überregionale Presse in Wallung.1

Mittlerweile können sich selbst die Hochschulen dieser Entwicklung nicht mehr verweigern, weshalb diverse Universitäten entsprechende Leitfäden veröffentlicht haben, um die es freilich hier und da auch erbitterten Streit gibt.2 Diesen Anleitungen lässt sich nicht zuletzt entnehmen, was beim Vorbereiten von Vorträgen zum akuten Problem wird: Die wenigsten Lösungen eignen sich für die mündliche Rede, es sei denn, die Sprechenden möchten vor jedem -Innen eine demonstrative Kunstpause einlegen. Was also tun, um die „Nichtnennung und damit Unsichtbarmachung von Frauen“ zu vermeiden? Umschreibende Formulierungen, wie sie die Leitfäden vorschlagen, etwa „diejenigen, die das heutige Referat halten“, oder „Bürokräfte“, sind nur in wenigen Fällen so richtig praktikabel.3

Wer einen öffentlichen Vortrag hält, ist allerdings in aller Regel auch heutzutage noch ein Mann, dagegen haben all die Initiativen, die wahlweise männerdominierte Podien anprangern oder aber Expertinnendatenbanken anlegen, bisher wenig ausrichten können.4 Immerhin hat er aber das Genderbewusstsein inzwischen doch insofern verinnerlicht, als er sich dafür entschieden hat, konsequent die weibliche Form zu verwenden. Interessanterweise gilt das nun für alle Altersklassen: Ganz gleich, ob der Redner die Sechzig längst überschritten oder die Dreißig noch vor sich hat, ob es sich um einen kürzlich mit dem Leibniz-Preis ausgezeichneten Rechtswissenschaftler oder einen Soziologen handelt, seine routiniert angeführten Beispiele werden durchweg von Wissenschaftlerinnen, Käuferinnen oder Politikerinnen handeln. Wenn sich wirklich einmal jemand eine sprachliche Vernachlässigung der Gendergerechtigkeit zuschulden kommen lässt, handelt es sich meist um eine Frau.

Steht also alles zum Besten in der genderbewussten Welt der Sozialwissenschaften? Dass zwischen Diskurs und Realität eine gewisse Diskrepanz besteht, wird niemanden überraschen. Böse Zungen mögen gar einwenden, es sei ja auch viel bequemer, von Frauen zu sprechen, als ihnen auf Podien und Lehrstühlen tatsächlich selbst das Wort zu überlassen. Noch 2014 waren schließlich allen Förderprogrammen zum Trotz nur 25,3 Prozent der Professor_innen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Frauen.5 Zwar nahmen im selben Jahr sogar etwas mehr Frauen als Männer ein Studium der entsprechenden Fächer auf, doch schon in der Promotionsphase sind die Männer leicht in der Überzahl.6 Die Kluft wird sich im Verlauf der Karriere bekanntlich vertiefen.

Auch die Publikationsorgane, die mittlerweile so gewissenhaft mit Binnen-Is und gender gaps arbeiten, haben einen gewissen Nachholbedarf in Sachen Autor_innenauswahl: Stichproben ergaben, dass in Heft 1 (2014) der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 28 Prozent der Beiträge von Frauen stammen, immerhin eine gewisse Steigerung im Vergleich zu den 0 Prozent in Heft 1 (1971). Die Soziale Welt bestreitet Heft 1 (2014) mit 22 Prozent Autorinnen (schon 1949 waren diese aber mit 11 Prozent vertreten). Bei den feuilletonnäheren Wissenschaftszeitschriften sieht es überraschenderweise noch düsterer aus: Der Merkur hat sich von 0 Prozent im Jahr 1947 gerade mal auf 6 Prozent in Heft 1 (2014) vorgearbeitet. Und das Kursbuch, 1965 mit 8 Prozent Frauen angetreten, schwankt im 21. Jahrhundert zwischen 19 (2014, Heft 1) und 0 Prozent Autorinnenanteil (2015, Heft 3). Ob das an den in aller Regel männlich dominierten Herausgebergremien liegt?

Bis die im Hinblick auf die Bevölkerungsstruktur realistischen 51 Prozent erreicht sind, scheint es in der wissenschaftlichen Publizistik wie in der Lehre wohl noch ein weiter Weg zu sein. Die Ursachen hierfür sind so subtil wie vielfältig, und in den wenigsten Fällen wird, wie etwa in Sachen der 2015 erfolgten Neubesetzung des Wiener Lehrstuhls für politische Theorie7, ausdrücklich über mögliche Genderaspekte gefallener Entscheidungen gestritten. Da hilft es freilich nur wenig, wenn die uneingeweihte Zuhörerin bei Vorträgen bisweilen den Eindruck gewinnt, die akademische Welt bestehe nur noch aus Soziologinnen und Historikerinnen.