Algorithmisierung und Autonomie im Diskurs – Perspektiven und Reflexionen auf die Logiken automatisierter Maschinen

Call for Papers für einen Online-Sammelband in der Reihe "Medien im Diskurs". Deadline: 7. Oktober 2019

Algorithmen bieten die Möglichkeit, unüberschaubare Datenmengen so zu ordnen, dass sie der menschlichen Interpretationsfähigkeit zugänglich werden. Sie wirken auf Basis digitaler Geräte verstärkt auf unseren Alltag ein und verändern die Grundlagen weltlicher Handlungs- und geistiger Urteilsfähigkeit. Wenn jenen Veränderungen eine Umstrukturierung bislang etablierter Sozial- und Kulturformen immanent ist (vgl. Stalder 2016), so avancieren Algorithmen zu einem konstitutiven Bestandteil dessen, wie sich zukünftiges Leben sowohl in individueller als auch kollektiver Hinsicht entfaltet.

Eine der Eigentümlichkeiten dieser sich derzeit vollziehenden Umstrukturierungen liegt darin, dass Algorithmen zunehmend automatisch, d. h. ohne menschliche Eingriffe und in eigenständiger Kombination untereinander operieren können. Dies birgt insofern ein „Risiko unvorhersehbarer Konsequenzen“ (Simanowski 2014, S. 78), als sich eine künstliche, auf Maschinenlernen beruhende Intelligenz an menschlicher Kommunikation beteiligt, deren kommunikatives Handeln im Ursprung immer weniger einzusehen, jedoch immer stärker der menschlichen Kommunikation angepasst scheint (vgl. Baecker 2018). Algorithmische Strukturen agieren damit als eine Art ›black box‹ innerhalb lebensweltlicher Praktiken und Ordnungen. Folglich entstehen neu geartete Abstraktionsebenen, die sowohl Fragen nach dem Menschen als auch Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen einer autonomen Lebensführung herausfordern. Denn mit dem Ziel, das Leben selbst-bestimmt nach den eigenen (autós) Gesetzen (nómos) führen und verantworten zu wollen, entstehen Unklarheiten darüber, ob von Algorithmen erstellte Ordnungen noch kontrollierbar sind oder längst eine eigene Form der Kontrolle kreiert haben.

Infolge dieser Unklarheit versammelt unser Sammelband Perspektiven und Reflexionen, die der „Logik der Maschinen“ und der „Macht der Algorithmen“ (Mason 2019, S. 242) gelten. Mit diesem Call for Papers sind interessierte Wissenschaftler*innen aller Fachrichtungen zu einer Auseinandersetzung mit Themen aufgerufen, die Veränderungen tradierter individueller und kollektiver Ordnungen im Kontext algorithmischer Strukturen aufarbeiten und deren Bedeutung sowie Folgen für die Autonomie des Menschen diskutieren. Wir folgen damit der Idee, dass eine vollständige Einschätzung der Wirkungsweisen und -muster technischer Errungenschaften nur dann erfolgen kann, wenn sie die Frage nach menschlicher Freiheit miteinzubeziehen weiß.

Themenschwerpunkt der Beiträge können daher unter anderem sein:

  • Perspektiven, die die Rolle der Mensch-Technik-Beziehung fokussieren: Wird die menschliche Biologie zu einer posthumanen umgestaltet? Wird die maschinelle die biologische Intelligenz übertreffen? Wird der Mensch in seinem Denken, Lernen und kreativen Handeln von maschinellen Berechnungen abgelöst?
  • Analysen, die emanzipatorische Potenziale der datenbezogenen Berechnung der Welt betonen;
  • theoretische Reflexionen, die die Dialektik zwischen Autonomie und Heteronomie im Kontext des Algorithmischen aufarbeiten und dabei neue auftretende Strukturen skizzieren (neu geartete Fragen des Datenschutzes, Wettbewerb auf der Grundlage einer Verbesserung des Sozialen, asymmetrische Verteilung von Macht- und Teilhabestrukturen usw.);
  • Entwürfe, die den Glauben „an die Nützlichkeit von Informationen“ (Stalder 2016, S. 166) als Ideologie aufdecken;
  • innovative Ideen und Konzeptionen, die Autonomie im Hinblick auf den gegenwärtig zu verzeichnenden technischen Fortschritt als normativen Begriff bestärken oder in Frage stellen;
  • Beschreibungen ökonomischer, politischer, ethischer oder moralischer Dimensionen im Hinblick auf die algorithmische Umstrukturierung des Alltags;

Interessierte Autor*innen, die einen Beitrag zum Sammelband einreichen möchten (Länge der Beiträge: 10 bis 20 Seiten), werden gebeten, ein kurzes Abstract (max. 300 Wörter) an die E-Mail-Adresse Algorithmisierung-und-Autonomie(at)fernunihagen(dot)de zu senden, um den inhaltlichen Schwerpunkt darzulegen. Eine Veröffentlichung ist fortwährend möglich – für eine Berücksichtigung des Beitrags zur ersten Veröffentlichungsrunde sollte jedoch ein Abstract bis zum 07. Oktober 2019 vorliegen. Konkrete Hinweise zur inhaltlichen und formalen Gestaltung werden im Zuge der Rückmeldung übermittelt. Die Beiträge werden im Rahmen eines double-blind-Review-Verfahrens begutachtet.

Hintergrund:

Der Online-Sammelband „Algorithmisierung und Autonomie im Diskurs“ erscheint im Rahmen der Reihe „Medien im Diskurs“, die durch das Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik (Leitung: Prof. Dr. Claudia de Witt) der FernUniversität in Hagen geführt wird.

Sämtliche Texte werden ausschließlich online unter der Domain www.medien-im-diskurs.de veröffentlicht. Somit entfällt ein langer Publikationsprozess und die Artikel können zeitnah den Diskurs bereichern. Da es aufgrund der Online‐Publikation keinen verbindlichen Drucktermin für alle Autor*innen gibt, besteht auch für die Einreichung von Beiträgen keine Deadline. Die erste Veröffentlichungsrunde ist jedoch für Februar 2020 geplant. Alle veröffentlichten Beiträge stehen unter einer Creative Commons 4.0 Lizenz. Neue Beiträge werden fortlaufend veröffentlicht und der Sammelband wird auf diese Weise stetig erweitert.

Alle Beiträge werden mit einem Eintrag bei der Dt. Nationalbibliothek versehen. Darüber hinaus werden die Texte der Datenbank FIS Bildung (Literaturdatenbank im Fachportal Pädagogik) gemeldet und ggf. in andere Fachportale eingetragen.

Herausgeber*innen: Christian Leineweber und Claudia de Witt

Website: http://www.medien-im-diskurs.de

Literatur:

Baecker, Dirk (2018). 4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig: Merve.

Mason, Paul (2019). Klare, lichte Zukunft – Eine radikale Verteidigung des Humanismus. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin: Suhrkamp.

Simanowski, Robert (2014). Data Love. Berlin: Matthes & Seitz.

Stalder, Felix (2016). Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.

Zum Call for Papers (PDF)