Arbeit an der Form

Call for Papers für eine Ausgabe von Soziale Systeme. Deadline: 31. Januar 2021

Die mathematische Formulierung wissenschaftlicher Ideen hat eine Reihe von Vorteilen. Sie stellt jeden verwendeten Begriff in den überprüfbaren Zusammenhang weiterer Begriffe. Sie ist nicht an die Sequenz der Worte in einem Text gebunden, sondern kann die Struktur eines Sachverhalts nahezu simultan darstellen. Sie liefert Regeln der Umwandlung von Formen in andere Formen. Im Fall messbarer Variablen ermöglicht sie die quantifizierbare Darstellung von Sachverhalten. Und sie ist international ohne die Schwierigkeiten sprachlicher Übersetzung verständlich.

Die soziologische Systemtheorie hat sich jedoch nur selten auf die Formulierung ihrer Annahme und Begriffe im Medium der Mathematik eingelassen. Oft unausgesprochen herrscht der Eindruck, dass die natürliche Sprache strukturmächtiger, weil rekursiver und reflexiver ist als jede bislang verfügbare Mathematik. Prominente Versuche, systemische Zusammenhänge als interdependente Sequenz sich residual störender Gleichgewichtszustände (Pareto, 1916: 1442ff.) oder als Relationen zwischen Handlungen, die funktionalen Anforderungen genügen (Parsons, 1937: 77ff.), zu formulieren, konnten sich ebenso wenig durchsetzen wie Anregungen aus der allgemeinen Systemtheorie, die Dynamik von Systemen in Differentialgleichungen darzustellen (von Bertalanffy, 1968: 55f.), die Relationen zwischen Systemelementen mengentheoretisch zu formulieren (Mesarović/Takahara, 1975; Bunge, 1983; Ropohl, 2012), funktionale Abhängigkeiten der Formbildung kategorientheoretisch (etwa mithilfe von sheafs, die lokale und globale Zustände zu verschränken erlauben) abzubilden (Goguen, 1991, 1999) oder systemtheoretische Fragestellungen sozionisch zu modellieren (Kron,2002) und ihre Duale fuzzy-logisch für die Empirie der Hybriden zu öffnen (Kron, 2015).

An diesem Stand der Dinge kann auch die Rezeption der Laws of Form von George Spencer-Brown (1969) nicht sehr viel ändern. Immerhin jedoch hat Niklas Luhmann daraus die Anregung einer Formanalyse gewonnen, die mit drei Annahmen startet (Luhmann, 2002: 76ff.): 1. Das System ist eine Differenz von System und Umwelt; 2. jedes System wird von nur einem Operationstyp realisiert; und 3. das System realisiert seine Selbstreferenz und Selbstorganisation durch einen Wiedereintritt seiner Form in die Form. Möglicherweise, so Luhmann, erreicht die Systemtheorie mit diesen Annahmen einen höheren Allgemeinheitsgrad, der die System/Umwelt-Unterscheidung zu einem Fall unter anderen Fällen einer „Theorie nur einseitig verwendbarer Zweiseitenformen“ macht (ebd.). Die Kritik reagiert skeptisch und macht darauf aufmerksam, dass Luhmann sich nicht auf Spencer-Browns gesamten Kalkül, sondern nur auf die ersten beiden und die beiden letzten Kapitel bezieht (Hennig, 2000). In der internationalen Rezeption hält man den Rückgriff der soziologischen Systemtheorie auf Spencer-Browns Formkalkül für eine Sackgasse (Fararo, 2001a: 306f., 2001b; White, 2008: 353).

Spencer-Browns Formkalkül ist jedoch aus einer Reihe von Gründen attraktiv für eine systemtheoretische Rezeption und eine Erprobung seiner Grundideen in der empirischen Forschung.

Erstens arbeitet Spencer-Browns Formkalkül ausdrücklich mit Argumenten der Selbstreferenz. Die basale Operation der Unterscheidung-und-Bezeichnung ist zugleich Operation und Operand. Dennoch läuft der Kalkül nicht selbstreferentiell leer, sondern ist in uneinholbaren Motiven, bestimmte Unterscheidungen zu treffen, anfänglich und in imaginären Werten, die die Paradoxien der Selbstreferenz aufzulösen erlauben, nachträglich begründet.

Zweitens arbeitet Spencer-Browns Formkalkül ausdrücklich mit einem Wert der Leere, der durch ein doppeltes Kreuzen einer Unterscheidung erreicht wird und jede Form als grundsätzlich ergänzungsbedürftig markiert.

Drittens wird mit Spencer-Browns Formkalkül der Beobachter explizit in jeder Formulierung einer Aussage mitgedacht. Daraus resultieren erhebliche methodologische Herausforderungen, weil man mithilfe dieses Kalküls nicht nur Beobachtungen im Gegenstand rekonstruieren kann, sondern sich zugleich darüber Rechenschaft geben muss, dass jede Rekonstruktion durch einen Beobachter geschieht, der nur sieht, was er mithilfe seiner Unterscheidungen sehen kann, und nicht sieht, dass er nicht sieht, was er nicht sieht.

Viertens kann mithilfe des Formbegriffs die Unterscheidung von System und Umwelt explizit modelliert werden. Sie wird zur Differenz, die das System konstituiert, und damit zum „thin interface“ (Simon, 1981: 131) zwischen internen und externen Umwelten, auf die das System als System reagiert.

Fünftens kann durch das Konzept der Zweiseitenform als crossder bereits von Claude E. Shannon (1948) präsentierteVorschlag aufgegriffen werden, jede Kommunikation als Kommunikation einer Information zu begreifen, die sich probabilistisch beziehungsweise possibilistisch aus der Relation einer Nachricht zu einem Auswahlbereich möglicher Nachrichten (technisch: Alphabet; sozial: Kontext) ergibt. Kommunikation wird zur Kommunikation des Gesamtzustands eines Systems, was auch immer sich daraus für das Verständnis von Erleben und Handeln ergibt.

Und sechstensist der Formkalkül mindestens so sehr ein Instrument der Analyse einzelner Formen wie ein Instrument der Analyse von Formübergängen (lateinisch: Transformation; griechisch: Morphogenese). Möglicherweise muss jede Form, einmal in sich selber wieder eingeführt, als Formübergang gedacht werden. Damit wird der Formkalkül zu einem geeigneten Instrument, um soziale Situationen zu beobachten, die als Eigenwerte rekursiver Funktionen verstanden werden können (von Foerster, 1993), sich jedoch nur in den Iterationen der Rekursionen dieser Eigenwerte und somit nicht-identisch erhalten. Das macht jede soziale Form zur Form einer Reduktion von Komplexität, die ebenfalls in die Form wiedereintreten und dort reflektiert werden kann.

Viele Fragen einer systemtheoretischen und soziologischen Arbeit mit dem Formkalkül sind ungeklärt. Dazu gehören nicht zuletzt die Fragen, wie sich Formen in einem elektronisch gestützten Schreibprogramm wie etwa LaTeX schreiben lassen, und auch, wie sie sich in mündlicher Rede sprechen lassen. Außerdem ist methodologisch noch weitgehend unklar, welche Art von Variablen sich in einem Formausdruck aufschreiben lassen: Woher nimmt man die Bezeichnungen, mit denen eine Form rechnet? Und nicht zuletzt gehört zu den noch zu klärenden Aspekten die Frage, ob die Formenanalyse nicht grundsätzlich auf Vorgehensweisen einer Science of Design beziehungsweise einer „transformativen“ Forschung angewiesen ist, die ihre Aufstellung im Gegenstand und mit dem Gegenstand sucht (Simon, 1981: 128ff.; Defila/Di Giulio, 2018).

Dieser Call for Papers lädt dazu ein, Texte einzureichen, die den aktuellen Stand einer systemtheoretisch oder anderweitig angeregten Arbeit mit dem Formkalkül theoretisch und empirisch dokumentieren.

Dieser Call for Papers regt Beiträge zu folgenden Themen an:

•Empirische Fallstudien zu Formen sozialer Systeme;

•Mathematik in der soziologischen Systemtheorie in der Auseinandersetzung mit Spencer-Browns Laws of Form;

•Modelle in der soziologischen Systemtheorie in der Auseinandersetzung mit Spencer-Browns Laws of Form;

•Probleme der Selbstreferenz in Mathematik, Logik und Methodologie mit Referenz auf soziologische Theoriebildung und empirische Forschung.

Wir planen eine Veröffentlichung der angenommenen Aufsätze voraussichtlich im 27. Jahrgang (2022) der Zeitschrift Soziale Systeme.

Wir bitten um Vorschläge in der Form von Abstracts an die beiden Herausgeber Prof. Dr. Dirk Baecker (Universität Witten/Herdecke, dirk.baecker(at)uni-wh(dot)de) und Dr. Florian Grote (CODE University of Applied Sciences, Berlin, florian.grote(at)code(dot)berlin) bis zum 31. Januar 2021 und um Einreichung der Beiträge bis zum 31. Oktober 2021.

Willkommen sind Beiträge in englischer, deutscher und französischer Sprache.

Angaben zum gewünschten Format der Artikel finden sich hier: https://www.degruyter.com/view/journals/sosys/sosys-overview.xml

Hier geht es zum Call for Papers (PDF)