Arbeits- und Beschäftigungsqualität in digitalisierten Arbeitswelten – Veränderungspotenziale und methodische Herausforderungen

Call for Papers für ein Sonderheft der Sozialen Welt. Deadline: 31. Oktober 2020

Seit Jahren wird die Digitalisierung für fast alle Veränderungen unserer Arbeitswelt (mit-)verantwortlich gemacht. Die aktuelle wissenschaftliche Debatte rangiert zwischen der Identifikation von Chancen für eine menschengerechtere Gestaltung von Arbeit und einer technikinduzierten Entwertung bis hin zu partiellen Kompensation menschlicher Arbeit. Gleichwohl ist man sich weitgehend darin einig, dass Arbeit auch zukünftig ein zentraler Bestandteil unseres Lebens bleibt. Inwiefern sich Arbeits- und Lebenskontexte jedoch verändern und darüber, in welchem Tempo dies geschieht, herrscht keine Einigkeit. Deutlich wird jedoch, dass während digitale Technologien unsere tägliche Arbeit bereits seit einigen Jahrzehnten prägen, es bislang noch an einer systematischen Erfassung ihrer Auswirkungen auf die Beschäftigten fehlt. Dies ist zunächst nicht verwunderlich, da Digitalisierung als diffuser Begriff für technikinitiierte Veränderungen fungiert, die schwer greifbar, nahezu nicht verallgemeinerbar und von anderen Veränderungsprozessen noch schwieriger abgrenzbar sind.

Gleichwohl lässt sich die aktuelle empiriebasierte, wissenschaftliche Debatte ein stückweit strukturieren: So befasst sich die eine Teildebatte mit dem Einfluss neuer, digitaler Technologien auf die Arbeitsgestaltung in betrieblichen Strukturen. Erste quantitative Daten deuten auf Chancen und Risiken für die Arbeits- und Beschäftigungsqualität hin - so scheinen digitalisierte Arbeitsplätze beispielsweise mit größeren Handlungsspielräumen aber auch mit höheren Arbeitsbelastungen einherzugehen; darüber hinaus scheinen Beschäftigte durch die Digitalisierung mit neuen Unsicherheiten konfrontiert.

Eine weitere Teildebatte fokussiert neue (und alte) Arbeitsformen, die auf digitalen Plattformen angeboten und nachgefragt werden und deren z.T. prekäre Beschäftigungsverhältnisse sowie Arbeitsbedingungen öffentlichkeitswirksam diskutiert werden.

Gemeinsam erscheint die grundlegende Annahme, dass es sich bei der Digitalisierung um einen segmentierenden Prozess handelt, der unsere bestehenden Beschäftigungssysteme herausfordert und möglicherweise grundlegend wandeln wird. Da neue (Teilarbeits-)Märkte bestehende Strukturen stets verändern, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und sozialen Sicherungssysteme jedoch auf traditionelle Arbeitsformen ausgelegt sind, sind beide Teildebatten nicht getrennt voneinander zu betrachten.

Das Sonderheft widmet sich zunächst allgemein den möglichen Veränderungen von Arbeits- und Beschäftigungsqualität durch Digitalisierung und adressiert folgende, nicht als abschließend zu verstehenden, Fragestellungen:

•Welche Veränderungspotenziale birgt die Digitalisierung der Arbeitswelt auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene und welche Folgen ergeben sich für die Arbeits- und Beschäftigungsqualität von Beschäftigten?

•Inwiefern und mit welchen Chancen und Risiken verändert der Einsatz digitaler Technologien die Arbeitsaufgabe sowie die Organisation von Arbeit?

•Welche Folgen lassen sich für die Arbeitsqualität (z.B. Arbeitsbelastungen, Gesundheit, Wohlbefinden, Qualifizierung, Weiterentwicklungspotenziale) erkennen?

•Welche Folgen lassen sich für die Beschäftigungsqualität (z.B. Beschäftigungsstabilität, atypische Beschäftigung, Einkommen, soziale Sicherung) ableiten?

•Inwiefern verändert sich das Zusammenwirken von Arbeits-und Lebenswelten? Welche Chancen und Risiken für Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben zeichnen sich ab?

•Gibt es Hinweise auf Gewinner und Verlierer der Digitalisierung? Welche Rolle spielt der Bildungshintergrund? Welche das Geschlecht?

Eine empirisch fundierte sozialwissenschaftliche Forschung erscheint unabdingbar, um achtsam in die Zukunft zu schauen und aktuelle Hypes in die längeren Linien des Digitalisierungsprozesses einzuordnen. Dabei ist es sinnvoll, neben den thematischen Fragestellungen auch die damit verbundenen methodischen Herausforderungen nicht außer Acht zu lassen. Zwar widmen sich einerseits immer mehr größere Betriebs- und Beschäftigtenbefragungen dem Thema Digitalisierung und räumen ihm wertvolle Befragungszeit ein. Dennoch stehen sie vor gemeinsamen, schwer lösbaren methodischen Herausforderungen: Die Neuartigkeit der technologischen Entwicklungen, die Unschärfe des Begriffes Digitalisierung und die Notwendigkeit der Entwicklung geeigneter Messkonstrukte. Andererseits verdeutlicht die Vielzahl qualitativer, empirischer Fallstudien einmal mehr die Komplexität der Durchdringung der Arbeit mit digitalen Medien und zeigt auf, wie vielfältig Digitalisierung sein kann mit zum Teil sehr heterogenen Auswirkungen auf Arbeits- und Beschäftigungsqualität.

Die Autoren des Sonderheftes sollen dazu aufgefordert werden, auf Basis ihrer empirischen Arbeiten, explizit auch auf methodische Anforderungen und auf Grenzen der empirischen (qualitativ wie quantitativ) Erfassbarkeit von Digitalisierung einzugehen.

Wir laden alle ForscherInnen ein, empirische Beiträge (qualitativ und quantitativ) bis zum 31. Oktober 2020 einzureichen. Es werden Manuskripte in Deutsch oder Englisch mit einem Umfang von max. 80.000 Zeichen berücksichtigt. Alle Einreichungen werden einem double-blind Begutachtungsprozess unterzogen. Für weitere Informationen zur Manuskriptgestaltung sehen Sie https://www.soziale-welt.nomos.de/fileadmin/soziale-welt/doc/Regeln_fuer_die_Manuskriptgestaltung.pdf. Bitte senden Sie Ihr Manuskript an Soziale-Welt(at)baua.bund(dot)de.

Die Soziale Weltgehört zu den führenden soziologischen Fachzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Sie zeichnet sich durch einen klaren empirischen Fokus aus und ist im Social Science Citation Index gelistet. Die Soziale Welt publiziert Beiträge, die darauf abzielen, auf Grundlage qualitativen und quantitativen Datenmaterials gesellschaftliche Verhältnisse, Zusammenhänge und Veränderungen zu beschreiben, zu erklären und zu verstehen.

Für Fragen zum Sonderheft wenden Sie sich bitte an Dr. Anita Tisch (BAuA) und Dr. Mareike Reimann (Universität Bielefeld)

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