Dystopie und Staat

Call for Papers der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) für einen Sammelband der Reihe Staatsverständnisse. Deadline: 25. Dezember 2019

Dystopien stellen uns auf erzählerische Weise staatliche, quasi-staatliche und nichtstaatliche Herrschaftsstrukturen in ihrer Schrecklichkeit vor. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit und werden in verschiedenen Medien produziert und konsumiert, etwa in Literatur, Film und Computerspiel. Entsprechend werden sie auf akademischem Niveau vor allem in den auf diese Medien bezogenen Disziplinen rezipiert: Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Games Studies usw. Doch Dystopien stellen auch einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs dar. Daher sollten sie auch auf Interesse in der Politikwissenschaft und der Soziologie stoßen – und zu einem fruchtbaren Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen einladen. Um diesen interdisziplinären Diskurs zu dokumentieren und weiterzuführen, ist daher ein Sammelband geplant, der verschiedene Perspektiven auf die Dystopie versammelt und sich insbesondere auf den Staat konzentriert.

Es sollen dabei mehrere Fragen zum Verhältnis von Dystopie und Staat bearbeitet werden. Eine (unvollständige) Liste der Fragen bzw. Fragenkomplexe könnte lauten:

  • Wie wird in Dystopien der Staat beschrieben? Reale Staaten werden in der Fach- und Sach­literatur auf eine bestimmte Art und Weise dargestellt, sodass ein interessiertes Publikum Wissen über sie erwerben kann. Wie unterscheiden sich die Darstellungsweisen des Staates in fiktionaler und nichtfiktionaler Literatur? Können Strukturen und verallgemeinerte (und daher abstrakte) interpersonale Beziehungen erzählt werden, oder müssen sie wissenschaftlich beschrieben werden? Wie wird dabei für die jeweilige negative bzw. kritische Wertung gesorgt? In der politischen Publizistik kann durch den Einsatz von Rhetorik dieselbe Ordnung als „gut“ und als „schlecht“ dargestellt werden. Gibt es ähnliche Rhetoriken bzw. erzählerische Strategien, die eine fiktive Ordnung dystopisch erscheinen lassen, obwohl man dieselbe Ordnung, anders erzählt, auch utopisch erscheinen lassen könnte? Hier sind auch generell Überlegungen interessant, die die unterschiedlichen Möglichkeiten der Staatsdarstellung in unterschiedlichen Genres und Medien reflektieren (etwa in Zeitungen, Büchern, Flugblättern, Gedichten, Liedern und Bilder, aber dann auch in Filmen und Computerspielen).
  • Es gibt Dystopien, in denender Staat der „Bösewicht“ ist – die primäre Bedrohung der Freiheit und Würde der Protagonisten resultiert dann aus den Strukturen oder Anwendungsweisen der politischen Herrschaft. In modernen Gesellschaften bietet aber nicht nur das politische System Ordnung. Auch andere Teilsysteme stiften Ordnung und ermöglichen mithin Machtmissbrauch oder sogar systematische Ungerechtigkeiten: Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion usw. Daher erstaunt es nicht, dass es auch Dystopien gibt, in denen gerade nicht der Staat der „Bösewicht“ ist, sondern z.B. die Herrschaft der Konzerne, religiöse Fanatiker, wissenschaftlich begründete Technologie usw. Reale politische Systeme können von den Sozialwissenschaften auf ihre Beziehungen zu den anderen gesellschaftlichen Teilsystemen untersucht werden. Doch wie wird das in den Dystopien dargestellt? Wie hängen in der fiktionalen Literatur die Übel der Politik (Unterdrückung), der Wirtschaft (Ausbeutung), der Technologie (Entfremdung, Überflüssigmachung des Menschen), der Religion (Dogmatismus) und anderer Systeme zusammen? Wie kommen dabei außergesellschaftliche Systeme ins Spiel, insbesondere die Ökologie? Was bedeutet das für die Rolle des Staates in Dystopien? Kann er sogar als „Retter“ auftreten? Ist der Staat überhaupt zentrales Thema der Dystopien, oder um was geht es in ihnen?
  • Dystopien sind nicht nur künstlerische Artefakte, sondern können auch Teil des politischen Diskurses werden. Wie wird das gemacht, und von wem, mit welcher Absicht und mit welchem Erfolg? Wie bekannt sind eigentlich Dystopien? Sie sind Teil der Populärkultur, aber sie konkurrieren als Bezugsgröße mit Mythen, Religionen, Ordnungsvorstellungen, Erfahrungen, Nachrichten, Verschwörungstheorien usw. Interessant wären Untersuchungen über die Verwendung von dystopischen Symbolen („Big Brother“, wenn es um Überwachung geht, „Gilead“, wenn es um die Verschärfung des Abtreibungsverbots geht usw.) in politischen Diskussionen.
  • Dystopien könnten den Utopien darin ähneln, dass auch sie eine Verbindung zur politischen Philosophie haben. Orientieren sich Dystopien an Ideologien? Kritisieren oder affirmieren sie sie? (Kommunismuskritik als Befürwortung des freien Marktes, Diktaturkritik als Affirmation der Demokratie etc.). Sind Dystopien inhärent konservativ, weil sie vor utopischen bzw. ideologischen Narreteien mit schlimmen Folgen warnen? Sind sie progressiv, weil sie vor Erstarrung, Hierarchie, Unterdrückung etc. warnen? Kann man die Beschreibungen der zu überwindenden Naturzustände in der Vertragstheorie als Varianten der Dystopie verstehen; und hat die Dystopie auch eine ähnliche Funktion – als ein Schreckensbild, das etwas Anderes schmackhafter (rationaler, sicherer, gerechter) erscheinen lässt? Diese Fragen sind insofern für das Staatsverständnis interessant, als sie die Legitimität des Staates und insbesondere Legitimationsnarrative von der dystopischen Warte aus angehen.
  • Dystopien wird oft unterstellt, sie hätten eine „Warnfunktion“. Darin unterscheiden sie sich von den Utopien, denen eher eine „Hoffnungsfunktion“ unterstellt wird (Bloch). Es stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von Befürchtungen bzw. Hoffnungen zur politischen Realität ist. Wie wirken Warnungen, Drohungen, Versprechungen? Sind Pläne (darunter auch: Schreckenspläne) verwirklichbar? Utopien haben sich als unbrauchbare Blaupausen herausgestellt – sind Dystopien „realistischer“? Wie sieht es mit kritischen Utopien aus, in die die Dystopie sozusagen eingebaut ist? Generell wäre es interessant, die Science Fiction (einschließlich der kritischen Dystopien, Future Histories, Alternative Histories etc.) als Werkzeug des Nachdenkens über Möglichkeiten und Risiken darzustellen, sofern das Sinn macht.

Der geplante Sammelband wird in der Reihe Staatsverständnisse im Nomos Verlag (Baden-Baden) erscheinen. Dort ist bereits ein Band über Utopien („Idealstaat oder Gedankenexperiment?“) erschienen, der nun durch den Blick auf Dystopien und das in ihnen transportierte Staatsverständnis ergänzt werden soll. Die obige Liste soll vor allem der Inspiration dienen; weitere und davon abweichende Vorschläge sind sehr willkommen – solange es um Dystopie und Staat geht.

Die Beiträge zum Sammelband sollten ein hohes inhaltliches Niveau mit interdisziplinärer Verständlichkeit verbinden. Um die in der Reihe übliche hohe Qualität zu gewährleisten, durchlaufen alle Beiträge einen Peer-Review-Prozess. Wie in der Branche üblich, gibt es kein Honorar, aber ein Belegexemplar des Buches.

Deadline für Abstracts (höchstens eine Seite): 25. Dezember 2019

Entscheidung über Akzeptierung der Beiträge: 15. Januar 2020

Deadline für fertige Artikel (höchstens 40.000 Zeichen): 15. Juni 2020

Geplante Veröffentlichung: Anfang 2021

Einreichungen und Fragen an Dr. phil. Peter Seyferth: peter.seyferth(at)gimuenchen(dot)de

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