"Hart aber fair?" Ungleichheit und Wohlfahrtsstaat

Call for Papers für die Jahrestagung der Sektion Sozialpolitik der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 26. und 27. April 2018 in Köln. Deadline: 24. November 2017

Steigende Ungleichheit bestimmte in den letzten Jahren öffentliche und wissenschaftliche Diskurse. Der Sozialstaat ist eine der Institutionen, die den ungleichen Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Einkommen, aber auch zu gesundheitlichen oder sozialen Dienstleistungen ausgleichen soll. Die "Ehe zwischen globalisiertem Kapitalismus und Sozialstaat" (Leibfried 2013) entschärft Diskrepanzen in der Verteilung der Markteinkommen, vermittelt Transfereinkommen jenseits von Arbeitsmarktzugang und dekommodifiziert die Verfügbarkeit etwa gesundheitlicher und pflegerischer Versorgung. Der Wohlfahrtskapitalismus soll für soziale Sicherheit und Egalität sorgen. Die Frage ist, wie weit er dem nachkommt. Kritiker attestieren dem deutschen Sozialversicherungsstaat gravierende blinde Flecken, obwohl er – wie der internationale Vergleich attestiert – Ungleichheiten durchaus reduziert.

Daher fragt die Tagung: Was leistet Sozialpolitik in Bezug auf die ungleiche Ressourcenverteilung? Wie hat sich ihre Leistungsfähigkeit diesbezüglich verändert?

Zudem soll die Tagung die Rahmenbedingungen betrachten, auf die sozialstaatliche Ungleichheitskorrekturen angewiesen sind. Bereits die Perzeption und Bewertung von Ungleichheit ist komplex. Was "zu groß" ist, welche sozialen Defizite "ungerecht" sind, ist oft strittig. Auch wird bezweifelt, dass soziale Programme dort ansetzen, wo es dringlich ist, da bestimmte Gruppen mehr Chancen haben, gehört zu werden. Regierungen sollten – so die demokratietheoretische Annahme – auf Forderungen der Bürger reagieren um entsprechende Programme zur Begrenzung sozialer Disparitäten durchzusetzen, schon um ihre Abwahl zu vermeiden. Faktisch sind Regierungen aber nur begrenzt responsiv.

Daraus ergeben sich folgende Themenfelder, die die Vortragsangebote diskutieren sollen:

  • Wirkungsweisen und Folgen sozialpolitischer Programme: Wie gut reduziert der Sozialstaat diverse Ungleichheiten? Neben Transferleistungen und deren Folgen für Einkommensungleichheit und Armut ist ebenso der Zugang zu familienpolitischen Leistungen, Gesundheitsdiensten oder Wohnen relevant. Die verteilungspolitischen Folgen von Reformen der Arbeitsmarkt-, Alterssicherungs- oder auch der Familien- und Steuerpolitik wären zu beleuchten. Neben vertikalen sind auch horizontale Ungleichheiten nach Geschlecht oder Staatsbürgerschaftsstatus zu thematisieren.
  • Perzeptionen und Präferenzen: Wie wird Ungleichheit wahrgenommen und bewertet? Was gilt in diversen sozialen Gruppen als ungerechte, "zu große" Ungleichheit? Welche politischen Konsequenzen ziehen Bürger aus ihren Wahrnehmungen? Ergeben sich Ungerechtigkeits-Perzeptionen aus der informierten Betrachtung der Fakten oder wie sonst? Wie beeinflussen Medien die Perzeption von Ungleichheiten und sozialen Programmen?
  • Responsivität und Wohlfahrtsdemokratie: Welche Wählerforderungen bzw. "sozialen Probleme" werden von der Politik gehört und in sozialpolitische Programme transformiert? Wo bestehen spezifische Selektivitäten und wie erklären sie sich?
  • Neue Herausforderungen: Welcher Spielraum bleibt für egalisierende Sozialpolitik nach der Wende zu Aktivierung und Privatisierung und unter dem Druck der Konvergenzkriterien der EU? Die Dualisierung der Arbeitsverhältnisse und digitalisierte Arbeit stellen neue Herausforderungen dar. Bietet angesichts dessen der Sozialstaat noch Lösungen oder wäre umzusteuern auf "prädistributive" Politik?

Zur Analyse dieser Ebenen tragen neben der Soziologie auch die Politik- und Wirtschaftswissenschaften bei. Daher sind interdisziplinäre Beiträge sehr willkommen. Insgesamt sind Beiträge erwünscht, die jeweils eine der angesprochenen Ebenen empirisch, theoretisch oder in Hinblick auf Methodenprobleme beleuchten und einzelne Länder einbeziehen oder vergleichend angelegt sind. Englischsprachige Präsentationen sind möglich.

Die Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.

Vortragsangebote (abstracts max. 500 Wörter) bitte bis 24.11.2017 an die Organisatorin Ursula Dallinger (Universität Trier), dallinger(at)uni-trier(dot)de

Call als PDF.