Nichts als die Wahrheit? Verschwörungsglaube und konspirationistisches Denken

Call for Papers für eine Ausgabe des Soziologiemagazins. Deadline: 1. Dezember 2020

Ob auf Hygiene-Demos oder den Social-Media-Accounts von Prominenten – sogenannte Verschwörungstheorien haben derzeit Konjunktur. Insbesondere während der Corona - Pandemie rückten sie wieder zunehmend in den Fokus der öffentlichen wie medialen Aufmerksamkeit. Aber auch schon vor der Pandemie waren diverse Verschwörungsmythen im Umlauf: Bevor sich Thesen um eine Corona-Verschwörung und die damit angestrebte Neuordnung der Welt verbreiteten, erhielten insbesondere Mythen rechter Akteur*innen Aufwind. Sie warnten in Bezug auf Flucht- und Migrationsbewegungen vor dem “Großen Austausch”, die sogenannte “Reichsbürgerbewegung” zweifelte die politische Handlungsfähigkeit Deutschlands an und es gab Akteur*innen, die den Klimawandel für frei erfunden hielten.

Trotz der jüngsten Aufmerksamkeit ist konspirationistisches Denken kein Phänomen des 21. Jahrhunderts: Der Historiker Dieter Groh (1992: 267ff.) bezeichnet es gar als “anthropologische Konstante”, da Verschwörungstheorien zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften vorkämen. Seit dem Mittelalter zirkulieren zahlreiche antisemitische Verschwörungsmythen und im 18. und 19. Jahrhundert entstanden erste Mythen rund um Freimaurerbünde und Illuminaten sowie deren Weltherrschaftsstreben.

Bei Verschwörungsmythen muss es sich, wie vielfach angenommen, nicht allein um randständige Theorien handeln, die jenseits eingeschworener Gruppen abgelehnt werden: Die kollektive Praxis der Hexen- und Jüd*innenverfolgungen zeigt, dass Verschwörungsideologien Eingang in hegemoniale Diskurse finden und zu herrschenden Wahrheiten aufstreben können. Seine Manifestation findet konspirationistisches Denken nicht zuletzt in Formen der ‘post-truth politics’, wie etwa die Politologen Joseph Uscinski (2019) und Eiríkur Bergmann (2018) zeigen.

Versteht man Verschwörungsmythen als eine spezielle Form sozialen Wissens, stellt sich die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Funktion. Die Wissenssoziologen Andreas Anton und Kollegen gehen davon aus, dass es durch Verschwörungstheorien möglich werde, “Ereignisse oder Prozesse, die sich ansonsten nur schwer einordnen ließen, sinnhaft zu deuten” (Anton et al. 2014: 15). Interessant ist aber auch die Frage danach, wie sich die Mehrheitsgesellschaft mit heterodoxen Verschwörungstheorien auseinandersetzt: Wirkt das Label als “Verschwörungstheorie” möglicherweise sogar stigmatisierend, um einem Hegemonieverlust entgegenzuwirken? (vgl. u. a. Knobloch 2018)

Was hat es mit Verschwörungsideologien und konspirationistischem Denken auf sich? Worauf reagieren Menschen, die Verschwörungsmythen in die Welt setzen und welche sozialen Funktionen kommen diesen Mythen zu? Wie werden Verschwörungsmythen verbreitet – und wie rezipiert? Welche Akteur*innen sind beteiligt? Und inwiefern (be)dienen solche Mythen Populist*innen? Zeitdiagnosen und Auseinandersetzungen mit aktuellen Verschwörungstheorien, historischsoziologische Perspektiven, aber auch die Auseinandersetzung mit spezifischen Gruppen wie der “Reichsbürgerbewegung” oder den Corona-Leugner*innen können interessante Einsichten in aktuelle Diskurse und liefern.

Wir suchen eure Perspektiven, Analysen und Gedanken! Sendet eure Texte zum Thema bis zum 1. Dezember 2020 an einsendungen(at)soziologiemagazin(dot)de.

Referenzen abrufbar unter: soziologiemagazin.de

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