Notwendige Umbrüche in der soziologischen Begriffs- und Theoriebildung: Eurozentrismus und Ver-Weltgesellschaftlichung soziologischer Grundbegriffe

Call for Papers der Sektion Soziologische Theorie auf dem 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 24.-28.09.2018 in Göttingen

Bettina Heintz (Luzern), Bettina Mahlert (Aachen) & Christian Meyer (Konstanz)

Als die Globalisierung in den frühen 1990er Jahren die Soziologie erfasste, wurde schlagartig klar, dass sich aus der über Jahrzehnte gepflegten Beschränkung des soziologischen Blicks auf den Binnenraum westlicher Nationalstaaten verschiedenste Nachholbedarfe methodologischer und konzeptioneller Art ergaben. Während die Überwindung des „methodologischen Nationalismus“ seither an Fahrt gewonnen hat, wurde die Öffnung zur Welt in der Begriffsund Theoriebildung bislang noch nicht nachgeholt. Zur soziologischen Beschreibung der Weltgesellschaft werden weiterhin zahlreiche Begriffe verwendet, die in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft Europas im ausgehenden 19. Jahrhundert oder im Rahmen eines europäischen Selbstverständnisses als „Empire“ gebildet wurden. Im Hinblick auf das Eurozentrismusproblem ist es bisher weitestgehend bei einer Grundlagenkritik geblieben, die zudem meist von außen etwa in Form der Kritik an den Epistemologien und Ontologien westlicher Wissenschaft und ihren machtvoll aufgeladenen Praktiken erfolgte. Dass der allgemeinen Dekonstruktion des soziologischen Eurozentrismus bisher kaum systematische Versuche zur Konstruktion eines weltgesellschaftsfähigen Theorievokabulars gefolgt sind, sondern die Kritik am Eurozentrismus parallel mit der Weiterverwendung des kritisierten Vokabulars in den Alltagsroutinen einer nun weltgesellschaftlich geöffneten Forschungspraxis existiert, ist in hohem Maße unbefriedigend. Einem notorisch schlechten Gewissen auf Seiten der Soziologie sind nur wenige systematische Versuche gefolgt, zu überprüfen,  ob und in welcher genauen Hinsicht spezifische Grundbegriffe und Theoriekonzepte eurozentrisch sind und wie sie weiterentwickelt werden müssen, um auch nicht-westliche und globale Gegebenheiten erfassen zu können.

Die geplante Veranstaltung will einen ersten Schritt in diese Richtung tun und einzelne Grundbegriffe der Soziologie auf den weltgesellschaftlichen Prüfstand stellen. Dies sollen zunächst sehr grundlegende Leitbegriffe der Soziologie sein (z.B. Interaktion/Praxis, funktionale Differenzierung, Ungleichheit/Klasse, Rationalität, Organisation, Mikro/Makro, Sinn). Dabei soll die Übersetzbarkeit dieser Grundbegriffe, aber auch die universale Gültigkeit oder historische Partikularität der etablierten definitorischen Kriterien dieser Begriffe diskutiert werden. Von besonderem Interesse sind ferner konkrete Vorschläge für eine Weiterentwicklung einzelner Grundbegriffe. Längerfristiges Ziel ist die Erarbeitung eines Wörterbuchs der Grundbegriffe einer weltgesellschaftlich ausgerichteten Soziologie.

Vortragsangebote zu diesem Themenkomplex von einer Länge bis zu 5.000 Zeichen werden erbeten bis zum 31.03.2018 per Email an Bettina Mahlert (bmahlert(at)soziologie.rwthaachen(dot)de) und Christian Meyer (christian.meyer(at)uni-konstanz(dot)de).

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