Praktiken der (Im-)Mobilisierung. Lager, Sammelunterkünfte, Ankerzentren

Call for Articles für einen interdisziplinären Sammelband des Zentrums Flucht und Migration (ZFM) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Deadline: 01. September 2019

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vom 7. Februar 2018 wurde die Einrichtung sogenannter „AnkER-Zentren“ beschlossen. In Bayern, dem Saarland und Sachsen wurde das Konzept einer zentralen Unterbringung von Geflüchteten im August und September 2018 umgesetzt und steht seither im besonderen öffentlichen Interesse. Als politisches Ziel wird eine Effizienzsteigerung mit Blick auf die Dauer der Registrierungs-, Asyl-, Integrations- und Abschiebungsverfahren proklamiert. Kritik aus der Zivilgesellschaft richtet sich insbesondere auf die große Anzahl der dort Untergebrachten, die räumliche und soziale Isolierung, die teilweise sehr lange Aufenthaltsdauer sowie auf arbeits- und sozialrechtliche Restriktionen.

Seit den späten 1970er Jahren gehört die Unterbringung Geflüchteter in Sammellagern zum Repertoire asylpolitischer Maßnahmen in der Bundesrepublik. Abgesehen von einigen empirischen Untersuchungen mit Blick auf die Sammellager der 1980er und 1990er Jahre ist für die Analyse dieser Unterbringungsform im deutschsprachigen Raum ein weitgehendes Forschungsdesiderat zu konstatieren.

Konzeptionell kann die Unterbringung von Geflüchteten in Sammellagern als Immobilisierung begriffen werden – als ein administrativ-politischer Vorgang des Lokalisierbar-machens von Klandestinen oder des Eingrenzens derer, die Grenzen überschritten haben. Dem stehen Mobilisierungspraktiken gegenüber, wie sie Flucht und Migration selbst oder die aus Sammellagern heraus stattfindenden Abschiebungen darstellen. Aber auch eine Mobilmachung für oder gegen eine Sache durch unterschiedliche Akteur*innen kommt in Mobilisierungspraktiken zum Ausdruck. Damit kann das Entstehen einer Gegenöffentlichkeit innerhalb oder im Umfeld einer entsprechenden Einrichtung gemeint sein, aber auch die strategische Kommunikation von politischen Gruppierungen.

In dieser Konzeptualisierung von Sammellagern rücken die Prozesshaftigkeit, die Konstruiertheit und die Ambivalenzen rechtlicher, administrativer, politischer, sozialer, kultureller, historischer, ökonomischer und medialer Praktiken in den Blick, und es eröffnen sich Fragen nach ihren Ursachen, Konsequenzen und Interdependenzen.

Am Zentrum Flucht und Migration Eichstätt-Ingolstadt waren die Debatten zu Ankerzentren Anlass, Forschungsaktivitäten zur Unterbringung von Geflüchteten in Bayern, Deutschland und international anzustoßen. Die Ergebnisse werden in einem Sammelband veröffentlicht, für den wir weitere Wissenschaftler*innen, die in diesem Kontext forschen, gewinnen wollen.

Wir freuen uns über Beiträge aus allen Disziplinen, die sich theoretisch und methodisch fundiert mit Lagern, Sammelunterkünften oder Ankerzentren auseinandersetzen und sich dabei bspw. an folgenden Themen orientieren:

  • Theoretische Konzeptualisierungen; z. B. Disziplinierung (Foucault), Ausnahmezustand (Agamben), totale Institution (Goffman), securitization (Wæver), Entrechtung (Arendt), (Im-)Mobilisierung, u. a.
  • Institutionelle, administrative und rechtliche Voraussetzungen, Begleitmechanismen und Veränderungen; z. B. die Rolle von Behörden und Verwaltungen, Ankerzentren im Koalitionsvertrag, Ziele einschlägiger Gesetzgebungsverfahren, Unterschiede zwischen „AnkER-Zentrum“ und „Dependance“
  • Politische, öffentliche und mediale Diskurse, Narrative, Frames; z. B. Analyse von Bundes- und Landtagsdebatten, sozialen oder traditionellen Medien, Erhebung von Einstellungen und Meinungen der Leute bzw. bestimmter sozialer Gruppen
  • Symbolische Ordnungen, materialisierte Gegenständlichkeiten und (alltagskulturelle) Deutungs- und Wissenskomplexe; z. B. Lagerarchitektur, bildliche Darstellungsweisen und Wissensproduktionen durch Medien, Geflüchtete, Anwohner*innen, Unterstützer*innen, Gegner*innen und andere Akteur*innen
  • Vulnerable Gruppen; z. B. Lebensbedingungen, (administrative) Schutzmaßnahmen mit Blick auf Frauen, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, LGBTIQ, u. a.
  • Widerstand, Selbstermächtigung, Empowerment, Teilhabe; z. B. Praktiken und Perspektiven von Geflüchteten, Asylkreisen und Flüchtlingsräten sowie Ziele, Möglichkeiten und Grenzen von Aktivismus und Engagement
  • Integrations-, Inklusions- und Exklusionsmechanismen; z. B. Grenzen, Grenzregime, Selektionsprinzipien (Herkunftsland, Bleibeperspektive) und die Folgen mit Blick auf Integrationsmaßnahmen, soziale und psychosoziale Folgen, individuelle Belastungen, Retraumatisierungen und Konfliktpotential
  • Repression, Gewalt, Demütigung, Diskriminierung, Rassismus; z. B. Ablauf, Folgen und Bedeutung von Abschiebungen aus Lagern für Betroffene und andere dort Untergebrachte; Ursachen und Folgen von Polizeieinsätzen, Praktiken des Security-Personals
  • Lebensrealitäten der Geflüchteten; z. B. Alltag, Sozialleistungen, Teilhabechancen, Dauer des Aufenthalts im Lager, medizinische Versorgung, Zugang zu schulischer Bildung, sonstige Bildungsangebote
  • Lager in anderen Weltregionen; z. B. Formen und Konzepte von Lagern in anderen europäischen und außereuropäischen Regionen bspw. mit Blick auf o. g. Themen

Wir bitten um Einsendung eines Abstracts (max. 300 Wörter) und eines Kurz-CV bis zum 01.09.2019 an simon.goebel(at)ku(dot)de.

Zeitplan:

  • 01.10.2019 | Rückmeldung über Annahme/Ablehnung der Einreichung
  • 01.05.2020 | Abgabe der fertigen Manuskripte
  • Oktober 2020 | Veröffentlichung des Sammelbandes

Bei Fragen dürfen Sie sich gerne an uns wenden.

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