Praktiken des Wissens

Call for Papers für die Spring School des Doktoratsprogramms "Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften" im März 2020 in Graz. Deadline: 15. Dezember 2019

Seit einigen Jahren lässt sich auch in der Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsgeschichte und Soziologie ein practice turn beobachten. Die Produktion und Organisation von Wissen, die Entstehung von Wissensordnungen und -kulturen, das Auftauchen von Wissen, die Rezeption und Verbreitung von Wissen, die Wirkung von Wissen, die Professionalisierung von Wissen, das Ausschalten von Wissen bzw. Nicht-Wissen, die Mikro-Praktiken des Wissens wie Schreiben, Ordnen, Klassifizieren, Wissen zu lehren, zu erwerben, zu verkaufen etc. – all das kann unter einer praxistheoretischen Perspektive als „Praktiken des Wissens“ untersucht und beschrieben werden. Berühmte Beispiele, die eine Soziologie und Geschichte der Wissenschaften aus einer solchen praxistheoretischen Perspektive entwickelt haben, sind etwa Pierre Bourdieus Homo academicus oder Peter Burkes Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Nicht nur naturwissenschaftliches Wissen, auch die unterschiedlichen Facetten der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften können praxistheoretisch analysiert werden. So können zum Beispiel die Geschichte empirischer Forschungspraktiken und deren Durchsetzung, Praktiken des boundary work innerhalb oder zwischen den Disziplinen ebenso Gegenstand der Analyse sein wie wissenschaftliche Schreibpraktiken. Eine kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft wiederum kann sich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Wissen und damit zusammenhängenden Praktiken stellen und dabei ausloten, welche Rolle Kulturtechniken wie z.B. Schreiben für die Wissen(schafts-) wie Literaturproduktion spielen. In den Blick gerät dadurch nicht nur der prozessuale Charakter der Literatur als Wissenspraxis, als ein komplexes Ensemble von Dingen, Akteuren und Praktiken, sondern auch das Konzept literaturwissenschaftlichen Forschens als Experimentalsystem im Sinne Hans-Jörg Rheinbergers. Mit praxistheoretischen Zugängen erhalten Orte wie Bibliotheken, Archive und Arbeitsräume konstituierende Funktionen und lassen sich Text-Kontext-Fragen neu stellen. Die Spring School des Doktoratsprogramms „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ (DP SHSCS, doktoratsprogramm-geschichte-soziologie-sozialwissenschaften.uni-graz.at/de/) der Karl-Franzens-Universität Graz soll Diskussionen zu unterschiedlichen Aspekten der Praktiken des Wissens ermöglichen. Dabei sind wissenschaftshistorische und -soziologische Arbeiten aus den Bereichen der Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso von Interesse wie konzeptuelle Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen einer praxistheoretischen Perspektive auf Wissen.

Die vom Doktoratsprogramm „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ bereits zum neunten Mal veranstaltete Spring School heißt Vortragsvorschläge von Forscherinnen und Forschern auf Master-, Doktorats- und Post-Doc-Niveau willkommen, deren Projekte den oben angeführten Überlegungen thematisch nahe stehen. Dabei kann es beispielsweise um grundlegende methodologische Überlegungen gehen, aber auch um die Vorstellungen von Projekten und Forschungen, die im beschriebenen Themenfeld angesiedelt sind. Ausgewählte Projekte werden im Rahmen der Spring School vorgestellt und von den Faculty-Mitgliedern des DP in konstruktiver Weise diskutiert. Vorschläge aus allen Fächern der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind willkommen.

Die Spring School beginnt am 23. März 2020 mit einer Keynote von Dr. Hilmar Schäfer. Die 20-minütigen Präsentationen der Projekte erfolgen am 24. und 25. März 2020.

Vorschläge in der Länge von max. 500 Wörtern sind per Email an Frau Sabine List (sab.list(at)uni-graz(dot)at) zu richten. Zudem soll auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben werden, wie weit das Projekt bereits fortgeschritten ist. Dies dient rein der Orientierung und hat keine Auswirkungen auf die Entscheidung des Programmkomitees. Über die Auswahl ihres Beitrags werden Autor*innen Anfang Januar 2020 verständigt. Erfolgreiche Autor*innen werden gebeten, eine schriftliche Version des 20-minütigen Vortrags (in der Regel 7 Seiten) bis 7.2.2020 einzureichen.

Zum CfP (PDF)