Schule und Pathologisierung

Call for Papers für eine Tagung vom 11. bis 13. November 2021 an der Universität Kassel. Deadline: 28. Februar 2021

Schule ist ein Ort, der von Machtbeziehungen durchzogen ist, welche sich in unterschiedlichsten Registern ausbuchstabieren. Es sind nicht nur Fragen pädagogischer Autorität, Anerkennung, Erziehung, Bildung oder Leistung, die sich hier aufwerfen lassen (vgl. Reichenbach 2020, Reh & Ricken 2018). Es sind vor allem die damit implizierten Prozesse und Praktiken der Normalisierung, in denen diese Perspektive in den unterschiedlichen Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft, auch vor dem Hintergrund aktueller Überlegungen zu Individualisierung, Heterogenität oder Inklusion zum Problem wird. Glaubt man Foucault (1977), so schreibt sich mit dem 19. Jahrhundert der Gedanke der ‚Verbesserung‘ als Element eines allumfassenden Disziplinardispositivs in ein heterogenes Ensemble von Diskursen ein. Es ist die hiermit einhergehende neuzeitliche Subjektvorstellung, welche u. a. die Diskurse um Schule maßgeblich beeinflusst. Die Hervorbringung eines mündigen bürgerlichen Subjekts durch die Schule verknüpft sich mit der Unterwerfung unter die Vorstellung einer ‚normalen‘ Schüler*in. Der „Normalmensch“, dessen Vermessung ab dem 19. Jahrhundert forciert wurde, „existiert“ zwar nur „fiktiv“ als Effekt einer wissenschaftlichen Skalierung, besitzt fortan aber „die Autorität eines Maßstabes, an dem alle empirischen Individuen sich messen können“ (Heßdörfer 2019: 115). Er wird damit auch im Kontext der Schule – vor allem im Zuge ihrer fortwährenden Verschränkung mit Dispositiven der Medizin und einer sich allmählich als akademische Disziplin konstituierenden und dann rasch expandierenden Psychologie – zum Richtmaß pädagogischer Interventionen. Die Kehrseite solcher pädagogischer Normalisierungsbestrebungen scheint dann aber in dem zu liegen, was Pathologisierung genannt werden könnte.

Der Fluchtpunkt des ,normalen Kindes‘ bzw. seine ,Verfehlung‘ führten im fin de siècle dazu, dass medizinisch-psychiatrische und psychologische Diskurse vielfach Schulkritik speisten und nachhaltige Schulreformimpulse initiierten. Ebenso wurden unerwünschte Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern auf medizinisch definierte und klassifizierte Pathologien verschiedenster Couleur zurückgeführt, die wahlweise als aus einer ‚regredienten‘ Kultur oder erblicher ,Degeneration‘ stammend entworfen wurden (vgl. etwa Oelkers 1998; Stechow 2004; Bühler 2018). Ein nun neu an die Pädagogik gerichteter „strategischer Imperativ“ (Foucault 1978: 120) – diagnostische Arbeit leisten zu müssen und so (möglicherweise) das ,kranke‘ Kind zu ‚heilen‘ – durchzieht dabei bis heute die Diskurse über Schule als problematisches Spannungsfeld zwischen Normalisierung und Pathologisierung. Uns interessieren insbesondere die Problembereiche, die sich gerade im Schatten dieses Spannungsfeldes von Normalisierung und Pathologisierung eröffnen.

  • Eine mögliche Perspektive auf das Spannungsfeld könnte bspw. im Blick auf die Prozesse und Praktiken liegen, in denen eben solche Normalisierungen/Pathologisierungen als Produktion von Subjektpositionen artikuliert werden. So verweist der Begriff der Pathologisierung auf einen Prozess der performativen Krank-Sprechung, der – wie Foucault in seinen Arbeiten zur Geburt der Klinik und zur Psychiatrie zeigen konnte (vgl. etwa Foucault 1969; 1988; 2005; 2007) – in ein System der Veridiktion eingebunden ist und daher, um sich ihm anzunähern, der Analyse soziohistorisch kontingenter Wissensverhältnisse bedarf, die ihn als solchen überhaupt erst legitimieren. Bisher jedoch haben sich mit Blick auf die Schule und die Subjekte, die sie hervorzubringt, nur wenige Studien den Diskursen und Praktiken der Pathologisierung (und Normalisierung) angenommen. Zwar liegen einige Arbeiten vor, die etwa diskursanalytisch das Verhältnis von Normalitätskonstruktionen und Pathologisierung im schulischen Unterricht in den Blick nehmen (vgl. Reh 2008; Rabenstein & Reh 2009; Stechow 2015), jedoch scheint hier das Potenzial diskursanalytischer Zugänge noch nicht ausgeschöpft – insbesondere mit Blick auf die diskursive Hervorbringung des ,Krankhaften‘ in praxi.
  • Gleiches gilt für subjektivierungsanalytische Zugänge, wie sie im Feld der Erziehungswissenschaft vermehrt Anwendung finden (vgl. Parade & Uhlendorf 2021). Erste Arbeiten zeigen hier, inwiefern sich
    diskursiv vermittelte Wissensbestände zu Pathologien, Behinderungen und Normalitäten in die biographischen Selbstkonstruktionen von Schüler*innen einschreiben bzw. wie diese sich mit Blick auf diskursive Anrufungen positionieren. (vgl. z. B. Pfahl 2011; Buchner 2018). Wünschenswert wären hier auch Anschlüsse, die verstärkt den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Pathologisierungsphänomenen mit einbeziehen könnten.
  • Interessant scheint darüber hinaus ein Blick auf Begriffe und Konzepte, an denen sich jenes Spannungsfeld von Normalisierung/Pathologisierung zu eröffnen scheint und für die seit dem vergangenen Jahrhundert insbesondere die Psychologie als Impulsgeber dient (vgl. Reichenbach & Oser 2002). So kann bspw. konstatiert werden, dass durch die zunehmende Verbindung von Verfahren der Psychognostik und Psychotechnik im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Anknüpfung an den Begriff der Kompetenz zu beobachten ist, der sich spätestens mit der ersten PISA-Studie 2001 im Feld der Schule durchsetzt (vgl. Gelhard 2018). Die Psychologie, ihr Wissen, ihre Technologien – eingebettet in weitere
    Regime neoliberaler Gouvernementalität – fungiert fortan als wichtiger Subjektivierungsregisseur und leistet einen maßgeblichen Beitrag zum Übergang vom Fremd- zum Selbstzwang; sie überformt die
    Praktiken der Funktionäre der sozialen Ordnung – so auch der Lehrerinnen und Lehrer – und steigert ihre Produktivität (vgl. Billington 1996; Rose 1998). Wo dennoch widerständige, in/durch Schule nicht
    disziplinierbare Aspekte und Verhaltensweisen auftreten, bleibt es weiterhin Aufgabe der Pathologie zu kennzeichnen, zu allozieren, und in die ,Behandlung‘ zu überführen. Interessant wäre in diesem
    Zusammenhang, wie sich etwa der Begriff der Diagnostik systematisch in pädagogischen Diskursen artikuliert (vgl. Ingenkamp 1990), welche Problematiken der Terminus der Leistung in diesem Kontext
    aufruft oder wie bspw. Begriffe wie (Chancen)Gleichheit, Gerechtigkeit, Emanzipation in diesem Zusammenhang verwendet werden.
  • Zuletzt rücken auch schulische Funktionäre selbst als Adressat*innen von Pathologisierungen in den Forschungsfokus. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts entspringt ein Diskurs über erschöpfungsbedingte „Lehrerkrankheiten“, der sich – Unterbrechungen und Transformationen eingeschlossen – bis in die heutige Zeit fortsetzt (vgl. Parade 2021). Die häufig als ,Therapeutisierung des Sozialen‘ umschriebene Expansion medizinisch-psychologischer Deutungsangebote (vgl. etwa Castel, Castel & Lovell 1982; Anhorn & Balzereit 2016; Illouz 2018) findet ihren Niederschlag zweifelsohne auch in den Selbst- und Weltverhältnissen des Lehrpersonals und ein vielfältiges Angebot an Psycho-Waren bietet diesem – vom berufsspezifischen Burnout-Ratgeber bis zum Ayurveda-Coaching – alles feil, was dem ambitionierten Selbstmanagement zuträglich ist. Auch hier bestehen also Anknüpfungspunkte für diskurs- und subjektivierungsanalytische Studien, die bspw. Phänomene wie Burnout oder Depression im Kontext des Lehrberufs in den Blick nehmen. Diese Problemfelder markieren nur erste Sondierungen eines Feldes, das sich im Spannungsverhältnis von Normalisierung und Pathologisierung im Rahmen der Schule eröffnet.

Die Tagung wird vom 11.–13.11.2021 an der Universität Kassel stattfinden. Es ist angedacht, die Vorträge in einen Tagungsband zu überführen. Abstracts (ca. 500 Worte) sind bis zum 28.02.2021 an ralf.parade(at)uni-kassel(dot)de zu senden. Wir melden uns dann schnellstmöglich zurück.

Organisation:
Ralf Parade (Wiss. Mitarbeiter, Fachgebiet Grundschulpädagogik)
Dr. Steffen Wittig (Wiss. Mitarbeiter, Fachgebiet Allgemeine Erziehungswissenschaft)
Prof. Dr. Ralf Mayer (Fachgebiet Allgemeine Erziehungswissenschaft)

Zum Call for Papers inkl. Literaturverzeichnis (Pdf)