Sozialpartnerschaft im digitalen Kapitalismus – Hat der institutionalisierte Klassenkompromiss eine Zukunft?

Call for Papers für einen Sammelband. Deadline: 10. Dezember 2020

Janis Ewen (Universität Hamburg), Sarah Nies (ISF München), Martin Seeliger (Universität Hamburg)

Kann die Sozialpartnerschaft im digitalen Kapitalismus fortbestehen? Wenn ja, wie? Und wenn nein, was könnte an ihre Stelle treten? Mit diesen Fragen soll sich der geplante Band beschäftigen. Als institutionell arrangierter Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit fungierte die Sozialpartnerschaft im deutschen Wohlfahrtsstaat bis in die 1980er Jahre als der Stabilisator bestehender Verhältnisse. Da der Kapitalismus sich jedoch als Sequenz schöpferischer Zerstörung entwickelt, stellt er die Arrangements seiner institutionellen Einbettung immer aufs Neue in Frage.

In den letzten Jahrzehnten haben die zentralen Institutionen der Sozialpartnerschaft in zunehmendem Maße ihre Prägekraft verloren: Ein anhaltender Mitgliederverlust der deutschen Gewerkschaften, der Rückgang der Tarifbindung, ein Einflussverlust der Betriebsräte sowie die Einführung der Agenda 2010 unterstellten die gesellschaftliche Strukturierung von Erwerbsarbeit zunehmend den (vermeintlichen) Imperativen eines sich globalisierenden Weltmarktes. Gleichzeitig hat sich die Sozialpartnerschaft als erstaunlich beharrlich erwiesen: Nicht zuletzt in Krisenzeiten werden wiederholt sozialpartnerschaftliche Beziehungen reaktiviert und entsprechend gerahmte Lösungen auf den Plan gerufen. So beruht in den jüngsten Krisen – die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008f. sowie die aktuelle Corona-Krise – der Modus der Krisenbewältigung in nicht unwesentlichen Teilen auf sozialpartnerschaftlichen Anstrengungen. Oder zumindest rhetorischen Bekenntnissen zu ihnen: Denn die Kräfteverhältnisse, auf deren Basis der institutionalisierte „Kompromiss“ steht, haben sich teils drastisch verschoben.

Mit der digitalen Transformation der Arbeitswelt stehen die Voraussetzungen der Sozialpartnerschaft, ihre institutionelle Einbettung und ihre gelebte Praxis erneut zur Disposition. Die neuartige Vernetzung von Menschen und Dingen in internetbasierten Netzwerken, die Entstehung virtueller Clouds und die Implementierung digitaler Steuerungstechniken modifizieren die Produktions- und Arbeitsprozesse und mit ihnen die Arrangements zwischen Kapital und Arbeit. Die Autonomie der Unternehmen als Verhandlungspartner ist durch die neue Marktordnung und transnationale Netzwerkstrukturen eingeschränkt, die Machtverhältnisse verschieben sich weiter zugunsten globaler Player, die sich der nationalstaatlichen Verfasstheit der Sozialpartnerschaft entziehen. Unter anderem haben wir es mit einer völligen Rekonfiguration von Marktordnungen nach einer Plattformlogik (Beyer/Kirchner 2016) zu tun, die jenseits der gängigen Verhandlungsebenen den Arbeitsverhältnissen und -bedingungen ihren Stempel aufdrücken. Mit Crowdworking und digitalen Beschäftigungsformen entstehen neue Typen von Arbeitsverhältnissen (Howcroft/Bergvall-Kåreborn 2018), die zwar in ihrer quantitativen Bedeutung noch umstritten bleiben, aber dennoch Fragen der institutionellen Einbettung, der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, aber auch neuer Formulierung von Arbeitnehmer*innen-Interessen aufwerfen (Leimeister et al. 2016; Pongratz/Bormann 2017). Hier wird eine Problematik weitergetrieben, die schon mit Leiharbeit nur ungenügend beantwortet wurde: Wie werden Arbeitskräfte, die nur zeitweise in den Arbeitsprozess integriert und von betrieblicher Mitbestimmung häufig ausgeschlossen bleiben, in das duale System der Interessenvertretung integriert?

Aber auch im Rahmen betrieblicher Arbeit kann angenommen werden, dass sich die Digitalisierung erheblich – wenngleich abhängig von Branche und Qualifikationsniveau der Beschäftigten – auf die strukturellen und organisatorischen Machtressourcen (Dörre/Schmalz 2014) auswirkt, die weiterhin die Basis der institutionellen Macht der Gewerkschaften bilden. Zu betrachten sind hier etwa die mögliche Abwertung von Qualifikationen, verschärfte Konkurrenz zwischen Kern- und Randbelegschaften, zeitliche und räumliche Entgrenzung durch digitale Technologien, die datengestützte Vernetzung von Betriebseinheiten und Arbeitsprozessen und der Wettbewerb von Solo-Selbständigen mit internen Belegschaften, die die Grundlagen der Sozialpartnerschaft lang- oder mittelfristig unterlaufen können. Nicht zuletzt geht der Bedeutungszuwachs von digitalen Netzen der Informations- und Kommunikationstechnologien im heutigen Kapitalismus mit der anhaltenden Ausdehnung von neuen Dienstleistungssektoren einher. Diese gelten ohnehin als außerhalb des dualen Systems stehend bzw. wird jahrelang um die Etablierung von Tarifverträgen und betrieblicher Mitbestimmung gerungen.

Die genannten Entwicklungstendenzen scheinen sich zu einem Stadium sozioökonomischer Entwicklung zu verstärken, das sich als ‚digitaler Kapitalismus‘ (Nachtwey/Staab 2020) charakterisieren lässt. Ob sich dabei der Wandel der institutionellen Arrangements als radikale Disruption oder eher in Form eines „digitalen Inkrementalismus“ (Kirchner/Matiaske 2019: 126) vollzieht, ist seit längerem Gegensand von Diskussion. Nicht nur aufseiten von Gewerkschaften, Betriebsräten und Unternehmen, auch in der Arbeitsforschung besteht immer noch Unsicherheit, wie die gegenwärtigen Prozesse der digitalen Transformation zu bewerten und geschweige denn systematisch zu gestalten sind. Im Sammelband wollen wir vom Blickpunkt verschiedener Disziplinen (Politische Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Science and Technology Studies, Industrial Relations- und Organisationsforschung, Arbeitswissenschaft) den Stand und die Perspektiven der Sozialpartnerschaft im Kontext der gesellschaftliche (Re-)Strukturierung von Arbeit und des Übergangs zu einem anderen Produktions- und Reproduktionsmodell betrachten. Der digitale Kapitalismus dient uns als heuristische Forschungsperspektive, dessen empirische Evidenz allerdings noch zu belegen ist. Hat die Sozialpartnerschaft vor diesem Hintergrund eine Zukunft oder steuern wir einer „Verwilderung“ klassenpolitischer Auseinandersetzung entgegen, in der sich Arbeitskonflikte (wieder) zuspitzen?

Um sich der Fragestellung zu nähren bietet sich aus unserer Sicht die Betrachtung von verschiedenen Aspekten an:

  • Was kennzeichnet den institutionellen Wandel im digitalen Kapitalismus, in welchem Zusammenhang steht er mit anderen „Megatrends“ (Globalisierung, Finanzialisierung, Klimawandel etc.) und wie überträgt er sich in die Arbeitsbeziehungen?
  • Wie verändern sich mit digitalem Technikeinsatz die Muster der Arbeitsorganisation in klassischen Industriesektoren und mit ihnen die industriellen Beziehungen? Vor welche neuen Herausforderungen sind Betriebsräte und Gewerkschaften gestellt?
  • Die (bedingte) Dekommodifizierung von Arbeitskraft ist eine zentrale Grundlage des sozialpartnerschaftlichen Konsenses. Vor welchen Problemen steht die Dekommodifizierung von Arbeitskraft angesichts von digital vernetzten Produktionsketten und neuen Formen der Wertschöpfung?
  • Welchen Einfluss haben Digitalisierungsprozesse auf die primären und sekundären Machtressourcen von Lohnabhängigen und Gewerkschaften? 
  • Wie verändern Phänomene wie die Plattformökonomie das Verhältnis zwischen Wirtschaftssektoren und betrieblichen Akteuren? Inwiefern lassen sich Partizipations- und Mitbestimmungsrechte auf Beschäftigte in der Crowd oder sogar Prosumer ausweiten? Wie lässt sich Interessenpolitik in Plattformen gestalten und durchsetzen?
  • Wie schlägt sich die digitale Transformation von Arbeits- und Lebensweisen auf Alltagspraktiken, subjektive Haltungen und Wissensbestände der Lohnabhängigen nieder, wie verändern sich damit Sichtweisen auf organisierte Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sowie Kapital und Arbeit im Allgemeinen?
  • Die Digitalisierung unterliegt als „Diskursphänomen“ (Pfeiffer 2019: 239) und „fiktionale Erwartung“ (Kirchner/Matiaske 2020) dem spezifischen Konstruktionscharakter kultureller Repräsentationen. Auf welche Weise prägen die diskursgetriebenen Bilder interessenpolitische Auseinandersetzungen?
  • Was kann eine intersektionale Rahmung (vgl. Seeliger/Gruhlich 2019) leisten, um das Zusammenwirken sozialer Kategorien in den Umbrüchen in der sozialpartnerschaftlichen Konstellation besser zu verstehen?
  • Inwiefern können Bezüge zu aktuellen gesellschaftstheoretischen Diagnosen – wie zum Beispiel der einer „Beschleunigung des Sozialen“ (Rosa 2010) oder der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz 2017) – nützlich sein, um entsprechende Restrukturierungsprozesse zu interpretieren?

Organisation und Zeitplan

Zum Call for Papers und Literaturverzeichnis (Link)