Strukturelle Gewalt. Der blinde Fleck einer zukünftigen Soziologie der Gewalt?

Call for Papers für eine Tagung an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Deadline: 10. Oktober 2017

Die Ende der 1990er-Jahre aufgekommene Kontroverse zwischen den angeblichen Mainstreamern und Innovatoren der Gewaltsoziologie (Nedelmann 1997, kritisch: Imbusch 2004) hat weitreichende Folgen für ihre Weiterentwicklung nach sich gezogen. Neben wichtigen Unterschieden im Detail besteht der Konsens heute darin, dass die leibliche Dimension des Gewalterleidens und -antuns zu berücksichtigen sei, wolle man Gewaltphänomene soziologisch besser verstehen (vgl. z.B. Collins 2011, Lindemann 2014, Koloma Beck 2016, Reemtsma 2008, Staudigl 2014). Einhergehend mit diesem Konsens liegt der Fokus auf physischer Gewalt und der Unmittelbarkeit der Gewalterfahrung.

Mit dieser Schwerpunktsetzung ist allerdings eine andere wichtige Folge verbunden: Die Verabschiedung vom Begriff der strukturellen Gewalt, wie er von Galtung (1975) geprägt wurde. Die zwei entscheidenden Argumente lauten dabei, dass erstens das Konzept der strukturellen Gewalt aufgrund seines Allgemeinheitsgrades empirisch nicht operationalisierbar sei und die Abgrenzung zu Nicht-Gewalt erschwere. Zweitens sei das Konzept der strukturellen Gewalt ein normatives Konzept, das eher der Kritik der Gewalt als ihrer Analyse diene. Daher sei es besser, so der Tenor der Kritik, sich auf die konkret erfassbare Wirklichkeit von Gewaltphänomenen zu beschränken.

Die Preisgabe des Begriffs der strukturellen Gewalt wurde verschiedentlich kritisiert (Endress 2013, Schroer 2004). Ein wichtiges Argument der Kritik lässt sich in der These zusammenfassen, dass Gewalt immer in einem symbolischen Kontext stehe (vgl. auch Bourdieu 2005, Zizek 2011). Erst in ihm und durch ihn werde definiert, was denn die jeweils konkret erfassbare Wirklichkeit von Gewalt sei. Berücksichtige man dieses Argument nicht, so verfalle man erstens in den Irrglauben einer Selbstevidenz von Gewalt und zweitens verstehe man so nicht, mit welchen strukturellen Folgen und Bedingungen Gewaltphänomene verbunden sind.

Inzwischen sind erste Versuche erkennbar, theoretische Vorarbeiten zu liefern, die eine Erneuerung des Begriffs der strukturellen Gewalt möglich erscheinen lassen. Vorschläge zur Drittenbezogenheit von Gewaltphänomenen (Koloma Beck 2011, Lindemann 2014, Reemtsma 2008) oder die Rede von Verfahrensordnungen von Gewalt (Lindemann 2017) sind Beispiele hierfür. Weder ein theoretisch ausgefeiltes Konzept, noch geschweige denn ein Konsens über die Theoretisierung struktureller Gewalt liegen bisher vor.

Ziel der Tagung ist es, einen Beitrag zur Debatte um das Konzept der strukturellen Gewalt zu leisten. Eingeladen sind alle Beiträge, die konzeptuelle Vorschläge zum Begriff der strukturellen Gewalt (oder vergleichbaren Begriffen) machen oder sich kritisch zu diesem Vorhaben positionieren. Abstracts (max. 2 Seiten) für Vorträge bitte bis zum 10.10.2017 an johanna.froehlich(at)unioldenburg(dot)de schicken. Eine Rückmeldung erfolgt bis zum 30.10.2017.

Zum Call for Papers (PDF).