Behinderung – Geschlecht – Soziale Ungleichheit

Monika Windischs umfassende Einführung in und Zusammenführung von aktuellen Debatten innerhalb der Disability und Gender Studies

Mit ihrer Monografie Behinderung – Geschlecht – Soziale Ungleichheit. Intersektionelle Perspektiven bearbeitet Monika Windisch gleich mehrere forschungsprogrammatische Lücken, deren Schließung oftmals eingefordert, aber nur selten mit dem entsprechend wissenschaftlichen Tiefgang und der nötigen thematischen Breite betrieben wird.

Zum einen umfasst dies die gemeinsame Diskussion von Theorieperspektiven, die häufig eher getrennt als integrativ behandelt werden. Konkret beschäftigt sich Windisch mit den Möglichkeiten und Grenzen einer wissenschaftlichen Reflexion sozialer Ungleichheitslagen, die deren „vielfältige[r] Dimensionen gerecht wird.“ (9) Hierfür diskutiert sie Erklärungsmodelle der herkömmlichen Ungleichheitsforschung, bei denen Verteilungsfragen entlang vertikaler Differenzen (beispielsweise Schicht- oder Klassenzugehörigkeit) im Mittelpunkt stehen, gemeinsam mit Ansätzen, die sogenannte horizontale Ungleichheiten (beispielsweise Nicht-/Behinderung, Geschlecht) als Ausgangspunkt ihrer Analysen nehmen. Durch die Ergänzung um Perspektiven der Intersektionalitätsforschung rundet sie diese Gegenüberstellung ab und beschreibt deren Potenzial, die Bereiche der Ökonomie, Politik und Kultur in ihren wechselseitigen Bedingungs- und Machtverhältnissen in den Blick nehmen zu können.

Zum anderen führt Windisch zentrale Debattenstränge der Disability und Gender Studies zusammen und verweist – vor allem unter Rückgriff auf körpersoziologische Aspekte – auf ihr gemeinsames epistemologisches Fundament, ohne dabei die spezifischen Eigenheiten der jeweiligen Konstitutionsbedingungen von Nicht-/Behinderung beziehungsweise Geschlecht außer Acht zu lassen. Dabei gelingt es Windisch, das Thema ‚Behinderung‘ als fruchtbare Bezugs- und Vergleichsgröße im Rahmen ungleichheitsbezogener Forschung zu platzieren. Zugleich unterstreicht sie dessen Relevanz als disziplinenübergreifendes Querschnittsthema, wie von den Disability Studies stets eingefordert. Den Bezug zu aktuellen Fragen nach den Teilhabechancen von Frauen beziehungsweise von Frauen und Männern mit Behinderungen in der Gegenwartsgesellschaft diskutiert Windisch allgemein anhand der (sozial-)politischen Herausforderungen einer europäischen Politik, die auf einen „aktivierenden Sozialstaat“ (187) unter den Vorzeichen von flexicurity – maximal flexible Arbeitsbedingungen bei möglichst geringen Einbußen an sozialer Sicherung – setzt. Im Speziellen nimmt sie die Fortschritte und Hürden bei der umfassenden Implementierung der UN-Behindertenrechtskonvention unter die Lupe und skizziert die ‚Eigenwilligkeit‘ der Praxis im Kontrast zur politischen Programmatik.

Im Detail gliedert sich die Monografie in sechs Kapitel, die es den Leser_innen ermöglichen, sich auch ohne lineare Lektüre einen systematischen Einblick in zentrale Aspekte des Themendreiecks aus Nicht-/Behinderung, Geschlecht und sozialer Ungleichheit zu verschaffen. Ausgangspunkt des ersten Kapitels ist die Schilderung gegenwärtiger Körperpolitiken, die den „eigenverantwortlichen Umgang mit und die Arbeit am Körper“ immer mehr als eine „persönliche Leistung betrachte[n], die Wohlbefinden, Wohlstand, Gesundheit und Glück verspricht.“ (15f.) Hierbei werden auch Nicht-/Behinderung und Geschlecht unter Rückgriff auf poststrukturalistische Ansätze weniger als ‚natürliche Tatsachen‘, sondern vielmehr als das Ergebnis anhaltender Normierungs- und Normalisierungspraxis beschrieben, ohne dabei die tatsächliche Leiblichkeit körperlicher Zuschreibungs- und Zurichtungsprozesse zu vernachlässigen. Unter Bezugnahme auf die Arbeit von Robert McRuer verweist sie etwa auf das omnipräsente Phänomen der „able-bodied heterosexuality“ (59), in der sich körperlich-funktionelle Normvorstellungen mit geschlechtlich norm(alis)ierten Begehrensformen untrennbar miteinander verknüpfen.

Die Sichtung individueller, sozialer und kultureller Modelle von Behinderung sowie die Zusammenschau aus strukturorientierten, interaktionistischen und diskurstheoretischen Ansätzen der Geschlechterforschung liefert eine kompakte Einführung in Disability wie Gender Studies, die durch den Vergleich an inhaltlicher Tiefe und analytischer Schärfe gewinnt. Im zweiten Kapitel gibt Windisch einen Überblick zu den aktuellen Debatten in der sozialen Ungleichheitsforschung und spitzt diese auf die spezifischen Ungleichheitslagen von Frauen und, im Besonderen, von Frauen mit Behinderungen zu. Das dritte Kapitel ist dem Entstehungsprozess und der inhaltlichen Ausrichtung der UN-Behindertenrechtskonvention gewidmet, die im Jahr 2009 in Deutschland in Kraft trat und einen Paradigmenwechsel einläutete: Denn mit der Verabschiedung der Konvention zeichnet sich eine Schwerpunktverschiebung weg von einer medizinisch-therapeutischen Perspektive hin zu einer politisch-menschenrechtlichen Herangehensweise ab.

Im vierten Kapitel wird der Frage nachgegangen, inwiefern Behinderung – ähnlich Geschlecht oder ‚Rasse‘/Ethnie – eine „gesellschaftsstrukturierende“ (119) Rolle zugeschrieben werden kann. Unter Bezugnahme auf europäische Antidiskriminierungs- und Gleichbehandlungsrichtlinien argumentiert Windisch, dass Behinderung als „flexible Strukturkategorie“ (142) aufgefasst werden könne, da sie einerseits einen zentralen Bezugspunkt sozialpolitischer und arbeitsmarktbezogener Regelungen darstelle und andererseits aufgrund volkswirtschaftlicher Konjunkturen oder (tages-)politischer Richtungsänderungen einen potenziell prekären Status aufweise. Im fünften Kapitel erfährt die Engführung auf das Thema ‚Behinderung‘ eine Öffnung durch Integration in intersektionelle Perspektiven. Im daran anknüpfenden sechsten Kapitel schlägt Windisch erneut den Bogen zurück zur UN-Behindertenrechtskonvention und diskutiert, inwiefern die in der Konvention formulierten (Transformations-)Ansprüche mittels Maßnahmen auf europäischer Ebene adressiert werden und wie sich solche Maßnahmen in die allgemeine Strategie der Europäischen Union zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit einpassen. Sie veranschaulicht, dass die europäische Politik in erster Linie auf die Sicherstellung der „Beschäftigungsfähigkeit“ von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet ist und dadurch vor allem auf eine individuumszentrierte Eingliederung in eine – durch zunehmende Prekarisierung gezeichnete – Erwerbsarbeit abzielt, anstatt Teilhabechancen in sämtlichen Gesellschaftsbereichen proaktiv zu fördern.

Die Monografie schließt mit einem Fazit, in dem Windisch forschungsprogrammatisch eine Abkehr von einem „Entweder-oder“ einfordert und für ein „Sowohl-als auch“ (189) plädiert: Sie weist nachdrücklich auf die Notwendigkeit von Analysen der Wechselwirkungen zwischen Ökonomie, Recht, Politik, Kultur, Identität und Körper hin und unterstreicht die Bedeutung eines differenzierten Blicks auf Differenzen innerhalb historisch marginalisierter Gruppen. Hinsichtlich politischer Handlungsempfehlungen spricht sie sich für die Etablierung „zirkuläre[r] Reflexionsprozesse“ aus, die es gestatten, „sich immer wieder neu auf politische Ziele und Schwerpunkte, auf (Macht-)Strategien, Dominanz- und Herrschaftsverhältnisse [zu] beziehen“ (194).

Resümierend wäre insbesondere das erste Kapitel hervorzuheben. Es liefert eine vergleichende Einführung in aktuelle Themen der Disability und Gender Studies, in der sowohl Nicht-/Behinderung als auch Geschlecht in gleichem Maße Berücksichtigung finden. Trotz der Kürze besticht der Facettenreichtum, mit dem die jeweiligen Debatten kompakt rekapituliert werden. Dank der gemeinsamen Verhandlung zweier unterschiedlich konstituierter Ungleichheitskategorien schärft sich der Blick für die Komplexität von sozialer Ungleichheitsforschung. Die sich anschließende Beschäftigung mit nur einer der beiden Kategorien verspricht auf einem differenzierteren Fundament zu stehen. Doch findet sich diese gelungene Integration gemeinhin getrennter Forschungsstränge in den nachfolgenden Kapiteln leider nicht entsprechend fortgesetzt. Auch wenn Querverbindungen gezogen werden, stehen etwa die Abschnitte zur sozialen Ungleichheits- und Intersektionalitätsforschung eher unverbunden nebeneinander, als dass sie wirklich miteinander verzahnt betrachtet würden. Ebenso hätte sich eine gemeinsame Diskussion von Disability und Gender Mainstreaming angeboten, die in der Forschung bis jetzt weitgehend eine Leerstelle darstellt, aber auch bei Windisch werden diese Aspekte nur in separaten Abschnitten thematisiert. Darüber hinaus lässt sich im Laufe der Lektüre eine Schwerpunktsetzung auf das Thema ‚Behinderung‘ beobachten, in die zwar immer wieder geschlechterrelevante Bezüge eingestreut werden, freilich nicht unter einer konsequent durchgehaltenen vergleichenden Perspektive. Nichtsdestotrotz präsentiert Windisch eine umfassende Einführung in und Zusammenführung von aktuellen Debatten innerhalb der Disability und Gender Studies, die sowohl in kleinen thematischen Portionen (zum Beispiel Theorien sozialer Ungleichheit, UN-Behindertenkonvention) als auch im Gesamtpaket wichtige Fragen gegenwärtiger Auseinandersetzungen um gerechte Teilhabechancen bei gleichzeitiger Anerkennung von Differenz(ierung)en behandelt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.