Ersatzstrukturen

Die Corona-Krise als Gesellschaftsexperiment

Die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind vielseitig und widersprüchlich.[1] Einerseits gibt es Beispiele für große Solidarität, andererseits Hamsterkäufe; einer Aufsichtsrätin im Home-Office mag ihr neuer Alltag entschleunigt vorkommen, der Regaleinräumer im Supermarkt beobachtet hingegen einen beschleunigten Warenschwund. Es ist deshalb unklar, ob und in welchem Sinne die Gesellschaft „nach“ der Pandemie eine andere sein wird. Natürlich wird in einigen Jahren etwas Teil der Geschichte sein, was vorher allenfalls erwartet werden konnte. In einem anspruchsvolleren Sinn ist die Aussage jedoch – hoffentlich – falsch: Wäre die Gesellschaft nach der Pandemie tatsächlich eine ganz andere, würde sich niemand mehr in ihr zurechtfinden.

Die Vorstellung, dass die Pandemie „etwas mit der mit der Gesellschaft macht“, ist ohnehin irreführend. Sie unterstellt eine einfache Verknüpfung von Ursache und Wirkung, die für soziale Zusammenhänge nicht weiterführt. Wenn ein Virus schon im Körper sehr unterschiedliche und individuell schwer prognostizierbare Folgen hat, wie könnten die gesellschaftlichen Folgen der von ihm ausgelösten Krankheit(en) dann aus einem Guss sein? Das ist allein deshalb schon ausgeschlossen, weil sich soziale Folgen nicht aus biologischen Fakten ableiten lassen. Infizierte Personen krankzuschreiben, Kontaktpersonen zu isolieren, anderen, noch gar nicht Infizierten durch Kurzarbeitergeld ein zeitweises Fernbleiben vom Arbeitsplatz zu ermöglichen, stellen nicht nur im historischen Vergleich recht spezifische Möglichkeiten dar, mit einer Pandemie dieses Ausmaßes umzugehen.

 

Beschränkung und Substitution

Während die Gesellschaft im Umgang mit vielen Krankheiten auf eingespielte Routinen vertrauen kann, wird das Corona-Virus als ungewöhnliche Herausforderung und Irritation wahrgenommen. Die interessante Frage ist daher nicht, was das Virus mit der Gesellschaft macht, sondern: Was macht die Gesellschaft aus dem Virus? Eine Antwort auf diese Frage kann zunächst auf viele Routinen verweisen, die weiterhin funktionieren: Kranke werden behandelt, Viren werden erforscht, Medikamente werden bezahlt – und natürlich: Die Massenmedien berichten darüber und haben einen großen Anteil daran, dass die Gesellschaft überhaupt von der Gefahr weiß – oder sogar in Panik gerät. Was darüber hinausgeht, ist der „Shutdown“, der von Regierungen weltweit in unterschiedlicher Weise verfügt wurde und nun zu einem globalen Gesellschaftsexperiment geworden ist.

Zunächst ist festzuhalten: Der Shutdown ist keineswegs vollständig. Die Sektoren der „kritischen Infrastruktur“ in der Wirtschaft, im Gesundheitssystem, in der Wissenschaft und in den Massenmedien arbeiten weiter. Aber auch an den Aktienmärkten wird auf die Zukunft der teilweise stillgelegten Wirtschaft gewettet, Patienten können – trotz einiger Einschränkungen – auch mit anderen Krankheiten weiterhin behandelt werden, in den Natur- und Geisteswissenschaften wird an Impfstoffen, aber auch Deutungsangeboten und neuen Forschungsvorhaben gearbeitet. Dennoch bedeutet der Shutdown, wie Rudolf Stichweh es formuliert hat,[2] eine bisher nicht erlebte „Simplifikation“ des Lebens in der modernen Gesellschaft: Zahlreiche Berufs- und Freizeitaktivitäten sind plötzlich nicht mehr verfügbar, und viele Menschen sehen sich auf eine sehr überschaubare Zahl von Rollen und Kontakten reduziert.

Die Beschränkungen mögen den Einzelnen nerven oder sogar in die Verzweiflung treiben, doch die Gesellschaft spornen sie an, Fantasie zu entwickeln: Soziale Strukturen, die zeitweise nicht mehr praktikabel sind, müssen durch andere ersetzt werden, sollen die durch sie zu erreichenden Zwecke auch weiterhin bedient werden. Wenn man sich nicht mehr treffen kann, aber dennoch reden möchte, greift man zum Telefon oder weicht auf die Videokonferenz aus. Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sowie Distanzgebote machen es vielerorts nötig, face-to-face-Interaktion, die Begegnung in physischer Kopräsenz, durch geeignete Alternativen zu substituieren.

 

Funktionale Äquivalente und ihre Folgeprobleme

Der Shutdown zwingt also dazu, brauchbare Substitute für ansonsten selbstverständlich in Anspruch genommene soziale Formen und Institutionen zu finden. Diese Suche ist nichts anderes als die unsystematische Anwendung einer Methode, die Niklas Luhmann zum zentralen Analyseinstrument seiner Systemtheorie gemacht hat: des „Äquivalenzfunktionalismus“.[3] Die funktionalistische Methode analysiert, welche Funktion einer sozialen Einrichtung in einem bestimmten Kontext zukommt – aber nicht etwa, um daraus eine Erklärung oder Legitimierung abzuleiten, sondern um Vergleichsmöglichkeiten zu eröffnen. Wenn die Schule dazu da ist, den Kindern etwas beizubringen, lässt sich fragen: Welche anderen Einrichtungen könnten diese Aufgabe übernehmen? Man stößt dann schnell, wie in der aktuellen Lage, auf die Familie: Mit den Eltern steht schließlich im Prinzip Personal zu Verfügung, dass die Heranwachsenden auch sonst im einen oder anderen Bereich instruiert. Und bevor es Schulen überhaupt gab, oblag die Erziehung ohnehin komplett den Familien. Doch ist die Familie natürlich kein perfektes Substitut für die Schule: Eltern haben nicht unbedingt die Geduld und Kompetenz von Pädagogen. Und die Norm einer rein an der Leistung orientierten Bewertung des Schülers widerspricht der partikularistischen Beziehung zwischen Eltern und Kindern, sie gerät mit ihr in Konflikt. Wenn Zuneigung und Leistungsbewertung voneinander abweichen müssen, wird die Gesamtdarstellung von Elternschaft und familiärer Solidarität unglaubwürdig.

Die funktionalistische Methode ist also ein zweistufiges Verfahren: Ausgehend von einem als Vergleichsgesichtspunkt ausgewählten Bezugsproblem werden Alternativen ausfindig gemacht, die dann auf ihre Leistungsfähigkeit, vor allem aber auf ihre Folgeprobleme geprüft werden. Im Moment sieht es ganz so aus, als würde dieses Verfahren zur Blaupause einer gesellschaftsweiten Suche nach Substitutionsmöglichkeiten. Und auf die Folgeprobleme stößt man häufig eher nebenbei.

Der schnellste und in vielen Fällen unproblematische Austausch hat dort stattgefunden, wo „synthetische Interaktion“ an die Stelle physischer Kopräsenz treten kann.[4] Seminare, Meetings und Stammtischabende werden in Videokonferenzen verlagert, die je nach Technik und Übertragungsgeschwindigkeit die Versammlung an einem gemeinsamen Ort simulieren können. Trotz aller Schwierigkeiten und Einschränkungen, die selbst aus leichten Störungen und Verzögerungen resultieren, stellen viele erstaunt fest, dass die Kommunikation funktioniert. Schon steht die Frage im Raum, ob man sich zukünftig nicht mehr so häufig treffen und auf die Anwesenheit im Büro öfter verzichten wird. Allerdings ziehen die neuen Verfahren Folgeprobleme nach sich: Wie bei jeder Substitution bedeutet die Lösung eines Bezugsproblems nicht, dass die latenten Funktionen der bisherigen Problemlösung mitversorgt werden. Man schätzt die face-to-face-Interaktion zum Beispiel nicht nur wegen ihres offiziellen Zwecks, sondern auch aufgrund ihrer teilweise unvorhersehbaren Nebeneffekte. Wie viele Anbahnungssituationen persönlicher und intimer Kontakte werden nun entfallen, weil sich mit den anderen Teilnehmern eines Online-Meetings kein Einverständnis per Augenkontakt herstellen und daraus vielleicht eine Einladung zum gemeinsamen Mittagessen ableiten lässt? Wie viele Vorlesungen werden in Langeweile versanden, weil die Professorinnen und Professoren keine synchrone Rückmeldung mehr erhalten von einem Publikum, dessen Mikrofone stummgeschaltet sind, weil sonst jedes Geräusch für alle zur Zumutung würde? Überhaupt dürfte die weitgehende Ausschaltung des Zufalls der Begegnung dazu führen, dass eine Menge Ideen nie gedacht oder zumindest nicht mitgeteilt werden wird.

Aus interaktions- und rollensoziologischer Perspektive ist ein weiteres Folgeproblem unausweichlich, wenn Online-Interaktionen die räumlichen Grenzen zwischen Arbeitswelt und Familie – oder allgemeiner: zwischen Rollen und Bezugsgruppen – suspendieren. Vermehrt kommt es deshalb zu Rollenkonflikten und Rolleninterferenzen. Vor allem in der Familie ist es schwierig, Unverfügbarkeit zu signalisieren und durchzuhalten, wenn sie nicht mehr durch Abwesenheit gedeckt und dadurch scheinbar selbstverständlich ist. Mit Blick auf Erving Goffmans Unterscheidung von Vorder- und Hinterbühne[5] birgt die digitale und räumliche verteilte Kooperation mit anderen das Risiko, in beide Richtungen neue und im Zweifelsfall eher unerwünschte Einblicke in die Hinterbühne zu gestatten: Kolleginnen und Kollegen lernen in Ausschnitten die Inneneinrichtung der eigenen Wohnung kennen – und auch ihre Bewohner, wenn sie in die Videokonferenz hineingeraten. Die Familienmitglieder wiederum beobachten, was Berufstätige so am Bildschirm treiben, und fragen sich: Ist das wirklich derart wichtig, dass nicht nebenbei schon einmal die Kartoffeln fürs Abendessen geschält werden können? Für Kammerdiener gibt es bekanntlich keine Helden – und für Familien im Home-Office bald keine heroischen Breadwinner mehr, wenn der Zugang zu den Hinterbühnen die Autorität gewisser Rollen empfindlich in Mitleidenschaft zieht.[6]

 

Grenzen der Substituierbarkeit

Allerdings lassen sich nicht überall Substitute ins Spiel bringen. Zwar konnten und können Konzerte wie auch Sportveranstaltungen ohne Publikum stattfinden, momentan sind beide Bereiche jedoch auf Darbietungen von Solisten in Wohnzimmern geschrumpft. Demgegenüber lässt sich ein Auto weder allein noch online zusammenbauen, weshalb einige Organisationen, die sich nicht auf die Verwaltung des Stillstands beschränken möchten, eine andere Substitutionsmöglichkeit ergreifen: Sind die vormals gültigen Ziele der Organisation nicht mehr erreichbar, werden sie gegen andere eingetauscht. Statt Sporttrikots werden Atemmasken, statt Formel 1-Motoren eben Beatmungsgeräte produziert. Auch hinter derartigen Substitutionen steckt eine funktionale Orientierung: Organisationszwecke haben die Funktion, diejenigen Leistungen auszuzeichnen, die in der sozialen Umwelt der Organisation geschätzt und nachgefragt werden.[7] Wenn sich der Bedarf und die Bewertung drastisch ändern, müssen Organisationen sich umorientieren – sofern sie aufgrund ihres Personals und anderer Ressourcen dazu in der Lage sind.

Grenzen der Austauschbarkeit von Zielen und Strukturen werden freilich nicht nur in einzelnen Organisationen, sondern auch in der Gesellschaft als Ganzer sichtbar: Für manche Bereiche – wie zum Beispiel den Tourismus – gibt es kein Ausweichen auf Äquivalente. Zudem ist ein Austausch ganzer Teilsysteme undenkbar: Zwar kann die Politik für eine gewisse Zeit die Wirtschaft subventionieren, aber nicht langfristig ersetzen. Folglich ist man in allen gesellschaftlichen Teilbereichen mit der Suche nach alternativen Möglichkeiten beschäftigt, um im Rahmen der eigenen Zuständigkeiten weiterarbeiten zu können. Ein komplexes gesellschaftliches Folgeproblem dieser Suche nach Äquivalenten ergibt sich daraus, dass das Schema funktionaler Differenzierung keine Koordination dieser verschiedenen Substitutionsprozesse vorsieht. Ersetzt das Erziehungssystem die Lehrer durch Eltern, fehlen die Mütter und Väter an anderer Stelle, zum Beispiel in ihren Berufsrollen.

Soziologisch bemerkenswert ist weniger die Tatsache, dass entsprechende Konflikte auftreten, als vielmehr der Umstand, dass sie nicht in eindeutiger Weise aufgelöst werden können. Weder die Belange der Wirtschaft noch die der Erziehung genießen einen Vorrang – obwohl eine solche Festlegung natürlich vorstellbar wäre. Zweifelsohne liefern die Krankenbehandlung und die Wissenschaft Kriterien für die Notwendigkeit von Substitutionen, doch kontrollieren sie damit keineswegs andere Gesellschaftsbereiche. Und die Politik? Sie reagiert auf eine außerordentliche Nachfrage nach kollektiv bindenden Entscheidungen, die zu weitgehenden Beschränkungen gesellschaftlicher Aktivitäten führen. Staatliche Zuschüsse können zumindest teilweise den finanziellen Schaden kompensieren, nicht aber die wirtschaftlichen Tätigkeiten selbst ersetzen. Auch das politisch mobilisierte Geld muss irgendwann wieder erwirtschaftet werden.

Während Virologen auf ihrer Suche nach einem Impfstoff mit klinischen Experimenten gerade erst beginnen, ist das soziale Experiment der Corona-Pandemie bereits im vollen Gang. Die Gesellschaft hat auf die Beschränkungen, welche die Politik zur Gefahrenabwehr verfügt hat, mit einer großen Substitutionsanstrengung reagiert. Dabei zielt dieses Gesellschaftsexperiment nicht auf den Nachweis kausaler Zusammenhänge ab, sondern darauf, funktionale Äquivalente für soziale Strukturen zu finden und auszuprobieren. Die Soziologie ist gut beraten, dieses Experiment aufmerksam zu beobachten und fleißig mit zu protokollieren. Was funktioniert und sich vielleicht sogar bewährt, ist noch nicht abzusehen. Ein Effekt einer funktionalen Perspektive wird sich jedoch unausweichlich einstellen: Die Kenntnis von Alternativen lässt das bislang Bestehende in neuem Licht erscheinen. In manchen Fällen wird deshalb in Zukunft mit mehr Begründungsbedarf zu rechnen sein, in anderen damit, dass die schließlich wiedergewonnenen Möglichkeiten nun erst richtig geschätzt werden.

Fußnoten

[1] Für Anregungen und Kommentare zu früheren Fassungen dieses Beitrags danke ich André Kieserling und Stefan Kühl.

[2] Rudolf Stichweh, Simplifikation des Sozialen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.4.2020, S. 9.

[3] Niklas Luhmann, Funktion und Kausalität, in: ders., Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1972, S. 9–30.

[4] Vgl. Karin Knorr Cetina, The Synthetic Situation. Interactionism for a Global World, in: Symbolic Interaction 32 (2009), 1, S. 61–87, doi: 10.1525/si.2009.32.1.61.

[5] Siehe etwa Erving Goffmann, The Presentation of Self in Everyday Life, Edinburgh 1956, Kap. III.

[6] Mustergültig zeigt dies – mit Blick auf die Rollen von Medien – Joshua Meyrowitz, No Sense of Place. The Impact of Electronic Media on Social Behavior, New York / Oxford 1985.

[7] Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität. Über die Funktion von Zwecken in sozialen Systemen,  Tübingen 1968.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.