Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Soziologische Perspektiven

Umrisse eines Forschungsprogramms

Dass es mit dem Kapitalismus nicht weitergehen kann wie bisher, gilt vielen Sozialwissenschaftler_innen mittlerweile als ausgemacht. Zu groß ist der Verbrauch an natürlichen Ressourcen, zu hoch sind die sozialen und ökologischen Kosten, als dass die expansive, auf beständiges Wachstum angelegte kapitalistische Wirtschaftsweise in ihrer jetzigen Form langfristig eine Zukunft hätte. Doch so einmütig die Krisendiagnosen ausfallen, so uneins sind sich die Auguren der modernen Gesellschaft in der Frage möglicher oder notwendiger Reformen. Diese Uneinigkeit herrscht nicht zuletzt mit Blick auf den Begriff der „Nachhaltigkeit“, der in den Diskussionen über eine sozial und ökologisch verträgliche Lebensweise eine zentrale Rolle spielt, ohne dass Klarheit über seine Bedeutung und Implikationen bestünde. Vielmehr werden unter dem Label „Nachhaltigkeit“ unterschiedlichste, sowohl in normativer als auch in deskriptiver Hinsicht voneinander abweichende Ansätze und Konzepte diskutiert, deren Spektrum ökonomische, rechtliche und politische wie auch soziale, ökologische und psychologische Fragestellungen umfasst. Vor dem Hintergrund dieses Diskurses und in Auseinandersetzung mit den ihn prägenden Strömungen und Positionen ist am Lehrstuhl für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel des seit 2016 an der Universität Hamburg lehrenden Soziologen Sighard Neckel ein Band entstanden, dessen sozialtheoretische Beiträge sich in programmatischer Perspektive mit der Nachhaltigkeitsthematik beschäftigen, um das weitläufige Terrain eines Forschungsfeldes zu vermessen, das es zukünftig durch weitere Arbeiten systematisch zu erschließen gilt. Die Autorinnen und Autoren stellen sich dabei ausdrücklich in die Tradition einer kritischen Soziologie, deren gegenwartsdiagnostisches Interesse sich aus dem Wunsch nach gesellschaftlichen Alternativen speist. Wir danken Herrn Neckel und seinem Team sowie dem Transcript Verlag für die Erlaubnis, nachstehend einen der zentralen Beiträge des Mitte Januar erscheinenden Buches vorab veröffentlichen zu dürfen. - Die Red. 

 

 

Nachhaltigkeit ist von unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz und in ihrer Bedeutung und Genese längst zu einem eigenen Gegenstand der Sozialwissenschaften geworden. Seit sich der Begriff Ende der 1980er Jahre öffentlich verbreitete, wird mit ihm auf Krisenerfahrungen und globale Risiken reagiert, die im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ins allgemeine Bewusstsein getreten sind.[1] Diese Risiken sind wesentlich darin begründet, dass die Gesellschaften der Gegenwart mit der Vernutzung für sie grundlegender Ressourcen konfrontiert sind – seien es die natürlichen Ressourcen des Ökosystems, die ökonomischen Ressourcen gesellschaftlichen Wohlstands, die sozialen Ressourcen von Sorge, Fürsorge und Solidarität oder die subjektiven Ressourcen von beruflicher Leistungsfähigkeit und privater Lebensführung,[2] die heute bisweilen nicht weniger erschöpft zu sein scheinen als die ökologischen Vorräte des Planeten.

Nachhaltigkeit als Leitbegriff gesellschaftlichen Wandels

Vor dem Hintergrund solch krisenhafter Prozesse wurde Nachhaltigkeit zu einem zentralen Thema der Öffentlichkeit und zu einem allgegenwärtigen Leitbegriff gesellschaftlichen Wandels. Die 17 "Sustainable Development Goals" der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2016 sind hierfür ein Beispiel. Neben Umweltfragen werden verstärkt auch ökonomische und soziale Probleme unter dem Stichwort der Nachhaltigkeit diskutiert. Die Debatten kreisen dabei um die Chancen zur Veränderung gesellschaftlicher Praktiken etwa der Ernährung, des Konsums[3] oder der Mobilität,[4] um die Auseinandersetzung mit einer Wirtschaftsordnung, die strukturell auf Wachstum angewiesen ist,[5] und um die spezifischen Gerechtigkeitsvorstellungen, die mit Nachhaltigkeit verbunden sind. Sie bündeln sich in der normativen Leitidee, dass die Bedürfnisse der Gegenwart nicht auf Kosten derjenigen zu verwirklichen seien, die zukünftig ihre Bedürfnisse realisieren wollen.[6] Dies kommt bereits in der Definition von Nachhaltigkeit im sogenannten Brundtland-Bericht von 1987 zum Ausdruck: "Sustainable development seeks to meet the needs and aspirations of the present without compromising the ability to meet those of the future.".[7] Deutlich wird, dass Nachhaltigkeit eine spezifische Temporalität aufweist: Es ist ein auf Zukunft gerichtetes Konzept, das in der Gegenwart wirksam werden soll. Nachhaltigkeit steht für ein gesellschaftliches Entwicklungsziel, das ein Gleichgewicht zwischen Ressourcenverbrauch und Ressourcenerhaltung anstrebt und damit der Vorsorge für die Zukunft dient. Im Zeithorizont der Gegenwart versteht sich Nachhaltigkeit als ein Handlungsmodus, mit dem die Vernutzung von Ressourcen eingedämmt und das Entwicklungsziel der Vorsorge erreicht werden soll.

Heute ist Nachhaltigkeit überall in den gesellschaftlichen Diskursen präsent. Zahlreiche Institutionen, Unternehmen, Organisationen und öffentliche Einrichtungen beziehen sich positiv auf Nachhaltigkeit als einen zentralen Wert und als eine Leitlinie des Handelns. Im Verlauf dieser Entwicklung hat sich das, was unter "Nachhaltigkeit" jeweils verstanden wird, mit recht unterschiedlichen Perspektiven und Interessen angereichert. Mitunter werden sehr gegensätzliche gesellschaftliche Vorstellungen mit demselben Begriff der Nachhaltigkeit belegt. So sehen etwa Vertreter einer Green Economy und "intelligenter" Wachstumsprogramme[8] in Nachhaltigkeit eine künftig unabdingbare Voraussetzung wirtschaftlichen Wachstums,[9] während Anhänger der Degrowth-Bewegung oder des Konvivialismus[10] gerade den Zwang zum ökonomischen Wachstum als gravierendes Hindernis einer nachhaltigen Entwicklung betrachten.[11]

Nachhaltigkeit nicht als Lösung, sondern als Problem

Schon allein dieser Bedeutungsvielfalt wegen kann es aus soziologischer Perspektive nicht darum gehen, Nachhaltigkeit als endlich gefundene Lösung aller ökologischen und gesellschaftlichen Probleme zu verstehen. Vielmehr sollte Nachhaltigkeit selbst als Problem begriffen werden, mit dem sich moderne Gesellschaften der Gegenwart auseinandersetzen müssen und für das sie Lösungen benötigen. Die soziologische Perspektive bezieht sich auf Nachhaltigkeit daher nicht als eine normative Leitidee, die per se schon etwas Wünschenswertes bezeichnet und für deren Umsetzung man allein die gesellschaftlichen Voraussetzungen und funktionalen Erfordernisse erforschen sollte, wie dies zumeist die Vorgehensweise der gängigen Nachhaltigkeitsforschung ist (zur Übersicht: www.futureearth.org). Stattdessen nimmt sie Nachhaltigkeit gegenüber eine problemorientierte und reflexive Position ein, die auch die Widersprüchlichkeiten, Dilemmata und Paradoxien von Nachhaltigkeit nicht ausspart.

Nachhaltigkeit sollte – mit anderen Worten – soziologisch nicht aus der gesellschaftlichen Teilnehmerperspektive heraus untersucht werden, sondern als eine Beobachtungskategorie dienen, die Aufschluss darüber geben kann, welcher sozialökonomische Wandel sich vollzieht, welche neuartigen Konfliktlinien entstehen und welche Ungleichheiten und Hierarchien sich herausbilden, wenn Gesellschaften der Gegenwart zunehmend Kriterien von Nachhaltigkeit in ihre Institutionen, Funktionsbereiche und kulturellen Wertmuster integrieren. Aufmerksamkeit in der sozialwissenschaftlichen Forschung sollte vor allem finden, wie sich Nachhaltigkeit mit gesellschaftlichen Machtrelationen verbindet. Denn wie Nachhaltigkeit definiert wird und wer über Nachhaltigkeit bestimmt, ist ebenso eine Frage sozialer Rangordnungen wie die Konsequenzen von Nachhaltigkeit Probleme sozialer Ungleichheiten aufwerfen können. Was als "nachhaltig" gilt, muss als solches benannt, zertifiziert und am Ende praktisch durchgesetzt werden, um verbindlich werden zu können. In diese Definitionsprozesse von Nachhaltigkeit geht die unterschiedliche "Benennungsmacht"[12] von Akteursgruppen ein, bestimmte Zustände mit selbstgewählten Begriffen belegen zu können. Wer Vorteile von Nachhaltigkeit hat oder aber deren Kosten trägt, für wen Nachhaltigkeit ein Zugewinn sein könnte und wer mit Einschränkungen zu rechnen hat, ist zwischen Milieus und Lebensmustern unterschiedlich verteilt. Nachhaltigkeit wird damit zu einer sozial umkämpften Kategorie, auf deren konflikthafte Aushandlung sich das soziologische Interesse in besonderer Weise richtet.

Eine reflexiv-kritische Perspektive auf Nachhaltigkeit besteht zwar auf einer soziologischen Distanz zu ihrem Gegenstand, befindet sich damit aber nicht schon im Widerspruch zu den normativen Ansprüchen, die sich heute mit Nachhaltigkeit verbinden. Generell kann für moderne Gegenwartsgesellschaften gelten, dass auf Dauer in ihnen nur Wertmuster rechtfertigungsfähig sind, die sich selbst nicht absolut setzen, sondern sich dem öffentlichen Diskurs und dem Dissens aussetzen und hierbei überdacht werden können. Dies gilt auch für das Wertmuster der Nachhaltigkeit, das einer kritischen Reflexivität bedarf, um weltanschaulich oder interessenspolitisch nicht zu erstarren und dadurch wieder an Legitimität zu verlieren.

Nachhaltigkeit als Element kapitalistischer Modernisierung

Dieser reflexiven Perspektive entspricht, Nachhaltigkeit nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Bedingungen zu betrachten, unter denen sich eine nachhaltige Entwicklung vollziehen kann. Diese Bedingungen sind wesentlich durch die Strukturen eines globalen Kapitalismus charakterisiert, die nicht nur die ökonomischen Voraussetzungen von Nachhaltigkeit bestimmen und vielfältige soziale und politische Rückwirkungen haben, sondern auch die kulturellen Lebensformen, die Alltagspraktiken und Selbstverhältnisse prägen.[13] In welchem Spannungsverhältnis Nachhaltigkeit und der Kapitalismus zueinander stehen, ob Nachhaltigkeit profitabel in Wert gesetzt werden kann oder den Ausstieg aus der Wachstumsökonomie zur Bedingung hat und wie sich globale Ökonomien durch Nachhaltigkeit verändern, sind zentrale Fragen einer nicht zuletzt kapitalismustheoretisch informierten Nachhaltigkeitsforschung.

Deren Bezugspunkte können heute nicht anders als global sein, da sich im Zeitalter des Anthropozän ökologische Krisen wie der Klimawandel, die Verschmutzung der Meere, der Verbrauch nicht regenerierbarer Ressourcen oder die Vergiftung der Böden in weltweiten Dimensionen dokumentieren. Gleichwohl sind davon die verschiedenen Regionen der Welt nicht in gleicher Weise betroffen. Obgleich der postkoloniale Aufstieg von Ländern wie China oder Indien heute selbst etwa zum weiterhin steigenden Verbrauch fossiler Brennstoffe beiträgt, sind die ärmeren Weltregionen vor allem des globalen Südens doch wesentlich stärker den Auswirkungen ökologischer Krisenprozesse ausgesetzt. Deren größere Verwundbarkeit liegt darin begründet, dass sie weit mehr von ihren lokalen Existenzbedingungen und Ressourcenströmen abhängig sind als die reicheren Gesellschaften des Nordens, die Zugriff auf globale Wertschöpfungsketten haben und überdies mächtig genug sind, die negativen Konsequenzen der eigenen Wirtschafts- und Lebensweise in den globalen Süden auslagern zu können.[14] Eine Folge des globalen Siegeszugs des Kapitalismus ist die Ausbreitung einer "imperialen Lebensweise",[15] welche die Ökonomie des raschen Ressourcenverbrauchs und der langfristigen ökologischen Schäden in vergleichsweise kurzer Zeit universalisiert hat.

Nicht zuletzt diese globalen Krisenkonstellationen lassen Nachhaltigkeit heute zur nächsten Etappe einer ebenso unumgänglichen wie in sich umkämpften Modernisierung des gegenwärtigen Kapitalismus werden. Als Modernisierung dient Nachhaltigkeit einer Erneuerung kapitalistischer Ökonomie und ihrer Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen, insbesondere in ökologischer Hinsicht. Die zentralen gesellschaftlichen Reproduktionsprobleme, die mit einer nachhaltigen Modernisierung des Kapitalismus bewältigt werden sollen, bestehen zum einen in der Sicherung der Regenerativität ökologischer, ökonomischer, sozialer und subjektiver Ressourcen, die gesellschaftliche Institutionen und Funktionsbereiche für ihren Bestand benötigen und für ihre Weiterentwicklung verwenden müssen. Immer dringlicher werden Formen des Einsatzes von Ressourcen, die sich bei ihrer Verwendung nicht restlos verbrauchen, sondern erneuerbar sind, weshalb Vernutzung der Gegenbegriff des regenerativen Prinzips der Nachhaltigkeit ist. Hier schließt als zweites gesellschaftliches Reproduktionsproblem von Nachhaltigkeit die Sicherung der Potentialität künftiger Entwicklungschancen an, die durch die Ressourcenprobleme der Gegenwart nicht zunichte gemacht oder erheblich eingeschränkt werden sollen. Nachhaltigkeit dient hier der Sicherung eines Vorrats an Handlungsmöglichkeiten, der in der Gegenwart nicht länger verknappt werden soll. Ihr Gegenbegriff ist Determination, die offene Zukünfte in geschlossene überführt. In beiden Dimensionen, Regenerativität und Potentialität, stellt Nachhaltigkeit den Versuch der Korrektur einer kapitalistischen Logik von Wertschöpfung dar, die aufgrund ihres Zwangs zur Gewinnsteigerung in sich nicht nachhaltig ist.

Indes versteht sich ökologische Modernisierung als eine gesellschaftspolitische Strategie, die Institutionen der modernen Gesellschaft und insbesondere deren Ökonomie für einen ökologischen Umbau in Dienst nimmt. Bestehende Strukturen der modernen Gesellschaft in Politik und Wirtschaft wie liberale Demokratie und kapitalistische Marktwirtschaft sowie zentrale Elemente der modernen Lebensführung wie Individualismus, Konsum, Wohlstandsorientierung und Mobilität sollen dabei nicht grundlegend verändert, sondern den ökologischen Restriktionen adaptiert werden. So werden Märkte und Wettbewerb nicht als Hemmnisse eines Wandels zur Nachhaltigkeit begriffen, sondern als effizienzsteigernde wirtschaftliche Einrichtungen, die für Praktiken der Nachhaltigkeit nutzbar gemacht werden können, wie der Emissionshandel als bekanntes Beispiel einer marktlichen "Lösung" von Nachhaltigkeitsproblemen dokumentiert.[16] Entsprechend gelten auch Finanzmärkte als effiziente Instrumente, um Investitionen in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen zu steigern. Mittlerweile hat die Finanzialisierung von Nachhaltigkeit Ausdruck in Finanzmarktprodukten wie Green Bonds oder Impact Investing gefunden. Auch gehen Konzepte wie Green Growth oder Green New Deal davon aus, dass mit Hilfe des technischen Fortschritts das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und den damit einhergehenden Emissionen abgekoppelt werden kann. Mittlerweile haben die OECD,[17] die Vereinten Nationen,[18] die Weltbank[19] und die Europäische Union[20] grüne Wachstumsstrategien explizit zu ihren künftigen Entwicklungspfaden erklärt.

Nachhaltigkeit: Der neue Geist des grünen Kapitalismus

In engem Zusammenhang mit der nachhaltigen Modernisierung des Kapitalismus steht, dass sich Nachhaltigkeit sukzessive als ein neues Rechtfertigungsmuster gesellschaftlicher Ordnung und Organisation herausgebildet hat. Folgt man den Untersuchungen von Luc Boltanski und Ève Chiapello[21] zum "neuen Geist des Kapitalismus", erneuert und reproduziert sich der Kapitalismus dadurch, dass er die gesellschaftlich jeweils relevanten Formen seiner Kritik in sich aufnimmt und "endogenisiert"[22] Ein zentrales Kritikmuster am Kapitalismus der Gegenwart bündelt sich heute im Begriff der Nachhaltigkeit, der dazu verwendet wird, der kapitalistischen Wachstumsökonomie die schädlichen Auswirkungen auf die Ökosphäre und die natürlichen Lebensgrundlagen vorzuhalten. Gegenwärtige Wandlungsprozesse, die auf einen "grünen Kapitalismus" abzielen, können nicht zuletzt auf die Endogenisierung des Kritikmusters der Nachhaltigkeit zurückgeführt werden, das sich damit zu einer neuen Art von Rechtfertigung des heutigen Kapitalismus entwickelt. Hierfür spricht nicht zuletzt die Generalisierung von Nachhaltigkeit als normatives Kriterium gesellschaftlicher Organisation, die heute überall in dem Maße feststellbar ist, wie Nachhaltigkeit sich von der Ökologie auf andere Gesellschaftsbereiche ausbreitet. Als Rechtfertigungsmuster verstanden, könnte Nachhaltigkeit den grünen Kapitalismus der Zukunft mit der Imagination eines neuen Fortschrittsoptimismus ausstatten, der sich der vermeintlichen Lernfähigkeit der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verdankt.

In jeder Rechtfertigungsordnung sind zentrale Prinzipien enthalten, welche die Wertigkeiten von Praktiken, Objekten und Akteuren bestimmen. So stellt Boltanski und Chiapello zufolge etwa in der projektbezogenen Rechtfertigungsordnung des Netzwerkkapitalismus "Konnektivität" einen übergeordneten Leitwert dar.[23] In der Rechtfertigungsordnung der Nachhaltigkeit werden es mutmaßlich die Prinzipien der Regenerativität und der Potentialität sein, welche die Wertigkeiten bestimmen, womit die Frage aufgeworfen ist, wie sich die Sozialordnungen der Gegenwart verändern, wenn sie das Rechtfertigungsmuster der Nachhaltigkeit etablieren.

Erste Hinweise darauf geben die Tendenzen einer Subjektivierung von Nachhaltigkeit, die allenthalben zu beobachten sind. Der Neoliberalismus hat mit seiner strikten Präferenz für Markterfolg und Wettbewerb das Leitbild des "unternehmerischen Selbst" hervorgebracht, das durch das Ethos von Effizienz und Optimierung gekennzeichnet ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Krisenerscheinungen wie Stress, Burnout und Depression gefunden haben, ist nur eines unter vielen Zeichen für den Wandel in den kulturellen Programmen der Selbststeuerung, die zunehmend Maximen wie Achtsamkeit, Empathie, Resilienz und Work-Life-Balance folgen. Derartige Topoi werden öffentlich bereits als Indikatoren einer "subjektiven Nachhaltigkeit" begriffen, die der Regenerativität und Potentialität individueller Ressourcen dienen sollen.

Nachhaltigkeit als Transformation: Postkapitalismus

Während sich die Untersuchung von Nachhaltigkeit als einer nächsten Etappe kapitalistischer Modernisierung grundlegend auf den Prozess bezieht, wie nachhaltige Entwicklung für den Kapitalismus der Gegenwart nutzbar gemacht werden kann, bieten die Auseinandersetzungen um Nachhaltigkeit aber auch zahlreiche Ansatzpunkte, die Möglichkeiten gesellschaftlicher Transformationen jenseits der kapitalistischen Wachstums- und Wettbewerbsordnung auszuloten. Nachhaltigkeit ist mithin nicht allein zu einem Modus der Erneuerung des Kapitalismus geworden, sondern wird in zahlreichen gesellschaftlichen Diskursen und Praktiken auch als ein Instrument seiner Überwindung betrachtet.[24] Sie fungiert als zentraler Begriff einer gesellschaftlichen Strömung des Postkapitalismus,[25] in dem sich das Bedürfnis artikuliert, neue Formen gemeinschaftlicher, kooperativer oder suffizienter Ökonomien und Lebensweisen zu erproben. Welches transformative Potential solche Diskurse und Praktiken haben und ob im Zuge neuer antikapitalistischer Tendenzen Freiheitsräume eines "demokratischen Experimentalismus"[26] entstehen, welche auch einen Bruch mit dem ökonomischen Habitus des Kapitalismus herbeiführen könnten, stellt eine besonders interessante Frage soziologischer Nachhaltigkeitsforschung dar.

So reagieren wachstumskritische soziale Bewegungen auf die Endogenisierung des Kritikmusters der Nachhaltigkeit ihrerseits mit einer Kritik an Nachhaltigkeit, die als begrifflich zu eng und als politisch zu instrumentell begriffen wird.[27] In der Folge haben sich in den politischen Debatten des Postkapitalismus alternative Begriffe für Nachhaltigkeit etabliert, wie Gemeinwohlökonomie,[28] Commons[29] oder – in Aufnahme eines Begriffs von Karl Polanyi – Great Transformation/Große Transformation.[30]

Indem soziologische Forschung nicht nur danach fragt, wie sich der gegenwärtige Kapitalismus transformiert, sondern ebenso, was den Kapitalismus selbst zu transformieren vermag, könnten postkapitalistische Diskurse und Praktiken zum konstitutiven Gegenstand einer transkapitalistischen Soziologie werden, die sich in neuartiger Weise für Sozialformen jenseits von Marktkonkurrenz und Profitdenken interessiert. Was postkapitalistische Organisationsformen für ökonomische Praktiken, moderne Lebensweisen und für die heutigen Selbstverhältnisse bedeuten, sind weitreichende Fragen, die sich einer solchen transkapitalistischen Soziologie in empirischer Hinsicht stellen. Konzeptionell eröffnen sie die Chance, die Soziologie selbst von einer neuen gesellschaftlichen Warte aus zu entwerfen. Denn geht man davon aus, dass sich kapitalistische Moderne und moderne Soziologie gegenseitig konstituiert haben, so begründen die Tendenzen einer postkapitalistischen Gesellschaft die Aussicht, Soziologie jenseits der Horizonte eines kapitalistischen Zeitalters zu betreiben. Dies sind, zugegeben, recht ausgreifende Perspektiven, die soziologische Forschung nicht einfach so einholen kann. Aber wozu setzen wir uns mit Nachhaltigkeit in den gesellschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit auseinander, wenn nicht in der Hoffnung, unsere Welt besser zu machen als sie heute noch ist?

Fußnoten

[1] Donella H. Meadows et al., The Limits to Growth. A Report for THE CLUB OF ROME’s Project of the Predicament of Mankind, London 1972; Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986.

[2] Sighard Neckel/Greta Wagner (Hg.), Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft, Berlin 2013; Neckel et al., Burnout, Fatigue, Exhaustion: An Interdisciplinary Perspective on a Modern Affliction, Basingstoke 2017.

[3] Oliver Stengel, Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologische Krise, München 2011.

[4] Matthias Knaut (Hg.), Nachhaltige Mobilität, Energiewende und Industrie 4.0, Berlin 2015.

[5] Hans Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale, Marburg 2009; Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum, Berlin 2011; Serge Latouche, Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn, München 2015.

[6] Dieter Birnbacher, Verantwortung für zukünftige Generationen, Stuttgart 1988.

[7] WCED, Our Common Future, Oxford 1987.

[8] Ralf Fücks, Intelligent wachsen. Die grüne Revolution, München 2013.

[9] Martin Jänicke, Megatrend Umweltinnovation. Zur ökologischen Modernisierung von Wirtschaft und Staat, München 2012.

[10] Les Convivialistes, Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens, herausgegeben von Frank Adloff und Claus Leggewie, Bielefeld 2014; Frank Adloff/Volker M. Heins (Hg.), Konvivialismus. Eine Debatte, Bielefeld 2015.

[11] Vgl. Barbara Muraca, Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin 2014; Niko Paech, Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 2014; Thomas Fatheuer/Lili Fuhr/Barbara Unmüßig, Kritik der grünen Ökonomie, München 2015; Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, München 2017.

[12] Pierre Bourdieu, Sozialer Raum und »Klassen«. Lecon sur la lecon. Zwei Vorlesungen, Frankfurt am Main 1985, S. 23.

[13] Vgl. Sighard Neckel, "Die Marktgesellschaft als kultureller Kapitalismus. Zum neuen Synkretismus von Ökonomie und Lebensform", in: Kurt Imhof und Thomas Eberle (Hg.), Triumph und Elend des Neoliberalismus, Zürich 2005, S. 198-211.; Sighard Neckel, Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt am Main/New York 2008; Sighard Neckel (Hg.), Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik, Frankfurt am Main/New York 2010; Sighard Neckel, "Die Pflicht zum Erfolg. Genealogie einer Handlungsorientierung", in: Denis Hänzi, Hildegard Matthies und Dagmar Simon (Hg.), Erfolg. Konstellationen und Paradoxien einer gesellschaftlichen Leitorientierung (Leviathan Sonderband 29), Baden-Baden 2014, S. 29-44; Patrick Sachweh/Sascha Münnich (Hg.), Kapitalismus als Lebensform? Deutungsmuster, Legitimation und Kritik in der Marktgesellschaft, Wiesbaden 2016.

[14] Vgl. Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016.

[15] Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise.

[16] Anita Engels, "Market Creation and Transnational Rule-Making: The Case of CO2 Emissions Trading", in: Marie-Laure Djelic und Kerstin Sahlin-Andersson (Hg.), Transnational Governance: Institutional Dynamics of Regulation, Cambridge 2006, S. 329-348.

[17] OECD, Towards Green Growth, Paris 2011.

[18] UNEP, Towards a Green Economy. Pathways to Sustainable Development and Poverty Eradication, Nairobi: United Nations Environmental Program 2011..

[19] Stéphane Hallegatte et al., From Growth to Green Growth. Policy Research Working Paper, Washington D.C. 2011.

[20] European Commission, Communication from the Commission: Europe 2020. A European Strategy for Smart, Sustainable and Inclusive Growth, Brüssel 2010.

[21] Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.

[22] Vgl. ebd.: 476ff.

[23] Vgl. ebd.: 176ff.

[24] Vgl. Erik Olin Wright, Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017; Carsten Kaven, Transformation des Kapitalismus oder grüne Marktwirtschaft?, München 2015; Bernd Sommer/Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014.

[25] Paul Mason, Postkapitalismus. Grundzüge einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016.

[26] Vgl. Hauke Brunkhorst, Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998.

[27] Ingolfur Blühdorn, "Sustainability – Post-sustainability – Unsustainability", in: Teena Gabrielson, Cheryl Hall, John M. Meyer und David Schlosberg (Hg.), The Oxford Handbook of Environmental Political Theory, Oxford 2016, S. 259-273.

[28] Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, Wien 2014.

[29] Silke Helfrich/David Bollier (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld 2015.

[30] WBGU, Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Berlin 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.