Essen als Verständigungsform während der COVID-19-Krise

Ein Beitrag zur Reihe "Sicherheit in der Krise"

Ich beginne mit einem kleinen Umweg, um den Kontext meiner Ausführungen über das Essen in Zeiten von Corona zu verdeutlichen. Peter Wagner hat in seinem Beitrag vom 5. Mai 2020 zur Reihe Soziologisches zur Pandemie notiert, dass es von Anfang an „keinen Mangel an schnellen Analysen und Interpretationen der Krise“ gab, „in die COVID-19 die Menschheit gestürzt“ habe.[1] Wahrlich schnell und zahlreich waren Diagnostikerinnen und Diagnostiker zur Stelle. Manche von ihnen verkündeten, der gesellschaftliche Zusammenhalt würde wachsen und benannten Solidarität als (neues) Leitmotiv; andere erklärten dagegen, dass gesellschaftliche Polarisierungen einen weiteren Schub erhalten und sich Entsolidarisierung und Egoismus verbreiten würden. Weitere sahen das Zeitalter der Entschleunigung emporkommen, währenddessen etliche dagegenhielten, nun bräche die Zeit einer beschleunigten Digitalisierung an. Eine weitere Diagnose lautete, dass an die Stelle rasanter Globalisierung und eines erbarmungslosen Neoliberalismus zukünftig wieder nationale Subsistenzwirtschaft und ein behütender Vorsorgestaat träten. Viele dieser schnellen Analysen und Interpretationen rekurrierten auf soziologische Zeitdiagnosen.

Ende Juni, nur wenige Wochen nach dem Höhepunkt der Krise, haben die meisten der hastig abgefassten Deutungen und Vorhersagen an Erklärungs- und Überzeugungskraft eingebüßt. Im Nachhinein drängt sich die Vermutung auf, dass hier oftmals die Krise selbst regierte und zu zugespitzten Diagnosen nötigte. Mit Nobert Elias könnte man von einer Phase hohen Engagements und damit hoher Emotionalität sprechen, die eine distanzierte Beobachtung erschwert.[2] Genau dies zeichnet offenbar eine Krise aus: Sie schreit nach Diagnose und Vorausschau, das setzt Distanzierung in Zeiten hohen Engagements voraus; gerade Letztere ist aber selbst in ruhigeren Phasen häufig schwierig aufzubringen.

Im Rückblick – mit weniger unmittelbarer emotionaler Verstrickung in das aktuelle Geschehen – ist mancher gewiss erstaunt darüber, wie viel und welch überdeutliche zeitdiagnostische Vorausschau gewagt, nachgefragt und begierig aufgenommen wurde. Vielleicht bleibt bei einigen der Diagnostikerinnen und Diagnostiker ein ungutes Gefühl zurück, damit oftmals eher zur Zuspitzung denn zur distanzierten Betrachtung beigetragen zu haben. Aber schon Reinhard Koselleck hat darauf hingewiesen, dass Krisen auf „eine unbekannte Zukunft“ verweisen, weil sich die „Voraussetzungen für diese nicht hinreichend klären lassen“.[3] Der Krise wohnt der „Zwang zur Vorausschau“ inne. „Das Wissen um die Ungewissheit und der Zwang zur Vorausschau, um ein Unglück zu verhindern oder Rettung zu finden“, sind also typisch für eine Krise.[4]

Krisenzeiten verlangen deshalb nach Deutungen, Erklärungen und Vorhersagen. Auffällig ist, dass diese zumeist in Form „zugespitzter Alternativen“, häufig gar als „harte Zwangsalternativen“[5] abgefasst werden – ganz ähnlich wie die oben aufgezählten Analysen und Interpretationen. Dass Zwangsalternativen vorherrschen, folgt nach Koselleck daraus, dass Krisen Entscheidungen erzwingen, ausgiebiges Abwägen oder gar Aufschub dulden sie nicht. Die Zwangsalternativen sollen Begründungen für die getroffenen Entscheidungen liefern, die diese als einzig richtig, endgültig und unwiderruflich ausweisen. Hier schließt sich nun die Frage an, welche Deutungen, Erklärungen und Vorhersagen herangezogen werden. Bricht in ihnen Neues auf, wie es der Allgegenwärtigkeit und Mächtigkeit der COVID-19-Krise gemäß wäre? Oder setzen sich gerade dann schon längst erprobte und bewährte Grundmuster und vielfach diskutierte und abgewogene Alternativen und Variationen durch?

Diesen beiden Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen, und zwar anhand des Essens, worunter ich nicht nur die Nahrungsaufnahme und Lebensmittelproduktion fasse. Noch heute gilt unverändert, was bereits Marcel Mauss konstatierte: Essen ist ein gesellschaftliches Totalphänomen,[6] auch wenn es gewiss es nicht mehr die gesellschaftliche Dominanz besitzt, die ihm in der Vergangenheit zukam. Für viele beginnt die Gesellschaftsgeschichte erst als der Nahrungsspielraum so groß war, dass natürlich bedingte Ernährungskrisen weitgehend vermieden werden konnten.[7] Man mag darüber streiten, ob dieser Zusammenhang tatsächlich so eng geknüpft war, entscheidend ist, dass mit dem Essen, durch das Essen und im Essen Grundformen des menschlichen Zusammenlebens entwickelt, tradiert und verinnerlicht wurden. So waren die ersten ethischen Regeln, nach denen sich Menschen richteten, Essregeln, zum Beispiel über das Töten von Tieren, um das Bedürfnis nach Nahrung zu erfüllen. Eine ähnlich grundlegende Bedeutung haben religiöse Essensvorschriften, wie die Unterscheidung in reine oder unreine Speisen in einigen Religionen oder das Abendmahl als wichtigste Form christlicher Vergemeinschaftung. Auch die Vorstellungen und Erwartungen bezüglich sozialer Zugehörigkeit und Gerechtigkeit sind im Zusammenhang mit dem Nahrungsbedürfnis entstanden: beim Teilen der Nahrung und beim gemeinsamen Essen. Die Mahlzeit ist wahrscheinlich die erste soziale Institution überhaupt. Auch die Familie findet ihren ursprünglichsten Ausdruck in der Tischgemeinschaft. Ich verzichte hier auf weitere Ausführungen, denn die Botschaft sollte deutlich geworden sein.

Viele besonders grundlegende und wirksame soziale Formen des Zusammenlebens entstanden in Verbindung mit dem Nahrungsbedürfnis und sind bis heute mit ihm verwoben. Sie bilden eine universell verständliche Sprache, wie man in Anlehnung an Claude Lévi-Strauss formulieren könnte,[8] die sich hervorragend dazu eignet, sich darüber zu verständigen, was gut und schlecht ist, was sein soll und was nicht passieren darf, was als bedrohlich und was als erstrebenswert gilt. Anhand eines Beispiels möchte ich veranschaulichen, wie Essen als eine solche allgemein verständliche Sprache fungiert, die über lange Zeiträume und über ganz unterschiedliche gesellschaftliche Verhältnisse hinweg verstanden und weitergegeben wird. Im Jahr 391 vor Christus hat Aristophanes die Komödie Frauen in der Volksversammlung verfasst, in der Athens Frauen gegen die von ihren Männern praktizierte Demokratie rebellieren. Um den von ihnen präferierten demokratischen Gegenentwurf zu kennzeichnen, verkünden sie, dass es täglich gemeinsame öffentliche Mahlzeiten geben wird, zu denen alle einen angemessenen Beitrag zu leisten haben. Es ist doch verblüffend, dass dieser eine Satz genügt, um zu verstehen, welche Art von Demokratie installiert werden soll: Alle sollen beteiligt werden und daran mitwirken.

 

Ankündigungen der Krise

Angesichts der damit veranschaulichten Ausdrucksfähigkeit des Essens ist es nicht mehr verwunderlich, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung von COVID-19 – als Ursache für eine heraufziehende Krise – wesentlich über den Umgang mit Nahrungsmitteln artikuliert wurden. Es waren die Berichte aus Norditalien über das Hamstern von Pasta, Mehl und anderen Grundnahrungsmitteln und die dazugehörigen Bilder von leeren Supermarktregalen, die schneller als das Virus selbst Deutschland und andere europäische Länder erreichten und zur Einstimmung auf die Krise beitrugen. Man mag heute darüber lächeln, dass innerhalb kürzester Zeit Mehl, Nudeln, Brotmehlmischungen und Hefe auch aus den Supermarktregalen in Deutschland verschwunden waren; was diesen Lebensmitteln einen Verkaufsanstieg von bis zu 500 Prozent bescherte. Es ist schon erstaunlich, dass es in den Privathaushalten urplötzlich lauter Profis für hefegeführte Brotteige gegeben haben soll. Vermutlich liegt – bis auf die rasch verderbliche Hefe – ein Großteil der gehamsterten Lebensmittel noch unangetastet in den Vorratsregalen heimischer Keller und Küchen.

Die Bevorratung insbesondere von Grundnahrungsmitteln war in der Vergangenheit ein Zeichen dafür, dass die Menschen Sorge vor einer Ernährungskrise hatten, dass sie die Ausbreitung von Not und Hunger fürchteten und letztlich um das bloße Überleben bangten. Wir können aber davon ausgehen, dass nicht diese Ängste die Bürgerinnen und Bürger zu den Supermarktregalen hasten ließen. Aber was war es dann? Die überstürzte Bevorratung mit Grundnahrungsmitteln – so meine Mutmaßung – ist zu verstehen als Anerkennung, dass COVID-19 eine gravierende Krise auslösen wird. Welcher Art sie sein und was sie alles erfassen würde, dies lag – gerade zur Hochzeit der Hamsterkäufe – noch in der Zukunft. Aber „wir haben verstanden“: Eine Zeit der Krise steht bevor. Die Erkenntnis verdichtete und artikulierte sich in den Hamsterkäufen. Die Kanzlerin reagierte darauf passgenau, indem sie umgehend versicherte, die Regierung gewährleiste, dass die Lebensmittelversorgung in jeder Situation – wie schlimm sie immer auch werden mag – gesichert bleibt. Damit verbürgte sie sich für die erste Pflicht jedes Staates, nämlich stets für ausreichend Nahrung zu sorgen, und übernahm sogleich die staatliche Verantwortung für die Bewältigung der bevorstehenden Krise, welche Auswirkungen auch immer diese haben würde. Auf den Punkt gebracht: Mit den Hamsterkäufen bestätigten die Bürgerinnen und Bürger, dass man sich in einer Krise befände und es das vorrangige Ziel sei, für deren wie auch immer geartete Folgen gerüstet zu sein. Genauso kündigten sie mit der Rückkehr zum üblichen Lebensmitteleinkauf ab Anfang Mai an, dass es jetzt an der Zeit wäre, vom Krisenmodus wieder zur „Normalität“ zurückzukehren.

 

Erklärungen für die Krise

Eine zweite Verbindung von COVID-19 und Essen liegt in der oben bereits erwähnten ethischen Bedeutung der Nahrungsaufnahme. Die gesellschaftlichen Debatten darüber, wie und welche Tiere für Nahrungszwecke gehalten und getötet werden dürfen, sprich was als essbar und was als nicht essbar bewertet wird, kann als Seismograf für ethische Grundfragen angesehen werden. Dies wird speziell bei den Überlegungen dazu deutlich, wie COVID-19 überhaupt auf den Menschen übergegangen ist. Dass diese Frage drängt, versteht sich von selbst, endgültig beantwortet ist sie noch nicht. Es besteht jedoch weitgehender Konsens darüber, dass das Virus von einem sogenannten Wildtier stammt. Besonders häufig werden Schuppentiere, Fledermäuse und Schlangen als ursprüngliche Wirte des Virus genannt. Schaut man sich im Weiteren die Erklärungen an, warum COVID-19 auf Menschen übergegangen ist, dann finden sich grosso modo zwei Deutungsmuster. Das erste rekurriert auf fremde Esskulturen, das zweite auf die Zerstörung von Lebensräumen.

Das erste Deutungsmuster steht in der langen Tradition der Unterscheidung in reine und unreine Tiere, wie sie bereits Mary Douglas herausarbeite.[9] Mit dieser Klassifikation wurde und wird teilweise bis heute begründet, welche Tiere essbar sind und welche sich nicht zum Verzehr eignen. Die Unreinheit der Tiere, so eine nach wie vor aufgerufene Erklärung, übertrage sich auf die Menschen, die sich auf diese Weise selbst verunreinigen, sprich: ihr Wohlergehen gefährden würden. In den Alltagswelten – ich beziehe mich hier nur auf diejenigen Europas und Nordamerikas – kursieren verschiedenste Begründungen für die angebliche Unreinheit einiger Tiere: Sie seien eklig, exotisch, wild, es sei barbarisch, sie zu töten und zu essen oder sie seien zu meiden, weil sie mehrdeutige Eigenschaften hätten; wie beispielsweise das Schwein, das ein Paarhufer, aber kein Wiederkäuer ist.

Das zweite Deutungsmuster speist sich aus solchen Werten und Orientierungen, von denen „wenigstens wir uns gern vorstellen“, dass sie „universelle Bedeutung und Gültigkeit“ beanspruchen könnten.[10] Dazu gehören der Erhalt der Artenvielfalt, der Schutz natürlicher Lebensräume und eine gerechtere Ökonomie. Als Ursachen für die Übertragung von COVID-19 vom Tier auf den Menschen gelten dieser Lesart zufolge der illegale Tierhandel, die Zerstörung intakter ökologischer Systeme und die Ausbeutung ökonomisch weniger entwickelter Regionen.

Wie das erste Deutungsmuster gesellschaftlich zur kulturellen Abwertung fremder und zur Aufwertung der eigenen Esskultur und zur Schaffung, Verteidigung und Rechtfertigung sozialer Distanzen und Ausgrenzungen genutzt wurde und wird, ist vielfach untersucht. Einerseits war nun angesichts von COVID-19 eine große Renaissance der Klassifikation in rein/unrein zu erwarten. Andererseits lag es nahe, dass in Zeiten des verstärkten ethischen Appells diese Unterscheidung und vor allem die damit verknüpften kulturellen und sozialen Herabwürdigungen nicht mehr vorgenommen und stattdessen die Vielfalt und Diversität von Esskulturen wertgeschätzt werden. Es ist eine spannende Frage, welche der beiden Orientierungen sich letztlich durchgesetzt hat. Wurde weiterhin das Repertoire des Unreinen und des Ekels benutzt oder wurde es absichtsvoll vermieden? Und was trat an seine Stelle? Wenn selbst Krisenrhetorik nicht mehr mit Unreinheit, Barbarei und Ekel argumentieren würde, dann könnte dies als Indiz dafür gelten, dass sich der ethische Appell, kulturelle Vielfalt und Diversität anzuerkennen und wertzuschätzen, endgültig als gesellschaftlich verbindliche und stabile Orientierung durchgesetzt hat.

Es ist nicht möglich, dies hier umfänglich zu prüfen, ein paar Schlaglichter müssen genügen. Insgesamt zeigt sich ein widersprüchliches Bild: So wurde die Behauptung, COVID-19 sei durch den Genuss von Fledermaussuppe auf den Menschen übergegangen, sogleich als Fake News identifiziert.[11] Allerdings bedienten auch die als seriös zu bezeichnenden Medien in ihren Berichten über Wildtiermärkte das gesamte Programm von Unreinheit und Barbarei. Die Stuttgarter Nachrichten berichteten beispielsweise Mitte Februar 2020 von einem Wildtiermarkt in Indonesien: „Fledermäuse, Ratten, Schlangen – ihr Fleisch wird auf exotischen Märkten in Indonesien weiterhin angeboten. Von Angst vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus gibt es hier keine Spur. […] An den schmuddeligen Ständen […] ist so ziemlich alles zu finden, was im Westen niemals auf einem Teller landen würde: riesige Schlangen, aufgespießte Ratten und verkohlte Hunde, deren Fell mit Lötkolben versengt wurde. Manch einer vergleicht einen Besuch auf dem Markt deshalb mit einem ‚Gang durch die Hölle‘.“[12] Aber auch Beiträge, die eher dem zweiten Deutungsmuster zuzuordnen sind, weil sie als Ursache für den Übergang von COVID-19 auf den Menschen die Zerstörung der natürlichen Lebensräume von Wildtieren sehen, riefen zunächst oftmals Bilder des Ekels und der Unmenschlichkeit bei der Leserschaft auf. Die Zeit titelte zwar „Wildtierhandel muss aufhören“, aber der einleitende Satz des darauffolgenden Interviews begann aber mit „quiekende Schweine, wimmernde Hunde“.[13] Ein Artikel in Le Monde Diplomatique, der eindeutig das zweite Deutungsmuster vertrat, berichtete von der langen Geschichte der Mutation tierischer Mikroben zu menschlichen Krankheitserregern und verortete deren Ursprung in der neolithischen Revolution und der europäischen Kolonisierung. Aber auch er fragte zu Beginn: „Könnte es ein Schuppentier sein? Eine Fledermaus? Oder womöglich eine Schlange? Der Wettlauf ist eröffnet, wer als Erster das Wildtier identifizieren wird, von dem das Coronavirus stammt, offiziell als Sars-CoV-2 bezeichnet.“[14] Offenbar ist die Klassifikation als unrein und grausam zur Begründung ethischer, kultureller und sozialer Herabsetzungen so fest verankert, dass selbst in den dezidierten Gegenreden nicht auf ihre fesselnde Wirkung verzichtet wird. Wie es zum Überschreiten der Artengrenze kam, ist dem Beitrag zufolge „leicht vorstellbar“. „Ein Mensch beißt in eine Frucht, die von Fledermausspeichel bedeckt ist. Oder jemand tötet eine Fledermaus, die in sein Haus geflogen ist. […] So springen viele Viren, die für die Fledermaus harmlos sind, auf menschliche Populationen über.“[15] Eine ähnliche Erklärung für den COVID-19-Ausbruch führte auch die Regierung an. So rief Entwicklungsminister Gerd Müller am 22. Mai 2020 – dem Tag des Erhalts der Artenvielfalt – dazu auf, international gegen den Wildtierhandel vorzugehen, denn „Artenvielfalt schützen bedeutet Gesundheit schützen“. Zusammen mit Eckart von Hirschhausen und dem Direktor der Berliner Zoos und Tierparks verkündete er: „Die Corona-Pandemie ist auch eine Folge von Naturzerstörung und des ausbeuterischen Umgangs des Menschen mit der Erde.“[16]

Es ist hier nicht der Ort, die beiden Deutungsmuster gegeneinander aufzuwiegen, eine solche Gewichtung bliebe zudem mit dem Geschehen selbst verstrickt. Für eine distanziertere Betrachtung ist dagegen bemerkenswert, dass in beiden Deutungsmustern Erklärungen und Schlussfolgerungen angelegt sind, die weit über das unmittelbare Phänomen hinausreichen. Die Deutungsmuster sind eng mit dem Essen verknüpft und sie werden oftmals selbst dann, wenn genau diese Verknüpfung kritisiert wird, zur ersten Rahmung genutzt. Daran wird deutlich, wie wirksam die mit dem Essen entwickelten Formen menschlichen Zusammenlebens bis heute sind. Anhand des Essens lässt sich trefflich ein gesellschaftlicher Diskurs darüber führen, welche Werte und Orientierungen gelten (sollen). Es ist kein Zufall, dass derzeit wieder vermehrt der Verzehr von Fleisch einer vegetarischen Ernährung gegenübergestellt wird – eine uralte Debatte, die bereits von den Pythagoreern in der griechischen Antike geführt wurde. Kurz: Auch diese beiden entgegengesetzten Deutungsmuster stehen letztlich in einer langen Tradition. In der Krise werden ihre aktuellen beziehungsweise aktualisierten Ausdeutungen einmal mehr diskutiert. Freilich wird darüber auch in Nichtkrisenzeiten gesprochen, aber mit deutlich weniger Emotionalität und Entscheidungs- und Handlungszwang.

 

Alte Forderungen, neuer Handlungsdruck

Ein weiteres Beispiel dafür, dass durch die Pandemie bereits vorher bekannte und vielfach diskutierte Probleme mit Nachdrücklichkeit und Handlungsdruck ausgestattet werden, sind die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Fleischindustrie. Dass diese unhaltbar sind, ist in den vergangenen Jahren immer wieder skandalisiert worden, Konsequenzen oder ein Zwang zum Handeln blieben allerdings aus. Offenbar ermöglichte erst die COVID-19-Krise eine Argumentation, nach der es nun gelte, durch veränderte Bestimmungen in der Fleischproduktion ein größeres Unglück zu verhindern – namentlich die Ausbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung. Erstmals gelang es, einige Unternehmen der Fleischindustrie zumindest vorübergehend zu schließen. Das bisherige Argument gegen eine stärkere Regulierung der Fleischwirtschaft – dadurch würden die Verbraucherpreise steigen – verlor angesichts hoher Infektionsquoten an Gewicht. Es gibt nun die begründete Hoffnung, dass die Arbeits- und Lebensverhältnisse der dort tätigen Menschen nachhaltig verbessert werden. Auch für dieses Beispiel gilt: Die COVID-19-Krise hat nichts vollkommen Neues hervorgebracht; vielmehr gewann eine schon lange bestehende, allerdings selten gehörte Kritik an Durchschlagskraft. Die hohen Fallzahlen in den Fleischfabriken in Gütersloh und anderswo haben den Appell, die unerträglichen Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern, letztlich nur verstärkt. Gleiches gilt für bereits bekannte und vielfach angeführte Argumente, die genauso vehement wie zuvor angeführt werden, aber in Zeiten von COVID-19 mehr Überzeugungskraft besitzen: Beispielsweise hätte ein geringerer Fleischkonsum aufgrund höherer Preise viele wünschenswerte Auswirkungen auf das Klima und die Gesundheit, ebenso wie auf die Durchsetzung eines nachhaltigen Konsums etc.[17]

Mit dem Essen, durch das Essen und im Essen – das war die Grundthese dieses Beitrags – sind gesellschaftliche Verständigungsformen entwickelt worden, die auch in Krisenzeiten nicht aufgehoben sind, sondern auf die weiterhin zurückgegriffen wird. Die drei vorgestellten Beispiele reichen vom Anzeigen der und Sich-Hineinfinden in die Krise über die Bemühungen, deren Ursachen zu verstehen und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, bis hin zu der Tendenz, alte, bislang nicht erfolgreiche Forderungen mit Entscheidungs- und Handlungszwang auszustatten. Insgesamt – so meine vorläufige Analyse – fußen viele Deutungen und Erklärungen auf wohlerprobten und bewährten Grundmustern, anstatt komplett neue Deutungen und Erklärungen zu liefern. Warum hingegen die zugespitzten Vorhersagen, also die eingangs zitierten schnellen Analysen und Interpretationen, so viel grundsätzlichere Veränderungen in Aussicht gestellt haben, ist ein interessanter Punkt. Womöglich tragen sie damit weniger zur distanzierten Reflexion und Prognostik bei, sondern sind vielmehr – wie vorne angedeutet – als Teil der Krise zu betrachten. Dies bleibt jedoch eine fürs Erste offene Frage.