Krieg und Allianz in tribalen Gesellschaften

Wie entstehen gewaltsame Konflikte zwischen Dörfern?

Kriege zwischen Dörfern sind nicht nur ein historisches, sondern auch ein zeitgenössisches Phänomen. Sie werden in abgelegenen Regionen zahlreicher Länder an der Peripherie der globalisierten Welt von heute geführt, in denen ein schwacher Staat sein Gewaltmonopol noch nicht oder nicht mehr durchsetzen kann. Unter solchen Bedingungen tragen politisch autonome Dorfgemeinschaften ihre Konflikte auf gewaltsame Weise aus – so etwa im Hochland von Neuguinea, in Teilen Ostafrikas, Amazoniens und andernorts. Kriege zwischen Dörfern sind somit – neben Kriegen zwischen Staaten und Kriegen gegen oder um den Staat – eine dritte Grundform des Krieges.

Die Ethnologie beschäftigt sich schon seit Langem mit tribalen Kriegen, das heißt mit kollektiv organisierten und koordinierten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Dörfern beziehungsweise Dorfkoalitionen.1 Auch in tribalen Kriegen geht es letztlich um die Verletzung oder Tötung von Gegnern und/oder um die Zerstörung von deren Hab und Gut mittels Waffengewalt.2 Das Ziel jedes, auch des tribalen Krieges ist es, den Gegner „durch physischen Zwang zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; […] den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen”.3

Dorfgemeinschaften umfassen üblicherweise zwischen hundert und vierhundert Einwohner, die größtenteils von Landwirtschaft und Viehzucht leben. Diese politisch autonomen Gruppen, vor allem die erwachsenen Männer, entscheiden eigenständig sowohl über interne Angelegenheiten (wie etwa die Konfliktregelung) als auch über die Außenpolitik, also über Krieg und Frieden. Ein Kriegszug wird kollektiv geplant, indem die Vorgehensweise und Ziele festgelegt und – je nach Bedarf – Alliierte hinzugezogen werden oder nicht. Rund neunzig Prozent aller tribalen Kriege werden zwischen benachbarten Dörfern oder Dorfkoalitionen ausgetragen. In selteneren Fällen kam es auch zu weiträumigeren Kriegsoperationen, beispielsweise dort, wo Flusssysteme den Einsatz von Kriegsbooten erlauben – etwa bei den Iban auf Borneo, bei den Mundurucu im Amazonasgebiet und bei den nordamerikanischen Irokesen.

Krieg ist immer ein geplantes und organisiertes Kollektivunternehmen. Das unterscheidet ihn sowohl von spontaner Gewalt zwischen Individuen, die keinen Plan und keine Strategie verfolgen, als auch von Fehden, bei denen es um die Ausübung von Gewalt und Gegengewalt zwischen Individuen beziehungsweise einzelnen Familien unterschiedlicher Dörfer geht. In Fehden rächen sich Individuen an einem Missetäter für die Tötung eines nahen Verwandten.4 Fehden zwischen Familien können zwar bisweilen zu einem Krieg zwischen Dörfern eskalieren. Dies ist aber nicht zwingend der Fall, denn die involvierten Dorfgemeinschaften können, wenn sie einen Krieg gegeneinander vermeiden wollen, den Konflikt auf die unmittelbar betroffenen Familien beschränken und diese sogar dazu drängen, ihren Konflikt mittels Kompensationszahlungen auf gewaltlose Weise beizulegen.5

Schlachten und Überraschungsangriffe

Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Dörfern können die Form von Schlachten oder Überraschungsangriffen annehmen. Schlachten können reguliert stattfinden, wobei sich Koalitionen von Dörfern, die sich jeweils aus einigen dutzend bis einigen hundert Kriegern zusammensetzen, gegenüberstehen.6 Die beiden Parteien einigen sich zunächst auf Zeitpunkt und Ort des Kampfes, in dem sie nur Fernwaffen (Pfeil und Bogen sowie Speere) einsetzen werden, sodass die Verluste an Menschenleben gering ausfallen. Beide Parteien mobilisieren nun ihre Verbündeten, testen deren Verlässlichkeit und demonstrieren die eigene Stärke. Gleichzeitig ermitteln beide Parteien die Kampfkraft und -entschlossenheit des Gegners, um das Kräfteverhältnis und ihre Siegeschancen abschätzen zu können. Solche regulierten Schlachten sind Ausdruck einer Pattsituation, in der keine der beiden Parteien ein Interesse hat, den Kampf weiter eskalieren zu lassen.

Gerät aber eine Partei ins Hintertreffen – zum Beispiel wenn ihre Alliierten nicht auf dem Kampfplatz erscheinen –, wird die andere Partei sofort zum Frontalangriff übergehen, um den Gegner zu überrennen und niederzuringen. In solchen uneingeschränkten Schlachten kommen nun auch Nahkampfwaffen wie Keulen, Messer, Lanzen und Äxte zum Einsatz. Mit Umzingelungs- und Flankenangriffen versucht man, dem Feind möglichst hohe Verluste beizubringen. Die fliehenden Gegner werden verfolgt und niedergemetzelt, das feindliche Dorf wird überrannt und zerstört, Häuser und Felder werden verwüstet, Männer und Knaben, die nicht rechtzeitig fliehen, getötet. Nach solchen uneingeschränkten Schlachten sind denn auch weit mehr Opfer zu verzeichnen als nach regulierten Schlachten.7

Die – neben Schlachten – zweite und häufigste Ausprägung des tribalen Krieges bilden Überfälle auf gegnerische Dörfer, die auch weit mehr Todesopfer fordern als Kämpfe nach dem oben beschriebenen Muster. Die Krieger der einen Partei legen beispielsweise einen Hinterhalt oder umzingeln vor Tagesanbruch ein feindliches Dorf, schlagen dann zu und töten so viele Gegner wie möglich, bevor sie sich rasch wieder zurückziehen, um möglichst wenige eigene Verluste zu riskieren.8 Die Häufigkeit solcher Überraschungsattacken erklärt wohl auch die hohen kriegsbedingten Sterberaten in tribalen Gesellschaften, die mit rund einem Drittel der Männer und einem Viertel der Gesamtbevölkerung weit höher liegen als in Kriegen zwischen Staaten. Mit diesen staatlichen Konflikten haben die Kriege zwischen Dörfern allerdings gemeinsam, dass es in beiden Fällen um das Niederringen und Dezimieren der Feinde sowie um die Schwächung ihrer wirtschaftlichen Basis – etwa durch die Zerstörung von Pflanzungen und Behausungen – geht.9

Feindseligkeiten zwischen benachbarten Dörfern können jederzeit eskalieren, wenn sich aus kleinen Scharmützeln und Überfällen oder aus regulierten Schlachten massive Angriffe mit Verbündeten gegen eine feindliche Koalition entwickeln. Solche Kriegshandlungen können sich über Jahre und Generationen hinziehen. Feindseligkeiten können aber auch abflauen und zu einem Waffenstillstand führen, bis sie wieder von neuem aufflammen. Kriege können mit einem Friedensabkommen, aber auch mit der Vernichtung oder Vertreibung eines der Kontrahenten enden.

Angesichts der hohen Verluste an Menschenleben und der massiven Zerstörung von Ressourcen, die solche Kriege selbst für die Sieger mit sich bringen, stellt sich die Frage, weshalb autonome Dorfgemeinschaften einander überhaupt bekriegen. Zu erklären ist auch, weshalb sich die mobilen Kleingruppen in Wildbeutergesellschaften nicht bekriegen, auch wenn es dort durchaus ebenfalls zu Gewalt zwischen Individuen und zu Racheaktionen gegen Täter kommen kann.10 Im Vordergrund der damit beschäftigten ethnologischen Debatten stehen drei Theorien, die den tribalen Krieg entweder mit kulturellen, mit ökonomischen oder mit politischen Faktoren erklären.

Ursachen des tribalen Krieges

     

  1. Die kulturelle Theorie erklärt tribale Kriege mit Werten und Normen, die kriegerisches Verhalten belohnen und friedfertiges Verhalten geringschätzen.11 Kriegerische Gesellschaften (wie die meisten tribalen Gesellschaften) haben zwar in der Tat Verhaltensideale und Normen, die gewalttätiges Verhalten hoch bewerten, während in Gesellschaften, die keinen Krieg führen, etwa in Wildbeutergesellschaften, Werte und Normen gelten, die gewalttätiges Verhalten missbilligen. Obwohl die Korrelation von Krieg mit kriegerischen Normen und Verhaltensidealen unbestritten ist, handelt es sich bei den letzteren allerdings um kulturelle Anpassungen an eine bereits kriegerisch geprägte Umwelt. Sie erklären also nicht, weshalb sich Dorfgemeinschaften bekriegen.

Zudem scheinen die realen Einstellungen von Männern (und von Frauen ohnehin) zum Krieg von den geltenden Werten und Normen abzuweichen: Selbst die mutigsten Krieger würden Frieden grundsätzlich vorziehen; sie fürchten sich vor dem Krieg und halten ihn für eine schlechte, wenn auch unvermeidbare Angelegenheit. Kriegerische Normen und Werte sind also nicht deckungsgleich mit den eigentlichen Präferenzen der Akteure; vielmehr prämieren sie kriegerisches Verhalten und motivieren Männer zur Teilnahme an Kriegen. Andere Kulturtechniken wie etwa Rituale stärken die Kampfmoral der Krieger und die Solidarität des Dorfes. Magische Vorkehrungen, aber auch grausame Kriegspraktiken (wie Kopfjagd, Verstümmelung und Ähnliches) sollen die Kampfmoral der Feinde schwächen und der eigenen Gruppe eine Abschreckungsreputation verschaffen.12

Auch die kulturelle Norm, sich für erlittenes Unrecht rächen zu müssen, haben manche Forscher als Kriegsursache identifiziert. Ethnografien zeigen jedoch, dass die Auslegung dieser Pflicht stark von den Kräfteverhältnissen zwischen den involvierten Dörfern abhängt. Ein unterlegenes Dorf wird den Tod eines Angehörigen so auffassen, dass keine Rache geübt werden muss („er war selber schuld”, eine „Tat im Affekt”), während ein überlegenes Dorf sich selbst weit zurückliegender Rachegründe erinnert oder neue erfinden wird, um legitim – in den Augen der eigenen Leute und von Alliierten – einen Krieg beginnen zu können.13

     

  1. Gemäß der wirtschaftlich-ökologischen Theorie erklären sich tribale Kriege mit einer Konkurrenz zwischen benachbarten Dörfern um knappe Ressourcen wie Nutzland und Wildbestände.14 Es hat sich allerdings gezeigt, dass selbst in Gesellschaften mit sehr niedrigen Bevölkerungsdichten und reichlich vorhandenen Ressourcen ebenso intensiv Krieg geführt wird wie in Gesellschaften mit weit höheren Bevölkerungsdichten. Falls Land knapp wäre, könnte zudem immer noch – als Alternative zu einem Ressourcenkonflikt – die Produktivität des Landes gesteigert oder unbesiedeltes Land unter Bearbeitung genommen werden.

Es kann zwar nach Kriegen dazu kommen, dass ein siegreiches Dorf auf Kosten der Verlierergruppe sein Territorium ausdehnt. Das heißt allerdings nicht, dass Kriege wegen Landknappheit und zum Zweck des Landerwerbs geführt werden. Primär lassen sie sich auf ein militärisches Ziel zurückführen, nämlich jenes, den Feind zu vertreiben und ihn wirtschaftlich und somit auch militärisch zu schwächen.15

     

  1. Eine politische Theorie führt den tribalen Krieg auf das Fehlen einer übergeordneten Sanktionsinstanz mit Gewaltmonopol, also eines Staates, zurück.16 Diese Theorie, die letztlich auf Thomas Hobbes zurückgeht,17 vermag allerdings nicht zu erklären, weshalb Wildbeutergruppen einander nicht bekriegen, obwohl auch sie keiner übergeordneten Sanktionsinstanz unterstehen. Zu dem Umstand, dass Dörfer politisch autonome Lokalgruppen in einem anarchischen System sind, muss also eine zweite Bedingung hinzukommen, nämlich die Tatsache, dass Dörfer – im Gegensatz zu den hochmobilen Kleingruppen, aus denen Wildbeutergesellschaften bestehen – von lokal konzentrierten Ressourcen wie Feldern oder Weiden abhängig sind und sich deshalb nicht ohne prohibitiv hohe Opportunitätskosten (beispielsweise den Verlust der Ernten) einem Konflikt durch Flucht entziehen können.18

Weil es keine übergeordnete Sanktionsinstanz mit Gewaltmonopol gibt, kann kein Dorf sicher sein, dass ein Nachbardorf einen Konflikt friedlich – durch Verhandlungen – beizulegen bereit ist, auch wenn seine Bewohner dies behaupten mögen. Eine einseitig friedliche Strategie kann sich – trotz der hohen Kosten und Nachteile, die der Krieg für jedes Dorf mit sich bringt – in solchen Gesellschaften nicht durchsetzen, weil sie zu riskant wäre. Sie würde nämlich von den anderen als Schwäche interpretiert und könnte diese zu Angriffen ermuntern. Aus diesem Grund muss sich jedes Dorf auf Krieg einstellen, denn eine Konfrontationsstrategie ermöglicht nicht nur größere Gewinne, indem sie etwa Gelegenheiten bietet, ein friedfertiges Dorf zu dezimieren oder seine Einwohner zu vertreiben und dort Beute zu machen, sondern sie kann auch mögliche Risiken vermindern, wenn eine Gruppe ihretwegen besser darauf vorbereitet ist, Überraschungsangriffe zu kontern und andere von Angriffen abzuschrecken. Ein Yanomami bringt diesen paradoxen Sachverhalt auf den Punkt, wenn er sagt: „Wir haben den Krieg satt, wir wollen nicht mehr töten. Aber die anderen sind verräterisch, und man kann ihnen nicht trauen”.19

Das Überleben unter solch anarchischen Bedingungen, wie sie in tribalen Gesellschaften bestehen, hängt dann für jedes Dorf von seiner relativen militärischen Stärke ab. Es geht also darum, mehr Krieger im Dorf verfügbar zu haben und mehr Alliierte mobilisieren zu können als die potenziell feindlichen Gruppen in der Nachbarschaft. Die Zahl der lokal verfügbaren Krieger lässt sich erhöhen, indem man Zuwanderung oder den Zusammenschluss zu größeren Gruppen fördert; mehr Verbündete findet man durch aufwendigere Allianzfeste und großzügigeren Gabentausch, was eine Intensivierung der Produktion von Allianzgütern (etwa von Rindern oder Schweinen) erfordert. Die militärische Überlegenheit des einen Dorfes bedeutet jedoch zwangsläufig eine entsprechende Unterlegenheit der anderen Dörfer, sodass diese sich bedroht und ihrerseits zu „Aufrüstung” gezwungen sehen. Unter diesen Bedingungen versucht jedes Dorf, in einem Moment der eigenen Überlegenheit loszuschlagen und die feindlichen Gruppen zu dezimieren oder zu vertreiben, um nicht von diesen in einem Moment der Unterlegenheit angegriffen zu werden.

Regionale Konstellationen von Krieg und Allianz

Eine tribale Bevölkerungsgruppe in einer Region besteht aus politisch autonomen Dorfgemeinschaften, die entweder miteinander verfeindet oder verbündet sind und zwischen denen jederzeit Krieg ausbrechen kann, auch wenn nicht permanent Krieg geführt wird. Ein Dorf wird einen Krieg nur dann beginnen, wenn dadurch seine Lage verbessert beziehungsweise die zukünftige Verschlechterung seiner Position verhindert werden kann. Die regionalen Kräfteverhältnisse und Bedrohungslagen hängen von der relativen militärischen Stärke und Geschlossenheit der Dorfgemeinschaften sowie von der Anzahl und Verlässlichkeit ihrer Alliierten ab. Doch können sich diese Kräfteverhältnisse schnell verändern: Nicht nur kann die Bevölkerungszahl der Dörfer schwanken (etwa infolge von Gruppenspaltungen oder Zuzug und Zusammenschluss, von Siegen und Niederlagen in Kriegen sowie wenn Epidemien nur an manchen Orten grassieren oder neue Waffen nicht überall zugänglich sind), sondern auch Allianzbeziehungen können sich verschieben (durch den Verlust von Verbündeten oder den Abschluss neuer Bündnisse, aber auch durch unterschiedlichen Zugang zu hoch begehrten Handelsgütern, die als Allianzgüter dienen).

Zudem beeinflusst die Interaktion tribaler Bevölkerungsgruppen mit Repräsentanten von kolonialen und postkolonialen Staaten, so etwa mit Beamten, Militär- und Polizeitruppen, Missionaren, Händlern und Siedlern in einer „tribalen Zone”20 die Kräfteverhältnisse zwischen den Dörfern. Gegenüber diesen externen Akteuren haben Dorfgemeinschaften mehrere strategische Optionen: Sie reichen von bewaffnetem Widerstand unterschiedlicher Intensität, Reichweite und Dauer, vom Rückzug geschlagener oder unterlegener Gruppen, die sowohl die bewaffnete Konfrontation als auch Fremdherrschaft vermeiden wollen, über Allianzen mit Kolonialtruppen und verschiedenen Formen der Zusammenarbeit zu beiderseitigem Vorteil bis hin zur Hinnahme einer staatlichen Herrschaft, die unterschiedliche Formen der Integration – von kultureller Autonomie und indirekter Herrschaft bis zur vollständigen Assimilation in die Mehrheitskultur – annehmen kann.21 Allerdings ist in einer Situation, in der ein Staat geschwächt ist und regional nicht mehr (effizient) in Gestalt von Beamten und Gerichten, Polizei und Armee Präsenz zeigen kann, damit zu rechnen, dass bereits pazifizierte Dörfer Konflikte mit Nachbardörfern wieder auf kriegerische Weise austragen. Auch kann es vorkommen, dass Dorfbewohner sich im Kontext eines Bürgerkrieges Gewaltorganisationen oder Warlordbanden anschließen und ihre Interessen auf diese Weise verfolgen.22

Fazit

Krieg und Allianz kennzeichnen die Beziehungen zwischen sesshaften Dorfgemeinschaften von Bauern und Viehzüchtern – unabhängig von Epoche und Weltregion – überall dort, wo diese noch nicht oder nicht mehr einer staatlichen Kontrolle unterstehen. Dörfer bekriegen sich also, weil es nichts und niemanden gibt, der sie daran hindern könnte. Im Gegensatz dazu führen die mobilen Kleingruppen, aus denen Wildbeutergesellschaften bestehen, keine Kriege gegeneinander, weil sie Konflikten mit Nachbargruppen ohne wirtschaftliche Nachteile ausweichen können und weil sie üblicherweise in Gebieten leben, die durch niedrige Bevölkerungsdichten gekennzeichnet sind, weshalb die Gruppen auch selten miteinander in Kontakt kommen.

Wie eingangs betont, sind Kriege zwischen Dörfern – neben bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Staaten und Kriegen gegen oder um den Staat – eine dritte Grundform von Krieg. Diese Kriege mögen zwar jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit der Weltpresse stattfinden, doch sie erzeugen gewissermaßen das Hintergrundgeräusch des Konfliktgeschehens an den Peripherien der globalisierten Welt von heute.

Fußnoten

 

1 Brian Ferguson, “Introduction: Studying War”, in: Ders. (Hrsg.), Warfare, Culture and Environment, Orlando, FL, 1984, S. 1–81.

2 Trutz von Trotha, „Ordnungsformen der Gewalt oder Aussichten auf das Ende des staatlichen Gewaltmonopols“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 35 (1995), S. 129–166, hier S. 131.

3 Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz: vollständige Ausgabe im Urtext, drei Teile in einem Band, hrsg. von Werner Hahlweg, Bonn 1980, S. 191.

4 Robert Carneiro, ”War and Peace: Alternating Realities in Human History”, in: Stephen Reyna/R. Downs (Hrsg.), Studying War. Anthropological Perspectives, Langhorne, PA, 1994, S. 6.

5 Zu den Nuer im Südsudan vgl. Peter Greuel, ”The Leopard-Skin Chief”, in: American Anthropologist 73 (1971), S. 313–318.

6 Zu den Mai Enga im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea vgl. Mervyn Meggitt, Blood is their Argument: Warfare among the Mae Enga Tribesmen of the New Guinea Highlands, Palo Alto, CA, 1977.

7 Zu den Maring im Hochland von Papua-Neuguinea siehe Roy Rappaport, Pigs for the Ancestors: Ritual in the Ecology of a New Guinea People, New Haven, CT, 1968.

8 Zu den Yanomami im Amazonasgebiet vgl. Napoleon Chagnon, Yanomamö, 5. Aufl. New York 1997.

9 Lawrence Keeley, War before Civilization, Oxford 1996; Jürg Helbling, Tribale Kriege. Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt, Frankfurt am Main 2006, S. 143ff.

10 Helbling, Tribale Kriege, S. 77–115.

11 Zu den Waorani aus der Amazonasregion siehe Clayton Robarchek / Carole Robarchek, Waorani: The Contexts of Violence and War, Fort Worth, TX, 1998.

12 Christopher Hallpike, Bloodshed and Vengeance in the Papuan Mountains: The Generation of Conflict in Tauade Society, Oxford 1977; Jürg Helbling, “The Tactical Use of Cruelty in Tribal Warfare”, in: Trutz von Trotha / Jakob Rösel (Hrsg.), On Cruelty – Sur la cruauté – Über Grausamkeit, Köln 2011, S. 149–173.

13 Helbling, Tribale Kriege, S. 295–335.

14 Rappaport, Pigs for the Ancestors; Marvin Harris, Cannibals and Kings. Origins of Cultures, Glasgow 1977.

15 Helbling, Tribale Kriege, S. 204–278.

16 Marshall Sahlins, Tribesmen, Englewood Cliffs 1968; Klaus-Friedrich Koch, War and Peace in Jalémó. The Management of Conflict in Highland New Guinea. Cambridge, MA, 1974.

17 Jürg Helbling, „Hobbes und seine Theorie des tribalen Krieges“, in: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie 35 (2009), S. 97–116.

18 Helbling, Tribale Kriege, S. 452–460.

19 J. E. Pfeiffer, „How the Establishment Got Established“, in; Horizon March XIX, 2 (1977), S. 62–67.

20 Brian Ferguson / Neil Whitehead, ”The Violent Edge of Empire”, in: Dies. (Hrsg.), War in the Tribal Zone, Santa Fe, NM, 1992, S. 1–30.

21 Brian Ferguson, Yanomami Warfare: A Political History, Santa Fe 1995; Jürg Helbling, “Tribale Kriege und expandierende Staaten”, in: Dierk Walter / Birthe Kundrus (Hrsg.), Waffen Wissen Wandel. Anpassung und Lernen in transkulturellen Erstkonflikten, Hamburg 2012, S. 50–75.

22 Zu den Nuer im Südsudan siehe Sharon Hutchinson, Nuer Dilemmas, Berkeley, CA, 1996.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Matthias Häußler.