Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Ein Buchforum

Als am frühen Abend des 9. November 1989 der damalige Sprecher des SED-Politbüros, Günter Schabowski, mit einer nicht abgestimmten Äußerung auf einer Pressekonferenz den Fall der Mauer ermöglichte, die Deutschland 28 Jahre lang geteilt hatte, ahnten wohl nur die wenigsten, dass dem Ende der innerdeutschen Grenze binnen Jahresfrist die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten folgen sollte. Mit dem in einer nächtlichen Sondersitzung von der Volkskammer beschlossenen und am 3. Oktober 1990 vollzogenen Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 GG verbanden sich auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs große Hoffnungen. Beflügelt wurden diese Hoffnungen nicht zuletzt von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der den Menschen in den sogenannten „neuen“ Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen anlässlich der bereits zum 1. Juli 1990 vollzogenen Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion „blühende Landschaften“ versprochen hatte.[1]

Von diesen Hoffnungen und der Euphorie des Aufbruchs ist heute, im 30. Jahr der Wiederkehr des Mauerfalls, kaum noch etwas zu spüren. Trotz unbestreitbarer Fortschritte und Erfolge sind die Unterschiede zwischen West und Ost nicht verschwunden. Sowohl in soziökonomischer als auch in soziokultureller Hinsicht bestehen nach wie vor gravierende Ungleichheiten und Differenzen – und das nicht nur in strukturschwachen Regionen, wo, einer sarkastischen Redewendung zufolge, „beleuchtete Wiesen“ anstelle der „blühenden Landschaften“ entstanden sind. Die im Zuge des Vereinigungsprozesses und der mit ihm verbundenen Probleme immer wieder angesprochene mentale „Mauer in den Köpfen“ ist, ungeachtet aller Bemühungen, noch immer nicht bei allen gefallen. Im Gegenteil. In manchen Köpfen scheint sie im Laufe der Jahre nicht kleiner, sondern größer geworden zu sein. Enttäuschung, Unverständnis und Verbitterung sind vielerorts mit Händen zu greifen. Sie sind eines der Feuer, auf denen rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder Bewegungen wie PEGIDA ihre unappetitlichen braunen Süppchen kochen – und damit, sofern die Prognosen nicht trügen, bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen (1. September 2019) sowie in Thüringen (27. Oktober 2019) Erfolge feiern werden.

Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage, in der, wie es Ulrich Busch in seinem Beitrag formuliert, „die zu erwartenden politischen Irritationen […] die ostdeutsche Problematik nach einem längeren Dornröschenschlaf wieder auf die politische Tagesordnung setzen werden“, erscheint mit Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft in diesen Tagen ein Buch, von dem man mit guten Gründen annehmen darf, dass es die einsetzenden Diskussionen begleiten wird. Eine Besonderheit, die das Buch von vielen anderen, ebenfalls wichtigen Publikationen zum Thema unterscheidet, besteht in dem interessanten Umstand, dass sein Autor, der Berliner Soziologe Steffen Mau, die eigene biografische Erfahrung seiner in der DDR verbrachten Kindheit und Jugend zum exemplarischen Bezugspunkt seiner Gesellschaftsanalyse macht. Die keineswegs nur in methodologischer Hinsicht ungewöhnliche Konstellation, einem Soziologen bei dem Versuch zuzuschauen, die subjektive Perspektive des „Dabeigewesenen“ einerseits mit dem Rüstzeug des Wissenschaftlers zu überprüfen und andererseits zur Formulierung eigener Thesen zu nutzen, rechtfertigt in unseren Augen eine eingehendere Beschäftigung mit dem Buch.

Der Band gliedert sich in zwei Teile. Im ersten gewährt der Autor Einblicke in das Alltagsleben in der DDR, im zweiten setzt er sich mit den im Anschluss an den "Vereinigungsschock" eintretenden Transformationsprozessen auseinander. Wie veränderte sich die Sozialstruktur, und wie wandelten sich die Mentalitäten der Menschen? Was sind die Ursachen für die Unzufriedenheit und die politische Entfremdung in den neuen Ländern? So lauten die zentralen Fragen, die Mau umtreiben. Wir danken dem Autor sowie dem Suhrkamp Verlag für die Erlaubnis, mit dem Text Mentale Lagerungen eine der zentralen Passagen aus dem zweiten Teil des Buches veröffentlichen zu dürfen. Ulrich Busch und Maren Lehmann danken wir für ihre Beiträge Jenseits der Gräben und Von Defizitlisten und Wunschzetteln unter blauem Himmel, mit denen sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Diskussion um das Buch eröffnen. Fortgesetzt wird die Debatte durch Jürgen Schupp. Auch ihm sei an dieser Stelle für seinen Beitrag Rückkehr nach Lütten Klein gedankt. – Die Red.