Mau-Buchforum (3) – Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Von Defizitlisten und Wunschzetteln unter blauem Himmel

Die nüchterne Sozialstrukturanalyse, als die sich dieses Buch versteht, gibt in einem vorangestellten Motto den entscheidenden Lektürehinweis. „Ich hänge nicht an diesem Land“, hatte Eugen Ruge im Dezember 2017 der taz gesagt[1], „aber es ist verdammt schwer, es loszuwerden“. „Im Westen verschwindet alles laufend, aber das Bruttosozialprodukt nimmt zu. In der DDR war das anders. Da stand alles so ein bisschen still, bewegte sich langsamer. Mein Babelsberg gab’s bis zur Wende, dann verschwand es. Was dieser Verlust bedeutet, obwohl man das Land nicht mochte, das zu erklären“, ergänzt Ruge, „deswegen habe ich ‚In Zeiten des abnehmenden Lichts‘ geschrieben“.

Es ist möglich, dass das vorliegende Buch in einer ähnlichen Absicht geschrieben wurde: um einen Verlust begreiflich, vielleicht sogar verständlich zu machen (vgl. kurz S. 93 f. mit einer Bemerkung Jens Reichs). Aber – anders als für Ruge, genauer: anders, als Ruge es für sich bekennt – geht es um einen Verlust, der vielen (im Buch heißen sie in Anspielung auf Wolfgang Engler „die Ostdeutschen“) widerfahren sein und diese vielen zu mal wütenden, mal phlegmatischen, mal sublimierenden Trauernden gemacht haben könnte. „Wie haben wir gelebt?“, fragt Mau (S. 18), und er nimmt für sich beziehungsweise für dieses Buch eine gewisse Distanz zu diesem wir in Anspruch. Trotzdem bleiben die Fragen im Modus der Selbstproblematisierung oder kehren jedenfalls immer wieder dahin zurück: Warum sehnen wir uns so nach diesem verlorenen Leben, warum lassen wir es nicht vergangen sein, warum – und diese Wendung deutet die orientierende Überlegung des Buches an – lässt es uns nicht los? Die DDR, so könnte man sagen, klebt an den Leuten mehr, als die Leute an der DDR hängen. Warum ist das so?

Das ist die Frage dieses Buches. Die Antwort lautet allerdings nicht, dass es sich einfach um eine Etikettierung von interessierter Seite handeln könnte – eine Identitäts(selbst)zuschreibung, die jeden, den sie trifft, mit dem faden Stolz des Nachrangigen apostrophiert. Sondern dass es um ein Tiefengewebe des Alltagslebens geht, in dem Sozialstruktur und Mentalität gewissermaßen zu dicht verwachsen sind – der Text spricht einleitend von „Brüchen“ (exemplarisch S. 13 f.), die zwar nicht geheilt, aber entweder therapiert oder ignoriert worden sind und nun zu einer „frakturierten Gesellschaft“ (S. 14) geführt haben. Diese Gesellschaft kann ihre Brüche nicht loswerden, weil sie aus ihnen besteht, und sie kann sie nicht vergessen, weil sie sich bei jedem Bewegungsversuch weitere Brüche zuzieht. Die Brüche heilen nicht, sie verlagern und verzweigen sich; sozialer Wandel wird zu einem Prozess von „Frakturdislokation[en]“ (S. 13). Also, wen und wann man auch fragt: Den „Ostdeutschen“ tut immer alles weh, nie erholen sie sich, allenfalls kommen sie mit den Prothesen ganz gut zurecht. Tatsächlich könnte man sich ja so etwas vorstellen: eine Insel der Unseligen, die schlechterdings jedes mögliche Glück in wahrscheinliches Leid übersetzen; eine Insel, die jeden ihrer Bewohner über kurz oder lang mit diesem depressiven Infekt ansteckt. Dazu würde passen, dass es, wenn wir einmal bei medizinischen Metaphern sind, auch um selbstverletzendes Verhalten gehen könnte oder um ein Münchhausen-Syndrom – die Inselbewohnerinnen pflegen ihre Verletzungen, weil sie sich mit ihnen identifizieren; sie pflegen also ihre Verletzungen, um sich selbst pflegen zu können.

Übrigens wäre das ein Verhalten, das im Wohlfahrtsstaat ziemlich praktisch ist. Denn man transferiert zwar erhoffte Vorteile semantisch in erfahrene Nachteile und mobilisiert so Zuwendungen, die den unterstellten Nachteil vielleicht kompensieren, auf jeden Fall die Identität des Zuwendungsempfängers aber an Nachteilserfahrungen und -erwartungen binden werden. Dass sich eine solche Identität kollektiv absichern lässt, liegt auf der Hand; dass die Kollektivbindung ein prekäres Therapeutikum ist, allerdings auch, weil sie jede noch so beiläufige Erwartung als wahrscheinliches Déjà-vu einer bevorstehenden Nachteilszumutung nahelegt.

(Ein phantastischer Titel übrigens, „Lütten Klein“, ein Name schließlich nicht nur für einen Rostocker Stadtteil, sondern auch für ein ja wirklich sehr, sehr kleines Land mit – Darf ich es einmal sagen? – ja doch vergleichsweise sehr, sehr kleinen Sorgen, die aber wolkenkratzerhoch gestapelt sind in einen Himmel, der auf dem Umschlagbild des Suhrkamp-Verlages zwar sehr, sehr blau ist (ein „Lütten Kleiner Motiv“ vermutlich, „mit einem kurzen Gruß an die Daheimgebliebenen“, S. 26), unter dem aber ein nicht minder himmelblauer Trabant parkt. In einem bekannten DDR-Schlager konnte der noch fahren, wenn auch unter einem trübgrauen Himmel.)

An solchem „Stallgeruch“ (S. 19; im Fortgang des Buches „Mentalität“) erstickt nicht nur jeder Mut, sondern auch jede Zuversicht und, nicht zuletzt, jede soziale Intelligenz, der es ja selbstverständlich wäre, auch Erfahrungen für möglich zu halten, die kein Déjà-vu sind. Aber, um mein Fazit vorwegzunehmen: Es handelt sich zwar, so verwendet Mau den Ausdruck, um das vertraute Odium der in das Leben in sozialistischen Großsiedlungen und all seiner Begleitumstände Eingeweihten, denen sich die Türen leichter öffnen. Aber dieses Odium ist die Atmosphäre des Wohlfahrtsstaates in der Façon des späten 19. Jahrhunderts, der bereits verfallenden Industriegesellschaft angepasst. Dieser Wohlfahrtsstaat wird in den 1950er-Jahren doppelt restituiert: als zur Selbsthilfe helfender, individuellen Ehrgeiz belohnender, die Industriegesellschaft als Konsumgesellschaft wiederbelebender Staat im Westen; als autoritär, das heißt zum Fatalismus erziehender, kollektive Subordinationsbedürfnisse pflegender, die Industriegesellschaft als Fleißgemeinschaft beschwörender Staat im Osten. Beide Versionen dürften im Großen und Ganzen sozialisatorisch prägend, das heißt nicht nur institutionell, sondern auch und vielleicht vor allem individuell erfolgreich gewesen sein, und in beiden Versionen dürfte sich dieser allgemeine Erfolg gerade angesichts variantenreicher Ausnahmen und Abweichungen als Normalität bestätigt sehen. Widerständige Alltagssubversion kommt hier wie dort vor und trägt hier wie dort das beruhigende Gefühl der Selbstbehauptung gegen den Staat; die westdeutsche Variante betrügt den Fiskus, die ostdeutsche führt (in einer schönen Wendung von Jurek Becker) „die Behörden irre“. Und Klebstoff (oder, in der medizinischen Metaphorik von Frakturen: Schiene) dieser beiden deutschen Wohlfahrtsvorstellungen ist das Fernsehen, das in beeindruckend auswegloser Weise Konsum- und Gemeinschaftsbedürfnisse gleichermaßen bewirtschaftet: eine gesamtdeutsche Individualisierungsagentur.

Wenn es ein Medium geben sollte, durch das ein Triumph des Westens über den Osten erzielt worden ist, dann sind das weder Geld noch Macht; dann ist es das Fernsehen. Dieser Triumph ließ sich über den gesamten von Mau untersuchten Zeitraum hinweg – die von heute aus gezählten fünf zurückliegenden Dekaden – in allen Haushalten feiern, die ein Fernsehgerät angeschafft hatten (spätestens in den 1980er-Jahren dürfte es kaum noch Ausnahmen gegeben haben). Dieser Triumph ließ sich als subversive Freude genießen, ohne (im Westen) je besonders leistungsorientiert gelebt zu haben und ohne (im Osten) je auch nur ein einziges widerständiges politisches oder ökonomisches oder künstlerisches oder wissenschaftliches Wort sprechen zu müssen. Wer fernsah, war auf der Siegerseite. Vermutlich besteht die „Wende“ (ein Ausdruck, den Mau, vielleicht zu Recht, als Alltagsfloskel benutzt) einfach darin, dass das Fernsehen nicht mehr glücklich macht.

Aber der Reihe nach – was sich anbietet, weil das Buch selbst klar sequenziell geordnet ist: Einer in Reminiszenzen schwelgenden, eher touristisch als historisch informierten ersten Hälfte („Leben in der DDR“) schließt sich eine strukturanalytische zweite Hälfte an („Transformationen“). Wie ein Falz in einem Rorschachtest liegt „die Wende“ zwischen diesen beiden Hälften, das ganze diagnostische Bild entfaltet sich im Nachhinein: Fast immer ist von Ereignissen, Erlebnissen, Empfindungen „nach der Wende“ (passim) die Rede, so dass die der DDR gewidmete Hälfte ein post-festum-Entwurf ist. Entscheidend für die Qualität des Textes ist der zweite Teil, und er ist auch der bessere; vielleicht hätte der erste überhaupt fehlen und vergleichenden Blicken Platz machen sollen in die ältere (etwa Theodor Geigers luzide Mentalitätsanalyse der 1920er- und frühen 1930er-Jahre[2]) und die neueste Literatur (Marcus Böicks präzise Analyse der vier Treuhand-Jahre[3]); von Blicken nach Polen und Tschechien, Ungarn und die Staaten Jugoslawiens und der Russischen Föderation zu schweigen. Das zwanzigste Jahrhundert beginnt in diesem Buch ungefähr 1970, also sehr spät; dafür dauert es noch an. Zudem beschränkt es sich auf einen nördlicheren Streifen Ostdeutschlands, interessiert sich aber noch nicht einmal für die Geschicke des Baltikums oder der östlichen Hansestädte, zu denen Rostock immerhin gehört.

Auf den ersten Blick gelungen ist die Idee, diesen zweiten Teil mit einer Metapher des sozialen Wandels, eben „Transformationen“ zu bezeichnen, weil auf diese Weise eine dynamische Stabilität oder (in der erwähnten depressiven Stimmung) eine instabile Dynamik bezeichnet ist. Unter diesem Label ist es möglich, auf die für sozialistische Gesellschaftsformen typischen Eschatologien zu verzichten, ohne sie jedoch ganz aufgeben zu müssen – denn der Sozialismus versteht sich ja selbst als transitorisch, als Übergangsstadium zwischen Kapitalismus und Kommunismus in der Vorform allgemeiner Wohlfahrt (man könnte auch sagen: als unvermeidlich korrupte Vorform einer perfekten gesellschaftlichen Vollendung). Dass dieses transitorische Selbstverständnis wenn nicht eschatologisch, so doch prädestinativ grundiert ist und sich in entsprechend massiven Disziplinierungen auslebt, für die soziologisch der Ausdruck Sozialkontrolle zur Verfügung steht, kommt hier viel zu kurz oder wird bagatellisiert. „Niemand“, heißt es im ersten Satz des entscheidenden zweiten Teils, „hatte der DDR eine Ewigkeitsgarantie gegeben, aber alle hatten sich über vierzig Jahre an ihre Existenz gewöhnt“ (S. 113). ‚Gewöhnung‘ ist soziologisch, Bourdieu sei Dank, als habitus verständlich, als habituelle Trägheit, als hysteresis – ob man ihr nun den Namen Gemeinschaft gibt („wir Neubaukinder“, S. 41) oder nicht (die Gefahr, „in einen identitätspolitisch aufgeladenen Neotribalismus [zu] verfallen“ und sich „in der mentalen Wagenburg der Ossifizierung“ einzurichten, wird ausdrücklich benannt, S. 212 und 214). Der dieser hysteresis entsprechende wohlfahrtsstaatliche Modus ist Sozialkontrolle. Immer sind „alle sozialen Antennen aufgerichtet und auf Empfang geschaltet“ (S. 121).

Auf den zweiten Blick allerdings erscheint dieser zweite Teil in gewisser Weise resignativ, weil er das, was das gesamte Buch rahmen sollte – das Transformationsproblem –, als Transformationsgeschehen auf eben den zweiten Teil zurücknimmt. Die „Transformationsgesellschaft“ aber kann mit dem Mauerfall oder der Währungsunion nicht begonnen, sondern sich doch nur fortgesetzt haben – und gerade die Form dieser Fortsetzung kann mit dem Disruptionsbegriff der ‚Frakturierung‘ sehr einleuchtend beschrieben werden. Auch Brüche sind Fortsetzungen, weil auch Zerstörungen Fortsetzungen sind, und eine Sozialstruktur lässt sich (wie etwa neuere Netzwerkbegriffe zeigen, wie aber auch aus der Managementliteratur seit Langem bekannt ist) sogar besser prozessieren, wenn jede Fortsetzung disruptiv geschieht. (Flapsig gesagt sind Netzwerke die Widerstände der Gesellschaft gegen kreative Zerstörung: Sie überbrücken jeden Riss und jeden Bruch, so dass Risse und Brüche nie etwas anderes sind als Vervielfachungen möglicher re-entries des angeblich Überwundenen ins angeblich Neue.) Meine Erwartung an das Buch, dem Titel nach, war genau das gewesen: die DDR nicht als gewesene Welt zu verstehen, die durch eine Transformationsgesellschaft abgelöst worden ist, sondern von einer Transformationsgesellschaft auszugehen, der sich die Strukturformen vor und nach 1989 auf je eigene Weise zuordnen lassen. Dann ist es kein Handicap mehr und schon gar keine soziologische Überraschung, die Merkmale der vermeintlich überholten Welt in der aktuellen überall vorkommen zu sehen –es ist vielmehr das Erwartbare: Frakturierung kann, gerade als Strukturbegriff, ja nur heißen, was auch empirisch und historisch auf der Hand liegt, dass nämlich die Formen des Gewesenen neu vernetzt und dadurch zugleich reaktualisiert und redefiniert werden. Alle Disruptionen sind Verknüpfungen früherer Disruptionen und soziologisch interessant ist nicht die eher phänomenologische Frage, wie sich diese Verknüpfungen zeigen, sondern die strukturtheoretische Frage, welche Varianten solcher Disruptionen sich wie (und warum) vernetzen.

Dass dem Aufbau des Buches die Parameter der Sozialstrukturanalyse zumindest orientierend zugrunde liegen, wird bereits im erzählenden ersten Teil deutlich. Das Erzählen wird dabei von informativ gemeinten Hinweisen zur Baugeschichte (und nicht einmal hier geht es um den Stadtteil Lütten Klein je anders als exemplarisch), zur Bildungsplanung, zur Arbeitsorganisation, zu Alltagsleben und Privatheit – all dies eingespannt zwischen Gleichberechtigungsabsicht und Nivellierungseffekt – leider fast erstickt. Die Textgestalt macht den Eindruck eines Skripts für eine Stadtführung, die nicht an den klassischen Sehenswürdigkeiten hängen bleiben will und diese doch nur um Absonderlichkeiten ergänzt, die angeblich nur der Eingeweihte zu sehen vermag. Es werden Zitate und Versatzstücke anderer Autoren eingefügt, die genannt, aber nicht diskutiert werden und dadurch sämtlich Lust darauf machen, den Text zu verlassen und am angezeigten Ort weiterzulesen. Den beobachteten Leuten als Autorinnen und Autoren ihrer je eigenen Lebensbeschreibungen wird viel zu wenig, ja fast gar kein Raum gegeben; sie kommen kaum je selbst zu Wort. Dadurch fehlt die eigensinnige Sprache derer, um die es geht; erwähnt wird sie allenfalls in amüsiert-anekdotischem Stil („Man trank vor allem Bier und Schnaps; Wein und Sekt waren besonderen Anlässen oder den Frauen vorbehalten“, S. 66). Überhaupt streut das „man“ zu sehr, um nicht einen Normativitätsverdacht anstelle des gesuchten Interesses für Normalität zu hegen: die Rede ist einmal, treffend, von „Verhaltensnormen..., denen man sich unterzuordnen hatte“ (S. 67) – aber umstandslos setzt der Satz sich so fort: „Jemanden, der den ganzen Tag lesend im Bett verbrachte oder am Vormittag stundenlang im Café die Sonne genoss, hätte man für suspekt gehalten oder womöglich ‚Gammler‘ genannt“ (ebd.). Welche Art Soziologie sollte das sein, die mit solchem „hätte man womöglich“ hantiert? Und wie trennt eine solche Soziologie zwischen diesem Allerwelts-„man“ und dem Staats-„man“, zumal dort, wo die Trennung textstrategisch zwar insinuiert, empirisch aber gerade falsch sein dürfte (etwa zu Gastarbeitern aus Asien und Afrika: „Als Arbeitskräfte waren sie der DDR willkommen, für ihre gesellschaftliche Integration tat man jedoch so gut wie nichts.“, S. 95)? Solche Nachlässigkeiten setzen sich fort. Natürlich wird wieder einmal an die „Arbeiterschließfächer“ erinnert und an Heiner Müllers „Fickzellen mit Fernheizung“-Bemerkung (S. 30), ohne Verweis auf das Stück, in dem diese Bemerkung fällt (es ist Germania 3[4]), mit dem Zusatz „Ganz so einfach ist es allerdings nicht.“ (ebd.) – als habe Müller das behauptet.[5] Natürlich heißt es wieder einmal, der Totalitarismusverdacht sei überzogen, denn schließlich habe Aljoscha Rompe auf Hiddensee „in den Wind“ konzertiert (S. 99), und ohnehin habe jeder „hier und da kleine Räume des Ausprobierens“ finden können, der „seine Ansprüche nicht allzu offensiv anmeldete und den Staat nicht provozierte“ (S. 106). Natürlich wird die (richtige) These der Arbeitsgesellschaft wieder einmal lieber mit kruden Stories des Warentauschs bebildert (S. 107); die Arbeitswelt im engeren Sinne bekommt nicht einmal einen eigenen Abschnitt. All das wird mit Fotos optisch aufbereitet, die jedoch nicht diskutiert und schon gar nicht problematisiert werden; offenbar haben sie bloß illustrativen Charakter – was angesichts ihrer expliziten Ankündigung auf dem Buchtitel vielleicht verständlich wäre, wenn es sich um einen Reiseführer handelte, aber soll das Buch denn ein solcher sein? Ist das hier „ein Sammelsurium aus alt und neu, das den Eindruck des Gelebten vermittel[n]“ soll (S. 41)? Oder nicht doch eine um Verstehen bemühte soziologische Analyse? Warum geht Mau das Risiko ein, dass die im Textfluss eingefügten Interviewbruchstücke (sic!), da sie nie kontextualisiert werden, wie ausgedacht wirken könnten (vgl. nur etwa S. 52, wo ein und derselbe „Werftarbeiter“ zwischen flapsigen Ausdrücken – dumm kommen, auflaufen lassen, die da oben – und formalistischen Floskeln – die Partei- und Staatsführung – gewechselt haben soll; zahlreiche weitere Fälle im zweiten Teil)? Sprechen „die Ostdeutschen“ tatsächlich in Textbausteinen – und wenn ja (Ich halte das, gerade auch nach der Lektüre dieses Buches, für möglich!), warum geht eine Sozialstrukturanalyse, die in mentalitätshistorischer Absicht geschrieben wird, dem nicht nach?

Die Frage, „ob das Ende der DDR das Ergebnis einer Revolution war oder ob es sich um einen schlichten Zusammenbruch handelte“ (S. 114), muss jedenfalls als beantwortet gelten. Revolutionen sind, ich verkürze vielleicht, nichts anderes als Strukturformen genau jener „politische[n] Ökonomie der Unsicherheit“, mit der auch hier treffend (aber wieder nur schlagwortartig) Ulrich Beck zitiert wird (S. 160). Zumindest die Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts sind Managementformen (start-ups) einer entschlossenen (das heißt rücksichtslosen) Avantgarde; bei Schumpeter[6] hätte sich lesen lassen, wie die „Wende“ laufen würde. Diese manageriale Avantgarde bereitet den Zusammenbruch vor (sie „wirtschaftet [ab]“, S. 115) und inszeniert die „Zerfallserscheinungen“ (S. 117) im richtigen Moment (plötzlich) für das gesellschaftliche Publikum, damit die Lage als unmissverständlich und unvermeidlich erlebt und damit die Avantgarde als neue Führung akzeptiert wird. Rivalitäten zwischen Avantgarden sind um so wahrscheinlicher, je komplexer die zu revolutionierende Welt ist. Und da auch technologisch oder sozialkulturell rückständige Welten („wenn man den Teppich zurückrollte, ließ sich eine Bodenklappe öffnen“, S. 119) komplex sind, mag es sowohl Beharrungs- als auch Innovationsavantgarden gleichzeitig geben, beide ihrerseits in Varianten, die um die durchschlagendste Inszenierung dessen streiten, was die einen rückblickend „Zusammenbruch“ und die anderen im Nachhinein „Revolution“ nennen werden. Unvermeidlich auch hier wieder das Marx-Zitat aus der Hegel-Kritik: „War bislang alles starr und vorbestimmt“ (Aber hatte nicht der erste Teil des Buches genau das dementiert?), „hatten die versteinerten Verhältnisse, mit Marx gesprochen, nun plötzlich zu tanzen begonnen“ (S. 212). Mit Marx? Nein (praktischerweise fehlt jeder Beleg), gegen Marx; denn der hatte doch geschrieben, „man [müsse] diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“[7] Wie diese Melodie klingen würde, hat Christoph Schlingensief 1990 in seinem Film Kettensägenmassaker anschaulich gemacht. Wie sah der Tanz aus, den „die Ostdeutschen“ sogleich nach ihr vollführt haben (wie eine „Reise nach Jerusalem“, heißt es auf S. 172)? Woher, wäre zu fragen, haben „die Ostdeutschen‘ ihre eigene Melodie gekannt? Aus dem Fernsehen; der Protest war auf der Straße aufgetreten, aber die „Verführungsagenturen“ (S. 123), die ihn choreographierten, brachten wie gewohnt „jede Menge Schokoladentafeln mit Parteilogos ans Bett“ (ebd.), und prompt „kollabierte die DDR [...] in den Schoß der Bundesrepublik hinein“ (S. 124).

Es war ein mechanisches Ballett in Gips, schneller Sex mit Chips bei laufendem Programm, wenn Steffen Mau zu glauben ist (Und der war ja dabei!). Jedenfalls „dauerte (es) nur wenige Monate, ehe die Mechaniken der politischen Verriegelung wieder einrasteten und von beweglich auf starr, von richtungsoffen auf zielgerichtet schalteten“ (S. 122). Auf diese „Zwischenzeit“ (S. 129) richtet sich in der individuellen Erinnerung wie auch im politischen Gedächtnis die eingangs erwähnte Sehnsucht, nicht auf „die DDR“.

Wieder verliert sich der Text in erzählenden Reminiszenzen (und vielen literarischen Verweisen), die sich so seit Jahrzehnten in immer neuen Ausschmückungen überall lesen lassen. Wieder geht er viel zu flott über die ökonomischen (aber immerhin gibt es dazu jetzt die Ausführlichkeit, die im ersten Teil fehlt), politischen, kulturellen und familialen Strukturformen hinweg, die diese Zeit verdichteter Kontingenz (üblich wäre es, eine solche Zeit als Katastrophe zu bezeichnen) zu einem Phantasma machen konnten. Ich würde sagen: Die „Wunschmaschine“ lief heiß, nachdem sie jahrzehntelang wie geschmiert vor sich hin gemahlen hatte.[8] Dass Wünsche den Wünschenden an sein Begehren ketten und ihn – was zu schneller Auskühlung führt – in einen nie zu überwindenden Nachrang gegenüber den Wunscherfüllenden bringen, lässt die Sehnsucht nach der heißen Zeit überleben. Das Problem liegt nicht darin, wie die eigene Lage aussieht, sondern wie sie erlebt wird, und sie wird immer – das ist der funktionale Sinn der Wunschmaschine – als verbesserbar erlebt. Und diese Maschine arbeitet (funktioniert) selbstreferenziell: Es gibt keine Möglichkeit, die Erfüllung eines Wunsches als Erfüllung zu erleben – stets wird das désir restituiert. Es ist wahr: „(Man) findet […] bei tonangebenden Diagnostikern ausufernde Defizitlisten“ (S. 140), aber an diesen Listen schreiben alle Beteiligten mit, sie sind keine Zumutung von außen – diese „Diskurse des Ungenügens“ (S. 154) sind Übersetzungen von Wunschzetteln. Das vorliegende Buch belegt das gleich selbst: Der erste Teil nennt die Punkte, die auf die Liste zu nehmen wären; der zweite weist die Möglichkeit einer solchen Liste zurück. Kommunikationspraktisch ist vielleicht nichts weiter passiert, als dass die als Wunschzettel gemeinte Defizitliste, die „die Ostdeutschen“ an „die Westdeutschen“ zur Bearbeitung geschickt haben (mit einem sehr schönen Lapsus des Textes: an „die Bande nationaler Einheit“, S. 147), mit einem Zusatzeintrag zurückgesandt worden war. Dieser Zusatzeintrag waren „die Ostdeutschen“ selbst.

Fußnoten

[1] Eugen Ruge, „Wir waren keine Ostdeutschen“, in: taz.de vom 17.12.2017 (zuletzt angesehen am 27.7.19; im Literaturverzeichnis des vorliegenden Bandes ein Jahr vorausdatiert auf 2018).

[2] Theodor Geiger, Panik im Mittelstand, in: Die Arbeit VII (1930), 10, S. 637–654.

[3] Marcus Böick, Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994, Göttingen 2018.

[4] Heiner Müller, Germania 3. Gespenster am toten Mann, Köln 1996.

[5] Aus dem Fragment Nächtliche Heerschau (Nacht, Berliner Mauer. Thälmann und Ulbricht auf dem Posten.) „Ulbricht: Wenn du das Ohr an den Boden legst, kannst du sie schnarchen hören, unsre Menschen, Fickzellen mit Fernheizung von Rostock bis Johanngeorgenstadt, den Bildschirm vorm Schädel, den Kleinwagen vor der Tür. (Schüsse. Leuchtspur.) Wieder einer. Hoffentlich ist es nicht mein Abschnitt.“

[6] Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, erw. Aufl., Stuttgart 1993.

[7] Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: ders., Die Frühschriften, Stuttgart 1971 [1843/44], S. 207–224, hier: S. 211.

[8] Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Bd. I, Frankfurt am Main 1977, hier S. 7 ff.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.