Mau-Buchforum (2) – Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Jenseits der Gräben

Das jüngste Buch des renommierten Berliner Soziologen Steffen Mau stellt eine außerordentliche und höchst ungewöhnliche Neuerscheinung auf dem deutschen Büchermarkt dar. Außerordentlich deshalb, weil der Autor aus der ostdeutschen Provinz stammt, aus der DDR, dies aber weder für einen Mangel noch für ein Privileg hält, sondern schlicht für Normalität – auch für einen Hochschullehrer an einer ostdeutschen Universität. Ungewöhnlich ist das Buch, weil es sich hierbei um ein gut lesbares und unbedingt lesenswertes Fachbuch zu einem eigentlich schon abgedroschenen Thema handelt, das jedoch, so wie es aufgebaut und geschrieben ist, überhaupt nicht abgedroschen wirkt.

Ganz im Gegenteil. Die Anlage des Buches ist originell, der Stil betont sachlich, die Darstellung zudem aufgelockert durch Interviews, Zeitzeugenberichte und anschauliche Beispiele. Der lokale Bezug einzelner Aussagen wird durch einige exemplarisch in den Text eingefügte Fotos optisch eindrucksvoll unterstrichen. Und es fehlt auch nicht an aktuellen Bezügen und sachkundigen Hinweisen auf die in nächster Zukunft – etwa im Anschluss an die im September beziehungsweise Oktober 2019 in drei ostdeutschen Bundesländern anstehenden Landtagswahlen – zu erwartenden politischen Irritationen, die die ostdeutsche Problematik nach einem längeren Dornröschenschlaf wieder auf die politische Tagesordnung setzen werden.

Positiv hervorzuheben ist auch der unaufgeregte, jenseits ideologischer Grabenkämpfe angesiedelte Tonfall der Publikation. Wollte man bisher möglichst objektive und unvoreingenommene Publikationen über die DDR und den Transformationsprozess in Ostdeutschland lesen, war man gut beraten, sich eher Autoren aus dem Ausland zuzuwenden, wie beispielsweise G. A. Akerlof, Charles S. Maier, Konrad Jarausch oder Nicolas Offenstadt. Viele der ostdeutschen Autoren waren als einstige Mitgestalter und Repräsentanten der DDR sowie als von Abwicklung, Elitenaustausch und Ausgrenzung besonders Betroffene selbst zu sehr in diesen Prozess involviert, als dass sie zu einer distanzierten Betrachtung der Ereignisse fähig gewesen wären. Etliche sahen sich nach dem Ende der DDR, nach deren Selbstauflösung und Inkorporation in die Bundesrepublik, in eine Verteidiger- beziehungsweise Opferrolle gedrängt, die ihre Wahrnehmung und Wertung des Erlebten beeinflusste. Je prominenter und älter sie waren, desto stärker war dies der Fall. Und ein nicht unerheblicher Teil der westdeutschen Wissenschaftler war nach ihrem unverhofften ,Sieg‘ blind für die sich rasch verändernden Realitäten, im Osten wie im Westen. Sie blieben Gefangene ihrer im kalten Krieg erlernten und eingeübten ideologischen Vorurteile und Deutungsmuster. In ihrer Haltung spiegelte sich nicht zuletzt auch die fehlende Bereitschaft von weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft wider, nach dem Kollaps der DDR eine wirkliche Vereinigung (gemäß Artikel 146 GG) und einen nationalen Neuanfang zu wagen. Ungeachtet der Tatsache, dass ein als „Wiedervereinigung“ apostrophierter Beitritt gemäß Artikel 23 GG als „Anschluss“ historisch vorbelastet war,[1] wurde dieser Weg gegangen. Und als infolge der seit 1990 praktizierten Vereinigungspolitik im Osten zunehmend wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Verwerfungen auftraten, waren nicht wenige der im Westen sozialisierten Experten bemüht, die Probleme nachträglich der DDR anzulasten und nicht etwa der aktuellen Politik. Nachdem diese Interpretationen mit wachsendem zeitlichen Abstand immer weniger zu überzeugen vermochten, sind heute neue Erklärungen, eine eingehende Relektüre der DDR-Geschichte und eine gründliche Aufarbeitung der Transformationsprozesse gefordert. Steffen Mau ist ein Autor, der dies aus sozialwissenschaftlicher Sicht zu leisten vermag.

Dafür prädestiniert ihn einerseits seine Herkunft: Er ist in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Rostocker Plattenbausiedlung Lütten Klein aufgewachsen und kennt folglich das Leben in der DDR aus eigener Erfahrung. Andererseits gehört er einer vom Schicksal begünstigten Generation an, den „sogenannten Neunundachtzigern“. Diese befanden sich als Jugendliche zum Zeitpunkt der „Wende“ in der „entscheidenden Phase ihrer politischen Sozialisation“ (S. 199) und schauten deshalb mit wachem Blick in die Zukunft. Den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 nahmen sie – im Unterschied zu der Generation vor ihnen – vor allem als Chance wahr und weniger als Katastrophe. Im Buch beschreibt Mau diese Haltung sehr anschaulich als eine Besonderheit seiner Generation, für die sich der Umbruch 1989/90 wie für keine andere Altersgruppe dargestellt hat. Dies eröffnete ihm auch die Chance, in der akademischen Zunft der Bundesrepublik bis zum Universitätsprofessor aufzusteigen – eine Option, die der Generation vor ihm grundsätzlich versagt blieb.

Im vorliegenden Buch unternimmt Mau nun den Versuch, die persönliche Biografie mit einer Analyse des Gesellschaftssystems der DDR und einer Beschreibung der Transformationsprozesse seit 1990 organisch miteinander zu verbinden. Die Bewältigung dieser anspruchsvollen Aufgabe ist dem Autor erstaunlich gut gelungen. Besser vielleicht, als er selbst geahnt hat, denn im Text bekennt er mehrfach und beinahe entschuldigend, dass seine Sicht auf die Verhältnisse „subjektiv“ sei: Die „Nutzung der eigenen biografischen Erfahrung“ färbt sein „Porträt der ostdeutschen Gesellschaft ohne Zweifel subjektiv ein, bietet aber auch das Privileg der Innenschau, des Dabeigewesenseins“ (S. 19). Die getroffenen Aussagen und Einschätzungen verlieren durch ihre Subjektivität zwar an Allgemeingültigkeit, sie gewinnen aber ganz klar an Authentizität. Auch das macht das Buch letztlich lesenswert.

Der erste Teil widmet sich dem Alltagsleben in der DDR. Mau konzentriert sich bei seiner Rückschau insbesondere auf die 1980er-Jahre, also auf die Niedergangs- und Krisenphase, wobei ihm eine von den üblichen Klischees weitgehend freie Darstellung gelingt. Was der Leser findet, ist die Beschreibung des ganz normalen Lebens in Lütten Klein. Die DDR fungiert dabei einfach als eine „existentielle Tatsache“ (S. 92), die Mau zudem in relativ freundlichen und warmen Farben ausmalt. Schließlich sind es die Kindheit und die Jugend des Autors, welche die Vorlage für seine Schilderungen bieten. Grundsätzlich zu begrüßen ist es, dass Mau schablonenhaften Deutungen, in denen die DDR auf Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit reduziert wird, eine Absage erteilt. „Die Vorstellung, die DDR sei eine vor allem (oder gar ausschließlich) repressive Kommandogesellschaft gewesen, in der es außer Kontrolle, Konformität und Unterordnung nichts weiter gab und in welcher die staatlichen Agenturen unbegrenzten Zugriff auf alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens hatten, erweist sich“, so das Resümee des Autors, „als überzogen“ (S. 99). Zwar gab es staatliche Übergriffe und Versuche, auch das private Leben der Bürger politisch und ideologisch zu reglementieren. Gleichwohl lehnt Mau die Charakteristik der DDR als „totalitäres Gebilde“ ab und übernimmt stattdessen die von Günter Gaus beziehungsweise Günter Grass verwendeten Formeln von der DDR als „Nischengesellschaft“ (S. 104) und als „kommode Diktatur“ (S. 106).

Die Fragen, was für ein Staat die DDR tatsächlich war, welche ideologischen und institutionellen Geburtsfehler ihr inhärent waren, aber auch, welche Vorzüge und Potenziale sie besaß, werden noch viele Generationen beschäftigen. Der Rückblick, den Steffen Mau hier bietet, trägt dazu bei, den historischen Tatsachen besser als bisher gerecht zu werden. Als empirisch vorgehender Wissenschaftler stützt er sich auf Belegbares, nicht zuletzt auf selbst Erlebtes. Dabei kommt ihm zugute, dass Lütten Klein in vielerlei Hinsicht durchaus typisch war für die DDR der Honecker-Ära – und noch heute typisch ist für die ostdeutsche Peripherie.

Der zweite Teil des Buches ist den ostdeutschen Transformationsprozessen nach 1989 gewidmet. Den Ausgangspunkt bildet dabei die kollektive Erfahrung, dass gesellschaftliche Systeme „über Nacht wie ein Kartenhaus zusammenfallen“ können (S. 111). Hieran schließt sich die Erkenntnis an, dass „Systemdefekte“ im Rückblick naturgemäß immer deutlicher hervortreten, als man sie ex ante wahrgenommen hat. Es gab aber 1989 eine „Revolution“, wodurch die Verhältnisse „zum Tanzen“ gebracht worden sind! Über diese Revolution, ihre Akteure und deren Ziele gibt es bis heute unterschiedliche bis gegensätzliche Auffassungen. Mau markiert die unterschiedlichen Positionen, betont dann aber: „Was die eigentlich risikoaversen DDR-Bürger trieb, war dabei weniger die Lust am Untergang [der DDR, U. B.], als vielmehr die Hoffnung auf Veränderung [Reformen, U. B.].“ (S. 119) Ganz richtig sieht er auch, wie die Initiativen für eine ,bessere DDR‘ schon bald ins Leere liefen und der ganze Prozess einer „politischen Fernsteuerung“ unterworfen wurde (S. 121),weshalb spätestens seit den Volkskammerwahlen vom März 1990 in der DDR von einer „kollektiven Unterordnung unter die Spielregeln der Bonner Politik“ gesprochen werden muss (ebd.).

Obwohl alle diese Vorgänge hinreichend bekannt sind, ist es doch bemerkenswert, welche Unterschiede sich in den Darstellungen derselben immer wieder finden lassen. Mau zum Beispiel betont mehrfach, dass die DDR bis zu ihrem Beitritt zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 zwar ein souveräner Staat gewesen sei, sie sich aber de facto in den Monaten davor in einem „Übernahmemodus“ (S. 123) befunden habe. Auch ist in diesem Zusammenhang bei ihm von einem „Interregnum“ die Rede, das vom Herbst 1989 bis zum 3. Oktober 1990 gedauert habe, also ein ganzes Jahr. Nach meinem Eindruck folgt der Autor hier unkritisch dem Mainstream, der dazu tendiert, bereits die Aktionen vom Herbst 1989 als bewusste Schritte auf dem angestrebten Weg zur „Wiedervereinigung“ zu deuten. Diese „Mauerfall“ und „Einheit“ vorschnell in eins setzende Perspektive übersieht, dass zwischen beiden Ereignissen elf ereignisreiche Monate lagen in denen (nicht nur) politisch sehr viel passiert ist. Tatsächlich hat, was ebenfalls häufig aus dem Blick gerät, die DDR ja nicht 40 Jahre bestanden, sondern 41 (minus vier Tage). Indem Steffen Mau dieses für die Demokratiebewegung der DDR so wichtige 41. Jahr als „Interregnum“ bezeichnet und es in seiner Zeitskala zumeist übergeht, macht er einen Fehler, der weniger mathematischer als vielmehr politischer Natur ist. Seine Darstellung gerät damit in (vermutlich unfreiwillige) Nähe zu der oben skizzierten Position, die der Revolution von 1989 nachträglich eine deutlich andere Ausrichtung gab als sie ursprünglich hatte. Sie erscheint damit gewissermaßen als Aufstand für die deutsche Einheit. Man fühlt sich an die nachträgliche Interpretation des 17. Juni 1953 erinnert, bei dem der bundesdeutschen Politik und Geschichtsschreibung bereits ein ähnliches ,Kunststück‘ gelungen ist.

Die Achillesferse der Sozialwissenschaften ist bekanntlich die Ökonomie oder anders gesagt, deren Ökonomieabstinenz: Ökonomische Aspekte sind in sozialwissenschaftlichen Texten häufig unterrepräsentiert oder werden dort nur unzureichend behandelt. Ohne eine gewissenhafte Analyse der ökonomischen Faktoren bleibt die Beschreibung sozialer Prozesse aber immer unvollständig und unbefriedigend. Dem hier vorgestellten Buch und seinem Autor kann man einen derartigen Vorwurf jedoch nicht machen. Mau geht mit den ökonomischen Fakten sorgfältig um und stellt die für seine Argumentation notwendigen Bezüge zur Wirtschaft und zur wirtschaftlichen Entwicklung jeweils in erforderlichem Umfang her. Trotzdem sei es erlaubt, einige kritische Anmerkungen zu diesem Punkt vorzubringen. Diese betreffen zunächst die in Maus Ausführungen mitunter zu konstatierende Auslassung ökonomischer Determinanten. So ist zum Beispiel in der Einleitung von der „fortbestehenden Ost-West-Kluft bei den politischen Einstellungen“ (S. 12) die Rede, nicht aber von der fortbestehenden Ost-West-Diskrepanz bei den Einkommen und Vermögen. Der zur Erklärung der ostdeutschen Problematik angebotene Begriff einer „gesellschaftlichen Fraktur“ (S. 13) mag zur Beschreibung der Wirkung soziokultureller Faktoren hilfreich sein, darf aber Basisdeterminanten wie Einkommen und Vermögen nicht ausklammern oder unterbelichten. In der sozialwissenschaftlichen Literatur gibt es seit längerem den Begriff der „fragmentierten Entwicklung“,[2] der ökonomische, soziale, politische und kulturelle Komponenten berücksichtigt und entsprechende Defizite in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit erfasst. Warum wurde darauf nicht zurückgegriffen?

Intersystemische Vergleiche sind eine komplexe Angelegenheit – insbesondere dann, wenn es an übergeordneten Kriterien zu ihrer Durchführung fehlt. In solchen Fällen kann es schnell zu Fehlschlüssen oder Missverständnissen kommen. So ist es zum Beispiel nicht ganz zutreffend, für die Endphase der DDR von einer „anhaltenden ökonomischen Stagnation“ (S. 112) auszugehen, da es faktisch bis zuletzt ein bezifferbares Wirtschaftswachstum gab. Die sich daran anschließende Aussage, der zufolge die DDR in der Produktivität „bei einem Drittel des Westniveaus“ lag, beim Einkommensniveau aber bei 50 Prozent, muss ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Keine Volkswirtschaft der Welt würde eine derartige Differenz auch nur ein Jahr lang verkraften, geschweige denn Jahrzehnte! Hier liegt also ein Irrtum beziehungsweise eine zeitliche Ungenauigkeit vor. Neuere Berechnungen veranschlagen das Produktivitätsniveau der DDR für 1989 auf rund 45 Prozent des westdeutschen Niveaus, was volkswirtschaftlich plausibel und mit dem angenommenen Einkommensniveau von 50 Prozent kompatibel ist.[3] Fragwürdig ist auch, wenn der Autor für die unmittelbare Zeit nach dem ,Anschluss‘ der DDR an die Bundesrepublik von einer „Wohlstands- und Konsumexplosion“ spricht (S. 165). Er schreibt: „Das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wurde von dreißig auf siebzig Prozent des westdeutschen Werts gehievt. Diese Zuwächse waren aber im Wesentlichen transferfinanziert und basierten nicht auf eigener Leistungskraft.“ (S. 165) Als Beleg für diese Aussage wird eine soziologische Veröffentlichung aus dem Jahre 1992 angegeben, jedoch ohne Nennung der Seitenzahl. Hätte sich Mau der Mühe unterzogen, zur Überprüfung der Feststellung in eine ökonomische Statistik zu schauen, so hätte er bemerkt, dass sich die Angabe „dreißig Prozent“ nicht auf das Bruttoinlandsprodukt der DDR im Jahr 1989, sondern auf das Bruttoinlandsprodukt der ostdeutschen Wirtschaft am Tiefpunkt der Transformationskrise im Jahr 1991 bezieht und mithin als Basiswert für einen derartigen Vergleich nicht infrage kommt. Die genannten „siebzig Prozent“ aber beziehen sich auf das Jahr 2019 oder 2020 und sind hier deshalb gleichfalls fehl am Platze. Der letzte veröffentlichte Wert galt für 2017 und lautet: 68,0 Prozent.[4] Stellt man das in Rechnung, ist festzuhalten, dass sich die von Mau konstatierte „Wohlstands- und Konsumrevolution“ durchaus in Grenzen gehalten hat. Das zeigt sich insbesondere, wenn reale Werte verglichen werden: Legt man das genannte Einkommensniveau von rund 50 Prozent als Ausgangspunkt zugrunde, so bedeutet der in den zurückliegenden fast drei Jahrzehnten zu beobachtende Anstieg des ostdeutschen Niveaus auf rund 84 Prozent des Westniveaus eine durchschnittliche Konvergenzgeschwindigkeit von etwa 1,2 Prozentpunkten pro Jahr, wobei die Entwicklung seit Jahren zum Stillstand tendiert. Ob ein solcher Prozess mit dem Begriff der „Revolution“ richtig beschrieben ist, darf bezweifelt werden.

An anderer Stelle spricht Mau davon, dass es im Zuge der am 1. Juli 1990 vollzogenen Währungsunion zu einer faktischen Aufwertung der DDR-Währung um mehr als 300 Prozent gekommen sei. Das ist korrekt. Nicht korrekt ist es jedoch, wenn er diese Aussage, die streng genommen nur für die Exportwirtschaft gilt, mit der Kaufkraftentwicklung der Bevölkerung in Verbindung bringt (S. 125). Hier gab es diese Aufwertung nämlich nicht, da die Binnenkaufkraft der DDR-Mark in etwa der Kaufkraft der D-Mark entsprach, was der Autor an anderer Stelle auch einräumt. Andernfalls hätten die Preise nach der Währungsumstellung im Osten drastisch fallen müssen, was bekanntlich mitnichten der Fall war. Überhaupt hätte es sich angeboten, in diesem Zusammenhang einige Beispiele für die plötzliche und radikale Veränderung der Lebenshaltung und der Lebensweise der Menschen in Ostdeutschland anzuführen. Zum Beispiel die Tatsache, dass in historisch kurzer Frist die Mieten und die Verkehrstarife im Durchschnitt auf das Zwanzigfache des zuvor in der DDR üblichen Preisniveaus angestiegen sind, die nominalen Einkommen aber nur auf das Doppelte oder Dreifache – und das zudem außerordentlich differenziert. Ökonomische Analysen der einschlägigen Wirtschaftsforschungsinstitute sowie Einzelarbeiten von großer Aussagekraft liegen hierzu seit Jahren vor. Sie hätten zumindest partiell Berücksichtigung finden sollen.

Sehr gut gelungen sind die Kapitel „Unterschichtung, Überschichtung“ und „Demografischer Umbruch“. Auf Grund der hier getroffenen Aussagen in Bezug auf die Vermögensverteilung, die Migration sowie die Folgen des Geburtendefizits und der Überalterung im Osten zeichnet der Autor ein wenig optimistisches, dafür aber sehr realistisches Bild von der langfristigen Entwicklung. Die von ihm formulierte Hypothese von Ostdeutschland als einer „frakturierten Gesellschaft“ findet hier ihre Fundierung und Bestätigung. Auch die wichtigsten der in der Vergangenheit geprägten Schlagworte wie „Mezzogiornisierung“ des Ostens, „Brasilianisierung“ des Arbeitsmarktes, „Gesellschaft der kleinen Leute“, „Peripherisierung“ oder „Abkopplung“ der neuen Bundesländer tauchen hier auf und werden bekräftigt. Unpassend und nach inzwischen fast dreißig Jahren auch nicht mehr überzeugend wirkt dagegen die einst von Wolfgang Engler vehement vertretene These von den Ostdeutschen als „Avantgarde“ oder „Pionieren“ für ein Leben in einer veränderten Gesellschaft der Zukunft. Mau übernimmt diese These nicht, ebenso wenig wie er der Modernisierungstheorie der Soziologie als Grundlage und Erklärungsansatz für die Transformationsprozesse in Ostdeutschland folgt. Seine Erklärungen für bestimmte Entwicklungen, Brüche und Probleme – wie zum Beispiel für den erzwungenen Wechsel von Arbeit und Beruf für zwei Drittel aller Beschäftigten (S. 149) oder für die „soziale Separierung“ im Osten (S. 157) – sind stärker an der Praxis orientiert als die meisten soziologischen Ansätze und dürften auf eine relativ breite Zustimmung stoßen, da sie mit der Realität des täglichen Lebens und Erlebens übereinstimmen.

Zum Schluss noch eine Anmerkung zu den verwendeten Quellen und der ausgewiesenen Literatur. Zweifellos spiegelt das Literaturverzeichnis ein breites Spektrum vor allem sozialwissenschaftlicher Literatur und damit die Belesenheit des Autors wider. Es ist auch zu tolerieren, dass Mau sich als Soziologe überwiegend auf sozialwissenschaftliche Publikationen stützt und weniger auf offizielle politische Quellen, Regierungsberichte, volkswirtschaftliche Statistiken oder ökonomische Werke. Was aber auffällt und zumindest kritisch erwähnt werden soll, ist die weitgehende Aussparung ostdeutscher Autorinnen und Autoren, soweit sie nicht zur engeren scientific community der Soziologen gehören. So finden sich in dem immerhin 24 Seiten umfassenden Literaturverzeichnis vergleichsweise wenige ostdeutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihren Arbeiten vermerkt. Das gilt auch für entsprechende Institutionen wie etwa das Institut für Wirtschaftsforschung Halle/Saale (IWH), das Zentrum für Sozialforschung Halle (zsh) oder das Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien (BISS) sowie das sozial- und geisteswissenschaftliche Journal Berliner Debatte Initial, aus dem im Buch nur ein einziges Mal zitiert wird, obwohl hier seit 1990 mehr als 100 Beiträge zur Ostdeutschland- und Transformationsforschung veröffentlicht worden sind.

Zu unterstreichen ist die Feststellung: „Ostdeutschland ist […] keine Randnotiz, sondern möglicherweise ein Verdichtungsraum für auch andernorts zu beobachtende Verwerfungen.“ (S. 17). Die Richtigkeit dieser Feststellung zeigt sich in der Wirtschaft wie im Sozialen und in der Kultur, noch auffälliger aber in der Politik, wie etwa in der besonderen Anfälligkeit des Ostens für Erscheinungen von Populismus. Insofern ist angesichts der zu erwartenden Wahlgewinne populistischer Parteien in den neuen Bundesländern mit einem wieder erwachenden Interesse in der Bundesrepublik an Ostdeutschland und an der ostdeutschen Problematik zu rechnen. Das vorliegende Buch kann zu den anstehenden Debatten einen positiven Beitrag leisten, sofern es genügend aufmerksame Leserinnen und Leser im Osten wie im Westen Deutschlands findet. Das ist ihm zu wünschen.

Fußnoten

[1] Vgl. das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vom 13. März 1938.

[2] Vgl. Rainer Land, Ostdeutschland – fragmentierte Entwicklung, in: Berliner Debatte Initial 14 (2003), 6, S. 76–95; sowie Ulrich Busch / Rainer Land (Hg.), Zu Lage in Ostdeutschland, in: Berliner Debatte Initial 17 (2006), 5, S. 1–96.

[3] Vgl. Gerhard Heske, Bruttoinlandprodukt, Verbrauch und Erwerbstätigkeit in Ostdeutschland 1970 bis 2000. Neue Ergebnisse einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, Zentrum für historische Sozialforschung, Köln 2005, S. 90.

[4] Vgl. hierzu den von der Bundesregierung herausgegebenen Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2018, Berlin 2018, S. 114.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.