Mau-Buchforum (4) – Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Rückkehr nach Lütten Klein

Steffen Mau hat mit Lütten Klein ein ebenso persönliches wie informatives Buch vorgelegt. Seiner mit sehr viel Empathie und umfassender sozialwissenschaftlicher Expertise geschriebenen Studie gelingt es, dass Lesende aus West- und Ostdeutschland nicht nur das frühere Leben in der DDR besser verstehen, sondern auch den anschließenden Systemwechsel sowie die damit einhergehenden Folgen und „gesellschaftlichen Frakturen“ (nicht die einzige gelungene Wortschöpfung des Autors). Am Beispiel der titelgebenden Rostocker Plattenbausiedlung verwebt er gekonnt die Ebenen des beschriebenen ostdeutschen Sozialstruktur- und Mentalitätswandels mit seinen biografischen Erfahrungen, wobei die Schilderung auf Lesende zu keiner Zeit künstlich oder angestrengt wirkt.

Maus „persönliche Sozialgeschichte Ostdeutschlands“ (Klappentext) ist für unterschiedliche Leserkreise konzipiert. Den größten Gewinn aus der Lektüre des flüssig geschriebenen Textes dürften diejenigen ziehen, die 30 Jahre nach dem Fall der Mauer Interesse an einer soziologisch angeleiteten sowie prägnant präsentierten Rekonstruktion sozialstruktureller Besonderheiten der ehemaligen DDR haben. Ohne mit Fachbegriffen überfrachtet zu sein, präsentiert das mit einer Vielzahl an Verweisen auf Fakten und Quellen gespickte Buch ein vielfältiges und keineswegs einseitiges Bild von Mentalitäten und Charakterisierungen. Im ersten Teil schildert der Autor vor allem soziale und mentale Regelmäßigkeiten, die für die breite Masse und das „Leben in der DDR“ (S. 64) Geltung hatten. Mau konstatiert: „Mein Befund ist der einer stark nivellierten, um die Arbeit herumstrukturierten, geschlossenen und ethnisch homogenen Gesellschaft“ (S. 18), die sich von der westdeutschen Gesellschaft „grundlegend unterschied“ (ebd.). Die starke Nivellierung der Gesellschaft, die „weder vertikale Ungleichheit noch horizontale Diversifizierung“ (S. 63) kannte, hatte allerdings ihren Preis. Dieser bestand nicht zuletzt in „verstopften Aufstiegskanälen“ (S. 18), wie sie auch Steffen Mau im Zuge seiner eigenen Schulkarriere erfahren hat.

In seiner Diagnose der nach der Wiedervereinigung erfolgten „Transformationen“, die den zweiten Teil des Buches ausmacht, kommt er zu dem Ergebnis, dass viele der strukturellen Eigenheiten sich aufgrund der Erfahrung „soziokultureller Entwertung“ (ebd.) im Zeitverlauf nicht aufgelöst, sondern weitergetragen oder mitunter sogar vertieft haben. Die zur soziologischen Einordnung der Ziele und des Tempos der Transformationsprozesse in Ostdeutschland sowie der Entwicklung der Lebensqualität im wiedervereinigten Deutschland herangezogenen Varianten der Modernisierungstheorie reflektiert Mau im Rückblick[1] ausgesprochen kritisch: „Steuerungsdefizite, ein unterkomplexes Transformationsmodell, die Immunisierung gegenüber ostdeutschen Interessen sowie der institutionelle Garantismus für westdeutsche Besitzstände sind aus heutiger Sicht nur einige der problematischen Aspekte des damaligen Modernisierungspfades.“ (S. 142) Die Einführung der Marktwirtschaft in der ehemaligen DDR vergleicht er mit einem „gesellschaftlichen Tsunami“ (S. 150), durch dessen Wucht bislang geltende Strukturen, tradierte Ansprüche, Schutzinteressen und Bindungen zerstört wurden. Als Folgen dieser forcierten Form radikalen sozialen Wandels konstatiert Mau unter anderem eine „Kommodifizierung der Werktätigen“ (ebd.), „Deindustrialisierung in der Fläche“ und wachsende regionale Verödung (S. 154). Dabei verschweigt der Autor auch nicht, dass das Ausmaß der Betroffenheit durch den gesellschaftlichen Umbau höchst unterschiedlich war. Ob der eigene Arbeitsplatz erhalten blieb, man einen neuen bekam oder „in die Teufelsmühe von Jobverlust, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Umschulung“ (S. 160) geriet, war häufig eine Frage kontingenter Umstände: „Die DDR-Bürger hatten bei der Leistungsgesellschaft angeklopft“, so Mau, und „vielen öffnete nun Bruder Zufall“ (ebd.). Der erhoffte Aufstieg für alle in der ehemaligen DDR entpuppte sich rasch als Illusion. Das Ausmaß der Versäumnisse macht der Autor deutlich, indem er darauf verweist, „dass es bis heute nicht gelungen ist, ostdeutsche Aufstiege in die gesellschaftliche Führungsebene zum Normalfall werden zu lassen“ (S. 183).

Im abschließenden Kapitel des zweiten Teils geht Steffen Mau den Ursachen für die von ihm in Anschluss an eine Formulierung von Axel Honneth diagnostizierte „Verwilderung des sozialen Konflikts“ in Teilen Ostdeutschlands nach. Er beginnt mit der Rekonstruktion der Ereignisse in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1992, als in Rostock Lichtenhagen Brandsätze auf ein Haus flogen, das als Unterkunft für Asylbewerber diente und die Bewohner um ihr Leben fürchteten. Mau versucht sowohl die den Gewalttaten zugrundeliegenden Motive als auch die Folgen des bei den Menschen in Lichtenhagen bis heute nachwirkenden Stigmas zu verstehen. Es spricht für ihn und die Besonnenheit seiner Betrachtungsweise, dass er auch bei diesem komplexen Thema die Balance zwischen der Ebene der persönlichen Erfahrungen und der wissenschaftlichen Befunde findet und einfache Erklärungen vermeidet. Ebenso wie er den deutlichen Anstieg der Ausländerfeindlichkeit in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung gleichermaßen auf kulturelle und ökonomische „Anpassungsfriktionen“ (S. 226) zurückführt, bemüht sich Mau auch in der Diskussion um Auslöser für die gegenwärtige Verbreitung rechtspopulistischer Einstellungen in weiten Teilen Ostdeutschlands um eine differenzierte Betrachtung, die unterschiedlichen Faktoren Rechnung trägt. Neben „Diversitätsstress“ (S. 230) und „ökonomischen Ängsten“ (S. 232) verweist er dabei auch auf das „Gefühl kultureller Entwertung“ und das „Trauma mangelnder Wertschätzung“ (S. 233), um zu erklären, warum viele Ostdeutsche in besonderer Weise anfällig für Parolen sind, die Heimat und Herkunft zu einer Ressource in sozialen Verteilungskämpfen machen: „Gerade für die Ostdeutschen war das nationale Wir die Eintrittskarte zum Wohlstandsland Bundesrepublik; nun wird es gegen Neuankömmlinge gewendet.“ (S. 232)

Lesenswert dürfte das Buch voraussichtlich auch für diejenigen sein, die an den persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen eines 1968 Geborenen interessiert sind, der seine Kindheit und Jugend in einem Rostocker Neubauviertel in der ehemaligen DDR verbrachte. Mau besitzt die Gabe, das Erlebte so präzise und anschaulich zu schildern, dass er einem das Leben in der DDR, von dem der erste Teil des Buches handelt, tatsächlich nahebringt. Der Autor berichtet davon, wie er die Jahre in der Plattenbausiedlung in typisch „sozialistischer Lebensweise“ (S. 30) verbrachte; er erzählt, wie zur Zeit seines Wehrdienstes in Berlin plötzlich die Mauer fiel und er kurz darauf als Soldat der Nationalen Volksarmee an einem „spontanen Sitzstreik auf dem Exerzierplatz“ (S. 118) teilnahm; er schildert, wie er nach seiner Entlassung aus der Armee seine frühere Arbeitsstelle im VEB Schiffselektronik verlor und zunächst als ungelernter Krankenpfleger in einem Altersheim in der Nähe Rostocks arbeitete; und schließlich beschreibt er seine damals eher unbestimmte Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die rauschhafte Stimmung, die im kurzen „Sommer der Anarchie“ (S. 127) von 1990 unter den Angehörigen seiner Alterskohorte herrschte: „Man fand sich in einem völlig neuen Kosmos der Gelegenheiten wieder.“ (Ebd.). An der Berliner Humboldt-Universität wurde Steffen Mau am damaligen Institut für marxistisch-leninistische Soziologie zum Studium zugelassen und zog in eine der „verlassenen Wohnungen im Prenzlauer Berg“ (S.131). Als das Wintersemester nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 startete, hieß der Studiengang mittlerweile „Sozialwissenschaften“ und Mau erlebte aus nächster Nähe die Umbrüche im Wissenschaftsbetrieb, die an der Humboldt-Universität mit der „Abwicklung“ zahlreicher vorbelasteter Dozenten durch eine Strukturkommission einherging. Die Details seiner sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere und seines akademischen Werdegangs, der ihn von seiner Promotion in Florenz bis zur heutigen Professur an seiner ehemaligen Alma mater führte, blendet er dabei vermutlich auch deshalb bescheiden aus, weil seine berufliche Karriere tatsächlich eine Ausnahme im Transformationsprozess darstellt.[2]

Am Ende des Buches schildert Mau einige der Erlebnisse, die er während seiner zwischen Sommer 2017 und März 2019 unternommenen „Hausbesuche“ in der alten Heimat hatte. Die dabei in über 30 Interviews mit heutigen und ehemaligen Lütten Kleinern gesammelten „O-Töne des Erlebens“ (S. 19), die er immer wieder in seine eigenen Ausführungen einstreut, sind eine weitere Stärke des Buches. Sie verleihen den Leserinnen und Lesern ein Gefühl von der Stimmung und Maus Analysen Plausibilität. Dass es sich dabei gleichwohl um eine exemplarische und keine systematische Wende-Geschichte handelt,[3] versteht sich und wird auch vom Autor wiederholt hervorgehoben. Wenn Mau bei seiner „Rückkehr nach Lütten Klein“[4] feststellt, dass sich die in seiner Kindheit sozial eher homogene Plattenbausiedlung nun grundlegend verändert und in vier Milieus differenziert hat, die „in manchmal spannungsreicher, manchmal friedlich Koexistenz“ (S. 242) nebeneinander leben, dann ist die Reichweite seines Befunds entsprechend begrenzt: Die spezielle Mischung, zu der Mau „die etablierten und lang ansässigen Älteren, sozial Benachteiligte, ostdeutsche Durchschnittshaushalte und zahlenmäßig etwas kleiner die Migranten“ zählt (ebd.), ist in ihrer Zusammensetzung nur bedingt verallgemeinerbar für ganz Ostdeutschland. Aber die „abwartende, skeptische und desillusionierte Haltung, die von der Politik wenig erwartet, ihr aber auch nicht mit rebellischem Zorn entgegentritt“ (S. 243), die Mau beobachtet, beschreibt eine Stimmungslage, die sich längst nicht nur in Lütten Klein finden lässt. Insofern ist ihm mit seinen persönlichen Erkundungen in seiner vertrauten alten Heimat in der ostdeutschen Peripherie eine im besten Sinne exemplarische Studie gelungen, die am Einzelfall das Typische hervortreten lässt.

Fußnoten

[1] Rückblickend, so Mau, wirke die Fortschritts- und Modernisierungserzählung der westlichen Modellgesellschaft „angekratzt“ (S. 16).

[2] Im Jahr 2009 stammten von den 328 an deutschen Hochschulen lehrenden Soziologieprofessorinnen und -professoren gerade einmal 12 (knapp 4 %) aus der ehemaligen DDR. Siehe hierzu Steffen Mau / Denis Huschka, Who is Who? Die Sozialstruktur der Soziologie- Professorenschaft in Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 62 (2010), 4, S. 751–766.

[3] Für ein gleichfalls lesenswertes Buch, das auf der Basis von qualitativen Interviews mit 170 Bewohnern den Verlauf der sogenannten „Wende“ in der sächsischen Kleinstadt Wurzen schildert, vgl. Cordia Schlegelmilch, Eine Stadt erzählt die Wende – 1989 Wurzen / Sachsen 1990, Sax Verlag 2019.

[4] Mit der 2016 ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Rückkehr nach Reims des französischen Soziologen Didier Eribon teilt Maus Lütten Klein die seltene Eigenschaft, sowohl als literarisches Werk wie auch als soziologische Studie zu überzeugen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.