Militär und Gewalt

Sozialwissenschaftliche und ethische Perspektiven, herausgegeben von Jürgen Franke und Nina Leonhard

Zum wiederholten Male melden sich Sozialwissenschaftler, Historiker und Ethiker im Rahmen der Reihe „Sozialwissenschaftliche Schriften“ zu Wort. Verbunden sind diese Schriften durch den Umstand, dass die (meisten) Autorinnen und Autoren als Dozenten an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig sind. Nachdem „Auslandseinsätze der Bundeswehr“ (2009) und „Soldaten im Einsatz“ (2011) diskutiert wurden, findet nun das großflächige Thema „Militär und Gewalt“ Beachtung. Der Fokus des vorliegenden Bandes liegt „auf der Beschäftigung mit bewaffneter Gewalt, wie sie durch Streitkräfte vorgehalten, organisiert und angewandt wird.“ (5) Bei den Streitkräften, von denen in den folgenden zehn Beiträgen die Rede ist, handelt es sich fast durchgängig um die Bundeswehr.

Bei der Präsentation der Schwerpunkte des Bandes beweisen die Herausgeber eine geschickte Hand. Eröffnet wird das Konvolut mit Beiträgen zur Gewaltkonjunktur in der Geschichte, die etwa auf die Debatte um Steven Pinkers Buch Gewalt1 Bezug nehmen, und zur politischen Brisanz von Religionen. Den größten Raum nehmen allerdings Aufsätze zum Spannungsfeld von Militär, Staat und Gesellschaft ein. Sowohl aus historischer als auch aktueller Perspektive werden sodann die „Gewaltdispositionen“ und „Gewalterfahrungen“ von Bundeswehrsoldaten untersucht. Den Band beschließen zwei Beiträge zum Themenkreis der Militär- beziehungsweise Friedensethik.

Aus der Vielzahl der Texte sollen im Folgenden nur einige interessante Thesen herausgegriffen werden. Als ausgesprochen fruchtbar erweist sich die Systematik, mit der Co-Herausgeber Jürgen Franke in zwei Beiträgen das Problem demokratischer Kontrolle der Streitkräfte angeht. Entscheidend ist sein Ansatz, ein prozessorientiertes Verständnis demokratischer Kontrolle zu entwickeln. Damit nimmt er Abstand von der vorschnellen Generalisierung eines bestimmten normativen Konzepts, zugleich wird die Vielfalt der verschiedenen Varianten demokratischer Kontrolle methodisch einholbar. Nicht zuletzt kann Franke mit dem notwendigen Nachdruck darauf hinweisen, dass es sich bei der Etablierung wirksamer Kontrollmechanismen um einen offenen Prozess der Gewaltmonopolisierung handelt. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass der Autor der nur angetippten „Steuerungsfunktion“ der Politik gegenüber den Streitkräften das notwendige Gewicht einräumt. Gerade im Hinblick auf politisch-strategische Steuerung und gesamtstaatliche Koordination besteht der wohl dringendste aktuelle Gestaltungsbedarf – während die Aufgabe, einen Staatsstreich zu verhindern, in unseren Breiten deutlich weniger vordringlich ist, wie kürzlich Hew Strachan anmerkte.2 Mit anderen Worten: Ungelöst bleibt nicht nur das brisante Problem, wie der politische Wille formuliert und organisiert wird, sondern auch die politisch-militärische Gretchenfrage wird nicht beantwortet, wie sich „Politik“ in „Taktik“ ummünzt und ob der formulierte Wille jemals das Gefechtsfeld erreicht.

Wie wenig die deutsche Sicherheitskultur sich auf einem „Sonderweg“ befindet, macht Heiko Biehl deutlich. An empirischen Befunden kann er zeigen, dass die „Normalisierung“, die in der öffentlichen Resonanz zu deutschen Auslandseinsätzen wiederholt eingeklagt wird, auch in anderen europäischen Staaten nicht anzutreffen ist. Wollte man von europäischer „Normalität“ in Bezug auf Militäreinsätze reden, wäre damit etwas ganz anderes zu bezeichnen: „Die Skepsis der hiesigen Bevölkerung gegenüber militärischen Mitteln entspricht viel eher einem europäischen Muster.“ (110) Hat sich also die Haltung der „postheroischen Gesellschaft“ (Herfried Münkler) auf dem gesamten Kontinent durchgesetzt – und was bedeutet das für die zivil-militärischen Beziehungen?

In ihrer Kritik des von Münkler formulierten Theorems arbeitet Nina Leonhard heraus, dass die „Kommunikationsschwierigkeiten“ zwischen „Gesellschaft“ und „Militär“, die „auf normativen wie funktionalen Differenzen beruhen“, nunmehr allein „auf Seiten der Gesellschaft verortet werden“. (149) Das Militär bleibe ausgespart, obwohl es analogen Wandlungsprozessen hin zu einer „Konstabulisierung“ (im Sinne von „Verpolizeilichung“) oder „Hybridisierung“ unterliege, die seit Jahren (wenn auch nicht einhellig3) unter dem Vorzeichen „postmodernes Militär“ diskutiert werden. Die Autorin plädiert vor diesem Hintergrund dafür, auch den Angehörigen der Streitkräfte einen „postheroischen“ Status zuzuweisen – sie nämlich weder als „tapfere Helden“ noch als „hilflose Opfer“ zu verstehen. Die Unterscheidung zwischen „Held und Opfer, zwischen sacrificium und victima“ (155), habe ausgedient. Der von Münkler und Armin Nassehi propagierten „heroischen Gelassenheit“ der Zivilgesellschaft4 sei, so muss man die Autorin verstehen, ein „soldatisches Selbstverständnis als postheroischer Krisenheld“ (154) zur Seite zu stellen. Ob damit der Gewalthaltigkeit soldatischen Handelns und Erlebens Genüge getan werden kann, möchte man bezweifeln – ein Eindruck, der von Maren Tomfordes Beitrag über „Gewalterfahrungen von Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz“ noch unterstrichen wird.

Auf Basis langjähriger und ausführlicher qualitativer Interviews mit deutschen Einsatzsoldaten kann Tomforde belegen, dass die unmittelbare Kampferfahrung nach wie vor zentral ist für das soldatische Selbstbild. Die Zivilgesellschaft reagiere auf die Extremerfahrung aversiv, weil diese das gepflegte Selbstbild der Gewaltabstinenz in Frage stelle. Die Autorin unterstreicht, dass dieser zivilisatorische Reflex zu einer ambivalenten Haltung gegenüber den Einsatzsoldaten führt. Einerseits würden diese pathologisiert („Traumatisierung“) und „von der Gesellschaft als abnormal ausgegrenzt“ (241), anderseits aber beobachtet Tomforde, dass die Soldaten mit zunehmender Gewalterfahrung im Auslandseinsatz (Afghanistan nach 2007) von den nächsten Angehörigen durchaus als „Helden“ angesehen würden.5 Die Diagnose einer „postheroischen Gesellschaft“ ist also viel weniger eindeutig, als ihre Verfechter annehmen. Auch in einen anderen Markenwein schüttet Autorin mit ihren Befunden reichlich Wasser, denn für das Phänomen des moralischen „Eskapismus im Krieg“, das besonders Harald Welzer mit anthropologischer Verve stark gemacht hatte,6 findet Tomforde wenig Bestätigung. Vielmehr werde „offenbar differenziert mit den Gefechtserfahrungen umgegangen“. (221) „Einsatzsoldat-Sein ist kein Job wie jeder andere“, resümiert ein Hauptmann der Bundeswehr, „er produziert aber auch nicht automatisch wertelose Kämpfer“. (233) Die einsatzbegleitende empirische Analyse des bundeswehreigenen Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, die seit 2010 unter der Leitung von Anja Seiffert vorgelegt wird, scheint damit bestätigt.7

Wirft man einen Blick in den instruktiven Aufsatz von Dierk Spreen über „die Kriegsautomaten der Zivilgesellschaft“ und die damit verbundenen Probleme bewaffneter Sicherheitsoperationen mit „semiautomatischen Systemen“, so wird drastisch sichtbar, dass die Automatisierung des Kriegsgeschehens, die ziviltechnologischen Entwicklungspfaden folgt, hochproblematische Folgen hat. Die Politik, so Spreen, reagiert damit auf die sinkende Legitimation militärischer Gewaltunternehmen und betreibt eine Selbstentlastung, die auf paradoxe Weise den Wunschvorstellungen ihrer „postheroischen“ Kritiker entgegenkommt. Kai-Uwe Hellmann hat den Kerngehalt dieser oftmals mit besten Vorsätzen oder aber mit analytischer Coolness garnierten Visionen8 einmal mit der sarkastischen Bemerkung kommentiert,9 dass erst der vollständige, flächendeckende und risikofreie Einsatz automatischer Kriegsmaschinen die Verwirklichung aller jener Sehnsuchtsvorstellungen ermöglichen würde, die Fabrik und Schlachtfeld, Arbeiter und Soldat, Mitbestimmung und Innere Führung auf einen Nenner zu bringen versuchen. Das wäre dann die Stunde, in der sich Bellizisten und Pazifisten in den Armen liegen, da die gesellschaftliche „Integration“ des Militärs rückstandsfrei gelungen und Gesellschaft und Militär vollends „kongruent“ geworden wären.

Dass es dazu nicht kommen wird, unterstreichen Volker Stümke und Hartwig von Schubert, deren Beiträge über ethische Probleme militärischer Gewalt den Band abschließen. Ihre Stärke besteht darin, „regulative Ideale“ an konkrete Fälle militärischen Handelns heranzutragen und dabei – vor allem Hartwig von Schubert macht das deutlich – die Konflikte zwischen konkurrierenden Legitimationsansprüchen deutlich zu machen. Der Orientierungspunkt ethischer Urteile ist das Rechtsempfinden; vor ihm muss sich jegliche Gewalthandlung rechtfertigen. Als Nichtethiker mag man monieren, dass hier eine dezidiert politische oder Dienstethik des Militärischen fehlt.10 Könnte es sein, dass das Misstrauen gegen die Ausformulierung einer Partialmoral, wie sie etwa in berufsethischen Konzepten vorliegt, hier die Feder geführt hat? Aus militärsoziologischer und -historischer Sicht ist offenkundig, welch eigenständigen und hohen Stellenwert professionelle Leitvorstellungen spielen, die moralische Intuitionen von dem, was man als Soldat „tut“ und was „man nicht tut“, formulieren und plausibilisieren. Die Konsensfähigkeit solcher Berufsethiken wird letztlich daran erprobt, ob sie – letztlich – mit universellen Moralvorstellungen kompatibel sind oder nicht. In diesem „letztlich“ kommt dann die Rechtsbindung des Handelns zum Ausdruck. Aber der Weg dorthin führt über mitunter recht fremde berufsspezifische Vorstellungswelten. Es wäre interessant, diesen Zusammenhang genauer auszuleuchten.

Der Sammelband bietet somit ein reiches Spektrum an Themen und Thesen, die eine Reihe gängiger Annahmen in Frage stellen. Einige der Beiträge provozieren zum Widerspruch, andere regen dazu an, über das Dargebotene hinauszudenken. Auf jeden Fall dokumentiert der Band, wie lebendig die militärsoziologische und -ethische Szene inzwischen geworden ist. Insofern füllt der Band diverse Lücken – nicht zuletzt jene, die durch die Abwesenheit einer gleichermaßen anspruchsvollen und lebendigen Militärpublizistik verursacht sind.

Fußnoten

1 Steven Pinker, Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, übers. von Sebastian Vogel, Frankfurt am Main 2011.

2 Hew Strachan, Making Strategy. Civil-Military Relations after Iraq, in: Survival 48 (2006), 3, S. 79.

3 Vgl. Anthony King, The Transformation of Europe’s Armed Forces. From the Rhone to Afghanistan, Cambridge 2011.

4 Vgl. Herfried Münkler, Heroische und postheroische Gesellschaften, in: Dierk Spreen u.a. (Hrsg.), Krieg und Zivilgesellschaft, Berlin 2012, S. 175ff.; Armin Nassehi, Der Ausnahmezustand als Normalfall. Modernität als Krise, in: Ders./Peter Felixberger (Hrsg.), Krisen lieben, Kursbuch 170, Hamburg 2012, S. 34ff.

5 Tomforde verweist auf ihren in diesem Jahr erscheinenden Aufsatz: Mein neuer Stamm, die Bundeswehr, in: Angelika Dörfler-Dierken / Gerhard Kümmel (Hrsg.), Am Puls der Zeit: Militärsoziologie in Deutschland zwischen Politik, Bundeswehr und Gesellschaft, Wiesbaden 2015.

6 Vgl. Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main 2005, S. 199.

7 Beispielsweise Anja Seiffert/Julius Heß, Afghanistanrückkehrer. Forschungsbericht des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam 2014.

8 Ich würde Herfried Münklers jüngste Ausführungen zum Zusammenhang von „Postheroismus“ und Drohnen hier einordnen. Vgl. Ders., Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert, Reinbek 2015.

9 Vgl. Kai-Uwe Hellmann, Bewährungsprobe – Die Innere Führung im Einsatz, in: Uwe Hartmann/Claus von Rosen/Christian Walther (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer militärischen Berufsethik, Jahrbuch Innere Führung, Berlin 2011/2012, S. 178–200.

10 Vgl. beispielsweise Thomas Bohrmann, Karl-Heinz Lather, Friedrich Lohmann (Hg.), Handbuch Militärische Berufsethik. 2 Bde. Wiesbaden 2013/14.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.