Ruin des Mittelstands

Gefahren der Corona-Krise für die liberale Demokratie

Wie wird sich die Corona-Pandemie auf die Politik auswirken? Ist mit einer weiteren nationalistischen Radikalisierung in Deutschland zu rechnen? Wird die Krise das rechte populistische Lager stärken? Oder wird die im Ausnahmenzustand rehabilitierte Staatsraison obsiegen und einen neuartigen Autoritarismus etablieren? Um diese Fragen zu beantworten, ist es angebracht, einen Blick auf die Mittelschichten im Lande zu werfen. Durch die Corona-Krise sind bereits jetzt große Teile des Mittelstandes in ihrer Existenzgrundlage bedroht. Inhaber kleiner Läden, Händler, (Solo-)Selbständige, Angestellte in von Insolvenz bedrohten kleineren und mittleren Unternehmen stehen plötzlich vor dem Nichts. Die Rettungsschirme des Staates werden kaum sämtliche Verluste kompensieren können, sodass für längere Zeit mit einer existenziellen Verunsicherung der Mittelschichtsangehörigen zu rechnen ist. Die große Masse der Sparer unter ihnen wurde bereits durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank arg gebeutelt. Nimmt man die bestehenden strukturellen Probleme in diesem Gesellschaftssegment, wie etwa die Entwertung traditioneller beruflicher Qualifikationen und statusanzeigender Symbole als Folgen der Globalisierung hinzu, dann eröffnet sich ein mehr als düsteres Zukunftsszenario.

Warum ist die Krise der Mittelschichten ein gesamtgesellschaftliches Problem? Und was hat sie mit dem Rechtsradikalismus zu tun? Sehr viel! Ein Blick in die Geschichte macht das deutlich: Wo immer nationalistische Bewegungen auftraten und sich radikalisierten, stellten insbesondere krisengebeutelte Mittelschichten sowohl das Gros ihrer Anhängerschaft als auch ihr loyalstes Rekrutierungsfeld. Bereits die Dreyfus-Affäre, die Generalprobe zum nationalsozialistischen Judenmord, hatte ihre indirekte Ursache im Ruin von einer halben Million mittelständischer Existenzen, die der Panama-Skandal in Frankreich nach sich zog.[1] Auch der italienische Faschismus der 20er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Resultat des engen Schulterschlusses zwischen der großen Land-, Finanz- und Industriebourgeoisie und breiter Segmente des Kleinbürgertums (Privat- und Staatsangestellte, freie Berufe, kleine Händler).[2] Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich für Deutschland: Die Wählerschaft der NSDAP setzte sich bei den fünf entscheidenden Wahlgängen zwischen 1928 und 1933 stets zu etwa 40 Prozent aus Berufsgruppen zusammen, die dem Mittelstand angehörten, also aus Selbständigen, Mithelfenden, Angestellten und Beamten.[3] Als in den 1950er-Jahren illiberale und nationalistische Tendenzen auch im US-amerikanischen McCarthyismus auftauchten, waren in dessen Gefolgschaft die selbständigen Gewerbetreibenden aus der Provinz ähnlich überproportional vertreten wie im Nationalsozialismus.[

Die bemerkenswerte Anfälligkeit für Rechtsextremismus, die gerade die traditionellen Mittelschichten in gesamtgesellschaftlichen Krisen an den Tag legen, ist freilich weder Zufall noch allein auf rechte Agitation und Hetze zurückzuführen. „Keine politische Bewegung von Bedeutung verdankt ihren Erfolg den Schlagworten ihrer Propaganda“, bemerkte einmal Hannah Arendt. Immer waren sie „tieferen, unterirdischen Strömungen und Konflikten geschuldet“.[5] Auch der Faschismus der Zwischenkriegszeit gewann seine Virulenz dadurch, dass er die strukturellen Widersprüche einer im Zerfall begriffenen Gesellschaft in nationalistische Konflikte umdeutete. Er machte sich dabei den latenten Nationalismus der Mittelschichten zunutze und pfropfte ihm einen völkischen Sinngehalt auf. So pervertierte er die republikanische Nationsidee und zerstörte durch die Auflösung der Trias von Gewaltmonopol, Territorium und Population das Gefüge des Nationalstaats.

Die notorische Empfänglichkeit der Mittelschichten für national-chauvinistische Empfindungs- und Denkmuster ist soziologisch darin begründet, dass ihre soziale Existenz aufs Engste mit dem Nationalstaat verbunden ist. Sie sind das ureigene Produkt des modernen Staates, der sich längst von den traditionellen gesellschaftlichen Klassen emanzipiert hat. In Gestalt eines anonymen bürokratischen Apparats hat er das neue moderne Herrschaftsprinzip der biopolitischen Gouvernementalität etabliert, mit dem er eine homogene Population von formal Gleichen regiert.[6] Es ist der Durchschnittstypus der nationalen Population, der durch den Mittelstand repräsentiert wird. Dessen Wohlergehen hängt unmittelbar vom Schicksal des eigenen Staates ab, von seiner internationalen Machtstellung, seiner ökonomischen Konkurrenzfähigkeit und seinem Wohlstandsniveau.

Für die Mehrheit der konservativen Mittelschichten, die die mit Abstand produktivsten Segmente der nationalen Gesellschaft sind, war der Nationalstaat auch in der Epoche der Globalisierung noch die wichtigste sinnstiftende politische Bezugsordnung. Die nationalen Ehrkodizes sind in diesem Milieu verhaltensbestimmend geblieben.[7] „Je größer die Machtentfaltung der Nation nach außen“, so der Soziologe und Nationalismusforscher Rainer Lepsius, „umso glanzvoller ist dann auch der Geltungsanspruch nach innen.“[8] Und umgekehrt gilt, dass wenn die nationale Wirtschaft im internationalen Konkurrenzkampf in Bedrängnis gerät, wie in den großen Wirtschaftskrisen der Vergangenheit oder derzeit in der ruinösen Corona-Krise, wird der nationale Mittelstand zuerst und zwar nicht nur in seiner sozioökonomischen Existenz, sondern auch in seinem kulturellem Selbstverständnis bedroht.

Als soziales Milieu verkörpern die Mittelschichten die gesamtgesellschaftliche Durchschnittsmoral, gleichsam die „Normalitätsvorstellungen“, und zwar sowohl im statistischen Durchschnitt als auch normativ. Und auch ihrem Selbstbild nach definieren sie die zentralen moralischen Maßstäbe der Gesellschaft, etwa im Hinblick auf Leistungsethos, soziale Umgangsformen und Lebensstilmodelle. Damit reklamieren sie für sich, den zentralen gesellschaftlichen Werten und Normen entsprechend zu leben – nicht zuletzt auch im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen. In ihrem Empfindungs- und Glaubenshorizont kommt dem nationalen Ehrgefühl eine zentrale Bedeutung zu, woraus sie den prinzipiellen Anspruch auf soziale Besserstellung und Privilegierung durch den Staat und gesellschaftliche Institutionen ableiten. Deshalb sind es die Mittelschichten, die in der modernen Gesellschaft das ökonomische und sozial-moralische Rückgrat des Nationalstaats bilden. Ihre Prätention, fraglos die gesellschaftliche Normalmoral zu verkörpern, verdichtet sich zu einem schichtspezifischen, latenten Nationalismus, der in Anlehnung an Hannah Arendt auch als „banaler Nationalismus“[9] bezeichnet werden kann, weil er trotz der ihm inhärenten Eskalationsdynamik als harmlos und „normal“ wahrgenommen wird. 

„Jede Bedrohung der wirtschaftlichen Lage der Mittelschichten“, führt Lepsius weiter aus, „erscheint zugleich als Bedrohung der gesellschaftlichen Moral, und jeder Klassenkonflikt, in den der Mittelstand verwickelt wird, verlängert sich für ihn in einen nationalen Notstand, in einen Angriff auf die Moral der Gesellschaft. [...] Eine durch wirtschaftliche Rationalisierung oder allgemeine Krise ausgeübte Pressur auf seine wirtschaftliche Lage radikalisiert den Mittelstand nicht nur im Sinne einer schärferen Interessenvertretung, sondern zugleich auch im Sinne eines Anwachsens nationalistischer Emotionen.“[10] Je tiefer die nationale Krise, desto mehr wird auch das Selbstverständnis der Mittelschichten, das moralische Maß der Dinge zu repräsentieren, erschüttert.

Der schichtspezifische Nationalismus zeigt dann leicht sein hässliches Gesicht und radikalisiert sich ins Extreme. Das in ruhigen Zeiten so harmlos erscheinende nationale Wir-Gefühl schlägt um in nationalistischen Exklusivitätsanspruch, Ethnozentrismus und Fremdenfeindlichkeit. Das im Nationalstolz angelegte, latente Aggressionspotenzial wird dann kurzerhand seiner zivilisatorischen Fesseln entledigt. Dass auch Demokratien davor nicht gefeit sind, liegt auf der Hand. Im Gegenteil, der aggressive Nationalismus tritt immer wieder als Verteidiger der Demokratie auf.[11] Zurückzuführen ist das unter anderem auf das ambivalente Prinzip der Volkssouveränität, das regelmäßig einer unheilvollen Verwechslung von Volk als politischem Prinzip (demos) und Volk als ethnischem Körper Vorschub leistet, insbesondere bei gesellschaftlichem Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen. Strukturprobleme der Gesellschaft werden so zu nationalistischen Konflikten, die sich unter bestimmten Bedingungen von den Verfassungsinstitutionen verselbständigen können.

Vor dem Hintergrund dieser historisch-soziologischen Befunde verheißt die Corona-Krise auf den ersten Blick nichts Gutes. Das Ausmaß der Bedrohung des Mittelstandes ist nach mehreren Wochen der Notstandsmaßnahmen so beispiellos wie der Stillstand des öffentlichen Lebens selbst. Ein strukturelles Potenzial für schichtspezifischen und radikalisierungsfähigen Nationalismus, das zeigen einschlägige Studien, war vor dem großen shutdown bereits vorhanden, vor allem bei den konservativen und enttäuschten Mittelschichten, die bei Wahlen eine so spontane wie unheilvolle Allianz mit Teilen der Arbeiterschaft, der prekär Beschäftigten sowie der unteren Lohngruppen eingehen.[12] Die Bevölkerungssegmente, die sich selbst als sozial entfremdet, abgehängt und deklassiert sehen, bilden erneut ein dankbares Rekrutierungsfeld für nationalistische und rechtsradikale Bewegungen und Parteien, ähnlich wie dereinst beim Aufstieg des Faschismus.

Allerdings verlaufen die innergesellschaftlichen Spaltungslinien heute grundlegend anders als damals: Bedeutsam geworden ist vor allem eine ideologische und politische Polarisierung innerhalb der Mittelschichten selbst. Auch kann heute nicht mehr die Rede davon sein, die Mittelschichten in toto seien latent nationalistisch eingestellt. Sowohl in sozialstruktureller wie in weltanschaulicher Hinsicht spricht hingegen vieles dafür, dass die Mitte der Gesellschaft in der Bundesrepublik von einem fundamentalen inneren Widerspruch geprägt ist. Zwar bleibt der Mittelstand strukturell anfällig für nationalistischen Extremismus. Dadurch wirkt das Gift des Faschismus latent weiter. Aber exakt in demselben Sozialmilieu gedeihen eben auch Gegenkräfte, die den chauvinistischen Radikalisierungstendenzen durchaus kraftvoll entgegenwirken können. Man denke an die Angehörigen der urbanen und akademischen Eliten, immerhin etwa ein Drittel des bürgerlichen Segments, die zu den Gewinnern der globalen postindustriellen Wissensökonomie zählen und dezidiert progressive, kosmopolitischen und postmaterialistische Werte vertreten.[13]

Nicht zu übersehen sind somit wirksame Gegentendenzen zum Nationalismus, etwa in der demokratischen Zivilgesellschaft, in den etablierten politischen Institutionen, die nach wie vor das Vertrauen der großen Mehrheit der Bürger genießen, sowie auf europäischer Ebene. Darin unterscheidet sich die heutige Situation wohl grundlegend von derjenigen in der Weimarer Republik am Vorabend von Hitlers Machtergreifung. Mit Adorno gilt es jedoch auch zu bedenken, dass es häufig so ist, „dass Überzeugungen und Ideologien gerade dann, wenn sie eigentlich durch die objektive Situation nicht mehr recht substantiell sind, ihr Dämonisches, ihr wahrhaft Zerstörerisches annehmen“.[14]

Fußnoten

[1] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 1986, S. 223 ff.

[2] Paolo Sylos Labini, Saggio sulle classi sociali, Bari 1978, S. 73 ff.

[3] Jürgen Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 288.

[4] Talcott Parsons, Structure and Process in Modern Societies, Glencoe 1960, S. 226 ff.

[5] Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 108.

[6] Michel Foucault, Naissance de la biopolitique. Cours au Collège de France 1978–1979, Paris 2004.

[7] Vgl. Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Michael Schröter, Frankfurt am Main 1989, S. 159 ff.

[8] Mario Rainer Lepsius, Extremer Nationalismus. Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, Stuttgart 1966, S. 17.

[9] Michael Billig, Banal Nationalism, Los Angeles, C.A. u.a. 1995.

[10] Lepsius, Extremer Nationalismus., S. 14.

[11] Jan-Werner Müller, „Das wahre Volk“ gegen alle anderen. Rechtspopulismus als Identitätspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 69 (2019), 9/11, S. 18–24.

[12] Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019.

[13] Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019, S. 90 ff.

[14] Theodor W. Adorno, Aspekte des Rechtsradikalismus [1967], mit einem Nachw. von Volker Weiß, Berlin 2019, S. 13.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.