Sicherheit in der Krise

Eine Reihe aus dem Sonderforschungsbereich "Dynamiken der Sicherheit" in Kooperation mit "Soziopolis"

Die aktuelle Bedrohung durch den Corona-Virus und die Atemwegserkrankung Covid-19 stellt sich in einem doppelten Sinne als eine Krise der Sicherheit dar. Zum einen kommt ein breites Repertoire an Sicherheitstechniken zum Einsatz, das weit über eingespielte Praktiken des Gesundheitsschutzes hinaus reicht. Die Sorge gilt nicht alleine Körpern, sondern auch Lieferketten, Infrastrukturen und kollektiven Affekten. Zum anderen erweisen sich in Krisenzeiten hergebrachte Sicherheitstechniken als unzureichend, defizitär oder reformbedürftig. Verfahren mit einer langen Geschichte werden unter neuen Bedingungen reaktualisiert. So erlebt die frühneuzeitliche Quarantäne von Schiffen eine Rückkehr, der Hausarrest wird in Kontexte liberalen Regierens von individueller wie kollektiver Mobilität eingefügt, die Sorge um die öffentliche Ordnung revitalisiert Logiken der frühmodernen medizinischen Polizey. Maßnahmen wie die Verfolgung von Hochrisikokontakten („tracking“), die Ausweispflicht oder das Vorgehen gegen Gerüchte finden sich auf eine neue medientechnische Basis gestellt. Die gegenwärtige Situation ruft Sicherheitsmaßnahmen mit größter Dringlichkeit auf den Plan, um sie zugleich einem grundsätzlichen Test außerhalb von Laborbedingungen auszusetzen.

Diesen komplexen Zusammenhang werden wir in einer Reihe von Beiträgen ausleuchten, die in den kommenden Wochen erscheinen. Ausgehend von konkreten Repertoires und Heuristiken der Sicherheit gilt es, gegenwärtige Problemkonstellationen zu analysieren und in ihrer historischen Tiefendimension zu erfassen. Initiiert und kuratiert wird die Reihe vom SFB/Transregio 138 „Dynamiken der Sicherheit“, der an der Philipps Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen angesiedelt ist. Seit 2014 widmet sich dieser Verbund in 19 Teilprojekten der Frage, wie sich Formen der Darstellung und Herstellung von Sicherheit entwickelt haben. Beteiligt sind neben der Geschichtswissenschaft – vom Mittelalter über die Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte – die Soziologie, Politikwissenschaft, Kunstgeschichte, Rechtswissenschaft und die Medienwissenschaft. Diese interdisziplinären Perspektiven wollen wir für eine sozial- und geisteswissenschaftliche Analyse der Corona-Krise fruchtbar machen. Zu fragen ist: Welche Repertoires und Heuristiken der Produktion von (Un)Sicherheit kommen aktuell zum Einsatz? Welche Wissensformen und Problematisierungen werden wirkmächtig, was gilt als praktikable Lösung und legitime Expertise? Was sind die entscheidenden Räume und Temporalitäten der Sicherheit? Wo endet Sicherheit, was erscheint als nicht sicherheitsrelevant? Und welche historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten lassen sich bei alldem beobachten?

Thorsten Bonacker
Sven Opitz

 

Selbstverständlich sind auch Beiträge von außerhalb des SFB willkommen. Sie können zum Review an: angela.marciniak(at)staff.uni-marburg(dot)de und wibke.liebhart(at)his-online(dot)de gesendet werden.

 

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Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.