Von der individuellen Konstruktion der Freundschaftsrolle zum Unterstützungsnetzwerk

Julia Hahmann über Freundschaftstypen älterer Menschen

Julia Hahmanns Studie Freundschaftstypen älterer Menschen: Von der individuellen Konstruktion der Freundschaftsrolle zum Unterstützungsnetzwerk widmet sich einer taxonomischen Fragestellung mit einer praktischen Absicht (15–20). Die Fragestellung ist schnell auf den Punkt gebracht: Hahmann versucht die Freundschaftsmuster1 älterer Menschen anhand einer Reihe von Aspekten zu klassifizieren. Auch der praktische Hintergrund der Studie erschließt sich unmittelbar: Sie fand im Rahmen des Forschungsprojekts „City 2020+“ der Stadt Aachen statt, das die Anpassungsfähigkeit einer alternden Bevölkerung an extreme Wetterbedingungen ermitteln sollte (ebd.).

Will man verstehen, wie die taxonomische Fragestellung und die Evaluation der Vulnerabilität einer alternden Bevölkerung ineinandergreifen, ist zunächst ein Blick auf die Ergebnisse der typologischen Rekonstruktion Hahmanns vonnöten. Die Analyse basiert auf 37 qualitativen problemzentrierten Interviews mit Personen zwischen 52 und 81 Jahren (159f.). Die Autorin unterscheidet dabei die Freundschaftsmuster primär anhand der folgenden Merkmale: Struktur, Rollenhierarchisierung und Alltagsintegration (266). Unter Struktur fallen die formalen Eigenschaften der Freundschaftsbeziehungen, die beispielsweise vor allem als Zweierbeziehung gelebt werden, Teil einer festen Clique sind oder nur im Rahmen von Gruppenaktivitäten existieren (179). Der Begriff der Rollenhierarchisierung dagegen zielt darauf, wie sich Freundschaften in weitere Beziehungen und Beziehungsgeflechte wie Partnerschaft, Nachbarschaften und Verwandtschaftsnetzwerke einordnen. Für manche Menschen sind Freunde die einzige und primäre Quelle sozialer Nahbeziehungen, für andere sind Freundschaften elementarer Teil flächigerer Nachbarschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen. Für wieder andere spielen Freundschaften kaum eine Rolle oder stellen nur eine angenehme, aber nicht notwendige Ergänzung der sozialen Nahwelt dar (181). Mit der Kategorie Alltagsintegration wiederum erfasst Hahmann den Umstand, dass von der formalen Struktur des Freundschaftsnetzwerks und seiner Einbettung in andere soziale Beziehungen die unterstützenden Freundschaftspraktiken zu unterscheiden sind: Manche Freunde sehen einander nur selten und wenn, dann tauschen sie sich vor allem über alte Geschichten und etwaige Neuigkeiten aus, andere dagegen binden ihr Gegenüber eng in die praktische Bewältigung des Tagesgeschehens ein. Vielleicht steht man einander aber auch in ganz spezifischen Problemlagen zur Seite (180).

Das Resultat dieser Anstrengungen ist eine komplexe Typologie der Freundschaftsmuster älterer Menschen. Hahmann unterscheidet insgesamt sechs Typen:

  • Die Substituierenden:

Sie zeichnen sich durch eine starke Fokussierung auf ihre Freunde aus. Die Befragten pflegen sehr enge Zweierfreundschaften (Typus: Bester Freund/beste Freundin), die wichtige Funktionen im Alltag haben. Typisch ist auch, dass sie entweder nicht liiert sind oder bereits den Bruch einer Partnerschaft erlebt haben. „Hieraus ergibt sich die substituierende Funktion der Freundschaften, sie ersetzen in Teilen die Partnerschaft.“ (189–207)

  • Die Integrativen:

Diese Menschen pflegen viele enge Freundschaften, haben aber zugleich starke Familienbindungen. Oft sind sie auch in „Gemeinschaften des Ortes“, also Nachbarschaften oder Vereinen, aktiv. Deshalb verfügen sie über umfangreiche, diverse soziale Netzwerke, die sehr unterstützungsaktiv sind. Ihre Freundschaften sind in der Regel zwar eng, dienen jedoch primär der Geselligkeit. Für Gespräche über wichtige und intime Dinge etwa ziehen sie vor allem den Ehepartner heran. (208–219)

  • Die Begleitenden:

Sie haben vor allem Freundschaften, die sich durch eine lange Beziehungsdauer auszeichnen. Viele der Freundschaften datieren aus der Kindheit oder der Jugend. Die familiären Kontakte dieser Personen sind in der Regel eng, freundschaftliche Bekanntschaften werden dagegen meist nur lose gepflegt, weil die Befragten den Wert von Beziehungen besonders in ihrer langen Dauer sehen. Bei der Bewältigung alltäglicher Probleme spielen die Freunde der Begleitenden jedoch eine untergeordnete Rolle. (220–232)

  • Die Individualisten:

Sie haben wenige enge Freunde und keinen Partner. Wenn sie überhaupt über enge Freundschaften verfügen, haben sie diese vor allem ihrer Jugend zu verdanken. Ferner sind die Individualisten zumeist räumlich sehr mobil, weshalb die Kontaktfrequenzen zu den wenigen engen Freunden in der Regel niedrig sind. Dafür verfügen sie häufig über einen Kreis loser Bekanntschaften, der vor allem für die Bewältigung von Freizeit aktiviert wird (233–242).

  • Die Dualisten:

Sie treten nur als Paar auf. Ihre Freundschaften wie auch ihre Bekanntschaften pflegen sie daher in der Regel mit anderen Paaren oder im Rahmen von Aktivitäten, die es gestatten, gemeinsam zu erscheinen. Dabei ist häufig ein Partner der aktive Teil, der die Freundschaftsaktivität forciert. Der andere Teil verhält sich als Nutznießer der sozialen Gelegenheiten, die sein Partner erzeugt. Damit ist der Typ sozialer Unterstützung benannt, den Dualisten in der Regel von ihren Freunden erfahren: die Chance auf entlastende Paargeselligkeit, nämlich das Beisammensein in einer größeren Gruppe, das eine Abwechslung zur isolierten Interaktion mit dem Partner bietet. Ein Bedürfnis nach praktischer Unterstützung haben die Dualisten dank ihrer eingespielten partnerschaftlichen Arbeitsteilung nämlich üblicherweise nicht (243–255).

  • Die Verwurzelten:

Diese Gruppe ähnelt den Integrativen in nahezu allen Hinsichten (viele Freunde, hohe Kontaktfrequenz, sehr unterstützungsaktiv, sehr lokalverbunden), mit einer Ausnahme: Sie führen ihre Freundschaften ausschließlich als Teil der Aktivität einer größeren Gemeinschaft. Somit fassen sie ihre Freundschaften vor allem als Kollektivbeziehungen und nicht primär als Zweierbeziehungen auf. (256–265).

Wie aber hängt diese Typologie mit der praktischen Fragestellung der Arbeit zusammen? Was kann sie dazu beitragen, die Gefährdung einer alternden Bevölkerung durch extreme Wetterlagen zu erhellen? Ein kritischer Einwand liegt nahe: Spätestens seit Eric Klinenbergs Studie zu den Opfern der Chicagoer Hitzewellen des Jahres 1995 ist bekannt, dass soziale Isolation im hohen Alter ein Risikofaktor für den Hitzetod ist.2 Eine vor extremen Wetterbedingungen geschützte ältere Bevölkerung wäre demnach eine, die über ein aktives, regelmäßiges und auf mehreren Säulen ruhendes Sozialleben verfügt. Welchen Nutzen eine umfangreiche Typologie der Freundschaftsmuster in diesem Zusammenhang noch haben sollte, ist nicht auf Anhieb ersichtlich. Um die Gefährdung der älteren Bevölkerung abzuschätzen, müsste es ja genügen, einen robusten Indikator für die Bedrohung durch soziale Isolation zu entwickeln. Ein einfaches Kriterium etwa könnte sein, dass der Ausfall eines einzigen persönlichen Kontakts in die soziale Isolation (wie auch immer man diese konkret definiert) führen würde.

Von Hahmann lernt man jedoch, dass die Preußen so schnell nicht schießen. Die Risikoabschätzung ist weitaus schwieriger, weil eine reine Betrachtung aktuell bestehender Kontaktgelegenheiten die Anpassungsfähigkeit verschiedener Unterstützungsnetzwerke mit ihren typischen Freundschaftsmustern nicht beachtet. Soziale Unterstützungsnetzwerke sind aber dynamische Gefüge, die sich an sich verändernde Umstände und an den Ausfall einzelner Beziehungen unterschiedlich gut anpassen können. Um es an einem der Hahmann'schen Freundschaftstypen zu verdeutlichen: Die Dualisten wären in der Regel nicht dazu in der Lage, den Ausfall ihres Partners aufgrund von Tod oder Scheidung zu kompensieren. Ihr ganzes Unterstützungsnetzwerk wird durch den Partner koproduziert und besteht zudem aus Beziehungsstrukturen, für deren Aufrechterhaltung der Partner eine wichtige Ressource ist (288–292). Um es plakativ zu sagen: Zu einer Runde Doppelkopf braucht man ohne die bessere Hälfte nicht aufzukreuzen. An der Partnerschaft hängt folglich das ganze Unterstützungsnetzwerk. Wichtig ist hier auch die zusätzliche Einsicht, dass Freundschaftsnetzwerke zum Teil selbst die soziale Struktur bilden, in der neue Partner gefunden werden. Die Dualisten sind daher besonders gefährdet, weil durch den Verlust der Partnerschaft mithin gerade die soziale Ressource verlorengeht, die zu einem Ersatz für den Partner verhelfen könnte (288–292).

Hahmann dekliniert die Problematik der Anpassung an fünf kritische Lebensereignisse für die sechs Freundschaftstypen durch, indem sie als Beispiele den Verlust der Partnerschaft, die starke Zunahme der räumlichen Entfernung zu Unterstützungspersonen, die Verkleinerung des Unterstützungsnetzwerks durch Tod und Beziehungsunterbrechungen, altersbedingt sinkende Mobilität und den Eintritt der Pflegebedürftigkeit annimmt. Die Anpassungsszenarien sind schlüssig argumentiert. Hahmann verbindet dabei geschickt eine dynamische Netzwerkperspektive mit soziologischen Lebensverlaufs-, Alters- und Gendertheorien, um zu zeigen, welcher Freundschaftstypus über welche systematischen Adaptationspotenziale verfügt. Die Darstellung aller Einzelheiten (5 kritische Lebensereignisse x 6 Freundschaftstypen = 30 Anpassungsszenarien) würde hier den Rahmen sprengen, ist aber jedem alterssoziologisch interessierten Leser zu empfehlen.

Freundschaftstypen älterer Menschen ist eine sehr gelungene qualitative Studie, die sich durch ein akkurates methodisches Vorgehen und interessante Einsichten in die sozialen Bedingungen der Vulnerabilität beziehungsweise der Resilienz einer alternden Bevölkerung auszeichnet. Auch gilt es herauszustellen, dass die Autorin sich die Sicht auf Freundschaftsphänomene nicht durch eine zu enge Begriffsdefinition verbaut, wie das in „Policy-Sociology“-nahen Studien häufig üblich ist. Sie erfasst durch eine von akademischen Freundschaftsdefinitionen vorinformierte, aber für die Freundschaftsdefinitionen der Befragten gleichwohl aufgeschlossene Herangehensweise eine enorme Bandbreite an unterstützenden Praktiken und unterschiedlichen Freundschaftsformen. Bei aller Offenheit behält sie dabei aber stets eine für ihre Studie zweckmäßige Engführung des Freundschaftsbegriffs bei, die in eine schlüssige Freundschaftsmustertypologie einmündet: Die Autorin erfasst Freundschaft als eine vielgestaltige, in der Regel nicht-institutionalisierte, solidarische soziale Nahbeziehungsform, die in unterschiedlichen strukturellen Rollen und Netzwerkformaten auftritt – und die sich als solche wissenschaftlich klassifizieren lässt.

Kritisch ist anzumerken, dass ihr dabei die freundschaftstheoretischen wie auch die gegenwartsdiagnostischen Pointen entgehen, die sich aus einer Konzeptualisierung von Freundschaft als eine belastbare und praktischen Zwecken zugewandte Sozialform ergeben. Exemplarisch kann diese Kritik an ihrer sehr knappen Rezeption des Weber'schen Freundschaftsbegriffs festgemacht werden (80). Dominant ist bei Max Weber – etwa in seiner Rechtssoziologie3 – die Vorstellung, Freundschaft sei im Prinzip eine Vorform des rationellen Vertrages mit spezifischen Rechten und Pflichten, die im Zuge der gesellschaftlichen Rationalisierung durch andere, rechtlich kodifizierte und/oder bürokratische Formen abgelöst werde. Die implizite These Webers, die Luhmann später in Liebe als Passion4 auf die Spitze treibt, lautet daher, Freundschaften verlören mit Anbruch der Moderne in Fragen handfester sozialer Unterstützung ihre Funktion. Man brauche im Zweifel keine Freunde mehr, um die Hilfe zu erhalten, die einem zustehe. Hahmann hingegen rekonstruiert Webers Freundschaftsbegriff einzig als „soziale Beziehung“ mit ihren spezifischen formalen Eigenschaften (80). Die gesellschaftsdiagnostischen Aspekte in Webers Behandlung der Freundschaftsthematik kommen dagegen nicht zur Sprache, und ganz ähnlich verhält es sich mit ihrer Darstellung der einflussreichen Freundschaftskonzeptionen Georg Simmels, Leopold von Wieses und Ferdinand Tönnies‘ (75–79).

Der springende Punkt ist also, dass die Arbeit historische und gesellschaftsdiagnostische Aspekte, die mit der Frage nach der Freundschaft in der soziologischen Theorietradition immer verknüpft gewesen sind, systematisch zugunsten formaler Aspekte der Bestimmung von Freundschaftsbeziehungen abblendet. Die gesellschaftstheoretischen Konsequenzen ihrer Konzeptualisierung der Freundschaft als einer wichtigen solidarischen Primärbeziehung zeigt Hahmann daher nicht auf. Eine solche Kritik – so viel muss an dieser Stelle aus Gründen der Redlichkeit einschränkend gesagt werden – speist sich allerdings aus dem Interesse des Rezensenten an einer allgemeinen, historisch informierten und gesellschaftstheoretisch geerdeten Freundschaftstheorie. Als Beitrag zu einer solchen war die Studie mit ihrer praktischen Ausrichtung auf die Vulnerabilität einer alternden Bevölkerung freilich gar nicht vorgesehen.

Fußnoten

1 Nota bene: Gemeint sind nicht Typen der Freundschaft, an die bei dem Titel auch gedacht werden könnte. Letzeres betrifft Freundschaften im Sinne von Zweier-, Dreier- oder Gruppenbeziehungen, ersteres hingegen das übergreifende Muster der Freundschaftsführung sowie des Freundschaftsnetzwerks einer Person, in dem ganz disparate Typen von Freundschaften vorkommen können.

2 Eric Klinenberg, Heat Wave. A Social Autopsy of Disaster in Chicago, Chicago, IL, 2003.

3 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, hg. von Johannes Winckelmann, 5., rev. Aufl., Studienausgabe [Nachdr.], Tübingen 2002.

4 Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt am Main 1994.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.