Von der Seuche der Häresie zur Unsicherheit des Staates

Ein Beitrag zur Reihe "Sicherheit in der Krise"

Aus kleinen, zunächst unbeachteten Infektionsherden können gewaltige Epidemien entstehen, die das soziale Leben zum Stillstand, die gesellschaftliche Ordnung ins Wanken und den Staat in ernsthafte Schwierigkeiten bringen können. Das, was für europäische Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts vor der Corona-Pandemie ein geografisch oder zeitlich weit entferntes Szenario darstellte – das Ebolafieber grassierte auf dem afrikanischen Kontinent und die Spanische Grippe verbreitete sich vor mehr als hundert Jahren –, war für die Menschen in der Frühen Neuzeit alltägliche und oft grausame Realität. Die Corona-Krise zwingt uns auch jenseits der unmittelbaren Auseinandersetzung mit COVID-19, über damit einhergehende und darüber hinausgehende gesellschaftliche Wandlungsprozesse nachzudenken – hierfür lässt sich aus den Erfahrungen der Frühen Neuzeit einiges ablesen.

Seuchen und Epidemien gab es bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in ganz Europa, die Krankheitswellen machten vor keiner Region halt: Der Kontinent wurde zwischen 1500 und 1650 von mindestens fünf großräumigen Pestwellen erschüttert; bei der Pestwelle um 1630 verloren in Städten wie Lyon, Mailand, Nürnberg, Venedig und Verona jeweils die Hälfte, zuweilen zwei Drittel der Bevölkerung ihr Leben.[1] In vormals blühenden Städten und belebten Regionen kam das Leben durch die Folgen der Seuchen immer wieder komplett zum Erliegen. Die Metropole Paris war besonders schwer betroffen. Im 16. Jahrhundert erlebte die Stadt durchschnittlich alle drei bis vier Jahre eine Seuchenepidemie und bei der Pest von Paris 1466 starben schätzungsweise 40.000 Menschen, also etwa ein Viertel der Einwohner. Der Umgang mit Seuchen in der Frühen Neuzeit zeigt, dass die gesellschaftlich verankerte Erfahrung mit Epidemien wie auch die ständig drohende Gefahr einer neuen Krankheitswelle die politische Kommunikation, das Reden über Sicherheit, die Konstruktion von Sicherheitsbedrohungen und die Rolle des Staates grundlegend verändert haben.

Seuchensemantiken spielten eine erhebliche Rolle und konnten enorme Dynamiken der Versicherheitlichung auslösen, in denen der Staat (zunächst noch) ein treibender Akteur war, die sich aber auch radikalisieren und gegen ihn wenden konnten. Unter „Versicherheitlichung“ verstehen wir jenen Prozess, durch den ein Thema in der öffentlichen Debatte zum existenziellen Sicherheitsproblem erklärt wird. Im Folgenden soll an einem für die Frühe Neuzeit – gerade für die von schweren Seuchenwellen erschütterte Zeit bis 1650 – wichtigen Beispiel gezeigt werden, welch starken Einfluss das Leben mit und das Reden von Seuchen auf die politische Kommunikation besaß: der Bekämpfung von religiös heterodoxen Gemeinschaften, deren Lehren mit hochansteckenden Krankheiten gleichgesetzt wurden.

1557 veröffentlichte der katholische Theologe und Publizist Esprit Rotier ein Pamphlet über Gegenmittel, oder Gegengift und amtliches Handeln, gegen die Pest der Häresien. Die Seuchen- und Krankheitsmetaphorik findet sich nicht nur im Titel, sondern in der ganzen Flugschrift. Der Calvinismus sei „weit ansteckender“ als jede andere Krankheit und erfordere damit ein „gemeinschaftliches Rezept zum Schutz gegen […] diese Pest“. Denn der Calvinismus habe als Krankheit die gleichen Eigenschaften wie die „körperliche Pest“, etwa was die „Ansteckung durch die Luft“ betreffe. Dagegen helfe nur das tägliche Gebet als „vorderste Arznei“, die Trennung von Gesunden und Kranken, um die weitere Ausbreitung des Calvinismus zu verhindern, und schließlich die rigide Verfolgung aller ‚Infizierten‘. Ansonsten seien die Folgen verheerend: Sollte er nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, würde sich der Calvinismus immer weiter ausbreiten, sodann gewaltige Dimensionen annehmen und schließlich zur tödlichen Gefahr für die gottgewollte Ordnung werden. Der Staatskörper im Gesamten und das Seelenheil eines jeden Einzelnen stünden auf dem Spiel.[2] Das semantische Feld der Epidemie, wie es uns in dieser Schrift begegnet, ist in der frühneuzeitlichen Publizistik geradezu omnipräsent. „Seuche“, „Ausbreitung“ und „Ansteckung“ waren rhetorische Kampfbegriffe, die vor allem zur Diskreditierung religiöser Feinde – also häretischer, von der Mehrheitsreligion abweichender Gruppen – in Anschlag gebracht wurden.

Hier wird eine spezifische Form der Versicherheitlichung deutlich, bei der einzelne Akteure die Seuchenmetaphorik gezielt benutzten, um Diskursmacht und Deutungshoheit zu gewinnen beziehungsweise zu erhalten. Dabei zeigt sich die sehr ambivalente Rolle des (fürstlichen) Staates innerhalb dieser Versicherheitlichungsprozesse. Einerseits initiierte und beförderte er jene Prozesse, indem er die existenzielle Angst vor Seuchen einsetzte, um den Menschen die von häretischen Bewegungen ausgehende Bedrohung möglichst eindrücklich vor Augen zu halten und dadurch seine drastischen Gegenmaßnahmen zu legitimieren. Somit wirkte er unbestritten als securitizing actor. Andererseits konnte es durchaus vorkommen, dass der fürstliche Staat im Verlauf der von ihm angestoßenen Versicherheitlichung selbst zum Getriebenen wurde, nämlich dann, wenn neue Sicherheitsakteure auftraten, die dem Staat vorwarfen, nicht radikal genug durchzugreifen. In unserem Fall waren das Wortführer aus den Reihen der Mehrheitskonfession, die ebenfalls epidemisches Vokabular nutzten, wenn sie den Staat aufforderten, massiver gegen die um sich greifende häretische Epidemie vorzugehen. Sobald die Seuchenmetaphorik erfolgreich gegen die fürstliche Obrigkeit selbst gewandt wurde, konnte es passieren, dass die Regierung eben nicht mehr als Sicherheitsakteur, sondern als Sicherheitsproblem wahrgenommen wurde. Dies zeigt sich sehr eindrucksvoll an den französischen Religionskriegen des 16. Jahrhunderts, in deren Kontext auch die Schrift Rotiers entstanden ist.

„Wenn einer der Arme meines Körpers mit dieser Pest infiziert wäre, schnitte ich ihn ab.“[3] Mit diesen Worten verdeutlichte der französische König Franz I., der von 1515 bis 1547 regierte, seine tiefe Ablehnung gegenüber der reformatorischen Bewegung, kaum dass ihm seine Theologen nach den ersten Zwischenfällen in der Bevölkerung deren Gefährlichkeit für den Staat deutlich gemacht hatten. Mit der entsprechenden Rhetorik und drastischen antireformatorischen Maßnahmen dominierte die Krone zunächst den damaligen Sicherheitsdiskurs. Anfangs gab es auf Seiten der katholischen Mehrheit wenig Zweifel, dass der König seine Aufgabe als zentraler Sicherheitsakteur in Frankreich so wahrnahm, wie sie es von ihm erwarteten. Das änderte sich allerdings mit der calvinistischen Mission in den 1550er-Jahren, in deren Zuge zahlreiche hugenottische Gemeinden entstanden und auch Angehörige des Adels – also der staatlichen Funktionselite – zum Calvinismus konvertierten. Franz’ Nachfolger Heinrich II. saß von 1547 bis 1559 auf dem Thron und musst mit ansehen, wie „diese gefährliche Pest und dieses gefährliche Gift mein Königreich und meine Länder vergiften“.[4] Seine engen Ratgeber bedienten sich derselben Semantik, wenn sie davor warnten, „dass das Königreich Frankreich von zahlreichen Lutherianern infiziert“[5] sei. Nachdem selbst strikte Verfolgungs- und Strafmaßnahmen nicht die gewünschte Wirkung zeigten, erodierte das Vertrauen in den König als verlässlichen Sicherheitsakteur erst sukzessive, dann massiv. Damit gewannen nichtstaatliche Sicherheitsakteure an Einfluss, die – wie eben Rotier – unter Verwendung der Seuchenmetaphorik auf ein härteres Durchgreifen des Staates gegenüber der Minderheit drängten und, als dieser ihren Forderungen nicht nachzukommen im Stande war, mit gleicher Rhetorik ihre eigene zunehmende Gewalttätigkeit rechtfertigten. Aus katholischer Sicht war der Calvinismus eine todbringende Krankheit, von der es den Staatskörper in gewalttätigen ‚Reinigungsriten‘ zu befreien galt.[6]

Nichtstaatliche Sicherheitsakteure forderten also ein sicherheitspolitisches Regierungshandeln zum Schutz des Staatskörpers ein; zugleich höhlten sie aber durch ebendiese Forderung, mit der sie ja letztlich eigene Deutungshoheit beanspruchten, den Machtanspruch des Staates implizit aus. Ausgerechnet in dieser heiklen Situation vollführte die Krone 1560/1561 einen Kurswechsel hin zur temporären Duldung der Minderheit, um einen religiösen Bürgerkrieg abzuwenden. Der damalige französische Kanzler Michel de L’Hospital erklärte sein sicherheitspolitisches Handeln ebenfalls unter Zuhilfenahme einer medizinischen Analogie: „Die guten Ärzten wollen vor allem die Ursache der Krankheit entdecken und lindern.“[7] Auch Katharina von Medici, Witwe von Heinrich II. und Mutter des regierenden Königs Franz II., argumentierte, ein religiöser Ausgleich sei notwendig, um die „heftige und gefährliche Krankheit“ der religiösen Spaltung zu beseitigen.[8] Hier zeigt sich die unterschiedliche Deutung der Situation: Während die Krone die religiöse Spaltung als die wesentliche Bedrohung ansah, die es zu überwinden galt, wollte die katholische Mehrheit die hugenottischen Gruppen nach Möglichkeit auslöschen.

Das staatliche Sicherheitshandeln war damit nicht mehr im Sinne der Mehrheitsgesellschaft, die daraufhin die Eigeninitiative beim Kampf gegen die häretische Seuche ergriff und selbst für Sicherheit sorgte – dies geschah bekanntlich am heftigsten während des Gewaltausbruchs der Bartholomäusnacht, einem Massaker an französischen Protestanten im August 1572. Die Propagandisten griffen gezielt die diffusen Unsicherheitsgefühle innerhalb der Bevölkerung auf und machten sie zur Grundlage alternativer Herrschaftsansprüche. So bekam etwa die Heilige Liga, ein Zusammenschluss radikaler katholischer Akteure in den 1580er-Jahren, massiven Zuspruch aufgrund ihres Versprechens, die Gesundheit des Staatskörpers durch die radikale Bekämpfung der Minderheit und der königlichen Toleranzpolitik wiederherzustellen. Sie trug damit ganz wesentlich zur Zuspitzung der religiösen Bürgerkriege in Frankreich gegen Ende des 16. Jahrhunderts bei. Die Vorstellungen von einem gesunden Staatskörper gingen so weit auseinander, dass 1589 sogar die Ermordung König Heinrichs III. durch einen im ligistischen Paris radikalisierten Dominikanermönch als Beitrag zur Sicherheit des Staates und der Katholiken gedeutet wurde, da man dem König eine zu nachgiebige Position gegenüber der Minderheit unterstellte. Einen Mordanschlag auf die geheiligte Person des Königs, die nach verbreiteter Vorstellung mit besonderen Heilkräften ausgestattet war, hatte es seit fast tausend Jahren in Frankreich nicht mehr gegeben. Nun galt die Tötung des Staatsoberhaupts als letzte Maßnahme, um der Krankheit des Calvinismus Herr zu werden.[9] Nur so könne der Staat und mit ihm die wahre Religion vor dem Untergang errettet werden.

Im Angesicht des drohenden Zerfalls der Monarchie gelang es der Krone 1598 nur mit größter Mühe, im (Toleranz-)Edikt von Nantes die Initiative zurückzugewinnen – allerdings nur vorläufig. Knapp drei Generationen später, von 1661 bis 1715, regierte der Sonnenkönig Ludwig XIV. Selbst dieser vermeintlich so absolutistische Monarch handelte auf erheblichen Druck von unten als er versuchte, den französischen Protestantismus zu zerstören: Sein bereits 1670 geäußerter Wunsch, „das Königreich von dieser Pest zu reinigen“,[10] stand im Kontext nie ganz verstummter und nun wieder energischer werdender Rufe zur Ausrottung der häretischen Seuche.

Was zeigt die Beschäftigung mit der grassierenden Seuche der Häresie und der bedrohten Sicherheit des Staatskörpers in der Frühen Neuzeit? Zum einen wird hieran die ambivalente, bisweilen labile Stellung des Staates in jenen Versicherheitlichungsprozessen deutlich, die durch ihn – als securitizing actor –, aber auch ohne oder sogar gegen ihn vorangetrieben werden konnten. Denn neben der Regierung befanden sich immer auch andere einflussreiche Akteure in solchen Aushandlungen um Bedrohungsszenarien und Sicherheitsmaßnahmen. Auch in der Corona-Krise nimmt der Staat eine ambivalente Rolle ein: Zunächst basierte das staatliche Handeln auf der Konsultation von virologischen und immunologischen Experten und wurde wenig hinterfragt; mittlerweile lassen sich in der Bevölkerung zunehmend Rufe nach verschärftem staatlichen Handeln vernehmen.[11] Gegenwärtig wird das Corona-Virus als Gefahr für die Sicherheit be- und verhandelt. Dass sich diese Versicherheitlichung der Pandemie gegen den Staat wendet, erleben wir, in Deutschland jedenfalls, derzeit noch nicht. Zum anderen legt die Beschäftigung mit der frühneuzeitlichen Erfahrung offen, welch starke Dynamiken der Versicherheitlichung durch die Verwendung der Seuchenmetaphorik ausgelöst werden konnten, gerade in Gesellschaften, für die das Phänomen „Epidemie“ ein nahezu alltägliches war. Das Leben unter dem Eindruck epidemischer Krisen veränderte das Sprechen über Bedrohungen – auch oder vielleicht gerade solcher jenseits der Seuchen.

Fußnoten

[1] Jean-Noël Biraben, Les hommes et la peste en France et dans les pays européens et méditerranées, Paris 1975.

[2] Esprit Rotier, Antidots et regimes contre la peste d’heresie et erreurs contraires à la Foy catholique, überarb. und erw. Aufl., Paris 1558.

[3] Georges Guiffrey, Chronique du Roy Françoys premier de ce nom, Paris 1860, S. 125.

[4] Heinrich II. an Odet de Selve, 13. Februar 1557, gedruckt in: Lettres et Memoires d’Estat […] sous les règnes de François premier, Henri II & François II, Bd. 2, Paris 1666, S. 677–678.

[5] Pierre de La Place, Commentaires de l'état de la religion et république sous les Rois Henri et François seconds,

et Charles neuvième, [s.l.] 1565, S. 9.

[6] Natalie Zemon Davis, The Rites of Violence. Religious Riot in Sixteenth-Century France, in: Past & Present 59 (1973), 1, S. 51–91.

[7] Pierre Dufey (Hg.), Œuvres complétes de l’Hospital, Bd. 1, Paris 1824, S. 387.

[8] Katharina von Medici an den Bischof von Rennes, 23. August 1561, gedruckt in: Hector de la Ferrière-Percy (Hg.), Lettres de Catherine de Médicis, Bd. 1: 1533–1563, Paris 1880, S. 228.

[9] Vgl. Christian Wenzel, „Ruine d’estat“. Sicherheit in den Debatten der Französischen Religionskriege, 1557–1589, Pariser Historische Studien, Bd. 116, Heidelberg 2020 (im Erscheinen).

[10] Ludwig XIV. an den Nuntius Bargellini, 1670, zitiert nach Alexandre Maral, Le Roi-Soleil et Dieu. Essai sur la religion de Louis XIV, mit einem Vorw. von Marc Fumaroli, Paris 2012.

[11] Jost Müller-Neuhof, Die Bereitschaft zur Denunziation ist beängstigend [21.4.2020], in: Der Tagesspiegel, 12.4.2020. Siehe in diesem Zusammenhang auch Katharina Beck, Mehrheit der Deutschen gegen Lockerung des Kontaktverbots [21.04.2020], in: YouGov, 14.4.2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.