Beings From the Mud

Donna Haraways Arbeiten zu einer relationalen Ontologie

Die US-amerikanische Biologin und feministische Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hat Mitte der 1980er Jahre mit ihrem in unterschiedlichsten Fachdisziplinen rezipierten Text „Ein Manifest für Cyborgs“[1] internationale Bekanntheit erlangt. In diesem, ihrem „ersten Manifest“, stand die Analyse und Kritik der „Informatik der Herrschaft“[2] im Zentrum der Betrachtungen. Entgegen des romantisierenden Naturverständnisses in Ökofeminismen schleuste Haraway die Technologiefrage in das feministische Denken ein und sprach sich für eine feministische Auseinandersetzung mit technischen Entwicklungen aus. Anstelle einer Identitätspolitik plädierte sie in diesem Zusammenhang auch für eine Politik der Allianzen, deren Verwirklichung sie in der zunehmenden Verwischung von Grenzen zwischen Mensch und Maschine, aber auch Mensch und Tier angelegt sah. Sie griff damit gleichsam empirisch die subjekttheoretische Auffassung auf, wonach „reine“ Identitäten ohnehin eine Illusion seien. Insofern könnten heterogene politische Allianzen eine Antwort auf die Ambivalenzen eines zunehmend informatisierten Kapitalismus sein, dem nicht nur durch Ablehnung, sondern auch durch subversive Aneignung begegnet werden solle.

Seit der Publikation des Companion Species Manifesto,[3] Haraways „zweitem Manifest“ im Jahr 2003, hat sich in ihren Arbeiten nun aber eine bedeutsame Akzentverschiebung bemerkbar gemacht. Dreizehn Jahre nach dessen Erstpublikation ist dieser Text nun in der gelungenen Übersetzung von Jennifer Sophia Theodor unter dem Titel Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen – Hunde, Menschen und signifikante Andersheit im Merve Verlag erschienen.[4] Vor dem Hintergrund der ökologischen Krise, den global spürbaren Problemen der Massentierhaltung, eines entrückten Fleischkonsums und der von Müllstrudeln durchzogenen Meere fragt Haraway danach, wie unterschiedliche Spezies auf diesem Planeten miteinander leben können, ohne die genannten Probleme weiter zu verschärfen. Dafür wendet sie sich den konkreten Begegnungen mit menschlichen wie nicht-menschlichen Anderen zu. Sie schreibt sich damit erneut in jene Debatten um eine nicht-anthropozentrische Soziologie und Sozialtheorie ein, die in Deutschland vor allen Dingen im Anschluss an die Beiträge Bruno Latours geführt werden.

Im „zweiten Manifest“ hat sich Haraway ausführlich mit Beziehungen zwischen Menschen und Hunden beschäftigt und die These vertreten, dass sie „das Schreiben über Hunde für einen Zweig feministischer Theorie halte.“[5] Dies wurde im deutschen Sprachraum nach Publikation des englischen Originals zunächst eher als Provokation aufgefasst und daher zurückhaltend aufgenommen. Andere Rezipient*innen wiederum sahen in Haraways Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen Menschen und Hunden das kritische und politische Potential der Cyborgs schwinden. In ihrem zweiten Manifest jedenfalls entwickelt Haraway auf Grundlage der umfassenden Analyse der Beziehung ‚Mensch und Hund‘ die Kategorie der Gefährt*innen-Spezies, welche die ältere Figuration der Cyborgs jedoch ausdrücklich nicht ersetzen soll. Beide stehen vielmehr in einer Verwandtschaftsbeziehung. Cyborgs konzeptualisiert sie als kleinere Geschwister innerhalb der breiteren Kategorie (oder Familie) der Gefährt*innen-Spezies, mit der eine relationale Ontologie gemeinsamen Werdens umschrieben wird. Damit ist eine ontologische Orientierung gemeint, die davon ausgeht, dass Entitäten in der Welt nicht substanziell vorgängig, sondern immer nur in Beziehungen sind.

Trotz dieser Kontinuitätsbehauptung markieren Haraways Hunde-Geschichten eine Wende innerhalb ihres Werks, die sie auch in ihrer 2016 erschienenen Monographie Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene weiterführt, welche ich weiter unten vorstellen werde.[6] Ganz im Gegensatz zum nun endlich übersetzten „zweiten Manifest“ und auch zu Haraways 2008 publiziertem Buch When Species Meet,[7] wurde Staying with the Trouble schon kurz nach dessen englischsprachiger Publikation im deutschen Sprachraum umfangreicher und positiver aufgenommen.[8] Eine Übertragung ins Deutsche ist bereits fürs Frühjahr 2018 im Campus Verlag angekündigt. Ich möchte vorschlagen, beide Arbeiten als eine Hinwendung zu ethischen Fragen zu verstehen, die von dem Versuch geprägt ist, die relationale Ontologie gemeinsamen Werdens ("becoming with“) an einen post-anthropozentrischen Verantwortungsbegriff zu koppeln, der die Ausarbeitung einer antwortenden Haltung verfolgt: Im Gegensatz zu einer Auffassung von Verantwortung, die von einem abgeschlossenen und der Beziehung vorgängigen Subjekt ausgeht, entsteht Verantwortung dieser Konzeption nach als Antwort erst in konkreten Beziehungen, kann immer auch scheitern und muss situativ ausgestaltet werden.

Haraways „zweites Manifest“ – Gefährt*innen-Spezies begegnen

In den Arbeiten zu Gefährt*innen-Spezies, als deren Anfangspunkt das Manifest für Gefährten gesehen werden kann, setzt sich Haraway zum Ziel, eine ethnographische Haltung umzusetzen, die sie schon in ihrer Analyse der „Informatik der Herrschaft“ stark gemacht hat. Ethnographie versteht sie hierbei als eine "method of being at risk in the face of the practices and discourses into which one inquires. […] One is at risk in the face of serious nonidentity that challenges previous stabilities, convictions or ways of being of many kinds.“[9] Was Haraway an der Begegnung mit Hunden interessiert, ist eine Begegnung mit radikaler Alterität – einer Alterität, deren Geschichte und mannigfache Verwobenheiten nie auf einen einzelnen Begriff zu bringen sind, sondern der gerade aufgrund dieser Unverfügbarkeit aktiv und ethisch begegnet werden muss. Das Andere entzieht sich ‚uns‘ in solchen Begegnungen konstitutiv und gerade in diesem Moment des Sich-Entziehens sieht Haraway die Möglichkeit, eine ethische Position zu formulieren. In ihrer ethnographischen Analyse von Mensch-Hund-Beziehungen erhalten philosophische Konzipierungen einer relationalen Verantwortungsethik, wie jene Emmanuel Lévinas‘ und Jacques Derridas, eine empirische Unterfütterung und werden einer Irritation unterzogen. Lévinas und Derrida stehen in Debatten über Verantwortung für eine Position, in der Ethik nicht als Regelkatalog oder normativer Maßstab gedacht wird, sondern die ethische Beziehung zum Anderen überhaupt konstitutiv für Subjektivität ist. Hierbei muss der ethische Selbstbezug je konkret in Beziehungen zum Anderen ausgestaltet werden – es müssen Antworten auf das Andere gefunden werden.[10] Haraway denkt nun anhand der Begegnung mit ihrem Hund darüber nach, wie eine gute Begegnung mit dem Anderen aussehen könnte. Ihre These ist, dass in Begegnungen mit radikaler Andersheit etwas wie „signifikante Andersheit“ entstehen könne, in der das gemeinsame Werden als gemeinsame Sache erkennbar und gestaltbar werde.

Vor diesem Hintergrund entwirft Haraway einen Verantwortungsbegriff als ability to respond oder Fähigkeit des Antwortens. Im ernsthaften Zurückschauen, in Begegnungen mit dem Anderen kann eine Fähigkeit des Antwortens eingeübt werden, die das Entstehen signifikanter Andersheit ermöglicht: Die „Hauptanforderung an den Menschen [sei] eben genau das, wovon die meisten von uns nicht einmal wissen, dass wir nicht wissen, wie es geht – wahrzunehmen [im Orig. to wit; K.H.], zu erkennen, wer die Hunde sind und zu hören, was sie uns erzählen – nicht in blutarmer Abstraktion, sondern in Eins-zu-Eins-Beziehungen zwischen Gegenübern, in miteinander verbundener Andersartigkeit.“[11] In solch ethischen Begegnungen ist es notwendig, das Andere in Andersheit zu belassen, aber dennoch neugierig zu werden auf dessen Einzigartigkeit, dessen Situiertheit in dieser Gegenwart, die gebunden ist an eine komplizierte Vergangenheit und auf die Zukunft verweist. Es gilt die Praxis eines Fragens auszubilden, die es ermöglicht – im Sinne von Haraways narrativer theoriebildender Strategie – die konstitutiven Beziehungen, die ‚uns‘ und ‚das Andere‘ ausmachen, zu beschreiben. Das Manifest für Gefährten unternimmt eine solche Befragung, indem die Beziehung von Menschen und Hunden auf drei zeitlichen Ebenen ergründet und erzählt wird: auf der Ebene evolutionärer, individueller und historischer Zeit. Was sich aufspannt, ist eine dichte, ambivalente, nicht hierarchie- oder gewaltfreie Geschichte, die das gemeinsame Werden der unterschiedlichen Spezies auffächert.

Staying with the Trouble – Eine spezifische Arbeit an der Gegenwart

Haraway lädt uns mit solchen Erzählungen zu einer spezifischen Arbeit an der Gegenwart ein, die sich an gewöhnlichen Beziehungen abarbeitet und dadurch deren Verwobenheit mit „größeren“ Problemen sichtbar macht – nicht nur dem Klimawandel, sondern etwa auch der Verquickung von Hunde-Züchtungspraktiken mit postkolonialen Strukturen sowie der Frage, wie mit diesem Erbe umgegangenen werden kann.[12] Diese Arbeit an der Gegenwart, die die Gegenwart in die Geschichte verfolgt und von da aus in die Zukunft entwirft, erinnert mithin an Michel Foucaults kritisches Fragen nach der Gegenwart als „Arbeit entlang unseren Grenzen“.[13] Die Grenzen, die Foucault interessierten, sind diejenigen des Sag- und Denkbaren. Die von ihm vorgeschlagene kritische Haltung als „Grenzhaltung“ suchte ebendiese Grenzen auszuloten, um sie perspektivisch zu überschreiten. Foucaults berühmte Bezugnahme auf Baudelaires Diktum „Sie haben nicht das Recht, die Gegenwart zu verachten“ in Was ist Aufklärung? erfährt bei Haraway eine Wendung.[14] Während Foucaults Arbeit an der Gegenwart sich vor allen Dingen ins Archiv begibt, fordert Haraway uns in Staying with the Trouble (zusätzlich) dazu auf, uns in den Matsch zu begeben. Der Matsch, das ist die Welt, in der unterschiedlichste Entitäten und Spezies unfreiwillig gemeinsam wohnen: Für eine „Geschichte der Gegenwart“ im Sinne Haraways sind dann nicht nur historische Dokumente das Material, sondern konkrete Begegnungen mit unterschiedlichen Entitäten. Sich in den Matsch begeben heißt also hier die Verwobenheit und Situiertheit in der Welt, die Haraway als konstitutiv relational begreift, zum Gegenstand und Ausgangspunkt der Analyse zu machen. Die heterogenen Aktant_innen (Spinnen, Tauben, Hunde, Hormonpräparate, Quallen…) in Staying with the Trouble sind "beings from the mud, not the sky.“[15] Und ebenso sind ‚wir‘ – diejenigen, die versuchen, Wissen über die Welt zu produzieren – keine Entdecker_innen ohne Erdung. Haraway greift hier ihre Kritik an jener Illusion auf, die sie an anderer Stelle als „göttlichen Trick“[16] bezeichnet hat und mit der sie eine Kritik an einem realistischen oder positivistischen Wissenschaftsverständnis formuliert hat. Gute Darstellungen der Welt sind demnach verortet und verwurzelt – sie kommen aus dem Matsch und fallen nicht vom Himmel.

Das bevorzugte Bild für solche Erkundungen ist in Staying with the Trouble das Fadenspiel, welches auch schon in früheren Arbeiten Haraways eine Rolle gespielt hat:[17] "String figures" stehen für eine methodische Orientierung, die versucht, unterschiedliche Wissensbestände und Perspektiven zu verknüpfen sowie diversen Spuren zu folgen. String figures kommt aber auch ein ontologischer Stellenwert zu, denn sie sind die "actual thing[s]“,[18] sie sind jene relationalen Zusammenkünfte und Verwebungen, die nach Haraway die Welt ausmachen. Als Praxis ist string figuring unser In-der-Welt-Sein, es ist "passing on and receiving, making and unmaking, picking up threads and dropping them.“[19] Dabei stehen Methode, Praxis und Ontologie der string figures für eine relationale Ontologie, die – wie schon die Kategorie der Gefährt*innen-Spezies nahegelegt hat – davon ausgeht, dass Entitäten und die Dinge in der Welt nicht jenseits von ihren mannigfaltigen Bezügen sind.

Über die Frage, was aus einem solchen Verständnis für eine politisch-ethische Agenda folgt, denkt Haraway auch in Staying with the Trouble nach und führt ihre Überlegungen zu Verantwortung als einer Fähigkeit des Antwortens in und mit einer "multi-species-world“ weiter. Anders als noch in früheren Arbeiten knüpft Haraway hier besonders an den Begriff der "capability“ an.[20] Ein gutes oder ethisches Antworten in und mit der Welt kommt für Haraway nun in solchen Beziehungen zum Tragen, in denen die an einer Situation beteiligten menschlichen und nicht-menschlichen Aktant*innen einander wechselseitig „befähigen“: "to make each other capable of something new in the world of multi-species relationships.“[21] Dies sieht Haraway etwa in einem wissenschaftlich-künstlerischen Projekt mit Tauben verwirklicht: In diesem Projekt wurden Tauben in die Erhebung von Daten über die Luftverschmutzung in Los Angeles eingebunden, indem an ihnen ein Messgerät befestigt wurde. Eine wechselseitige Befähigung findet hier Haraway zufolge statt, weil über die Einbindung der Tauben ausgewogenere Daten erhoben werden konnten und zugleich das Handlungsspektrum der Tauben erweitert wurde – insofern als sie in der Folge auch für neue Anerkennungsbeziehungen in Betracht kommen würden.[22]

Vielleicht ist es dieser neuen Betonung der Fähigkeiten geschuldet, dass in Staying with the Trouble die für Haraways Narrative sonst so charakteristischen radikalen Ambivalenzen, die in den Verknüpfungen der Welt zum Tragen kommen, in den Hintergrund rücken. Waren die Cyborgs noch Potential und Bedrohung, und die Hundegeschichten deutlich durchzogen von der Problematisierung von Konflikten, Hierarchien und Machtbeziehungen, kann man sich in Staying with the Trouble des Eindrucks nicht erwehren, dass die Erzählungen, wenn nicht versöhnlich, so doch mindestens optimistisch anmuten – was allerdings nicht immer überzeugend ist. So ließe sich fragen, ob das erwähnte Projekt mit Tauben nicht ein radikal anthropozentrisches Projekt ist: Wie lässt sich etwa feststellen, ob die Tauben ihre neu gewonnenen Fähigkeiten begrüßen? Haraway begibt sich zwar in den Matsch und verfolgt das gemeinsame Werden unterschiedlichster Entitäten und sie vollzieht ihre Arbeit an der Gegenwart (wie auch schon im Manifest für Gefährten). An einigen Stellen jedoch wirken die hergestellten Verknüpfungen und daraus gewonnenen Narrative seltsam gereinigt, wenn nicht gar poliert.

Während die Erweiterung des Konzepts des Antwortens um eine Praxis des Befähigens die wohl wichtigste konzeptuelle Verschiebung in Haraways neuem Buch darstellt, ist ihre Gegen-Erzählung zur großen Erzählung des Anthropozäns die zentrale Intervention in aktuelle, disziplinübergreifende Debatten. Das Anthropozän verstanden als jenes Erdzeitalter, in dem der Mensch als wichtigste geologische Kraft wirksam geworden sei, ist für Haraway eine problematische Begriffsbildung, da sie sich der anthropozentrischen Gedankenlosigkeit verdanke, immer nur den Menschen ins Zentrum allen Werdens und Denkens zu stellen. Haraway schlägt demgegenüber eine Umschrift des Anthropozäns in das „Chthuluzän“ vor. Abgeleitet vom Griechischen khthonios (χθóνιος) – was so viel bedeutet wie ‚darunter liegend‘, ‚unterirdisch‘, ‚dem Erdboden angehörig‘, ‚einheimisch‘ –, verweist der Begriff auf eine tiefgreifende Relationalität, die wir gemeinsam bewohnen; zugleich weist der Begriff darauf hin, dass es sich beim Werden mit und Analysieren von der Welt um eine matschige Angelegenheit handelt, die jede Phantasie von Reinheit, Abgeschlossenheit und Selbstidentität konterkariert.

Staying with the Trouble wie auch Das Manifest für Gefährten machen eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie der Gegenwart analytisch und hierin kreativ begegnet werden kann. Damit empfiehlt sich Haraway erneut als innovative Denkerin, die mittels einer ausladenden Begriffsbildung immer wieder neue Figuren, Metaphern und methodologische Orientierungen ins Spiel bringt, an die ebenso kreativ angeschlossen werden kann. Eine solche Herangehensweise gibt auf einer methodologischen Ebene neue Impulse etwa für die Erforschung von gesellschaftlichen Naturverhältnissen, neuen Technologien, Körperbildern, Verwandtschaftsverhältnissen, wissenschaftlicher Praxis und Mensch-Tier-Beziehungen, indem sie hier begriffliche Anregungen gibt, die neue Debatten eher anstoßen können, denn bereits bestehende abzuschließen.

Theoretisch stehen die beiden hier vorgestellten Publikationen für eine Hinwendung zu ethischen Fragen, die in den vergangenen Jahren in der feministischen Theoriebildung insgesamt an Bedeutung gewonnen haben.[23] Haraways spezifische Position in diesem Feld birgt überdies auch neue Impulse für soziologische Theoriebildung und Analyse. Nicht nur legt es Haraways Arbeit an der Gegenwart nahe, methodologisch offen zu verfahren, sich von seinem Gegenstand irritieren zu lassen und sich der Gegenwart induktiv zu nähern; darüber hinaus ist darin eine Forschungsethik angelegt, die soziologische Praxis (besonders auch in konkreter Feldarbeit) als ethische Praxis begreift. Hierbei geht es weniger darum, einen Ethik-Kodex oder Regelkatalog aufzustellen und diesem zu folgen, vielmehr verweist der Begriff der Antwort auf eine ethische Haltung, die je situativ auszugestalten und Teil der Analyse ist. Konkrete Begegnungen zu verstehen und auszugestalten ist harte Arbeit, den Strängen zu folgen, die sich von diesen Begegnungen aufspannen eine unübersichtliche Angelegenheit. Die dadurch explizierten und hergestellten Relationen aber – daran lässt Haraway keinen Zweifel – machen die Welt aus und diese gilt es zu befragen und zu transformieren. Hierbei darf das Trouble, und sei es noch so matschig, unübersichtlich und bedrohlich, nicht aus den Augen verloren werden. Ein narrativer Zugang zur Präsentation soziologischer Forschungsergebnisse, wie ihn Haraway nahelegt, muss Konflikte, Ambivalenzen und Machtverhältnisse in die Darstellung einbeziehen. Sie braucht kein Poliertuch.

Fußnoten

[1] Donna Haraway, „Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften“, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt am Main und New York 1995, S. 33-72.

[2] Haraway, ebd., S. 48.

[3] Donna Haraway, The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and Significant Otherness, Chicago 2003.

[4] Donna Haraway, Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen – Hunde, Menschen und signifikante Andersheit, Berlin 2016.

[5] Haraway, ebd., S. 10.

[6] Donna Haraway, Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene, Durham und London 2016.

[7] Donna Haraway, When Species Meet, Minneapolis 2008.

[8] Das bezeugt etwa die Fülle an Rezensionen. Vgl. etwa Daniel Loick, „Mach es nicht selbst“, in: Texte zur Kunst 105 (2017), S. 186-190; Sven Zedlitz, Rezension zu „Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene“, in: Zeitschrift für philosophische Literatur 5 (2016), 4, S. 21-30.

[9] Donna Haraway, Modest_Witness@Second_Millenium. FemaleMan©_ Meets_Onco MouseTM. Feminism and Technoscience, New York und London 1997, S. 190f.

[10] Vgl. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg und München 1987; Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2000, besonders Kapitel 9. Für eine soziologische Deutung dieser Ansätze siehe Stephan Moebius, Die soziale Konstituierung des Anderen. Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida, Frankfurt am Main und New York 2003.

[11] Haraway, Manifest für Gefährten, S. 55.

[12] Haraway, ebd., S. 73-99.

[13] Michel Foucault, „Was ist Aufklärung?“, in: ders., Dits et Ecrits. Schriften Vierter Band 1980-1988, Frankfurt am Main 2005, S. 687-707, hier S. 707.

[14] Foucault, ebd., S. 696.

[15] Haraway, Staying with the Trouble, S. 11.

[16] Donna Haraway, „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt am Main und New York 1995, S.73-97, hier S.84.

[17] Siehe etwa Donna Haraway, „Das Abnehmespiel. Ein Spiel mit Fäden für Wissenschaft, Kultur und Feminismus“, in: dies., Monströse Versprechen. Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft, Hamburg 1995, S. 136-148.

[18] Haraway, Staying with the Trouble, S. 3.

[19] Haraway ebd., S. 3.

[20] Vgl. besonders ebd., Kapitel 7.

[21] Haraway, ebd., S. 19.

[22] Haraway, ebd., Kapitel 1.

[23] Siehe exemplarisch Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt am Main 2003 und Rosi Braidotti, „Affirmation versus Vulnerability. On Contemporary Ethical Debates”, in: Symposium. Canadian Jounal of Continental Philosophy 10 (2006), 1, S. 235-254.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.